Die 50 besten Pop-Platten (4): Abbey Road, The Beatles

Ich war zehn und trug Schlaghosen. Einmal brüskierte ich die Nachbarschaft, als mir an einem heißen Tag in den Sommerferien eine große Glasflasche Cola aus den Händen glitt und auf dem Bürgersteig zerplatzte. Doch anstatt die Scherben aufzulesen, tat ich so, als wäre nichts geschehen, und ging stiften. Das blieb fortan eine Spezialität von mir:

erst krachen lassen – dann stiften gehen.

Mittags kam ich von der Schule und freute mich auf die Plattensammlung meiner großen Schwester. Ich mochte so ziemlich alles, was ich fand. Norman Greenbaum, Barry Ryan, die LP’s der Beatles.

Noch vorm Mittagessen suchte ich Abbey Road heraus. In den Nachrichten war die Meldung gekommen, dass die weltberühmten Beatles sich getrennt hatten. Aufgelöst! In den Nachrichten! Ich beschloss, von nun an selbst die Beatles zu sein. ICH BIN DIE BEATLES! schrie ich, aber niemand hörte es, logisch. Der Schrei war auf der Bühne in meinem Kopf.

Zum Aufwärmen Seite 1, erstes Stück: Here comes the sun, leicht und sonnig wie ein Bingo-Nachmittag, pling pling. Der Regen war vorüber, und nun holten die Beatles jeden Tropfen einzeln von der Wäscheleine und feierten sein Verdampfen.

Wenn ich es rockiger wollte, fing ich mit der B-Seite an. Come together. Das war meine Nummer. Ich schnippte auf Fingern zum Fenster und riss es weit auf: Ja! Das musste die Welt hören! COME TOGETHER! Zusammenkommen, alle! Die ganze Strasse! Los jetzt!

Die Nadel tobte durch die Vinyl-Rille. Die Tür flog auf. Es war Mutter. Sie tobte auch.

„Machst du wohl leiser. Papa hat sich hingelegt!“

Papa legte sich immer hin, wenn die Beatles spielten.

„Och Mann“, stöhnte ich, aber ich hatte keine Chance gegen den Ordnungsdienst der Hell’s Mothers.

„Es gibt gleich Essen. Mach das Geplärre aus.“

*

foto.jetzt*

Letztens las ich im Rolling Stone, die Stimmung unter den Beatles während der Aufnahmen in den Londoner Abbey Road Studios sei eher, nun ja, glum gewesen, bedrückt, niedergeschlagen, doch davon ist auf der Platte nichts zu hören. Im Gegenteil.

Ich meine, jedes Album hat ein Lieblingsstück, normalerweise. Bei Abbey Road ist das unmöglich. Abbey Road ist ein einziges großes Lieblingsstück. Es ist, als wolle man nur ein Stück Erdbeertorte nehmen und hinterher frisst man sich wieder durch die Kuchentheke.

Something (in the way she moves) ist elegant, Octopus’s Garden ist witzig, bei Polythene Pam konnte man als 10jähriger super so tun, als hielte man eine Gitarre in der Hand, was beim Publikum total gut ankam.

etc. etc.

Am liebsten war ich John Lennon. Würde ich heute gern behaupten, war aber nicht so. Ich war am liebsten Paul McCartney, wenn ich auf der Bühne stand und geliebt wurde von der Menge.

Höhepunkt: Oh! Darling.

Wie Paul McCartney sich die Lunge aus dem Leib brüllt, weil er die Frau zurückhaben will, DIESE EINE FRAU UND KEINE ANDERE, das fand ich gut. Das imponierte mir. Das wollte ich später auch, so verzweifelt sein. Ein verzweifelter Mann, der die Frau nicht zurückkriegt, die er liebt. Schon mit elf ahnte ich: Männer müssen den Blues haben. Ein Mann, der keinen Blues hat, ist kein Mann, sondern ein Hühnchen.

Und ein Land, in dem jeder den Blues hat, aber alle so tun, als hätten sie ihn nicht, weil Blues dunkel ist und langsam, dieses Land ist dem Untergang geweiht.

You never give me your money sang ich mit, weil ich den Text so schön unfair fand, bei Golden Slumbers füllten sich meine Augen mit Tränen.Once there was a way .. to get back homeward – sweet little darling do not cry  heißt es da, und ich bekam Sehnsucht nach Heimat, nach dem Ort, wo ich herkam, obwohl ich diesen Ort doch kaum je verlassen hatte, ausser zum Camping in den Sommerferien.

War wohl ein anderer Ort, nach dem ich Sehnsucht hatte.

Zum Schluss The End, ein achtlos dahingeworfenes Liedchen, als Zugabe für die Meute, die mir zu Füssen lag, und ganz am Ende, als schon niemand mehr damit rechnete, fast schon ein Hidden Track, Her Majesty’s a pretty nice Girl. Es regnete Rosen. Aus allen Ecken des Auditoriums stürmten die Puppen auf mich zu. Meine Schwester, meine Mutter. Die Weiber eben. Langsam wurden sie lästig. Außerdem hatte ich Hunger. Die Beatles gingen zu Tisch.

Mean Mr. Mustard, flötete ich, und reichte Papa den Senf.

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4 Gedanken zu „Die 50 besten Pop-Platten (4): Abbey Road, The Beatles

  1. oh, abbey road… ich muss daran denken, wie ich mit 16 auf dem berühmten zebrastreifen die schuhe auszog und einmal barfuß hin- und zurückstolzierte (sind bestimmt auf 1000 japanischen touristenfotos drauf, mein füße).
    let it be danach (also als veröffentlichung) hätten sie sich wirklich sparen können, nach „her majesty“ möchte man doch nichts mehr hören, alles andere geht nun wirklich nicht mehr nach „the end“.

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