Für ein bisschen Kif

Hinterm Busbahnhof im entlegenen Stadtteil Aufderhöhe stand ein runtergekommenes großes altes Fachwerkhaus, das der Stadt gehörte und von einer Handvoll Freaks und Hipstern der Aktion Wohnungsnot besetzt war. Damit jeder Bescheid wusste, der dieses Haus passierte, wehten Banner und Bettlaken aus den Fenstern: Dieses Haus ist besetzt. Es gab weitere besetzte Häuser in der Stadt, doch die wurden alle geräumt, bis auf den runtergekommenen Bums am Aufderhöher Busbahnhof.

An einem Nachmittag war mit das Dope ausgegangen. Ich lief unschlüssig durch die Stadt und begegnete zufällig Olli Paffrath, der auf dem Weg nach Australien war. Er wollte auswandern. Er wollte was von der Welt sehen. Solingen ist ein scheiß Stadt, sagte er, bis auf die Leute, die hier leben. Auf die lasse ich nichts kommen. Das Visum hatte er bereits in der Tasche, und da auch sein Appartement in der Nordstadt schon aufgelöst war, der Abflug aber noch auf sich warten ließ, wohnte er auf Vermittlung eines Freundes für ein paar Tage im besetzten Haus.

“Meinst du, von den Jungs da hat einer was Brösel auf der Tasche?” fragte ich ihn.

„Na garantiert“, meinte Paffrath bloß, „die haben doch sonst nichts zu tun“, und wir setzten uns in den Oberleitungsbus und rumpelten Richtung Aufderhöhe.

Paffrath zählte zu den umtriebigen Typen, die ständig was am Start hatten, die sich mit fliegenden Fahnen durchs Leben bewegten, und immer ging etwas schief. Bis weit ins Oberbergische war er als Erfinder von Dingen verrufen, die nichts taugten, nutzlosem Gaga-Zeug, das es nicht mal als YPS der Woche ins YPS schaffte. Man fragte sich, ob Auswandern das Richtige für ihn war. Er war und blieb ein Unglücksvogel. Ich erinnere mich an eine Situation im Mumms, wo ich mit Paffrath und Benzini zusammen stand. Benzini berichtete, wie er als junger Bursche in den Gassen von Pamplona mit den Stieren gelaufen war. Das begeisterte Paffrath, stinkevoll, so sehr, dass er es sofort nachspielen musste. Er war ein großes Kind.

Mit den Zeigefingern setzte er sich zwei Hörner auf, scharrte mit den Hufen und stürzte gebückt von einem Podest runter Richtung Tresen, wo wir mit einigen Leuten zusammenstanden. Darauf vertrauend, dass wir ihn auffangen würden, gab er Vollgas, doch wir spritzten allesamt auseinander und bildeten so eine Gasse, an deren Ende Paffrath gegen den Tresen donnerte, mit dem Schädel zuerst.

Olé!

*

Paffrath hatte einen suchenden Gang, wie jemand, der nie so genau wusste, wohin die Reise ging. Er drehte sich quasi jeden Morgen von neuem in den Tag hinein, wie ein türkischer Öl-Ringer in den Gegner. Aber er war unverwüstlich. Ein Loser auf der Siegerstrasse. Ein Sieger unter Losern. Ein Paffrath.

Während der Busfahrt nach Aufderhöhe unterhielt er mich mit einer Auswahl seiner Erfindungen, von denen das meiste hinterm Tresen ausgebrüteter Nonsens war. Ein Running Gag, den er als Barkeeper gern bemühte, um sein Publikum zu unterhalten: „Ich hab das Rauchen erfunden.“

Zur Beweisführung bot er an guten Tagen die Offenlegung seiner Lunge an.

“Da unten links steckt meine erste Reval.. Da! Seht ihr den Filter?? Nee! Na klar! War ja auch ohne Filter, damals in Paris! Ma-haa!”

Weil aber auch von seinen seriösen Erfindungen niemand etwas wissen wollte, (die gab es zu Hauf und waren bei einem Patentanwalt hinterlegt), hatte Paffrath beschlossen, sein Glück in Australien zu suchen.

“Zur Not wässere ich den Pennern da unten ihr verdammtes Outback“, schmierte er wieder mal ein besonders dickes Brötchen. „Und wenn das auch nicht klappt, arbeite ich eben als Barkeeper. Oder als Dachdecker. Wir werden überall gesucht, wir.. Roof Specialists.“

Sein vorübergehender Unterschlupf im Haus war von geradezu biblischer Kargheit. Als Bett diente ein Holzpodest, auf dem ein paar versiffte Wolldecken lagen. In der Zimmerecke stapelten sich Dielenbohlen, die vielleicht einmal ausgelegt werden sollten, im Laufe der Zeit aber mürbe geworden waren und nun vor sich hinmuffelten.

Höhepunkt der Bruchbude: ein Regenschirm, der nur noch aus den losen Einzelteilen längst vergangener Regenfälle zu bestehen schien. Ein reichlich graues Gerät. Und dann war da noch der Gestank der herumstreunendern Katzen, der das ganze Haus dominierte, ein Gestank wie Arschritze ganz unten, mit Katzenstreu abgelöscht.

“In der Hütte hier kann man eigentlich nur aufwachen, die Nase zuhalten und sofort Leine ziehn”, meinte Paffrath, der während der wenigen Tage im Haus  auf die Idee gekommen war, eine winzige Flex zu entwickeln, mit der sich morgens die dicken Ränder unter den Augen wegflexen ließen. Es haperte noch an der technischen Umsetzung, ähnlich wie 1988, als er den 2. Design-Preis einer Zeitgeistmanufaktur gewonnen hatte, für die Konzeption einer Keith Richards-Gabel, bei der der mittlere Zinken nach vorn gebogen war und hervorstand wie die legendäre Stones-Zunge.

Befürchtungen, man könne sich damit Verletzungen des Mundraums zuziehen, verhinderten die Realisierung des Konzepts. Außerdem sah es scheiße aus.

„Was ist denn jetzt mit was zu rauchen, Paffi?“

„Ach so, jaa. Schon vergessen.“

Er verschwand auf dem Dachboden. Ganz kurz war Musik zu hören. Er blieb nicht lange weg. Kam zurück.

“Dauert noch einen Moment, aber es lohnt sich. Das Dope ist geil und billig”, versprach er.

“Na schön. Ich geh solang was essen”, sagte ich.

Die als Fetthalle am Haus weithin bekannte Pommesbude lag gleich um die Ecke, links die Strasse runter. Currywurst, doppelte holländische Pommes, Kanne Kölsch.

Hinter mir saßen zwei Anstreicher. Einer zum anderen: “Fragt mein Sohn gestern die Oma: wenn du mal stirbst, kriege ich dann deinen Fernseher? Antwortet die Oma: Wenn es soweit ist, sicher. Musst du dir aber noch jemanden suchen, der dir den Fernseher runterträgt. Darauf mein Sohn: Ist doch kein Thema, Oma.”

Dann habe er sich alles noch mal durch den Kopf gehen lassen und sich schweigend an die Arbeit gemacht, der Bub, an die alphabetische Auflistung seiner Weihnachtswünsche, in einer handlichen Kladde.

“Damit ihr später nicht so ein Durcheinander habt, Oma.”

Ich zurück zum Haus. Es regnete leicht. Paffrath stand unten an der Tür und wartete auf mich.

“Komm rein, wir haben noch was Zeit, die Jungs sind unterwegs. Die haben das Zeug im Wald verbuddelt. Das dauert noch.”

“Hoffentlich sind die nicht so stoned, dass sie ihr Depot nicht wiederfinden”, sagte ich genervt.

In Aufderhöhe hatten die Gräfin und ich mal während eines Spaziergangs eine Küchenuhr gesehen, mitten im Wald. Sie war hoch oben an einer Schieferplatte angebracht. Wir wollten es nicht glauben und gingen näher ran, wir mussten richtig durchs Unterholz klettern, um der Stelle auf den Pelz zu rücken, dann war es geschafft. Und tatsächlich: was da hing, mitten im Wald, an einem dieser typisch bergischen Schiefergesteine, war eine original schlichte Hausfrauen-Wanduhr, und sie zeigte die absout korrekte mitteleuropäische Uhrzeit an.

Es war fantastisch gewesen.

“Komm, wir gehen nach oben“, meinte Paffrath, „am Dachboden ist ein Proberaumth. Können wir was Musik machen, uns die Zeit vertreiben.”

Wir stiegen das schmale Treppenhaus hoch. Im Dachgeschoss waren die Wände mit Silberpapier, Bitumenfolie und jeder Menge Eierkartons gedämmt, es drang fast nichts nach draussen, was ein paar langhaarige Eingeborene als Musik verkauften.

Der Penner an der Stromgitarre faselte was von 7/8-Takt, Blues in a und Rumba, spielte aber immer den gleichen tristen Stiefel, der nicht vom Fleck kam.

Weil der Bassist, wie ich hörte, gerade im Wald unterwegs war, Brösel ausgraben, wechselten sich zwei Nieten an dem Gerät ab. Und mitten im Raum, auf einem Schemel, fläzte sich mit gekrümmten Rücken ein sorgsam verfilzter Hippie, der sich bar jeglichen Talents an einem Saxofon versuchte.

“Spielt irgendwas Orientalisches!” forderte er die anderen immer wieder auf.

Orientalisch? War das denn nicht orientalisch? Das war doch Kairo die Autobahn rauf und runter, und dauernd lief einem irgendwer vors Auto und wimmerte. Paffrath, immerhin, hielt an den Congas den Takt. Jemand kam zur Tür rein und packte ein triefendes halbes Hähnchen aus, aus der Imbissbude. Ihm folgte ein kleiner Junge in schmuddeliger Montur, der dem Vater das weiße Fleisch des Geflügels aus den Händen riss und es sich in den Mund stopfte.

Was ein Musikantenstadl. Ein Mundraubdesaster. Ich saß zwischen wummernden Verstärkern und öligen Hähnchenfingern und wartete sehnsüchtig auf das dicke, geile, billige Piece, damit ich mich endlich vom Acker machen konnte. Und die ganze Zeit fanden die Jungs beim Musikmachen nicht ein einziges Mal zueinander. Es war keine Kakophonie, es war Milzbrand.

“Ich kann nur Chaos”, meinte das Wrack am Saxofon, als es gerade an der Reihe war, sich am Bass zu versuchen.

Ich war bis unter die Hutschnur bedient, doch Paffrath ließ sich seine gute Laune nicht vermiesen. Im Schneidersitz bearbeitete er die Congas mit einer Vehemenz, es war eine Freude, ihm zuzusehen. (Eine Woche darauf landete er in Brisbane und kehrte erst Jahre später zurück, auf einen Kurzbesuch –  den Kopf voll schräger Ideen, wie man in der portugiesische Algarve mit einem Mountainbike-Verleih den Mörder-Euro machen könnte.)

Irgendwann wurde ich erlöst, und der Brösel aus dem Wald hielt Einzug. Ich kaufte ein paar Gramm und machte, dass ich aus dem besetzten Haus raus kam, rein in den nächsten Oberleitungsbus Richtung Innenstadt. Die Flucht hatte schon etwas militärisches an sich, so flotten Charakter. Was man an manchen Tagen so alles auf sich nahm, für ein bißchen Kif.

Advertisements

4 Gedanken zu „Für ein bisschen Kif

  1. Der Text ist gut!

    Deine Texte haben diese gewisse Bukowski-Dimension: Mitgefühl, Staunen über die Ungeheuerlichkeiten des Lebens, Absurdität und so weiter. Klasse Stoff. Weiter so und danke.

  2. Im Stil von….von….? geschrieben. Im Zweifel im ganz höchstglummeigenen!
    Die beschriebenen Typen bevölkerten auch meine Zeiten der Heißentwicklung mit gefühlter Unsterblichkeit 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s