Die 50 besten Pop-Platten der Welt (5): Rock’n Roll Part One, Glitter Band

Ich bin geprägt von den Riffs und Ravioli-Büchsen und rollenden Basslinien der Disco-Ära, von Le Freak von Chic, vom genialen I will survive von Gloria Gaynor, von Shame Shame Shame von Shirley & Co und dem Instrumental-Kracher Rock’n Roll Part One von Gary Glitters Begleitband The Glitter Band, der logischerweise zum Genre Glam Rock zählte. Aber ich machte da keine großen Unterschiede. Was mir gefiel, kam in die Top Ten, Ravioli schmeckte scheiße, war aber trotzdem dabei, und Stayin‘ Alive von den Bee Gees war der perfekte Pop-Song.

Jeder schleppt seinen privaten, kleinen Wurlitzer voller Erinnerungen durchs Leben, die Songs zugeordnet und durchnumeriert von A bis Z: von der ersten Liebe bis zum letzten Urlaubstag 1998 in St. Tropez – alles unterlegt von ganz bestimmten Klangspuren. Kurz angespielt in der privaten Musikbox, und schon rennen die Songs los wie quiekende Schweine, die ihren Schlachthof suchen.

*

Kaum ist die Sonne draussen, bereiten sich die örtlichen Rotzlöffel aufs erste große Schaulaufen des Jahres vor. Der kleine rothaarige Nachbarsjunge, der nicht mehr in die Höhe wächst, nur noch in die Breite, wird im Coppel-Park in den Mülleimer gestopft, mit dem Gesicht nach unten. Was mich an die Zeiten erinnert, wo wir selbst in Cliquen durch den Park streiften und grölten:

Ein schönes Tier, das ist die Ratte,

doch noch viel schöner ist die Morgenlatte!

Das üppigste Ding hatte Klat, Rußland-Deutscher aus Kasachstan. Ein schwerfälliger Knabe. Er gehörte nicht wirklich zu unserer Clique, trieb sich aber mit uns herum. Sein Schwanz war von so vielen Adern durchzogen, dass er dunkelblau schimmerte – er sah aus, als wäre Tinte darin ausgelaufen. Ein Riesenfass Tinte.

Fortan hiess Klat nur noch Tintenfass und blauer Bomber, und die Mädels giffelten. Wir sangen Blau blau blau blüht der Enzian, wenn Klat um die Ecke bog und an nichts blaues dachte. Klat selbst plädierte für Blue Hawaii als Kampfname, was nahe lag. Sobald am großen Platz hinter der Klingenhalle der Rummel seine Fahrgeschäfte aufbaute, war Klat nicht mehr zu halten. Besonders Blue Hawaii hatte es ihm angetan.

Als Teenager bin ich Blue Hawaii so gut wie nie gefahren, aber das Ding war auf jeder Kirmes Anlaufstelle No. 1, wenn es um Mädels ging. Alle wussten: Mädels trifft man am Blue Hawaii. Da stand man rum und wartete, dass etwas passierte.

Sie war klein und kompakt und hatte blondes Haar, das wie ein Helm auf ihrem Kopf lag. Ein pudriger weißer Film von Schminke lag auf ihrem Gesicht, wie der Zucker auf einem Streifen Wrigleys-Kaugummi, den man frisch aus der Packung holt. Sie trug knackig-enge Jeans und achtete streng auf ihr äußeres, gleichzeitig strahlte sie etwas mildes und nachsichtiges aus. Darauf stand ich total. Ihre Augen blitzten grüngrau, echte Katzenwelten, darüber diese langen Lider, wie die Markisen eines Pelzhändlers.

Ich wusste nie, wie ich sie ansprechen sollte. Es war auch nicht gerade leicht, sich den Mädels überhaupt zu nähern. Wir Jungs standen in der einen Ecke des Fahrgeschäfts, der Pulk der Mädchen auf der gegenüberliegenden Seite, dazwischen rotierte die Drehscheibe mit ihren Gondeln, von Motoren, Riemen und dem dröhnenden Glitter-Rock  der Glitter Band angetrieben, Rock’n Roll. Part One.

Sie hatte keinen Freund, das stand mal fest. Ich sah sie stets mit Mädels über die Kirmes ziehen, zum Auto Scooter, zum Kentucky Derby, zur Spinning Racer Achterbahn und zum Stand mit den roten Zuckeräpfeln, nie mit einem Kerl.

Und selbst unter Freundinnen schien sie für sich zu sein. Eine hübsche kleine Einzelgängerin. Die anderen Mädchen waren dagegen bloß Staffage. Jedenfalls für meine Augen. Karlos hatte eine andere Puppe im Blick, er beachtete meinen Schwarm überhaupt nicht. Er nannte sie nur die kleine Katze.

Wenn mein Blick sie traf, drehte sie sich weg und schaute schnell woanders hin, während zwischen uns die Gondeln vorübersausten, in ständiger Kurvenlage und so laut und rumpelnd, dass einem der Hintern flatterte. Doch wenn sie endlich zurückblickte, wenn sie sich endlich traute, dann fixierte sie mich regelrecht. Und mir wurde mulmig. Ihre Katzenaugen hatten etwas kühles, gleichzeitig höchst inniges. Sie war ein Rätsel. Sie war hypnotisch.

Ich träumte von ihr.

Von ihrer Stupsnase und vom Kragen ihrer Jeansjacke, den sie hochgeschlagen trug. Ich kannte ihren Bruder, er war so alt wie ich, ein Gitarrist, der später bei Fehlfarben einstieg, wo er heute noch spielt. Mit familieneigener Stupsnase.

Unsere Blicke trafen sich auf der Frühjahrskirmes, sie trafen sich auf der Herbstkirmes und auf der Sommerkirmes, und immer standen die mitreisenden Schausteller gegen den Fahrtwind gelehnt auf der rotierenden Drehscheibe, aufrecht und stolz wie Stehruderer auf venezianischen Gondeln. Die Haare geföhnt, hielten sie sich an den Rückenlehnen der Sitze fest. Sie kriegten nie ein Mädel ab. Die Mädels gehörten den einheimischen Jungs. Die Mitreisenden durften ein bißchen aufschneiden, auf dicke Hose machen, vier Tage später hiess es das Fahrgeschäft abbauen und weiter ging’s Richtung Gelsenkirchen. Wir dagegen blieben in der Stadt, wir hatten es in der Hand. Wir guckten, wie es weiterging.

Wenn ich mich nur getraut hätte.

Jahre später sah ich sie wieder. Sie lächelte schüchtern und hatte ein Kaugummi in Arbeit. Sie war immer noch kompakt wie ein Block Wrigleys, sie roch nach Minze und frisch gewaschener Jeansjacke, der Kragen war hochgeschlagen, da war die Stupsnase.

Ich wollte rübergehen und sie ansprechen, nach all den Jahren, warum nicht, meine Güte, wir waren keine Kinder mehr, doch ich liess es sein. Es hätte keinen Sinn gemacht. Es war zu spät. Jetzt konnte es auch bleiben, wie es ist. Sie lächelte.

4 Gedanken zu „Die 50 besten Pop-Platten der Welt (5): Rock’n Roll Part One, Glitter Band

  1. Ich höre auch kaum noch Musik,hab auch schon lange keine Anlage mehr,aber gerade eben hör ich mir zu Udo’s 70.Udopia von 81 über DVD player an.faszinierend,habe dieses Album als 12jähriger verschlungen,aber seit ca 20 Jahren nicht gehört-Ich kann tatsächlich immer noch die komplette Scheibe auswendig mitsingen (was ich auch die ganze Zeit mit Inbrunst zelebriere).hab ne fette Gänsehaut…
    Udo’s Texte damals-ganz groß !

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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