Geplant war Ewigkeit (11)

Die Welt ist alles mögliche, nur eines niemals: belanglos.

Die Gräfin

*

Es war ein Tag im Frühling, als wir auf dem Balkon saßen und ich Vater fragte, ob er das eigentlich hören könne, wie die Vögel singen.

„Welche Vögel?“

„Na, hier ist doch jede Menge Gezwitscher. Hörst du das nicht?“

Er lauschte angestrengt, die Augen rollten hin und her. Er war so schwerhörig geworden, jeden Satz musste man wiederholen. Hörapparate kamen ihm trotzdem nicht ins Ohr, weil ihm die Nebengeräusche zu laut waren, weil sie alles mit einer Art Kleister überzogen, wie er meinte.

„Hörst du denn.. gar nichts?“

„Von den Vögeln?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Keinen Piep.“

„Das ist aber blöd“, sagte ich.

„Ja, das ist blöd“, sagte Vater.

Er blickte über die Balkonbrüstung in den blauen Himmel, wo ein paar Schleierwolken vorüberzogen, im lockeren Verbund.

„Und was ist mit denen da oben?“ meinte er. „Sind die auch so laut..? Machen die auch so’n Krach wie die Vögel?“

*

Vater kam zunehmend mit den Tageszeiten durcheinander. Wenn ich ihn nachmittags am Telefon erreichte, was allein schon ein Glücksfall war, da er das Klingeln meist überhörte, hatte er gerade geschlafen und war der Auffassung, es sei früh am Morgen und er müsse die Heizung anwerfen und frühstücken.

Es dauerte, bis ich ihn auf die richtige Spur brachte.

„Es ist fünf Uhr durch, Papa.. Du hast längst zu Mittag gegessen.“

„Wer?“

„Na, du.“

„Ich? Zu Mittag..? Ich.. hab schon.. zu Mittag gegessen, sagst du?“

Während er sprach, arbeitete es ihm. Er suchte nach Anhaltspunkten, nach Resten eines warmen Essens, Fleischfasern, die im Mundraum vagabundierten, ein Klecks Apfelmus auf der Trainingshose, Besteck vielleicht, das er aus Versehen mit ins Wohnzimmer genommen hätte..

„Mittagessen..“, hörte ich ihn murmeln..“Nein. Ich hab heut noch nichts zu Mittag gehabt.“

„Doch, bestimmt. Es ist fünf Uhr durch, und Mittagessen kriegst du immer gegen zwölf.“

„Richtig!“ warf er ein.

Wir warteten. Ich wartete, ob noch was kam, Vater wartete grundsätzlich. Zur Not auch darauf, dass nichts mehr kam. Aber das war okay für ihn. Das Warten. Das fragliche Mittagessen nicht.

„Das begreif ich nicht“, hörte ich ihn leise mit sich selbst ringen, auf Platt natürlich, „ich begriep dat nit..“, und ich ärgerte mich, ihn überhaupt gefragt zu haben, da jedes kleine Sich-nicht-erinnern-können für Demenzkranke eine Niederlage darstellt. Andererseits war er jedes Mal stolz wie Oskar, wenn er sich plötzlich doch erinnerte, was der Menu-Bringdienst gebracht hatte.

*

Ich hatte angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich erst am folgenden Tag zu Besuch käme und nicht heute, wie ursprünglich abgemacht.

„Ich komme morgen, Papa, dann hast du ja Geburtstag.“

„Geburtstag? Ich..?“

„Ja. Morgen, du hast morgen Geburtstag.“

„Was ist denn morgen?“

„Dienstag.“

„Aha.. Und wann kommst du?“

„Morgen“, sagte ich. „Dienstag.“

„Dienss..tag..“, wiederholte er so langsam, als müsse er die neue Info erst verarbeiten und mitschreiben. „Gut.. Morgen ist.. Dienstag. Aber du kommst.. heute?“

„Nee, morgen. An deinem Geburtstag.“

„Ah so.. ja. Klar.“

Die Telefonate häuften sich, die sich auf diese Weise in die Länge zogen, bis ich es mir abgewöhnte, Vater mit blöden Fragen in Verlegenheit zu bringen. Er konnte sich eh an nichts erinnern, ausgenommen an Dinge in seiner Kindheit und Jugend sowie an die Dinge, die sich eine Sekunde zuvor abgespielt hatten. Ungefähr wie bei einem Hund.

*

Als wir Kinder waren, bereitete es Vater diebische Freude, sich vor uns aufzubauen wie Lehrer Lämpel im Großen Wilhelm Busch-Album und den Spruch zu bringen, von dem ich bis heute nicht weiß, woher er stammt. Ich habe recherchiert, ich habe gegoogelt, ich hab nirgends eine Spur vom Verfasser gefunden.

Wer anderen in der Nase bohrt,

sprach Vater,

ist selbst ein Schwein.

Was er damit nun genau ausdrücken wollte, blieb im Dunkeln – vermutlich, dass jeder gefälligst vor der eigenen Haustür kehren sollte. Aber das war auch nicht so wichtig. Sinnsprüche und schöne Tellerwahrheiten bildeten die Ausnahme in der Familie. Es blieb jedem selbst überlassen, dem Leben sein Geheimnis abzuknöpfen. Es gab lediglich so etwas wie stille Übereinkünfte, auf die man sich verständigte. Etwa die Überzeugung, dass der Virus Mensch eines Tages das All erobert, und dann Gnade Gott den anderen Planeten.

Sobald Vater also den Zeigefinger hob und Wer anderen in der Nase bohrt.. zitierte, sah ich riesige Zwitterwesen vor mir, halb Sau, halb Bulle, die sich gegenseitig kräftig in der Nase pulten und stocherten.

Ein ungeheuerlicher Vorgang, und ich musste lachen.

*

Seit Mutters Tod an Weihnachten 2010 war Vater alleinstehender Witwer, herz- und zuckerkrank, von Asthma geplagt und zunehmend dement, in einer neunzig Quadratmeter großen Wohnung. Ein alter Mann, der nicht mehr viel zu tun hatte, außer warten, dass jemand aus dem Kreis der Familie zu Besuch kam. Am Ende des Lebens bleibt nur die Familie. Wehe dem, der zeitlebens geschludert hat in dieser Richtung, der ist erledigt. Der ist dreimal tot, bevor er tot ist, weil niemand mehr auf der Welt ist, der sich für einen interessiert. Und wofür ist man sonst auf der Welt. Was bleibt, wenn dich niemand mehr nach deiner Meinung fragt. Wenn sich niemand mehr erkundigt, sag mal, wie würdest du das tun.

*

Solange Vater gesund gewesen war und Mutter noch lebte, zog er sich gern in die Stille und berührende Enge seines bis unter die Decke  vollgestopften Hobbykellers zurück und bastelte die großartigsten Puppenhäuser und Kasperletheater für die Enkelkinder, echte Zauberapparate.

Vater war immer ein Mann der Tat gewesen, doch im Alter waren es ausgerechnet die Hände, die ihn, vom Gedächtnis mal abgesehen, im Stich ließen. Er konnte nicht mal mehr eine lumpige Mineralwasserflasche öffnen, ohne Zuhilfenahme einer Wasserpumpenzange. Orgelspielen ging nicht mehr, Basteln war vorbei – es blieb nur warten, dass jemand kam und ihn besuchte.

Andere Leute besuchen ging nicht mehr. Der letzte Versuch, er wollte zu Fuß zu einer Bekannten, die an der Hasseldelle wohnte, einen guten Kilometer entfernt, endete mit Zusammenbruch und einem Sturz in eine Hecke. Vater konnte froh sein, dass eine aufmerksame Autofahrerin anhielt und ihn einsammelte und wieder nach Hause brachte.

Von sieben Tagen in der Woche war er an sieben Tagen zu Hause, ausgenommen Termine beim Arzt und kleine Ausflüge mit meiner Schwester. Dennoch erlaubte ich mir den Running Gag, Vater zu fragen, was er die letzten Tage angestellt habe, wenn ich ihn übers Wochenende nicht gesehen hatte und Montags um fünfzehn Uhr auf der Matte stand.

„Oha, ich bin hübsch zu Hause geblieben!“ flötete Vater lakonisch.

„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte ich.

*

Morgens und abends kam der Pflegedienst, blieb aber selten länger als zehn Minuten, da Vater nicht bettlägerig war, da sparten die Pflegekräfte gern die Zeit ein, die sie woanders nötiger hatten.

Ich kam zwei-, dreimal die Woche und blieb den ganzen Nachmittag. Meine Schwester, die Ernährungslehre unterrichtet, kam Freitags und am Wochenende, ihre Tochter, Studentin, wenn sie in der Stadt war. Mein Bruder war aus Vaters Versorgung größtenteils ausgeklammert, da er als Software-Administrator in Köln arbeitete und unter der Woche kaum vor 20 Uhr zu Hause war. Hinzu kamen seine beiden Jungs im Grundschulalter, seine Frau, die als Krankenschwester auf halber Stundenzahl arbeitete, sowie die sonnengelbe Hazienda in den Wupperbergen, plus Walburga und Lily, die beiden französischen Langfellschafe, die das Gras am Berghang hinter der Hazienda kurz hielten und jedem Besucher persönlich vorgestellt wurden.

Die Wochentage wechselten, an denen ich Vater besuchte, doch der Montag war von Anfang an eine feste Bank.

Wenn du von deinem Vater kommst, bist du meist gelockert und irgendwie.. zufrieden, so die Gräfin damals.

Natürlich gab es Tage, wo ich lieber zu Hause geblieben wäre. Wo ich knurrte, dass ich SCHON WIEDER los müsse, wo ich doch gerade erst so schön am Schreibtisch in Form gekommen war. Aber hatte ich mich einmal aufgerappelt und war unterwegs zur Schillerstraße, den treuen Hund an der Seite, war es jedes Mal in Ordnung.

Ich freute mich darauf, Vater zu sehen und etwas Zeit mit ihm zu verplempern. Darin hatte ich es mal zur Meisterschaft gebracht, das war lange Jahre mein Ding gewesen, das Verplempern von Zeit, doch nun war mein alter Vater der letzte, mit dem es noch funktionierte, das einfach beisammen sein und den Tag hinterm Horizont verschwinden zu sehen, ohne einen Finger krumm zu machen.

(Nichts bleibt wie es ist, schon klar, doch manchmal, in Ausnahmefällen, könnte es wenigstens etwas länger so bleiben, wie es ist.)

Und: Was bleibt dem ältesten Sohn einer gestandenen Klempner- und Installateurmeister-Legende schon übrig, als das Leben zu verplempern, wenn er kein Klempner werden kann. Schon vom phonetischen Standpunkt aus gesehen. Das Leben verklempnern hat sich erledigt, wegen der zwei linken Hände. Sogar handwerklich geprägten Begriffen wie RECHTFERTIGUNG stehe ich grundsätzlich skeptisch gegenüber. Oder HANDZAHM.

*

Während meine Schwester Vater so oft wie möglich ins Auto verfrachtete und mit ihm ins Oberbergische fuhr und irgendwo einkehrte, wo Kaffee und Kuchen gereicht wurde, blieb ich mit ihm zu Hause und leistete ihm Gesellschaft. Ich war sein persönlicher Gesellschafter. Wir verdrückten warmen Apfelstrudel, tranken heißen Kakao und lasen Zeitung auf dem Balkon hoch über den Dächern der Stadt.

Am liebsten war es mir, wenn er aus vergilbten Zeiten erzählte, wo der Mief von Opas Zigarre dick in der Luft stand. Das waren echte Highlights. Ich erfuhr, dass Opa ständig Jagd auf Ratten gemacht hatte, mit der 6mm-Pistole schoss er aus dem Fenster auf das Gelichter, das aus dem Bärenloch rüberkam und im offenen Abwasserkanal vor Großvaters Werkstatt nach Nahrung suchte. Gelichter nannte Opa die Ratten. Bei solchen Erinnerungen schwebte ich förmlich über dem Balkon und sah mich an Vaters Lippen hängen, genauso fasziniert wie Mutter zu ihren Lebzeiten an seinen Lippen geklebt hatte.

Die kleinen Erinnerungen hatten es mir besonders angetan, Dinge, die er unbedeutend fand und eher nebenbei erwähnte. Etwa dass es bis in die Dreißigerjahre auf der Solinger Seite von Kohlfurth eine Kneipe namens „Der liebe Jüng“ gab, wo es nach feuchter Pappmaché und Sägespänen duftete, wie Vater sich erinnerte. Als wäre man zu Gast bei Ponys gewesen, die gern basteln.

Nicht weit vom „lieben Jüng“ war das sagenumwobene Kohlfurther Strandbad an der Wupper, das in meiner Phantasie schon deshalb hohen Stellenwert besitzt, weil es seine Pforten längst geschlossen hatte, als ich zur Welt kam. Ein Naturbad, das von eiskaltem Bachwasser gespeist wurde und wo man mit einer 10er-Karte locker über den Sommer kam, selbst wenn man jeden Tag bis Sonnenuntergang blieb und sich bräunte.

„Ach, die haben es mit dem Eintritt nicht so genau genommen, manchmal war das Kassenhäuschen stundenlang nicht besetzt. Außerdem waren die Zäune ringsum so niedrig, da war man schon aus Versehen drin, wenn man in der Nähe den Hund ausführte.“

Auch Familiengeheimnisse lüfteten sich an den Nachmittagen auf dem Balkon. So war mir neu, dass der Cronenberger Onkel mit der schwarzen Hand schwul gewesen war. Einmal im Jahr nahm er sich eine mehrwöchige Auszeit vom Eheleben und fuhr Männer küssen, während seine Frau, Tante Christel, den Lebensmittelladen weiterführte und ansonsten so tat, als wäre ihr lieber Gatte in Kur.

Ich seh den Onkel noch bei meinen Großeltern in der Küche sitzen, mit der steifen Hand, die in einem schwarz-glänzenden Lederhandschuh steckte. Eine schwarze Hand, aus der ich Pfefferminzbonbons entgegennahm, immer einzeln, wie bei einer Taubenfütterung. Erst vierzig Jahre später verstand ich, dass es sich um eine Prothese handelte, über die ein Handschuh gestülpt war. Eine Kriegsverletzung, Erster Weltkrieg.

Er war kein unfreundlicher Mann, die schwarze Hand, während Tante Christel verkniffen rüberkam. Vom vielen Stehen im Lebensmittelgeschäft hatte sie ein dickes Elefantenbein, das sie mit Bandagen umwickelte und so noch dicker machte, während man beim anderen Bein dachte, hups, da kommt der Storch, weil es so dünn und knickrig geblieben war. All das sowie die Sorge um den schwulen Ehemann in Zeiten des Nationalsozialismus sorgten dafür, dass Tante Christel mit schweren Seufzern durchs Leben navigierte.

Wenn sich die Verwandtschaft bei Opa und Oma sammelte, hockte ich gern unterm Küchentisch und staunte angesichts all der grässlichen Alte-Tanten-Beine, die in Nylonstrümpfen steckten und so schlimm rochen, als hätte ein Stück Käse die Hose offen. Am übelsten waren halbe Strumpfhosen, die bis übers Knie reichten und dann ins weiße Wabbelfleisch weiblicher Oberschenkel übergingen. Ich war fasziniert und beschämt zugleich. Ich nahm noch ein tiefes Näschen und blieb untem Tisch sitzen, bis wir aufbrachen.

*

Mein Bruder erzählt, wie er als kleiner Hosenmatz bei einer Familienfeier unterm Tisch saß und mit Autos spielte, als neben ihm plötzlich ein Gebiss zu Boden ging. Onkel Willi hatte es beim Lachen verloren. Mein Bruder hob die Zähne vom Teppich auf, „ich dachte erst, das wär Legospielzeug“, und reichte sie Onkel Willi hoch, der ihm im Gegenzug ein Fünfmarkstück in die Hand drückte.

„Du bist ein lieber Jung.“

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An Sonntagen besuchten wir gelegentlich Tante Christel und die schwarze Hand, die in Wuppertal lebten. Die Tante nahm mich beiseite und führte mich in den Lebensmittelladen, den sie extra für mich aufschloss. Das imponierte mir, auch wenn sie kein Licht machte, denn sie war geizig und Elektrizität teuer.

Vorbei an der Wursttheke ging es zu den Süßigkeiten. Lose Ware, die Tante Christel mit dem Schäufelchen auflud und in eine kleine weiße Papiertüte schüttete, extra für mich. Pfefferminzdragees waren darunter, natürlich, aber auch rotes Erdbeerschaumgummi und Pastillen, die nach lila Zucker schmeckten. Da sagte man danke, Tante Christel.

*

Bei aller Einsamkeit, die ihm seit Mutters Tod zusetzte: Sobald Menschen in seiner Nähe waren, zu denen er ein Band hatte, taute Vater auf und sein Sprachzentrum sprang an.

Wie oft saßen wir am Kaffeetisch, teilten uns die Zeitung, und wenn Vater auf ein Wort stieß, das er nicht kannte, fragte er nach der Bedeutung. Englische Begriffe erriet er gern, auf Basis seiner Grundkenntnisse aus britischer Kriegsgefangenschaft. Bei Heart Attack war er sich sofort sicher: harte Attacke.

Manches blieb ihm allerdings ein Rätsel. Etwa das Internet in seiner Gesamtheit. Zwar demonstrierte ihm mein Bruder am Laptop, was das Internet so alles kann und wofür es taugt, doch es leuchtete Vater nicht wirklich ein. Das Internet war nicht wirklich fassbar für ihn.

„Wenn du das Internet selber ausprobieren würdest, wüsstest du ganz schnell, wie der Hase läuft“, sagte ich, doch Vater winkte ab.

Er hatte für sich beschlossen, das Internet für die große neumodische Erfindung zu halten, für die er zu alt war, und damit war die Sache besiegelt. Lediglich wenn ihm ein Wort wie Google dauernd in den Schlagzeilen begegnete, wollte er mehr davon wissen.

„Was ist das, Google?“

Er sprach es so aus, wie es ihn auf Deutsch anblickte, mit langem o und der Endung -le, Googele.

„Gugel“, sagte ich.

„Gugel?“

„Ja. Gugel führt dich durchs Internet, es kennt sich da gut aus. Gugel ist wie ein Schleppkahn, der dich an die Kandare nimmt und in den Hafen lotst, den du suchst.“

„Hoyy!“ sagte Vater. „Ist das denn so groß, das Internet?“

*

„Dieses Bemühen mitzukommen in diesem täglichen Wahnsinn, das haben dein Vater und du gemeinsam, das ist schon ein bisschen rührend“, so die Gräfin. „Dieses erst Aufwachen, wenn die Dinge längst Geschichte sind. Das liegt bei euch in der Familie. Nur dein Bruder checkt die Dinge schneller. Deine Schwester auch. Also, du und dein Vater, ihr seid echte Kriechtiere.“

Was mich betrifft, ich habe tatsächlich eine verlangsamte Wahrnehmung. Tiefenwirksam erst in dem Moment, wo ich allein bin und mich konzentrieren kann, wenn alle Geschwindigkeit der Welt abgeschüttelt ist. Und ich mich ganz dem Objekt hingeben kann.

*

Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Wie es genau passiert war, blieb unklar, eins aber stand fest: Er hatte es noch auf die Reihe gekriegt, sein Blut vom Küchenboden aufzuwischen, damit weder wir Geschwister noch der morgens und abends nach dem Rechten sehende Pflegedienst Verdacht schöpfen konnte.

Bloß nicht ins Krankenhaus, war seine Devise, bloß nichts ins Altenheim. Bloß in der alten Wohnung bleiben.

Eine Devise, die wir teilten.

(Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So fragte Vater die Gräfin und mich, ob wir uns vorstellen könnten, bei ihm einzuziehen und ihn quasi im Vorbeigehen mitzuversorgen. „Ich mache doch nicht viel Arbeit“, sagte er, und wie er das sagte, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht und die Perspektive verschiebt. Wenn man zu Entscheidungen neigt, die man eventuell bereut. Doch für drei Leute und einen Hund war Vaters Wohnung definitiv nicht geeignet, die Räume waren zu ungünstig aufgeteilt, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je seine Ruhe gehabt.

Auch mein Bruder und seine Frau wogen ab, ob der Platz in ihrer Hazienda in den Wupperbergen für eine zusätzliche Person ausreichen würde, doch das alte Haus war zu verwinkelt und hatte zu viele steile Treppen, es wäre für Papa zu gefährlich gewesen. Außerdem waren da die beiden kleinen Rabauken, beide im Grundschulalter und gestählt in endlosen Konkurrenzkämpfen und Lärmorgien.

Nein, wir machten uns die Entscheidung fürs Altenheim nicht leicht, doch die behandelnde Haus-Ärztin setzte uns irgendwann die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen. Zum Glück fanden wir schnell einen Heimplatz, der zudem in der Nähe meiner Schwester lag.)

*

Vermutlich hatte Vater in der Küche gehockt, eine Tomatenbutter mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es sagen. Irgendwann nach dem Sturz musste er sich aufgerappelt haben, um das Blut vom Linoleumboden aufzuwischen, mit Papier von der Küchenrolle. Bis auf einen kreisrunden Klecks, den er übersehen hatte, und der ihn verriet.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen wie ein Ermittler, der erstmals den Tatort aufsucht. In seiner Einsamkeit war Vater so tief in sich versunken, dass er fast einen Herzschlag erlitt, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

„Hast du mich erschreckt..! Bist du verrückt! Das kann man doch nicht machen!“

(Wie man es machen sollte, verriet er aber auch nicht.)

Heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte, da schlief er besonders tief und fest – man kriegte ihn einfach nicht wach. Da konnte ich beim Betreten der Wohnung noch so laut PAPA! dröhnen, ICH BIN’S! Oder gleich den Hund vorschicken, SUCH DEN PAPA! WO IST DER PAPA?! Aber dann war die Gefahr groß, dass Vater wach wurde und plötzlich stand ein Riesenköter vor ihm und zog die Lefzen hoch.

Wie ich es auch versuchte, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, im Auftauchen aus tieferen Traumschichten, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit der Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal erschossen gehabt.

*

Vater lag unter Decken begraben auf dem Sofa, er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur sein Kopf war zu sehen und wirr abstehendes weißes Haar – ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hatte, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und beobachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still, bewegungslos, den Blick auf seinen alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Herzschlag-Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seinen Herzschlag, da man in Vaters Alter, in seinem Zustand nie ganz sicher sein konnte, ob die Wolldecke, die sich da im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich wirklich hob und senkte im Rhythmus der Atemzüge oder ob ich mir das nur einbildete und der Körper längst – oder unlängst – erkaltet war.

(Ich war ein Luftbild-Archäologe, der aus der Höhe Muster erkennt, Hirnströme im Schädel der Ahnen.)

Oh, süße sorglose Tage, wenn ich am Sofa stand und er laut und wild schnarchte und jäh die Augen aufriss und – er war hellwach!

Ach du bist es!

*

(Manchmal hatte ich echt die Nase voll. Ich hatte alles mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch er reagierte auf nichts, bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an einer bösen Stiefmutter.

„JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? ICH HAB MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!“)

*

Der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch? Herzinfarkt klingt schrecklich, Heart Attack sportlich.

*

Ich erkannte einen dunklen Fleck am Haaransatz, wie Blut sah es aus, getrocknetes Blut. Ich bückte mich runter. Das Blut verklebte sein graues Haar. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich von ihm wollte, da das Bellen in diesen Räumen sonst untersagt war.

Ich stand vor der Schlafcouch, sagte laut „Vater!“, zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke, was natürlich nichts brachte, dafür ist der Schlaf ein zu mächtiger Altersbegleiter, da hilft es nicht, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen und ein bisschen Vater zu winseln. Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche hing ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser kochte, setzte ein Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Haus das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

„WER IST.. WAS IST LOS..?!“ keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

„Na, das frag ich dich..“, sagte ich.

„WAS??!“

Ich liess ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Nach einer Weile stieß er die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

„Ach, da ist ja auch der Hund.. Hallo.. Molli.“

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte die milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst bei ihm auftrug.

„Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?“

„WAS??!“

„WAS HAST DU AM KOPF GEMACHT?“

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch, ein gebrochener Schiffsmast, und er winkte verschlafen ab.

„Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist..“

Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, „na, Molli, wo warst du denn so lange?“, doch ich nagelte ihn fest.

„Bist du hingefallen?“

„WAS?!“

„OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?“

Er nickte müde. Ja, ich weiß.. Da war so was. Da ist so was.. geschehen.. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja?

Seine Augen, rot und todmüde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel so oft abgeflogen war, dass er jeden noch so kleinen Winkel kannte, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff.

Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen.

„Was ist passiert, Papa?“

Nein, er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte auch kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig. Das kam vom Zucker.

Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab und fand schliesslich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden.

„Du bist in der Küche gestürzt“, sagte ich, holte eine Schüssel voll warmen Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

„Ich weiss, ja.. Was machst du da..?“

„Ich versuch das Blut abzutupfen ..“

„WAS?!“

„ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN.“

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin einen Blick auf Vater warf.

Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes raus, entschied mich aber dafür, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Meter entfernt. Wir sollten uns sofort auf die Socken machen. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht mehr.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Frau Moll spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, und dackelte die ganze Zeit hinter uns her. Sie wollte nichts verpassen. Da die Gräfin sie tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes, und wir mussten lachen.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Ein Taxi für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen.

Der Fahrer, ein mürrischer Türke, und ich nahmen Vater in die Mitte und führten ihn drei Etagen durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner Puppen auseinander zuhalten.

Natürlich wäre es einfacher gewesen, Frau Moll allein in Vaters Wohnung zu lassen, solange wir beim Arzt waren, doch leider neigt der Hund dazu, Hausgemeinschaften in Schutt und Asche zu kläffen, sobald er sich dort alleine aufhält.

Nachdem Vater im Taxi saß, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um die Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich leinte Frau Moll im Flur am Geländer an, sie machte es sich auf den Treppenstufen bequem, das war okay für sie. Es liess sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, was Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen kann. Dann gerät sie in Stress und verliert jedglich Contenance und Beisshemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft ist. Ein Warnbeissen. Doch was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen? Das verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion sparen.

Ich teilte mich auf. Mal fand ich mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete beim Warten auf den Arzt, mal war ich im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund.

Die ganze Aktion dauerte anderthalb Stunden. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

„Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal daran erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß.“

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einzuweisen, zur Beobachtung, „dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Daddy, dann können Sie ihn mitnehmen.“

„Dann machen wir das so“, sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchungen stattfanden.

Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert, wobei sich herausstellte, dass es sich weniger um eine echte Platzwunde handelte, sondern um einen Riss, aus dem aber schon seit vergangener Nacht kein Blut mehr gesickert war.

Genau in dem Moment, als der Doc „Das ist doch mal eine gute Nachricht“ sagte, hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

„WEM GEHÖRT DIESER SCHEISS KÖTER!!?“

Mit einem vage unguten Gefühl nahe am Abgrund stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum kühlen Treppenhaus auf.

„Der Hund gehört mir. Wieso?“

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

„DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!“

Ich blickte mich um. Ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, keinen vereinzelten Zahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Da war.. nichts. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

„Das ist kein Bobtail“, stellte ich klar. „Und wo ist denn ihr Sohn?“

„DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!“

Ich fragte, was genau passiert war. Ich entschuldigte mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leid täte und dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg steigt, etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

*

Während Vater und ich beim Arzt saßen, war die Gräfin im Fernsehen zu sehen. Sie war morgens von einem Lokalreporter des WDR interviewt und gefilmt worden, als sie mit dem Hund eine schnelle Rakete ging.

Eine Rakete ist einer der Rundgänge, denen wir spezielle Namen gegeben haben, damit der Andere sofort Bescheid weiß, ob man mit dem Hund eine große Runde über die Felder plant (90 Min.), eine Betty-Runde dreht (45 Min.) oder eine schnelle Rakete absolviert (Viertelstunde).

Die Rakete führt unterhalb der Hochhaus-Siedlung Neuer Kannenhof durch einen kleinen Hain und war letzten Sommer von der Gespinstmotte befallen. Der gefrässigen Seidenstickerraupe. Die Buchen waren von Kopf bis Fuß in einen silbrigen Umhang aus Spinnfäden gehüllt, ein manischer Frühtau, der wochenlang hielt. Das ganze Areal war so silbrig-weiß, als wäre ein Hubschrauber über den Wald geflogen und hätte kistenweise Kalk und edles Metall abgelassen. Die Raupen hingen in Trauben von den Zweigen wie zerrissene Feinstrumpfhosen. Andere Raupen setzten den Befall mit Gespinsten auf dem Boden fort, bis sie den nächsten Baum erreichten und in Beschlag nahmen.

Eine fiese Sache, die außer lokalen Förstern auch den WDR auf den Plan rief.

„Dreimal musste ich den Text wiederholen, bis der Blödmann von Reporter endlich zufrieden war“, maulte die Gräfin.

„Welchen Text?“

„Na, wie wir Anwohner das finden.“

„Und wie finden wir Anwohner das?“

„Fies.“

Der rasende Gespinst-Reporter des WDR war flapp-flapp-flapp auf glockenhellen Joggingschuhen angeflogen gekommen, als die Gräfin und Frau Moll nur eine schnelle Rakete absolvieren wollten, und nachdem er seinen Beitrag über den Silberwald im Kasten hatte, verschwand er wieder mit dem gleichen Sound.

„Das Geräusch werd ich mein Lebtag nicht mehr los, wie der da angeflattert kam von hinten. Der rasende Gespinst-Reporter. Pah!“

Es war Abend, als sie davon erzählte, und sie war immer noch angenervt von dem WDR-Mensch. Als sie ihn morgens Reporter genannt hatte, blickte er irritiert.

„Der wollte lieber Journalist genannt werden.“

Er war Kameramann, Tonmann und Reporter in einem, hatte schütteres Haar, eine dürre Gurke um die Fünfzig. Viele Lachfalten.

„Sonst hätte der mich gar nicht überreden können, einen Text dreimal aufzusagen.“

Selbst den schmalen Weg sollte die Gräfin zweimal gehen, bis endlich alles im Kasten war. Da konnte er von Glück reden, dass sie sich gerade blaue Wildledersandalen zugelegt hatte, „die sind so herrlich weich“, schwärmte sie, „wie ein Küsschen an den Füßchen.“)

„Jetzt weiß ich auch, warum Leute im Fernsehen so einen verkrampften Mist verzapfen, wenn sie etwas gefragt werden. Weil sie dauernd den Text wiederholen sollen, wie Schauspieler.“

„Das war ein frustrierter Irgendwann-will-ich-aber-wieder-richtigen-Journalismus-machen-Journalist“, sagte ich.

(Ich war ja nicht dabei gewesen, also wusste ich unheimlich gut Bescheid.)

Für die Teenager des Viertels war die Gespinstmotten-Plage im Sommer 2013 nur eine Art Live-Spuk gewesen.

„HE! BIST DU VERRÜCKT MICH MIT DEN SILBERFÄDEN EINZUSEIFEN?! DAS IST VOLL GIFTIG, EH!“

„WIESO IST DAS GIFTIG?“

„HAB ICH IM FERNSEHEN GESEHEN, IN SO NER VERDACHTS-SENDUNG!“

*

Während Vater mit versorgter Wunde in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, damit sie sich beruhigte. Ganz kleinlaut lag sie da, mit vom Durchzug umgeklappten rosa Öhrchen.

Kurz vorm Vollmond hält man die Füße still, flüsterte ich. Weiß doch jeder.

Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg marschiert war, und ihn dabei in den Arm gekniffen. Der Vater, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, direkt hinterher. Gut, ich hatte mich entschuldigt. Vater und Sohn waren nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich. Bis ich ein Flüstern wahrnahm, das immer lauter, genervter wurde.

„Jetzt haben wir uns ausgesperrt, Vati..“

„..na, sauber..“

In dem Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen, und beim Durchzug war die Tür zugeschlagen. Jetzt warteten sie auf die Tochter, die hatte einen Schlüssel. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt. Ich musste nicht viel erklären. Bloß raus hier.

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8 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (11)

  1. danke! was anderes für diesen weiteren grossartigen so liebe- und humorvoll geschriebenen text fällt mir nicht ein. ich mag auch deine exkurse in die gegenwart und länger vergangenere vergangenheit.

  2. Zu dem Spruch von Lehrer Lämpel: Mein Vater sagte immer, der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum und wenn ich mir dann den Spruch hier besehe, so verweisen beide auf ein eigenes Sprichwort, die beide schon so alt sind, dass sie selbst schon lange weiße Bärte tragen und als Vater von Kindern will man seinen Sprößlingen ja nicht immer nur lange weiße Bärte präsentieren und trotzdem noch irgendwie was mit auf den Weg geben. Da wird der Spruch zu einem neuen Zopf gebunden und den trägt dann die nächste Generation mit sich herum, vermacht ihn vielleicht an kommende Generationen oder spült ihn in dieses nichts vergessende Netz und verschafft ihm, dem Spruch des Vaters eine ganze eigene Etymologie. Wenn ich also irgendwo mal wieder davon lesen sollte, werden alle nachlesen können, von wem er kommt.

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