28

Im Schnitt war ich drei Tage die Woche besoffen, drei Tage nüchtern und der Sonntag war der Tag des Herrn. Ich war siebenundzwanzig. Kein ungefährliches Alter. Ein dämonisches Alter. Siebenundzwanzig ist die Wende, die Abrechnung, die ernüchternde Einsicht, dass man nicht ewig jung bleiben kann.

Eine Ernüchterung, die nicht jeder überlebt.

Doors-Sänger Jim Morrison verreckte mit 27 an einer versehentlichen Überdosis Heroin und Schnaps, Kurt Cobain knallte sich eine Kugel in den Kopf, Jimi Hendrix reichten acht starke Schlaftabletten und die eigene Kotze. Ich lebte noch, aber ich war noch nicht überm Berg. Ich war noch nicht 28, es fehlte noch ein bisschen.

*

Anderthalb Jahre war es her, dass ich die Gräfin kennengelernt hatte, eine talentierte Malerin, die ihre erste Zeichnung im abstrakten Alter von zehn Monaten in die Windeln geschifft hatte. „Ich bin gar nicht reel, ich bin ein Trick!“ sang sie und vermutete, dass ihre Mutter 1962 mit dem Großen Houdini zusammen war und nicht mit dem kleinen Gastarbeiter aus Italien, von dem sie immer geglaubt hatte, er sei ihr Vater.

Sie trug ein Muttermal am Mund, ein echter Hingucker, sie war liebenswürdig, fantasievoll, bildhübsch – doch wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, dem hilft auch die Liebe nicht weiter. Es reicht so gerade, um sich nicht am nächsten Baum aufzuhängen, das schon. Immerhin. War ja auch schon mal was. Fürs erste. Besser als nichts.

Junge, war ich mies drauf.

Ich war schon froh, wenn ich den Tag herumkriegte und nachts bewusstlos ins Bett niedersank. Endlich schlafen. Endlich wegsacken, endlich Land gewinnen. Das Wunder, auf das ich nach dem Gewinn des Literaturpreises gesetzt hatte, fand nicht statt. Um zu schreiben, fehlte es mir an Durchhaltevermögen. Schreiben war anstrengend, Schreiben war Arbeit und damit eine Disziplin für die ferne Zukunft, fürs vierzigste oder fünfzigste Lebensjahr vielleicht, wenn der Spaß eh vorbei war. Dann konnte man sich auch hinsetzen und in aller Ruhe den Mist sichten, den man in jungen Jahren verbockt hatte. Doch bis dahin hieß es: überleben. Egal wie.

Ich versuchte es mit drei Tagen saufen, drei Tagen clean, und der Sonntag war der Tag des Herrn.

*

Die Gräfin hatte einen Vorschlag.

„Leg doch über Nacht einfach mal einen Schwung leerer DIN A4-Bögen neben der Schreibmaschine aus und warte ab, ob die beiden vielleicht von ganz allein zueinander finden..“ Sie sah mich an. „..wenn du schon den Roman nicht bringst.”

Tatsächlich platzierte ich Abends versuchsweise zehn leere Seiten auf dem Schreibtisch, ein blütenweißer Köder. Eines hatte ich immerhin gelernt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man Dinge bloß im Kopf durchspielt oder ob man der Versuchsanordnung folgt und wartet, was passiert. Als ich die Blätter auf dem Schreibtisch hinterließ und mich entfernte, war ich erregt wie am Vorabend von Nikolaus, wenn man die Stiefel in den Flur stellt, die dicksten, die man hat.

Das Problem an der Verwirklichung schräger Ideen: auch die Enttäuschung ist real. Der leer gebliebene Stoß Papier verdeutlichte weniger, dass die kleine Reiseschreibmaschine nicht genug Eigenleben besaß, um von allein loszuschreiben, sondern dass ich einen gewaltigen Knall hatte.

Und als ich aus welchen Gründen auch immer meiner Mutter davon erzählte, schaute sie mich nur an, mit diesem besonderen Blick:

Söhnchen, du bist zu alt für so einen Kram..

*

Ich hatte diesen Job im Turmhotel, wo ich den Sommer über das Gepäck für amerikanische Reisegruppen managte. Bei Bedarf jobbte ich zusätzlich als Nachtportier, wenn einer der beiden etatmäßigen Nachtportiers krank oder in Urlaub war.

Sokolov war ein kleiner zäher Mann, der sich zur Rente etwas hinzuverdiente. Er stammte aus Sofia. Er war krankhaft sparsam. Er weigerte sich, verdorbene Wurst wegzuschmeißen, selbst wenn die Schlieren auf den Mortadellascheiben kaum noch zu übersehen waren. Dann schabte er sie heimlich ab, und schon fiel im diffusen Licht des Frühstückbüffets nicht mehr auf, was für ein kranker Aufschnitt auf dem Tablett lag.

Keine Frage. Wäre Sokolov jünger gewesen, er hätte einen Eins-a-Foodstylisten abgegeben. Er hatte alle Tricks drauf. Auch aufgeweichte Cornflakes, von den Gästen achtlos in der Milchschüssel zurückgelassen, machte er wieder knackfrisch. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte. Sokolov war ein Zauberer. Ich musste oft kotzen. Am schlimmsten aber war es, wenn er aufs Klo ging und die Pisse nicht abzog, um Wasser zu sparen.

“Ist doch Trinkwasser”, versicherte er mit hochrotem Kopf. “Hier, siehst du.”

Er schöpfte das Wasser mit beiden Händen aus dem Klo und tat so, als würde er daran nippen.

“SOKOLOV!“ schrie ich ihn an, “DU MACHST UNS NOCH ALLE KRANK!”

“WIESO?”

“WEIL DU HIER DEINE BAKTERIEN VERBREITEST!”

“BAKTERIEN..? WIE, BAKTERIEN?! WAS FÜR BAKTERIEN?! ICH HABE KEINE BAKTERIEN! WAS WILLST DU!?”

Bei Dienstbeginn war ich aufs Personal-Klo gegangen und hatte es versäumt, pro forma den Abzug zu betätigen bevor ich den Klodeckel anhob. Es konnte nämlich immer mal sein, dass ein güldenes Pfützchen von Sokolov in der Porzellanschüssel lauerte, ein Pfützchen vom Tag zuvor oder vom Tag vorm Tag zuvor..

“SOKOLOV! DU MACHST UNS ALLE KRANK!”

Das war zu viel für ihn. Bulgarische Schimpfworte quollen mir entgegen. Wenn Sokolov sich angegriffen fühlte, verteidigte er sich in seiner Muttersprache. Das war seine Linie. Er verließ niemals seine Linie. Er war fabelhaft.

“BÄH!” machte ich.

Es war sinnlos. Sokolov war eine fabelhafte bulgarische Pottsau.

*

Möckendorf, der andere Nachtportier, ebenfalls Rentner, war von der stillen und zurückgezogenen Sorte. Seine fahle Gesichtsfarbe erinnerte an Kalbsfleischwurst, die schon Geschmack angenommen hatte.

Möckendorf war es auch gewesen, der mich in den Job des Nachtportiers einarbeitete. Er zeigte mir, wie man den Frühstücksraum korrekt eindeckte, wie man das Buffet aufbaute, wie man Brötchen bestellte. Zuletzt wollte er mir demonstrieren, wie das mit dem Wurst- und Käseschneiden ging. Ich fragte mich, was es da zu demonstrieren gab. In der Küche befand sich eine riesige Wurstschneidemaschine, ein Monster, mit dem man vermutlich auch Brennholz kleinhacken konnte.

Möckendorf öffnete den Kühlschrank und zog ein silbernes Tablett hervor. Darauf lag ein Kranz Wurstaufschnitt, übriggeblieben vom Buffet der vorangegangenen Nacht. Möckendorf langte zu. Er vergaß völlig, dass ich hinter ihm stand und dabei zuschaute, mit welcher Gier er eine Scheibe Fleischwurst nach der anderen in sich hinein stopfte, und er schmatzte wie ein Ferkel. Es war dieses Schmatzen in der Hotelküche früh um fünf, die sich in mein Gedächtnis einbrennen sollte. Möckendorfs verdammte Fleischwurstfresserei und Sokolovs gülden schimmernde Urin-Pfützchen – irgendwie ahnte ich schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass ich kaum unbeschadet aus dieser Geschichte herauskommen würde.

*

Als der Sommer vorüber war, reisten keine Amerikaner mehr an, es gab kein Gepäck mehr zu tragen.

“Bis nächstes Frühjahr”, rief mein Chef fröhlich.

Ich ging zum Arbeitsamt und beantragte Arbeitslosenhilfe, doch das bisschen Kohle reichte gerade für die Miete und ab und zu einen Ansaufen. Es war nicht viel los mit der Arbeitslosenhilfe damals. Zu allem Überfluss machten mir auch noch die Ohren zu schaffen.

Die Misere nahm ihren Lauf in einem Club am Stadtrand. Es war Samstagabend, als Blowbeat dort ein Konzert gaben. Blowbeat waren für ihren druckvollen Rock bekannt, sie kamen aus Holland, wo sie zum besten Live-Act des Jahres 1987 gewählt worden waren. An der Leadgitarre stand Schnaat, einziger Nicht-Holländer in der Band und ein guter Freund von mir, und so drängelte ich mich trotz schwerer Erkältung bis nach vorn an die Boxen.

Schnaat war ein begnadeter Live-Gitarrist, seine Soli funkelten und kreischten. Er raste auf einen bestimmten Punkt zu, und wenn er ihn erreicht hatte, raste er einfach weiter, das Gesicht zur steckbrieflich gesuchten Visage verzerrt, roh und gemein – ein Gauner an der Rififi-Gitarre, der seine Zuhörer über die Dächer der Großstadt zerrte, in spitz zulaufenden Lackschuhen.

Auch ich hab Gitarrenunterricht genommen, und die Griffe, die ich damals lernte, 1976, beherrsche ich noch heute, doch mir fehlte das wirkliche Talent, es ging nicht übers mühsam Erlernte hinaus. Ich war einer der vielen kleinen Berti Vogts der Bluesgitarre. Außerdem fehlte mir das Durchhaltevermögen eines Schnaat, der an den Stahlsaiten übte, bis seine Fingerkuppen bluteten. Dass Blowbeat es nie ganz an die Spitze schafften – keine Ahnung, woran es lag. Letztlich waren es wohl nicht genug Leute, die sich für ihren druckvollen Großstadtrock begeisterten.

Wobei – es kann niemand etwas für seinen Musikgeschmack. Den Musikgeschmack sucht man sich nicht aus. Man wacht nicht eines Morgens auf und denkt – Hey, ich steh jetzt mal ne Weile auf Skatepunk oder auf Old Skool Detroit Techno House! So läuft das nicht. Musik erwischt einen oder sie erwischt einen eben nicht, und dann muss man zusehen, wie man damit zurechtkommt im Leben.

Übrigens auch mit der Musik, die Anderen gefällt. Die haben sich das auch nicht ausgesucht, die Anderen, was ihnen gefällt, genau sowenig wie du, die machen das auch nicht extra, dass sie Hansi Hinterseer lieben. Dass sie zwanghaft mitträllern, wenn der Hansi im Fernsehen Stimmung macht. Das muss man akzeptieren, auch wenn es nicht leicht fällt. Möglicherweise wäre diesen Leuten sogar wohler in der Haut, hörten sie statt Hansi Hinterseer 72er P-Funk von The Jimmy Caster Bunch, aber man sucht es sich nicht aus. Es sind die Ohren, die entscheiden, die lapidaren Vorposten deiner Seele, die Türsteher, und du hast zu gehorchen. Du hast die Gäste zu empfangen, wie sie kommen, du bist ein Sklave des Zufalls. Mehr ist es nicht.

Hau ab.

*

Am Morgen nach dem Blowbeat-Konzert jaulte und fiepte es in meinem Schädel, als hätte ich unter einer Starkstromleitung kampiert. Ich saß aufrecht im Bett und raufte mir die Haare, ich versuchte verzweifelt den Kopf freizukratzen, den Ton zu verjagen, hinauszuschaufeln, HAU AB, aber es half nichts, der Pfeifton blieb.

Von nun an hatte ich einen Wasserkessel in den Ohren, der bei konstant hoher Hitze vor sich hin flötete, und niemand wusste, wie man den Kessel vom Herd kriegte.

Ich war so dermaßen neben der Kappe, ich ging sogar in die City, damit der Lärm der Verkehrsknotenpunkte das verdammte Gejaule und Gefiepe in mir überlagerte. Mitten auf dem Zebrastreifen blieb ich stehen und steckte mir den Finger ins Ohr, ich wollte hören, ob das Geräusch noch da war. Es war noch da. Es ging nicht weg. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Jeden Tag hoffte ich, dass die Aufregung in meinem Schädel sich legen würde. Dass jemand den Kessel von der Herdplatte nehmen und wieder Ruhe einkehren würde. Vergeblich.

Meine Mutter sagte: Das hab ich auch, das hab ich schon seit vielen Jahren, mal mehr, mal weniger, und schenkte mir ein Buch aus ihrer winzigen Bibliothek. Ich las es in einem Zug aus. Es ging um Tinnitus. Chronische Ohrgeräusche.

Ich hatte noch nie davon gehört.

*

Die theoretische Möglichkeit, dass es von nun an für immer so bleiben würde, trieb mich zum Ohrenarzt am Neumarkt.

“Kein Wunder”, meinte er mit Blick durchs Otoskop, “da ist so viel Ohrenschmalz drin, das hab ich lange nicht gesehen. Ein Wunder eigentlich, dass Sie überhaupt noch irgendetwas hören.”

Er packte die große Gummispritze aus und forderte mich auf, stillzuhalten, die Knie zusammen zu pressen.

“Den Schuh wegen mangelnder Hygiene brauchen Sie sich übrigens nicht anzuziehen”, meinte er wohlwollend, doch dieses Paar Schuhe pflegte ich eh nicht zu tragen. “Manche Menschen produzieren Ohrenschmalz im Überfluss, und zu denen gehören Sie offensichtlich.”

Ich machte ihn noch darauf aufmerksam, dass ich schwer erkältet auf einem lauten Club-Konzert gewesen war, konnte das nicht eventuell der Grund sein für die Ohrgeräusche..? Doch der kauzige Doktor mit den großen Patschehändchen hörte gar nicht hin, er war zu sehr in seinem Element. Ein Ohrenarzt mit Überzeugungen.

“So, jetzt nicht erschrecken, junger Mann..”

Lauwarmes Wasser schoss in mein Ohr und hinterließ ein Gefühl, als wäre ein Staudamm gebrochen, der meinen ganzen Schädel überflutete.

“He! Stillhalten! Ist gleich vorbei..!”

Das Wasser quoll aus dem Ohr wieder heraus und landete als
klebrig-rötliches Sekret in der Petrischale. Der Doktor zeigte mir den Fang. Es sah nicht gut aus. Er verzog das Gesicht.

“Wie Currywurst”, sagte ich unsicher.

Der Ohrenarzt wiederholte die Spülung noch zweimal, erst dann war er zufrieden.

“Jetzt müssten die Ohren frei sein.”

Ich stand auf und machte einige vorsichtige Schritte durchs Behandlungszimmer. Es fauchte aus meiner Nase, es war das Fauchen eines wilden Tieres in einer brandneuen Halle. Dabei atmete ich doch bloß.

“Bessser jetsst?” fragte der Doktor.

“Weisss nicht..”

Die s-Laute flogen mir nicht nur gleißend-scharf entgegen, sie schossen auch aus mir heraus wie aus überdimensionierten Knallplättchenpistolen. Ich fühlte mich vergewaltigt, von Rasierklingen zerstückelt. Ich machte, dass ich aus der Praxis rauskam. Auf der Strasse verfolgte mich ein Rasseln. Ich drehte mich genervt um, bloß – hinter mir war niemand. Es dauerte, bis mir aufging, dass es lose Münzen waren, die in meiner Gesäßtasche beim Gehen klimperten.

Zu Hause schloss ich die Fenster, und legte mich aufs Bett. Ich suchte nur noch Ruhe, Einkehr, Kontemplation. Siebenundzwanzig lange Jahre hatte ich in einer abgeschirmten Enklave gelebt, nun war der Schutzschirm gekappt. Ich war überwältigt von der schieren Lautstärke der Welt. Durch die geschlossenen Thermopane-Fenster hörte ich, wie der Nachbar gegenüber im Hobbykeller seine Laubsägearbeiten ausführte, und es kreischte wie an einer Fräsmaschine.

Es waren laute Tage, damals, mit 27.

*

Einziger Effekt der Ohrspülung: das Gepiepe im Ohr wurde klarer und reiner, sozusagen sortenrein, nun, wo der Schmand fort war, die Rauschunterdrückung, das private Dolby-System.

Am heftigsten war es in der Nacht, wenn ich wach lag und keinen Schlaf fand. Manchmal wusste ich nicht, ob es tatsächlich im Ohr fiepte oder ob ich mir das ganze Malheur nur einbildete. Also steckte ich den Finger ins Ohr und versuchte den falsettartigen Ton zu isolieren. In der engen Schnecke rief ich den Feind zum Duell. Nur ich und die Fistelstimme. Die verfluchte Kastraten-Staffel. Ich hatte keine Chance. Getroffen sank ich in den Staub.

Wo andere Leute ihr Nervenkostüm hatten, stand bei mir die Schublade offen, darin loses Garn, kranke Fetzen, Fitzel. Der fehlende Schlaf machte ein Wrack aus mir. Ich trank keinen Alkohol mehr, rauchte kaum eine Zigarette. Ich ließ das Kiffen Kiffen sein und schnappte mir unseren Hund, einen jungen freundlichen Collie-Mischling, für Gewaltmärsche durch die Wupperberge. Um die Durchblutung zu fördern, wie die Gräfin riet. Um dem Nest zu entrinnen, sagte ich. Dem Nest in meinem Kopf.

Manchmal waren der Hund und ich den ganzen Tag unterwegs. Wir landeten in Autobahnraststätten und in dunklen vergessenen Hofschaften mit Namen wie Hoffnung, Jammertal und Schwarze Pfähle. Wir raschelten wie Laub im Wind, Kilometer um Kilometer, weiter, immer weiter, bis der Kopf endlich hinterher mir her hinkte und etwas Ruhe gab.

Abends lag ich mit monströsen Kilometerbeinen im Bett, komplett k.o., und konnte doch nicht einschlafen. Die Gräfin stellte das Radio am Bett an, leise, nicht zu leise. Die Lautstärke musste exakt den Frequenzbereich des schrillen Ohrgeräuschs treffen, damit es ausgeglichen und kompensiert wurde, sonst brachte es nichts. Ich war fertig mit den Nerven. Nichts ging mehr.

*

Mittags um halb eins besuchte ich meine Eltern. Punkt halb eins stand das Mittagessen auf dem Tisch, eine feste Größe seit Kindertagen. Ich war auf der Suche nach fester Größe.

Mein Vater erzählte von Kollege Vandersee, dem bei einer Knieoperation versehentlich die Hauptschlagader durchtrennt worden war, worauf er fast verblutet wäre. Erst in letzter Sekunde hatte man ihn retten können.

Noch beim Dessert wälzten sich Vaters Worte durch mein angegriffenes Nervensystem, ich sah eine pochende Hauptschlagader, vom aufblitzenden Besteck in meiner Hand attackiert. Blut platzte warm über den Mittagstisch, ich schüttelte mich wie ein nasser Hund und blickte rasch und hilfesuchend zu Mutter hinüber und biss ihr den kleinen Finger ab.

So ging es nicht weiter.

*

Wieder zum Ohrenarzt am Neumarkt.

“Was denn noch, junger Mann? Hat die Spülung nicht geholfen?”

Er hatte nicht nur große Patschehändchen, er war überhaupt von massiger weicher Statur, eine lasche Trutzburg. Diesmal wollte er der Sache auf den Grund gehen. Er sperrte mich in eine schalldichte Audio-Kabine und spielte mir über Lautsprecher diverse Töne ein, in verschiedenen Lautstärken und Höhen. Ich sollte Bescheid geben, sobald der Ton getroffen war, den ich ständig im Ohr hatte. Das Ergebnis war alarmierend und schon im tiefroten Bereich einer chronischen Schädigung, so der Doktor. Ob ich erblich vorbelastet sei. Ob es in meiner Familie Fälle von Schwerhörigkeit oder Taubheit gäbe.

“Na sicher”, sagte ich. “Mein Vater. Mein Opa auch.”

Im Jahre 1900 geboren, war Opa stets so alt wie das Jahrhundert. Ein stämmiger, laut polternder Herr, der mir zum 18. Geburtstag ein Buch geschenkt hatte, mit einem milden Lächeln, das sonst gar nicht zu seinem Wesen passte: Aus dem Leben eines Taugenichts.

Weil Großvater so schlecht hörte, dass man jeden Satz wiederholen musste, waren Teile der Familie dazu übergegangen, alles gleich zweimal zu sagen, die Wiederholung in fetten Druckbuchstaben, wie im Revolverblatt.

“Junger Mann, Sie sind auf dem besten Wege zur Schwerhörigkeit”, hetzte der Doktor.

Dabei glänzten seine Backen, als hätte er eine Speckschwarte tief ins Gesicht gezogen. Dieser Blödmann. Ich glaubte ihm kein Wort. Ich war erkältet gewesen und hatte beim Rock-Konzert zu lange vor den Boxen gestanden, das war alles. Und jetzt hatte ich den Salat.

Rockkonzert? fragte er.

Ja, Rockkonzert, sagte ich. Blowbeat.

Ach so, sagte er. Rock-Konzert. Schall-Traumata. Tinnitus. Klare Sache.

Mit seinen für einen leidenschaftlichen Menschen besorgniserregend laschen Patschehändchen stellte er mir ein Rezept für ein Medikament aus, das die Durchblutung der Ohren fördern sollte. Ich probierte es aus. Es machte müde, es machte schrecklich müde. Ich steckte ein Buch ein und ging mit dem Hund spazieren, kam aber nicht weit, nur bis in den Park. Ich las Der Untertan von Heinrich Mann und schlief auf der Parkbank ein, am hellichten Tag. Der Hund wachte über meinen Schlaf. Als ich die Augen aufschlug, stand das Falsettgeschwader im Ohr höher als je zuvor.

Am vierten Tag setzte ich das Medikament ab.

*

“Geräusche im Ohr? Hat doch jeder”, meinte Schnaat, als ich neben ihm am Tresen stand.

Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte oder ob er mir nur etwas von meinem Drama nehmen wollte. Er wusste, wie sehr ich mich in etwas reinsteigern konnte.

“Jeder hat doch Geräusche im Ohr. Ist doch normal.”

“Aber nicht diese beschissene Dauersirene. Ich bilde mir das nicht ein.”

“Dann lass mal hören”, sagte Schnaat, er rückte nah an
mich heran. Da standen wir am Tresen, Ohr an Ohr, wie im tiefen Winter, wenn ein Auto dem anderen Starthilfe gibt. Es gelang ihm zwar nicht, meinen Tinnitus heraus zu hören, er war sich aber sicher, einen Song von Blowbeat erkennen zu können.

“Das ist doch.. unsere zweite Zugabe!”

*

Das Ende der Ohrgeräusche begann damit, dass ich mir vornahm, das Ganze nicht mehr ernst zu nehmen. Hört sich komisch an, war aber so. Von heute auf morgen versuchte ich den Schwarm in meinem Schädel zu überhören, ich schickte ihn gen Süden. Raus aus meiner Trompete. Runter da. Du kannst mich mal. Wichser. Stalker. Und ganz ohne Yoga, ohne Meditation kehrte tatsächlich mein Gleichmut zurück.

Nun könnte man sagen: warum nicht gleich so, wenn es doch so einfach war? Hättest dir ein paar schlimme Wochen erspart. All die Nächte. Die Verzweiflung. Aber so funktioniert es nicht. Das wäre zu einfach. Erst das überstandene Chaos sorgt dafür, dass..

dass..

*

Alles, was man fürs Leben braucht, lernt man im Pop-Song. Was das Chaos betrifft, durch das man hindurch muss, haben mir die Doors die Augen geöffnet. In „The End“, über 10 Minuten lang, ist ein Instrumental-Wahnsinn eingewoben, wo alles drunter und drüber geht und man am liebsten im Erdboden versinken möchte, um der Apokalypse zu entkommen, doch gerade noch rechtzeitig pendelt sich der Song wieder auf den simplen ruhigen Akkorden des Beginns ein – und alles wird gut. Und doch – erst das überstandene Chaos verleiht dem Song Magie.

*

Eines Nachts wurde ich wach und ging pinkeln. Ich stand vorm Klo und wunderte mich über den fehlenden Krach, die Stille. Ich steckte den Finger ins Ohr, um das Geräusch zu isolieren, das sonst immer da war, doch es war – weg. Es war nichts mehr da, gar nichts. Bis auf das übliche, zu vernachlässigende Grundrauschen des Universums, die Zimmerlautstärke der Milchstraße, ein Megahertz. Ich stieg zurück ins Bett, und schlief weiter. Ich schlief Tag um Tag. Ich schlief einen halben Monat lang.

Als ich aufwachte, war ich 28.

 

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15 Gedanken zu „28

  1. Satz fuer Satz ein Hammer. Und den Roman hast du laengst geschrieben. In Etappen vielleicht, aber existent. Glumm ist Literatur und diese beiden Scheiss-Buchdeckel dengeln wir auch noch um dich herum. Verlass dich drauf.

  2. ja, wenn ich mich so gut ausdrücken könnte wie glumm, könnte ich jetzt beschreiben, wie gut das hier ist. ich bin aber eine leserin, keine schreiberin. deshalb sage ich nur: danke.

  3. hattest du den tinnitus auf beiden ohren? ich hab auch so was, seit jahren, nicht quälend, aber stetig. allerdings nur links. ich ignoriere es, aber weg gehts nicht.
    ab wann ist es „tinnitus“?
    klasse geschrieben übrigens … 🙂

    • Links, ich war auch auf links gepolt. Wobei es nicht so war, dass rechts gar nichts gewesen ist. Eigentlich war das Geräusch überall, zu jeder Tages- und Nachtzeit, aber links war schlimmer. Viel machen dagegen kann man m.E. nicht, nur versuchen die Ruhe zu bewahren. Je mehr ich mich auf das Geräusch in meinen Ohren konzentrierte, desto lauter, fordernder wurde es. Tinnitus ist wie Burnout, ein Kind unserer Zeit, das es schon immer gegeben hat. Und ausserdem: Es kann jederzeit zurückkommen..

      • bei mir ist es je nach stress/ruhe stärker/weniger stark. deutlicher hinweis also, stress mir zu liebe zu vermeiden. weiser körper irgendwie.
        danke für deine ergänzungen. das macht echt mut, dass es womöglich mal aufhören könnte.

  4. ich wusste doch, dass mir was fehlte, in den letzten wochen ohne leine:
    klasse!
    und immerhin kannst du immerhin schreiben. viele können das nicht.
    gruß, uwe

  5. Das geht nur ab. Und ich glaube auch, dass es bald richtig abgeht. Da bin ich ganz zuversichtlich! Ich freue mich schon auf den Abend in Hamburg. Welch schönes Ereignis am sonst so plumpen Tag des Einheitsbreis… Bis dahin, weiter so gutes Gelingen!

  6. Pingback: 28 – Teil 2 | Studio Glumm

  7. Pingback: Lesestoff - Ausgabe 58 - DenkfabrikBlog.de

  8. Will nur kurz bemerken,daß man sich wohl nicht einig ist ,ob Brian Jones (Stones-auch Club 27) am 2.oder 3.Juli 69 gestorben ist.da ich mir aber immer sicher war,daß in mir ein Rockstar schlummert (und was für einer) und ich am 2.7.69 geboren wurde,bin ich mir FAST sicher,daß es der 2.war!

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