Flurpunk

Vor einer Weile wohnte Gus über uns, ein 40jähriger ex-Punk, und seine nicht minder punkige 15jährige Realschultochter Greta. Gus war gelernter Maler und Anstreicher und hatte Schultern wie Turnbarren, Greta war eher pummelig. Sie konnte wunderbar rauchig lachen und ackerte sich durch Vaters Plattensammlung, eine fleißige Seele, immer gut für einen knüppellauten Toten Hosen-Song oder sonstige Beschallungstechniken, etwa wenn sie des Nachts über den Parkettboden zum Klo huschte, auf Holzpantinen. Recht sympathisch das alles, besonders wenn man als Nachbar Ohren hatte ohne jegliche Funktion: herrlich geradezu.

Wir hatten schnell die Nase voll von dem Lärm. Überall begegneten einem in sich gekehrte, schweigsame Kids mit Headsets, groß wie Parabolspiegel, aus denen kein Mucks nach draussen drang, außer bei uns zu Hause, da gab es Punk und Pantinen ohne Ende. Wir klingelten bei Gus, („komm, wir gehen zu zweit hoch, das macht mehr Eindruck“), und beschwerten uns nachhaltig über die dauernde Ruhestörung, und da sich der Nachbar überraschend verständig zeigte, im hautengen T-Shit, den Bizeps ausrollend, locker wie Blätterteig, herrschte wieder Friede im Haus.

Tiefer Friede, denn auch Töchterchen Greta gab sich konziliant und wechselte kurzfristig die Identität. Punk war passé. Mit der neuen Steckfrisur und dem grauen knielangen Röckchen glich sie plötzlich einer kleinen Frau, die einkaufen geht.

Der Friede hielt bis zum Pfingstwochenende. Da brachte Gus, nicht zum ersten Mal, den Arbeitskollegen Sprotte mit nach Hause. Der war zwanzig Jahre jünger und führte eine blonde Fischlocke spazieren, exakt auf Kante gemangelt und in die Stirn getrieben. Immer wenn Sprotte zu Besuch kam, gab es Ärger. Sprotte war ein Pöbel aus Überzeugung. Den ganzen Pfingstfreitag war die Hölle los, Gus und Sprotte misshandelten uns mit schwerindustrieller Melodieführung und schickten Punk-Rock über die Bretter, die unsere Zimmerdecke bedeuteten. Da aber lange Ruhe im Haus gewesen war, liessen wir die Bande gewähren und Gnade vor Recht ergehen.

Fehler!

Zunächst nicht. Da ich sehr müde war an diesem Tag, schlief ich trotz des Lärms ein, tief, wie von der Mafia versenkt.

Es war Mitternacht, als ich aufwachte, mit Stöpsel im Ohr und verwuschelten Augenbrauen. Die Gräfin saß neben mir im Bett und stierte in den Fernsehapparat, aber nur mit einem Auge, das andere blitzte zornig nach oben, wo ein Riesenradau im Gange war.

“Hm…? Spinnen die?!” räusperte ich mich. “Wieviel Leute sind das denn mittlerweile..?”

“Das sind immer noch die drei! Aber die machen Lärm für zehn! Das geht seit bestimmt zwei Stunden so, und die werden immer dreister! Dauert nicht mehr lang, und ich raste aus..!”

Au weia, das klang nicht gut. Die Gräfin und Ausrasten, das konnte böse enden – so böse, dass selbst Rammstein verschämt die Straßenseite wechselten. Da war es besser, ich ließ mir was einfallen. Ich stieg aus dem Bett und schnappte mir den großen Besen, der in unserer Küche stand und selten gebraucht wurde, und rammte den Stiel gegen die Zimmerdecke, PFOCK! PFOCK! PFOCK! Mit einer Vehemenz, dass sich etwas Tapete löste und herabrieselte. Sicherheitshalber legte ich einen nach – trocken, punktgenau:

PFOCK!

“HE, MACHT LEISER DA OBEN! IHR SPINNT WOHL! IHR ASIS!”

Ha! Genau wie früher! Nur umgekehrt. Als die gute alte Frau Fischer noch über uns wohnte und mit dem Besenstiel nach unten meckerte und knuffte, weil ich es einfach nicht übers Herz brachte, Alice Coopers School’s out leiser als 120 Dezibel abzuspielen. „HIER OBEN KANN MAN SEINEN EIGENEN FERNSEHER NICHT VERSTEHEN!“ krähte Frau Fischer gern gegen die Musik an.

Das waren noch Zeiten!

Resultat meiner Klopfaktion: es wurde leise, Gus drehte die Lautstärke runter. Auf der Stelle, runter auf null. Sehr schön. Die Gräfin und ich verschwanden wieder ins Bett.

“Die haben aber fix reagiert, die beiden”, wunderte sie sich.

“Tja, Baby“, sagte ich, „man muss wissen, wie man den Schrubber ansetzt. Das hab ich von Frau Fischer gelernt. Klopfe wie ein Mann! Nicht so bitte, bitte die Decke streicheln.. das bringt nichts.”

Genau in diesem Moment, und nicht eine Hundertsel Sekunde später, kehrte im ersten Stock des Hauses der Speed Metal zurück, der Dark Metal und der Metal Metal, auf so breiter und basslastiger und gehässiger Front, dass die Membran davonflog. Dazu das höhnische Gelächter von Greta, Sprotte & Gus., Gelächter, was red ich, eher so.. so

GEWIEHER!!

Ich geriet außer mir! Ich raste! Und zwar immer der Gräfin nach. Die war aus dem Bett gesprungen, rüber in die Wohnküche. Ein wütendes Weib, das sich den Schrubber schnappte und losschlug. PFOCK PFOCK!!!

“MACHT ENDLICH LEISE DA OBEN!! ES REICHT!”

Und was machte das Trio über uns, voll wie die Treteimer? Klopfte zurück. Pfock. Pfock. PFFFOKKKK!!!! Total link! Die Gräfin kehrte ins Bett zurück. Verblüfft ob dieser Respektlosigkeit. Damit hatte sie nicht gerechnet. Mit dieser Respektlosigkeit hatte niemand gerechnet, auch ich nicht. Ich war sogar im Bett liegen geblieben und hatte gedacht, geht auch ohne mich. Ich muss uns ja nicht den schönen Besen ruinieren.

“Scheisse, sind die besoffen”, sagte ich mit leichter Bewunderung.

“Und ich bin nüchtern und total genervt!” zeterte die Gräfin. “Muss ich jetzt etwa genauso besoffen sein wie die Penner da oben, nur damit hier alle glücklich sind!!?” Sie war in Rage. “Wie kannst du da so ruhig liegen bleiben im Bett?“ Ich war ein abgekauter müder alter Männer-Bleistift, aber sie wusste, wie man mich anspitzt. „Die tanzen uns auf dem Kopf rum! Die machen sich lustig über uns! Die Lutscher!!”

Ruckzuck war ich auf den Beinen. Meiner Puppe tanzte niemand auf dem Kopf herum! Mir vielleicht – aber nicht ihr! WICHSER! Nachdem der Parkettboden in der Wohnung über uns geschreddert worden war, hinterliess ein martialisch dumpfer Heavy Metal-Schlitten seine Spuren im Estrich, mit Kufen auf Düsenjet-Basis.

“Wir drehen denen Pennern den Strom ab”, knurrte ich.

Die Gräfin, sofort Feuer und Flamme, war ausführendes Organ. Sie rannte barfuß in den Keller, während Ich oben am Treppenabsatz stehen blieb. Endlich meldete sich auch unser Hund, er war gerade wach geworden. Er stand neben mir, zerzaust wie ein großes graues Vögelchen.

“Verflucht! Wo sind denn. die.. die.. Sicherungen!” hörte ich die Gräfin hantieren und schimpfen. „Komm runter! Bring Licht mit.“

Frau Moll und ich setzten uns in Bewegung. Im Keller war es stockfinster. Zu dritt scharten wir uns um den Sicherungskasten.

“Wo ist denn hier erste Etage, verdammt?!”

Ich zündete ein Streichholz an. “Hier.”

“Ach da.. Und welchen Schalter leg ich um? Das sind doch mindestens zehn Schalter, nur für die erste Etage! Einer fürn Herd, einer fürs Licht, einer.. “

“Alle“, sagte ich. „Leg alle um!”

Zzzzzp… Der Reihe nach klappten die Schulter runter. Zehn auf dem Felde verreckte Soldaten – und sofort war Stille im Haus.

“Damit haben die nicht gerechnet!” freute sich die Gräfin, als wir uns aus dem Keller zurückzogen. Die Stromsperre erster Etage war ein voller Erfolg. Im Haus war es still und dunkel, lediglich unser alter Fernseher flackerte vor sich hin. Wir klatschten uns ab. Wir schauten noch in einen Spätfilm rein, waren aber nicht ganz bei der Sache. Wir warteten auf eine Gegenreaktion. Da musste doch was kommen. Da fehlte doch noch was.

„Das können die doch nicht einfach auf sich sitzen lassen. Oder meinst du, die sind so besoffen, die merken nicht mal, dass sie im Dunkeln sitzen..?”

“Hm. Da würd ich jetzt nicht drauf wetten”, sagte ich.

Als hätte ich es schon geahnt, war da plötzlich mehrstimmiges Gewisper. Es kam aus dem Hausflur. Dann tauchte das Fernsehbild ab, dann die roten Leuchtziffern des Radioweckers – weg. Es war alles weg.

“NEE JETZT, NE!? DIE HABEN UNSEREN STROM GEKAPPT!”

Wir raus in den Flur, die Gräfin, Frau Moll und ich, drei Furien auf dem Weg in die Hölle. Jemand stapfte die Kellertreppe hinauf. Ich griff ins Dunkel und erwischte ein Schlafittchen. Es war Gus, mit einem spitzbübisch-besoffenen Grinsen im Gesicht: Den Spießern hab ich’s gezeigt!

“Seid ihr eigentlich bescheuert?!” brüllte ich ihn an.

Ich bin ein friedliebender Mensch, ich bin ein langmütiger Mensch, doch irgendwann reicht es – dann bin ich nur noch Mensch, mit allen männlichen Ausprägungen wie etwa Boxen auf dem Rummel und Schützenfest-Schubsen.

“Den ganzen Tag eure scheiß Musik, da dreht man doch durch..!”

Ich riss an seiner Schulter, wollte ihn aus dem Weg räumen, aber Gus blieb unbeeindruckt. Er stand einfach da. Wie ein Fels. Warm, überraschend warm. Als hätte er den ganzen Tag Sonne genossen. Gus, der ex -Punk, der im Herzen immer Punk-Rocker geblieben war.

“Die Finger weg..”, drohte er, nur mühsam seinen Zorn unterdrückend.

“Wie, die Finger weg?! Wir haben die Nase voll von euch! Was glaubt ihr eigentlich, was ihr euch alles erlauben könnt??”

“Fass mich nicht an – da steh ich gar nicht drauf..”

Er packte mich ebenfalls am Kragen, das war die Position, in der wir verharrten, am Treppenabsatz. Es ging nicht vor und nicht zurück. Bis die Gräfin sich einmischte, von hinten, in den Händen den Wassernapf des Hundes. Keine Ahnung, wie sie ihn so schnell beschafft hatte.

“He, hört auf! Ihr sollt aufhören! Alle beide!”

In einem Schwall kippte sie das Wasser über uns aus. Gus und ich standen da wie zwei begossene Flurpudel. Wie aufs Stichwort gab sich nun auch Sprotte die Ehre. Kam die Treppe runtergewatschelt, ein betrunkener Pinguin, in der Stirn die blonde Fischlocke.

“Und ich dachte, ihr seid cool!” prustete er.

Die Gräfin glotzte ihn an wie einen Alien.

“Cool..”, spottete sie. “Du Blödmann.”

“Wir wollen doch nur feiern!” rief Sprotte. “Die ganze Woche haben wir hart gearbeitet, da kann man doch mal feiern am Wochenende, oder nicht!? Wieso kommt ihr nicht einfach hoch zu uns und trinkt ein Bierchen mit?! Das wär cool!”

“Vielleicht, weil wir keine Lust dazu haben!?” entgegnete die Gräfin. “Oder muss ich mich vor dir rechtfertigen, wenn ich keine Lust hab zu saufen?! Du hast sie wohl nicht mehr alle!”

Der Hund gab keinen Ton von sich. Fletschte nicht mal die Zähne, wie er es sonst tat, wenn Fremde im Haus sind. Er saß einfach nur da. Als wäre das gar kein Hund, nur ein großes Damenhandtäschchen, aus dem ein Haufen Fell quoll.

“Hat ja keiner was dagegen, wenn ihr feiert, aber irgendwann ist Schluss! Ihr könnt uns doch nicht die ganze Nacht auf den Nerv gehen! Wir nerven auch niemanden!” tobte die Gräfin.

“Na klar nervt ihr jemanden!”

“Wir!!? Wen nerven wir denn?!”

“Na, UNS! Ihr nervt uns! Mit eurem Leisesein!”

Gus und ich waren plötzlich nur noch Randfiguren, die einem Tratsch im Treppenhaus beiwohnten. Wir waren im Ohnesorg-Theater, und ich war Henry Vahl.

“Komm, Sprotte, ist gut..”, sagte Gus, “Lass gut sein.”

Dann, leiser, zu mir: “Tut mir leid.. ich will das alles nicht.. Ich bin nicht so gut drauf im Moment, weisst du.”

“Dann mach nächstes Mal einfach die Musik leiser”, schlug ich vor.

Sprotte watschelte nervös auf dem Treppenabsatz hin und her, wie ein alberner Sparringspartner. Die Gräfin nannte ihn zweimal hintereinander Hotte.

“Du weißt ja noch nicht einmal, wie ich heiße!” entrüstete der sich daraufhin.

“Na ja, wie denn auch, du Blödmann! Hast du dich bei mir etwa vorgestellt?”

Plötzlich hörten wir ein rauchiges Kichern, alle guckten das Treppenhaus hoch. Greta war dazugekommen und hielt ihr Handy ins Treppenhaus, knipste ein Foto mit Blitzlicht.

„Alles klar! Am Montag seid ihr die Attraktion in der großen Pause!“

Na, ob das angehen konnte. Vielleicht für die kleine Fünf-Minuten-Pause zwischen der ersten und zweiten Stunde. Alter, hauen die beiden Penner sich noch aufs Maul – oder schwulen die nur rum?!

Als wir nach Mitternacht endlich im Bett lagen und Ruhe einkehrte, hatte die Gräfin einen interessanten Gedanken.

“Was meinst du? Haben wir vielleicht den Schuss nicht gehört?”

“Hm? Welchen Schuss?”

“Na ja, vielleicht hat sich der Wind in der Welt längst gedreht und jetzt müssen die Leisen Rücksicht nehmen auf die Lauten.”

Wir lagen noch eine Weile wach.

3 Gedanken zu „Flurpunk

  1. Das Rad der Zeit. So ist es wohl. Ich erinnere mich an Nachbarn, die morgens um siebens mit dem Stil bei uns klopften, da ihnen unsere Kinder zu laut waren. Sonntags. Nicht ganz vier Jahre später, klopfen und klingeln doppelt so viele Nachbarn bei ihnen, denn ihre zauberhaften Nachkömmlinge geben gern ihr Bestes.
    Und ich, schon lange ausgezogen, grins wenn sie mir davon erzählt und sag nix. Sie schaut dann immer verschämt, entschuldigend zu Boden 😀

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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