Chez Schorsch

Manchmal gingen wir gemeinsam auf Tour. Sie konnte ganz schön was wegschlucken, besonders die harten Sachen wie Whisky und Wodka, da konnte ich nicht mithalten. Ich war ein Biertrinker, gelegentlich ein warmer Osborne oder ein 103er. Ich war schwer beeindruckt. Sie war nicht mal besoffen.

Wenn wir das Wochenende durchgemacht hatten, schleppten wir uns Sonntags zum Schorsch und bestellten Kotletts mit Bratkartoffeln. Riesige Dinger, lecker unpaniert, eins a Bratkartoffeln. Schorsch hieß eigentlich Gregorius und war ein trauriger kleiner Grieche, der sich so oft räusperte, als täte ihm das ganze Leben leid, besonders sein eigenes in der verräucherten kleinen Eckkneipe am Neumarkt. Unter den Stammgästen erzählte man sich, dass ihm die Frau weggelaufen sei, das ist es, was ihn so quält, was ihn so fertigmacht.

Na ja, sagte ich zur Gräfin, ich kenne keinen Mann, dem nicht irgendwann die Frau wegläuft, das gehört doch zum guten Ton, oder nicht.

Ja vielleicht, entgegnete die Gräfin, aber wenn es doch die Frau seine Lebens war..

Und schon tat Schorsch einem wieder leid.

Er trug ständig diesen mausgrauen Kittel, doch wenn man genau hinschaute, war da gar kein Kittel. Na schön – ich weiss auch nicht, was für Klamotten er am Leib hatte, jedenfalls wirkte alles mausgrau an ihm und wie ein Kittel, es war nichts zu machen.

Schorsch hatte definitiv seine Macken.

Wenn sich die Kundschaft von einer Sekunde auf die andere stapelte und ihm alles zuviel wurde, wehrte er sich mit heftigem Zucken der Augenlider – und wenn es ganz schlimm kam, setzte sich das Zucken in den Schultern fort, wie an einem Fließband. Und plötzlich stand ein kleiner mausgrauer griechischer Hausmeister vor einem, der in die Steckdose gegriffen hatte, und es tat ihm leid, dass die Gäste mitansehen mussten, wie der Strom durch ihn hindurchjagte.

Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch.

Mal abgesehen vom Fraß in der normalen Imbissbude, die der Eckkneipe angeschlossen war, bot Schorsch stets auch ein Mittagsgericht an, aber nur auf Nachfrage. Die meisten Gäste, die entweder ihre Frikadellen kauften in der Pommesbude oder an der Theke ihr Bier tranken, wussten nichts von diesem Angebot, es interessierte sie auch nicht. Sie wollten trinken und eine Runde würfeln und nachts um zwei nach Hause eiern, mit ner kalten Frikadelle auf der Faust, die Fresse senfverschmiert.

Vielleicht war es das, was Schorsch so traurig machte, dass er sich permanent räuspern musste und zuckte wie am Fließband: Dass Deutschland einen Pommesbuden-Heinrich aus ihm gemacht hatte. Denn beim Tagesgericht zeigte Schorsch, was er drauf hatte. Dass er Gregorius hieß und aus Thessaloniki stammte. Es war einfache griechische Landküche, deftige Eintöpfe mit Fleisch und viel frischem Gemüse und immer so reichlich, dass wir uns kaum noch bewegen konnten, wenn wir brav aufgegessen hatten.

Wir hatten Spaß gefunden an seiner Kocherei und kehrten nun auch mitten in der Woche bei ihm ein, nicht nur am Sonntag, um den Kater klein zu kriegen. Und wir nahmen nicht nur die grandiosen Koteletts mit Bratkartoffeln, wir futterten die Speisekarte rauf und runter. Es gab fünf Gerichte.

Und weil es uns so gut schmeckte, kam Schorsch an den Tisch und schenkte persönlich den Nachschlag aus, ohne dass wir nach ihm gerufen hätten. Den Nachschlag holte er mit der Suppenkelle direkt aus dem Riesenbottich, und wehe, wir schlugen ihm etwas ab. Da war er ganz Gregorius aus Thessaloniki, berühmt für Koteletts und zappige Eintöpfe. Sogar die Frikadellen waren aus Fleisch. Er fühlte sich gebauchpinselt und legte sich immer mehr ins Zeug. Er nahm das Kochen sehr ernst. Die Küche war seine Daseinsberechtigung. Scheiß auf die Frauen, zwinkerte ich ihm zu.

Er war auf dem Weg zur Legende.

„So, was kann ich euch heute bringen?“ Fast schüchtern trat er an den Tisch. „Ich hab schönen Eintopf da heute.“

Mann, Mann, Mann – es war so lecker, wir sind fast geplatzt. (Von wegen vegan!) Erwähnen möchte ich an dieser Stelle nur den legendären Ostergulasch mit geschmortem Fenchelgemüse. Den Laden am laufen hielten aber weiter die Stammgäste, die zum Saufen kamen. Sie machten sich ein bißchen lustig über Schorsch, der aus dem fernen Griechenland gekommen war und diese seltsame Eckkneipe führte.

Im vorderen Teil war die Pommesbude, eine enge, etwas lieblose Geschichte mit angeschlossener Theke, wo die Stammbelegschaft auf Barhockern saß und jeden Neuankömmling mit einem Gespritzten begrüßte. Dahinter, von einem stabilen Raumteiler abgetrennt, war die kleine Gaststube, wo nur einige Tische und Stühle standen – schlicht, aber einladend. Und meistens leer.

Wenn Schorsch vorn im Imbiss zu tun hatte, was 90 % seiner Zeit beanspruchte, wirkte er stets etwas deplatziert in seinem grauen Kittel, wie ein Möbelspediteur, der fälschlicherweise eine Tonne Schaschlik aufgeladen hatte und nun gucken musste, wohin mit dem ganzen Zeugs. Im hinteren Gastraum dagegen, der Taverne, bewegte er sich so selbstverständlich wie in der Heimat, und sein rechtes Augenlid zitterte wie ein Kolibri, vor Freude.

An einem dieser Sonntage, nach einem Eintopf, der besonders reichhaltig und gelungen war, konnten wir uns buchstäblich nicht mehr bewegen. Eigentlich hatten wir vorgehabt, den Rest des Sonntags gemütlich bei der Gräfin ausklingen zu lassen, doch wir schafften es gerade mal bis zur Ecke Neumarkt/Kölner Straße, dann mussten wir pausieren.

Es war Sommer, nichts ging mehr.

Die Beine wie mit doppelter Schwerkraft im Pflaster verankert, verharrten wir geschlagene zehn Minuten auf dem Trottoir, wie im Wachkoma, und konnten uns nicht rühren. Die Bäuche fühlten sich so prall an, als stiessen sie in der Luft an tausend Litfasssäulen an. Frauen mit Kinderwagen kurvten kopfschüttelnd um uns herum, Zeitungsjungen wechselten die Straßenseite. Wir kamen einfach nicht vom Fleck. Nicht mal eine Zigarette ging noch rein. Auch rückwärts gehen war unmöglich.

„Boah“, prustete die Gräfin, „ich kann nicht mal mehr meine eigene Spucke runterschlucken. Dann kotz ich.“

Eines Tages war sein Laden dicht. Wir waren ein halbes Jahr nicht dagewesen, und standen vor verrammelter Tür. „Was ist denn aus dem Schorsch geworden?“ fragten wir, wann immer uns jemand begegnete, den wir dern alten Stammgästen zurechneten. Doch niemand vermisste Schorsch, niemand wusste, was aus ihm geworden war. Es gab nur die vage Vermutung, er sei zu seiner großen Liebe zurückgekehrt, nach Thessaloniki.

Wir wissen bis heute nicht, was passiert ist. Aber wenn jemand jemals die Lizenz zum delikaten Sattmachen hatte..

Am schönsten waren die Sonntage.

©

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6 Gedanken zu „Chez Schorsch

  1. Pingback: Too much information - Moin - Guten Morgen

  2. Eines fein‘ Tages….. schnapp ich mir meinen Enkel und zeige ihm das damn alte Solingen

    # Da war vom SCHORSCH die Eckkneipe. # Da war das Mumms. # Und davorn hat Glumm in der Telefonzelle gestanden und 50 x die frau angerufen, die nie das Telefon abhob .

    etc. etc-*

  3. Pingback: Too much information - Moin - Guten Morgen

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