Metaphysik

Die Gräfin und die Schamanin haben eine Weile beim selben Steinmetz gearbeitet und sind Freundinnen geworden. Sie telefonieren regelmäßig. Das Festnetztelefon steht immer noch an seinem angestammten Platz in der Küche, ein vorsintflutliches Teil ohne Fotofunktion, bei dem man sich selbst gar nicht knipsen kann beim Sprechen in die Leitung – muss man sich mal vorstellen. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt, bis ich es in unserer Küche entdeckte. Das ist ja das schöne am Hauhalt: wenn sich plötzlich Gerätschaften auftun, mit denen man so nicht mehr gerechnet hat.

Die Schamanin fertigt gern Figuren aus Ton und Speckstein, dickleibige Venus-Geschichten sind ihr Thema. „Die Leute stehen auf so’n archaischen Kram“, sagt sie. Größere Figuren sind in Bronze gegossen, die Brüste hängen tief, wie vollgepackte Einkaufsbeutel. Es sind Steinzeitfrauen mit mächtigen Milchdrüsen, ein draller Kult.

Aber an erster Stelle ist die Schamanin eine Schamanin.

„Die Schamanin hat eine Antenne für die Strömungen anderer Menschen, manchmal macht sie sogar einen Satz nach hinten, wenn jemand vor ihr steht, der ein großes Problem hat, auch wenn derjenige es noch so sehr zu überspielen versucht.“

Die Schamanin empfängt Botschaften in solcher Intensität, dass sie selbst in Bedrängnis gerät. Es passierte auf der Arbeit. Als ein Verehrer von ihr, ein Russe, der im Versand jobbt und den ganzen Tag Heimatlieder pfeift, erfuhr, dass sie eine Lesbe und eine Schamanin ist, wendete sich das Blatt. Statt ihr weiterhin Avancen zu machen, bombardierte er sie mit solch negativen Schwingungen, dass sie Migräne bekam. Sie erschien nur noch mit Kopftuch zur Arbeit, um sich zu schützen vor dem Psycho-Mobbing. Als das nicht half, klebte sie zusätzlich einen doppelten Streifen Alu-Folie auf die Stirn.

Und? Hat was gebracht?

Nee. Noch nicht.

Dabei glaubt die Schamanin fest daran, dass man dem Universum nur die richtigen Kommandos schicken muss – schon klappt das.

Schon klappt was? frag ich.

Na, das! (Die Gräfin)

*

Die Schamanin kann sich mächtig über Männer aufregen. Vorallem ärgert sie, dass eine Frau, die nachts alleine unterwegs ist und plötzlich Schritte hinter sich hört, solche Ängste ausstehen muss – das findet sie schlichtweg zum Kotzen.

„Warum wechselt so ein Blödmann nicht einfach die Strassenseite, damit ich keine Angst vor ihm haben muss?! Der merkt doch, dass ich Angst hab! Ist doch keine große Sache, die Strassenseite zu wechseln, und es wäre eine eine wichtige, eine faire Geste. Ein Signal!“

„Kann schon sein, aber soweit denken die meisten Typen gar nicht“, sag ich zur Gräfin, als sie mir von dem Gespräch erzählt.

„Du aber schon“, sagt die Gräfin und schaut mich an. „Du denkst doch an so was, oder nicht?“

Tatsächlich hab ich mal nachts einen Umweg eingeschlagen, nur weil eine Frau sich die ganze Zeit nervös nach mir umdrehte, als ich auf meinen neuen Stiefeln, breit wie Ölradiatoren und die Sohlen mit Nägeln fixiert, über den Asphalt schlirrte.

Es gefiel mir nicht, dass sie sich verfolgt fühlte.

„Daran würde ich aber garantiert nicht denken, wenn ich besoffen aus der Kneipe komme.“

„Na, dann hat auch keine Frau Angst vor dir, wenn du besoffen aus der Kneipe getorkelt kommst. Dann hat man höchstens Angst, dass man dir hochhelfen muss, falls du dich gleich aufs Maul legst. Das ist aber auch alles.“

Frauen können so mitleidlos sein.

2 Gedanken zu „Metaphysik

  1. ich kichere noch immer vor mich hin … Klasse, die Gräfin!

    Ich denke darüber nach, mich mal bloggenderweise als Männerversteherin zu outen. Auf die Gefahr hin (obwohl ich mich als emanzipierte Frau betrachte) nicht mehr als emanzipiert zu gelten … mal schauen, ob das mal was wird …

  2. Pingback: Von klitzekleinen Unterschieden | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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