Humpelbaron

Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er ein steifes Bein hat. Dass er ein behinderter Knirps ist, der mein Mitgefühl verdient.

Ach was, der hat kein steifes Bein, meinte die Gräfin dagegen von Anfang an, mit sicherem Blick. Der spielt nur. Der spielt Humpelbaron.

Nee, der spielt nicht. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Das tut dem doch weh, das Gehen. Der ist mit steifem Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch.

Weisst du, was ich sehe? Ich sehe ein Kind, das für sich alleine spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie für sich alleine spielen. Die tun nur niedlich, wenn Erwachsene in der Nähe sind und zwei Euro für ein Eis drin sind. Wenn Kinder allein sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein, Humpelbaron.

Davon wollte ich nichts hören. Ich stand im Bann des kleinen Lausejungen vom Zelt gegenüber, ich war blind für eine andere Perspektive. Es war speziell dieses eine Bild, das sich eingeprägt hat. Der Kleine kommt aus dem Vorzelt und hinkt im schnürenden Regen Richtung Familienauto, das neben dem Caravan parkt, auf der durchgeweichten tiefen Wiese. Es stellt sich heraus, dass der Wagen abgeschlossen ist, also muss der Knirps zurück ins Vorzelt, um vom Vater den Autoschlüssel zu holen. Und die ganze Zeit hat der arme Kerl Probleme, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufallen. Er hinkt wie Sau.

Ein Wolkenbruch hatte kurz zuvor alle Camper in die Wohnmobile, Lord Münsterland-Caravans und Familienzelte vertrieben, ich war weit und breit der Einzige, der draussen unter seinem Regenschirm saß. Ich beobachtete den Burschen vom Zelt gegenüber. Den kleinen humpelnden Belgier. Ich war Luft für ihn, ja, die ganze Welt war Luft für ihn, er guckte nicht nach links und nicht nach rechts, er war vertieft in sein 10jähriges Sein – warum also sollte er so tun, als habe er ein lahmes Bein, wenn er sich niemals versicherte, ob ihm jemand dabei zuschaute?

Das macht doch keinen Sinn, sagte ich.

Der Junge, ungefähr zehn Jahre alt, trägt ein Fußballtrikot von Chelsea London. Zehn Jahre ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man auf sein Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist selbst 54 ein großartiges Alter, jedenfalls wenn man gerade 84 wird und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.

Krampfadern heisst das, sagt sie.

Ich meine aber Kampfadern, entgegne ich.

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen auf dem Fahrrad über den nassen Campingplatz stürmen, immer Vollgas. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit im eigenen Kopf ausrufen kann.

Eene Minüt seven! verstehe ich ihn, während das Regenwasser nur so aufspritzt.

Neben seiner Tätigkeit als Radrennfahrer ist er gleichzeitig auch als Kommentator des flämischen Sportkanals tätig. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal und nie wieder.

Er schmeisst das Rad auf die schlammige Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich einen Schluck aus der schnellen Pulle zu genehmigen. Auf zwei höchst intakten Beinen.

Von wegen Humpelbaron.

“Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur Hinkefuß gespielt”, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.

“Wer?”

“Na, der Bursche da drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein. Der hat mich verarscht.”

“Sag ich doch.”

Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich mein, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgefahrene tote Kröte, das kann passieren. Logisch. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..

Erst jetzt fällt mir sein bulliger Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen wirklich bestellt ist, wenn sie allein für sich sind und spielen, sie würden ihre eigene Brut nicht wiedererkennen. Der Homo Sapiens hat erneut eine tiefe Kerbe in mein Gemüt geschlagen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.

Drecksack.

*

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3 Gedanken zu „Humpelbaron

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