N’Pfund Bananen

Geh nicht zu spät, sonst kriegst du keine Bananen mehr!“

Bei Schneefall bin ich mit dem Hund unterwegs zum Penny-Markt. Er hat Eisbömmelchen im Fell und an den Pfoten, so nass und schwer ist der Schnee. 

Der Penny-Markt war früher eine Plus-Filiale, da war mir der Laden irgendwie sympathischer, obwohl die Belegschaft fast dieselbe geblieben ist. Die Mitarbeiter tragen nur andere Kittel, Pennymarktkittel. Und ich vermisse den alten Filialleiter, der stets in Cargo-Hosen zur Arbeit erschien, sich die Wampe am kratzen.

Als ich den nassen Hund unterm Vordach festmachen will, Jenny, Jenny summend, den alten Tanzbodenknüller von John Kincade, dem Schmierlappen unter den Glitter-Rockern der frühen Siebzigerjahre, Jenny, Jenny, dreams are ten a penny, stelle ich fest, dass der Zugang zum Fahrradständer, an dem ich Frau Moll üblicherweise anleine, von einem großen schwarzen Rennrad versperrt ist. Da hat jemand seine Maschine genau an der Stelle festgemacht, wo ich sonst den Hund festmache. Ich will sie einen Meter nach links schieben, damit ich an den verdammten Ständer rankomme, doch kaum hab ich das Rad angefasst, blockiert das Hinterrad. Na schön, dann hebe ich es eben an und trage es weg, denk ich, und im gleichen Moment schießt dieser Lulatsch, dieses Long Vehicle von einem Mann aus dem Penny-Markt.

“HE, STEHEN LASSEN! DAS IST MEINS!! LASSEN SIE DAS SOFORT LOS! WAS SOLL DAS ÜBERHAUPT GEBEN?!“

Der Typ geht mir auf Anhieb so auf den Sack, dass ich tief in die Analkiste greifen und loslegen möchte, doch im Bruchteil einer Sekunde disponiere ich um.

“Das Rad muss ein Stück weg, damit ich den Hund festmachen kann, an dem Ständer da..”

“ABER DAS LÄSST SICH DOCH NICHT SO EINFACH WEGSCHIEBEN..!!”

“Ja, sehen Sie, das hab ich auch gerade gemerkt, und deshalb wollte ich es wegtragen.”

“ABER DAS GEHT NICHT! SIE KÖNNEN DAS BIKE DOCH NICHT EINFACH.. SCHIEBEN!!”

“Wie ich schon sagte, ich wollte es gerade anheben und wegTRAGEN..”

Der Biker, zwei Meter lang, kein Gramm Fett, durchtrainiert bis zur Selbstaufgabe und von adidas After Shave dominiert, geht in die Hocke und untersucht seine Rennmaschine. Er trägt ein eng anliegendes schwarzes Dress, das an einen Neopren-Taucheranzug erinnert.

“..UND WER MUSS SICH HINTERHER DIE HÄNDE SCHMUTZIG MACHEN, WENN DIE KETTE ABSPRINGT??“ beendet er seine Standpauke, von der ich nur das Ende mitbekomme. „SIE ETWA?? DOCH WOHL NICHT, ODER?!”

Ich glotze ihn an. Was will der überhaupt von mir? Wo kommt der her? Was hat er eingekauft? Es ist nichts zu sehen in seinen Händen. Er hat nichts eingekauft. Der Spaziergänger vom Penny-Markt. Der Nassauer vom Penny-Markt. Der Penner vom Penny-Markt, der immer nur so tut, als würde er einkaufen gehen, dabei will er bloß sein neues Roadbike vorm Laden festmachen wie früher den Gaul vorm Saloon und fett angeben. Hat wahrscheinlich fünf extrastarke Hilfsmotoren im Gestänge verborgen, der Sack. Allmählich wird der Knabe lästig. Ausserdem steht er immer noch im Weg. Er und sein Rad.

“UND AUSSERDEM IST EIN FAHRRADSTÄNDER KEIN HUNDE.. PFLOCK ZUM FESTMACHEN!” schreit er. Ihn peinigt wahrscheinlich immer noch der Anblick, wie ich sein Road-Bike anpacke mit meinen Allerweltsflossen. Er ist schwer traumatisiert. “ODER MACHEN SIE SICH ETWA DIE FINGER SCHMUTZIG, WENN DABEI DIE KETTE ABSPRINGT!?”

Fängt der schon wieder an. Ich hasse es, wenn die Leute haargenau die gleichen Worte wählen, wenn sie sich wiederholen. Können die nicht ein bisschen variieren? Er starrt mich wütend an, aus juckenden roten Granulat-Augen. 

“Mann, mach doch nicht so einen Heckmeck, hier ist genug Platz für einen Hund und ein Rad”, sag ich. „Echt, es reicht.“

Er ist so baff über mein Friedensangebot, dass ihm sein Handschuh, den er gerade anziehen wollte, zu Boden fällt, in den Schnee.

“ICH MACHE HECKMECK, WIE ICH WILL!” schnaubt er.

Na schön. Ich brauche den scheiß Fahrradständer nicht. Ich leine den Hund, der mucksmäuschenstill einschneit, an einem blauen Kühl-Container an, der unterm Vordach steht und darauf wartet, abgeholt zu werden. Nachteil: in dieser ungünstigen Position liegt der Hund halb im Eingang des Penny-Marktes, die Leute müssen über ihn hinwegsteigen. Aber das ist mir jetzt auch egal. Sollen sie sich doch alle die Kochen brechen.

“Hier, du Pimmelmann”, sag ich zum Biker und werfe ihm den Chip vor die Füße, der eigentlich für den Einkaufswagen vorgesehen war. Er landet im Schnee, direkt neben seinem Schuh. „Kauf dir ein neues Ritzel, kannst du dich demnächst was schneller vom Acker machen.“ Ich drücke die Eingangstür auf. Wo sind nochmal die Bananen?

N’ Pfund, hat sie gesagt.

8 Gedanken zu „N’Pfund Bananen

  1. Hallo Herr Glumm, lieber Andreas,
    ich habe mich kürzlich durch die gefühlten 1000 Seiten deines Blogs gewühlt. Immer schön von vorne nach hinten, von links oben nach rechts unten. Das hat ’ne Weile gedauert. So zwei Wochen in etwa. Danach war erst mal die Luft etwas raus. – Wiewohl – und hier muß ich kurz erzähen, wie’s war – obgleich ich also viel Spaß hatte… oft saß ich nach dem Lesen mit tiefer, gutturaler Genugtuung und dachte: „Ja, genauso war das. So waren wir. Meine Drogen waren zwar andere, aber im Prinzip. Ich habe zwa nicht in Kneipen auf den Boden Boden geschifft, aber im Prinzip…“ (Also bei mir war das natürlich in Hamburg ganz anders, als bei dir in Solingen… aber im Prinzip… Geil. Genauso war’s). Und natürlich war einiges an und in den Texten redundant, aber so ist das mal, wenn man in eine Werkstatt schaut. (Vielen Dank für die Möglichkeit) Und natürlich verlaufen auch Biografien redundant, gerade, wenn man Sie auf dem Silbertablett serviert bekommt. (Danke auch dafür). Nun ja, nachdem ich mich also durch den Blog gewühlt hatte, war, wie gesagt, die Luft raus. Bis heute. Da war er wieder der Zauber, das glummen hinter dem banalen… die Kunst im simplen… denn so sind unsere Leben: banal, simpel, gewöhnlich. Die Kunst die darus entsteht liegt also in der Fähigkeit, das Banale, Simple, Gewöhnliche so zu schildern, daß es zu flimmern beginnt, daß es glimmt, daß es glummt. (Wow, das ist jetzt vielleicht etwas dick aufgetragen, aber vielleicht verstehst du, was ich meine.) Es ist diese Form der Arte povera, die mich fasziniert. Vielen Dank, ich bleibe am Ball

    Gruß

    Florian

    PS.: Falls jemand einen Tippfehler findet: Schön aufbewahren, sammeln und später einlösen.

    • Schön, dass du meinen Blog als Werkstatt bezeichnest, denn genau das ist es. Ein Versuchslabor. Dinge wiederholen sich in den Geschichten bis zu dem Moment, wo ein dickes Buch daraus wird, oder zwei halb-dicke Bücher, erst dann darf das nicht mehr passieren, und auch die überflüssigen Sachen müssen dann draußen bleiben.

      Dass du die gefühlten 1000 Seiten dieses Blogs mehr oder weniger am Stück reingezogen hast, tut mir (aufrichtig) leid.

      Echt. Dafür ist das nicht gemacht hier.

      P.S.: „.. daß es zu flimmern beginnt, daß es glimmt, daß es glummt..“, großartig.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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