Zahnarztstory No. 4

„Sie müssen loslassen“, schärfte mir der Zahnarzt ein, ein eloquenter Mann unbestimmten Alters, „Sie müssen mir vertrauen. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig durch die Nase, lösen sie die Verkrampfung. Arbeiten Sie mit der Atmung, um zu entspannen. Es passiert Ihnen nichts. Vertrauen Sie mir.“

Während er, flankiert von einer Helferin und einer scheuen Auszubildenden, in meinem Mund zugange war, um den Restbestand des Gebisses zu retten, erklärte er mit ruhiger Stimme jeden Schritt, den er unternahm. Er sprach zu mir, als wäre ich elf Jahre alt und komplett durch den Wind.

Ein guter Mann, dachte ich. Mit dem kann man arbeiten. Mit dem kann man es jedenfalls versuchen. Ich hielt die Augen geschlossen, hörte seine Worte, deren Sinn sich mir kaum eröffnete, aber das machte nichts. Seine leicht spöttelnde, volltönende Stimmlage tat gut, entfaltete hier und da sogar die beabsichtigte leicht sedierende Wirkung. Ein Zahnarzt muss immer auch Hypnotiseur sein. Hypnotiseur, und gutmütiger Grubenarbeiter mit Stirnlampe, der mit Henkelmann in den Stollen einfährt.

Aber wie ich es auch drehte und wendete, eins liess sich nicht vom Tisch wischen: Nichts war mir verhasster, als in Opferhaltung im Zahnarztstuhl zu liegen, den dentalen Fertigkeiten eines Fremden ausgeliefert, von dem mir nicht mehr bekannt war als das Diplom an der Wand, ein Titel im Praxisschild und die Empfehlung eines Kumpels.

„Der ist ganz okay. Der kann gut mit Panikpatienten. Da gehen sogar meine Kinder gerne hin.“

Gerne? Zum Zahnarzt?? Hat der Titten?

Es gab jedenfalls den Ausschlag, dass ich es mit dem Doktor versuchte. Wer mit Kindern kann, dachte ich, kann auch mit Glumm. Gestatten, Superangstpatient. Großwesir aller Panikattacken. Schmerzsensibelchen. Schon in der Grundschule gab es genau zwei Dinge, die mir Angst einjagten.

1. Wenn alle vierzehn Tage Donnerstags Schulschwimmen auf dem Stundenplan stand, und

2.  wenn es zu Beginn der ersten Stunde hiess: Heute kommt der Schulzahnarzt.

Der hatte immer was zu meckern, wenn er mir in den Mund guckte, es gab jedes Mal eine lange Mängelkarte, die dann mein bemitleidenswerter regulärer Zahnarzt Doktor Puder mühselig abarbeiten musste. Ich hasste den Schulzahnarzt, und der Schulzahnarzt hasste Jungs wie mich, die faule Zähne hatten und den Mund nicht aufkriegten. Hass stand auf dem Stundenplan, wenn der Schulzahnarzt kam, Hass an allen Fronten, in allen Gesichtern.

Gut. Das war früher. Jetzt saß ich also bei meinem neuen Zahnarzt, keine 500 Meter Luftlinie von meinem Zuhause am Kannenhof entfernt, ich konnte mein Blut fast hinspucken. Trotz der wärmenden, fast schlafwandlerisch sicheren Worte des Zahnarzts, (schon sein erster Eindruck vom Zustand meiner Zähne hatte mich überrascht: „Das sieht doch gar nicht mal so schlecht aus“), blieb meine Haltung im Zahnarztstuhl verkrampft, mein Herz eine Alarmglocke.

Vom Hochfrequenz-Surren des Bohrers in eine irrationale Form von Angst getrieben, die Hände ineinander verknotet und über den Weichteilen gekreuzt, stumme Fischschreie ausstoßend. Ich konnte nicht anders.

Es war wie immer.

Fast wie immer. Immerhin, ich war nicht weggelaufen, ich hatte nicht Reißaus genommen, kurz bevor ich die Praxis betrat, ich war nicht mal im sonst üblichen, hochakuten Rette mich!-Modus zum Zahnarzt geschlichen, von Entzündungsschmerzen gebeugt, sondern ich war, sozusagen, freiwillig gekommen, bevor wieder alles zu spät war und nur noch extrahiert werden konnte. Es war ein Versuch, die Dinge anzupacken als ihnen ständig hinterherzulaufen.

Es gab zwei Problemfelder. Heute galt unsere Aufmerksamkeit einem Eckzahn im Unterkiefer. Eine Ecke war abgebrochen, die wurde nun mit Plastik verfüllt. Und wo Plastik reingeht, geht auch Plastiksprengstoff rein, dachte ich und fühlte mich für einen Moment wie ein Islamist, der für ein Selbstmordattentat präpariert wird, was mir nicht wirklich weiterhalf und die Nerven beruhigte.

„Atmen Sie ruhig und gleichmäßig durch die Nase.. Niemand reisst Ihnen den Kopf ab.“

Es wurde der Bohrapparat gewechselt. Das neue Gerät arbeitete mit langsamerer Drehgeschwindigkeit und einem sonoren Surren, der Zahnarzt klang wie ein mit Muskeln bepackter Tiefbau-Spezialist, schon älteres Semester, aber erfahren und routiniert – solche Leute brauchte man im Dental-Business. Steiger, die sich in den tieferen Dimensionen des Zahnschmelzes auskannten.

„Ruhig bleiben, schön weiter durch die Nase atmen, Sie machen das grooßartig..“

Ich verfiel in eine Art Dämmerschlaf. Der Doc ging seiner Arbeit nach, die scheue Helferin spülte mit Wasser nach, und auf meiner inneren Leinwand tauchte Großvater Glumm auf, ein Selfmademan, der seine 8köpfige Familie mit dem Schleifen und Fräsen von Zahnarzt-Instrumenten durch die schlechte Zeit brachte.

In meiner Erinnerung ist Opa bis heute ein stattlicher Mann mit kreisrunder Glatze und schelmischen Grinsen im Gesicht, und ich bin jedes Mal baff, wenn ich ihn auf sepiabraunen Fotos entdecke und feststellen muss, der Kerl war kaum größer als meine Großmutter und die war eher dicklich und klein. Vermutlich verdankte Opa seinen stattlichen Eindruck der Tatsache, dass er mit tiefer und fester Stimme sprach – allein das verschaffte ihm einen halben Meter Körpergröße und eine stattliche Erinnerung. Er war gelernter Federmetzreider, wie der Solinger sagt, Taschenmessermonteur, ein Beruf, den er wiederum von seinem Vater erlernt hatte.

Ich erinnere mich, Opa noch bei der Arbeit beobachtet zu haben, wie er auf einem Schemel saß, eine Art dickes Monokel im Auge, als begutachtete er einen Edelstein. Dann setzte er einen Bohrer an, der ein Fräser war, und bearbeitete das Objekt vor ihm, das sich mir als Kind nicht restlos erschloss. Ich erfuhr von meinem Vater, dass es Zahnarztinstrumente waren, die Opa schärfte.

Damit bohrt dir der Zahnarzt das Karies aus den Zähnen, erklärte Vater, und jetzt verstand ich gar nichts mehr. War Opa ein Untergrund-Zahnarzt, der statt einem weißen einen schäbigen grauen Kittel trug und nicht in hellen Praxisräumen praktizierte sondern in seiner schmuddeligen Werkstatt im Keller? Doch warum musste Opa heimlich arbeiten? Und hatte Vater nicht erzählt, dass Großmutter in der Nazizeit jeden Abend ums Haus herum gegangen war und sorgsam alle Schlagläden schloss, weil die Männer im Haus wieder über Hitler herzogen? Dass sie panische Angst davor hatte, von Nachbarn verraten zu werden und im Arbeitslager zu enden?

Wobei – Glumms waren keine Widerstandskämpfer, keine Helden gewesen, im Gegenteil, die Nazis waren die Geister, die sie selbst gerufen hatten.

„Hat Opa die Nazis 1932 gewählt?“ fragte ich Vater.

„Ich glaub schon. Ja. Dein Opa war wie Millionen Andere arbeitslos und hätte jeden gewählt, der ihm Arbeit versprochen hätte. Als sie erkannten, wem sie an die Macht geholfen hatten, war es zu spät.“

Es ging irgendwann nur noch ums nackte Überleben. Mit dem Schleifen von rotierenden Werkzeugen, so die offizielle Bezeichnung, hielt Opa die Großfamilie mit Ach und Krach über Wasser. Er belieferte Zahnärzte im ganzen Rheinland bis hoch nach Niedersachsen mit generalüberholten geschärften Instrumenten, ein Service, wie er damals nahezu unbekannt war. Da er kein Auto hatte, und weil die Jahreskarte der Deutschen Reichsbahn zu teuer war, musste mein Vater, handwerklich geschickt, Fahrkarten fälschen.

„Das war reine Geduldsarbeit, auf den Billets mit einer feinen Klinge das Datum abzuschaben und durch ein neues zu ersetzen. Aber die Schaffner sind uns nie auf die Schliche gekommen.“

„Herr Glumm..?“

1947 kehrte mein Vater aus englischer Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurück und unterstützte Opa, wo er konnte. Die Leute waren so arm, dass man zum Hamstern aufs Land fuhr, wo direkt beim Bauern Solinger Rasierklingen und Messer gegen Nahrungsmittel eingetauscht wurden. Sie fuhren stets zu dritt hamstern, Opa, mein Vater und Onkel Heinz, der zweitälteste Sohn..

„HERR GLUMM!!? Wir sind fertig für heute. Lassen Sie sich vorn einen neuen Termin geben, ja?“

*

Zahnarztstory No.1

Zahnarztstory No. 2

Zahnarztstory No. 3

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Ein Gedanke zu „Zahnarztstory No. 4

  1. Mich haben als Kind schon die Schreie der anderen Delinquenten aus dem „Behandlungsraum“ fertig gemacht. Als Erwachsener habe ich immer auf den entsprechenden Fragebögen angegeben, ich sei Angstpatient. Sie behandeln dich dann zwar wie einen kompletten Vollidioten, aber ich finde es okay.

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