Ich hätte gerne mein Geld!

September ’08

Der Geschäftsführer kam runter in die Bibliothek und drückte mir einen bankfrischen, fast noch steifen Zwanzigeuroschein in die Hand sowie ein Döschen Kaffeesahne.

„Gehen Sie doch bitte rüber in den Markt und holen Kaffeesahne, so Portionsdöschen hier, sagen wir.. na, dreißig Stück, ja? Und zwei große Gebäckmischungen, ja..“

Zum Glück hatte er den Prototyp mitgebracht, ich hätte sonst nicht gewusst, was das sein sollte, Kaffeesahne. Vielleicht glaubte er, dass Leute wie ich, die nicht so viel Geld verdienten wie er, ihren Kaffee mit übriggebliebenem Deckweiß aus alten Grundschultagen süßten. Oder der eigenen Schnötte. Keine Ahnung. Im Institut oben war zur Mittagszeit eine Sitzung angesetzt worden, im kleinen Kreis, wie es hieß, nur die wichtigen Leute. Vorstandssitzung.

Ach ja: Beim Gebäck solle ich aufpassen, rief der Geschäftsführer mir nach. Wegen dem Geld!

„Bringen Sie mir was zurück..! Ich meine, holen Sie ganz normales Gebäck, nicht so.. Bahlsen oder so. Obwohl, Bahlsen ist ja.. ähem normal. Na, Sie wissen schon.. holen Sie einfach kein.. High End.“

Der Supermarkt am Grünewald war so riesig, er erinnert fast an die Hypermarché-Kette Mammouth in Frankreich, mit Einkaufspfaden breit wie Landebahnen. Jetzt am Vormittag war es noch ruhig. Nur ein paar alte Propellermaschinen verloren sich am Obststand, und da war ein dicker Zeppelin, der bei Spirituosen & Tabakwaren andockte. Als ich Richtung Kassen schlenderte, in der Hand Kaffeesahne und Gebäck, stand plötzlich Manfred vor mir: er war der letzte in der kleinen Schlange, die sich vor Kasse 3 gebildet hatte.

„Hallo!“ sagte ich überrascht. „Lange nicht gesehen. Wie gehts?“

„Guten Tag“, grüßte Manfred schüchtern zurück. Ein braver kleiner Mann, der ein semmelblondes Toupet trug, immer noch dasselbe Fabrikat, nach all den Jahren.

Ich lernte Manfred Mitte der Achtziger kennen, als ich mit Karlos am Kannenhof eingezogen war. Die Erdgeschoßwohnung hatte Ofenheizung und einen Schornstein, durch den man in klaren Nächten das Sternenzelt funkeln sah, wie durch ein großes verrußtes Fernrohr. Eine magische Bude, von Anfang an.

„In der Wohnung hat doch vor Jahren der Anstreicher Klein gelebt“, erzählte uns später ein Anwohner, mit dem Unterton eines ungeklärtes Kriminalfalls, doch mehr war aus ihm (oder jedem anderen Nachbarn) nicht herauszukriegen.

Über uns im ersten Stockwerk wohnte Frau Fischer, eine schwere Asthmatikerin mit blauen Apfelkornbäckchen. Schon am ersten Tag stellte sie uns Manfred vor.

„Das ist Manfred“, sagte sie. „Mein Gärtner.“

„Ja hallo“, meinte ich und Karlos: „Ja, genau.“

Ein schöner Gärtner war das. Statt einer Schaufel stand im Waschkeller lediglich ein mickriger alten Spaten ohne Griff in der Ecke rum. Na logisch, er war natürlich nicht der Gärtner, er war ihr Liebhaber, wie wir schnell feststellen durften. Bisweilen auch ihr Handwerker, ihr Lebensmittelbesorger, ihr Kotelettkoch und vieles mehr, mit dem er ihr zur Hand ging, nur im Garten ließ er sich niemals blicken, vom Garten hielt er sich vornehm fern, der Manfred. Mittags sah man ihn oft mit hochrotem Kopf das Haus verlassen, um die leeren Apfelkornpullen zum Glascontainer bringen. Da hatte er hübsch was zu stopfen, der Manfred, der Apfelkorngärtner. Kein Gartengärtner.

Es kristallisierte sich bald heraus, dass Frau Fischer uns nicht besonders gut leiden mochte, mich und Karlos. Sie hielt uns für zwei Homos, die dem tadellosen Apfelkornbäckchenruf des Hauses Schaden zufügten, und erst nachdem die ersten Weiber bei uns ein-und ausgingen, änderte sie ihre Meinung und konzentrierte sich fortan darauf, uns anzuschnauzen, weil wir mit nackten Füßen und dickem Joint am offenen Fenster saßen und JJ Cale hörten. „WIE DIE HOTTENTOTTEN!“ keifte sie auf die asthmatisch-aufgebrachte Art.

Am Abend jedoch, wenn sie es sich im Wohnzimmer gemütlich machte, verlangte sie so lautstark nach ihrem Gärtner, dass die gesamte Siedlung Bescheid wusste: „MAMMMMMM-FREEEED!!“ Schon hörte man eilfertiges Getrappel über uns.

Der kleine Mann an Kasse 3 blickte hilflos zu Boden. Er traute sich kaum mich anzugucken. Nur – warum? Nur weil ich Teile seiner Vergangenheit kannte? Frau Fischer, die Gute, war doch lange tot, es war lange her, dass er ihr Liebhaber gewesen war. Ist doch egal, Mamfred, versuchte ich ihm telepathisch zu übermitteln, keiner macht dir einen Vorwurf, dass du vor Urzeiten der Lover einer komischen Alten warst, die ständig besoffen war. Macht doch nichts, mein Freund. Wir alle haben Leichen und Asthmatikerinnen im Keller. Und außerdem, das Leben ist längst ein anderes. Und selbst das alte Leben war doch okay gewesen, oder nicht. Kein Grund für Scham jedenfalls, kein Grund, den Boden nach Zeichen von Vergebung abzusuchen.

Andererseits, ich war natürlich nicht auf dem Laufenden. Ich kannte Manfred nur aus den späten Achtzigern, und das war zwanzig Jahre her. Da war er ein lieber Kerl gewesen, der zu viel trank. Mehr als einmal hatten Karlos und ich am Türspion gelauert und uns abwechselnd beömmelt , („He! Lass mich noch mal gucken..! Ich bin dran!“), wenn Manfred abends stinkevoll nach Hause kam und es trotz unzähliger Versuche nicht schaffte, den Schlüssel ins Schloss der Haustür gesteckt zu kriegen. Mit seinem in den Nacken gerutschten Toupet sah er aus wie ein beschädigtes kleines Rhinozeros, das aus dem Zoo geflüchtet war und nun betrunken nach Hause kam. Ja, die Freiheit hatte ihre Tücken. Bis der Arme irgendwann erschöpft vorm Hauseingang zusammensackte. Dann warteten wir kurz, bevor wir mit dem elektrischen Türöffner das Türschloss entriegelten – und rabuff, schnackte die Tür auf und Manfred purzelte in den Hausflur. Ein Häufchen zyankaliblau angelaufenes Elend, das Toupet halb in den Hemdkragen gerutscht.

(Ja natürlich halfen wir ihm die Treppe hinauf, natürlich klingelten wir an Frau Fischers Tür, natürlich machten wir, das wir schleunigst wegkamen.

„MAMMFREED..! BIST DU DAS!!?“)

Lange Jahre war es Usus in Wohnungen des Solinger Bauvereins, dass der oder die Hausälteste reihum alle zwei Monate das Wassergeld einsammelte. Weil Karlos und ich dauernd pleite waren, verhielten wir uns mucksmäuschenstill, wenn Frau Fischer vor der Tür stand und klingelte. Das war auf Dauer keine Lösung. Sie schickte uns Manfred auf den Hals, dem das alles furchtbar unangenehm war, auch dass wir ihn jedes Mal so dreist vertrösten mussten.

„Nächste Woche, Manfred, ganz bestimmt nächste Woche..“

Bald wurde es Frau Fischer zu bunt, und sie steckte uns diesen legendären Zettel in den Briefkasten, den Karlos und ich mittlerweile wie eine Reliquie verehren und den jeder sechs Monate lang behalten darf, dann bekommt der andere den kleinen Zettel zurück, zur heiligen Aufbewahrung. Ein rausgerissenes Stück Papier nur, klein wie ein Einkaufszettel, auf kariertem Papier, in Schreibschrift, aber mit Schmackes:

Ich hätte gerne mein Geld!

Fr. Fischer

„Tschühüss“, flötete Manfred erleichtert, als er an der Supermarktkasse bezahlt hatte und endlich aus meinen Klauen war. Auch wenn wir kaum ein Wort gewechselt hatten.

Bis zum nächsten Mal, rief ich.

Ich brachte zwei riesige Gebäckmischungen ins Institut, plus drei Dutzend Döschen feinste Alpen-Kaffeesahne.

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8 Gedanken zu „Ich hätte gerne mein Geld!

  1. Hab Lust zu schreiben.Thema Geldnot.ab 2002 ging ich nur noch ungern zur Sparkasse,aus folgendem Grund:zu Weihnachten 2001 schenkte unser Chef jedem Mitarbeiter unabhängig vom üblichen Weihnachtsgeld das sogenannte Starterkit.das Starterkit hatte den Sinn,die Bevölkerung in Europa mit dem Euro vertraut zu machen und die Einführung-vor allem des Münzgeldes-zu erleichtern.in Deutschland erhielt ein Starterkid 20 Münzen im Wert von 10,23€ und hatte den Gegenwert von 20 DM.ab dem 17.Dezember 2001 waren sie erhältlich.am morgen des 17.verteilten also die Miezen aus dem Lohnbüro die kleinen Geldbeutel.da mein Ticker in Holland immer noch cash Gulden annahm,ging ich damit nachmittags zur Sparkasse.der Plan war,die Euros in DM umtauschen und an der Grenze dann DM in Gulden,weil da immer noch seit eh und je der beste Tauschkurs war.ich komme also zur Sparkasse und da ist eine Schlange von der Eingangstür bis zum Schalter.meine Fresse,was war denn hier los?ich hatte einfach keine Erklärung.daß ganz Deutschland scharf auf dieses Starterkit war,war,wie so vieles damals,völlig an mir vorbeigegangen.ich hatte morgens schon nicht wirklich gerafft,was meine Kollegen so toll daran fanden.Klar,nette Geste vom Chef,aber umgerechnet 20 DM waren ja wohl nicht die Welt.ich steh also in der Schlange und ruf Hussi an,mit dem ich später nach NL brettern wollte,um schon mal abzuchecken wo und wann es losgehen sollte.eigentlich will ich mir nur die Zeit vertreiben,bis die Schlange vor mir abgearbeitet ist.irgendwann fällt mir auf,daß jeder mit diesem Starterkit in der Hand rausmarschiert,nachdem er dran war.allmählich kapiere ich.aber ich brauche den Zwanni-es könnte nämlich sein,daß der Grenzschalter gar nicht Euros in Gulden wechselt.wenn,dann wohl umgekehrt,wie mir mittlerweile klar wird.ich bin also endlich dran und der Banktyp am Schalter schaut mich fragend an.ich lege ihm den Starterkit auf’s Pult und sage:“ich hätte gern 20 DM.“der Typ guckt mich an,als wolle ich ihn verarschen.“Wie jetzt,was wollen Sie?““na,20 DM hätte ich gern.“immer noch ungläubig ruft er seinen Kollegen und erklärt diesem die Situation.der guckt mich an und fragt sich wohl,ob ich gerade vom Tanni komm,der Klapse nebenan.“warum wollen Sie denn das Paket wieder umtauschen?wieso haben Sie sich denn überhaupt eins geholt?“ich erzähle den beiden,daß ich „das Paket“ von meinem Chef habe,daß ich aber gar nicht so scharf auf die Euromünzen bin,denn noch hätten wir ja 2001.“das lohnt sich doch gar nicht.außerdem können sie theoretisch schon mit dem Geld bezahlen,zumindest in den meisten Läden!“jetzt hab ich die Schnauze voll,sämtliche Leute glotzen mich blöd an,weil sie mitbekommen,daß da einer anscheinend dieses so begehrte Eurosäckchen wieder loswerden will.ich denke nur daran,daß 10€ ungefähr 25 Gulden sind und 25 Gulden sind mehr als ein halbes Gramm Schore.viel mehr kann ich mir eh nicht holen,weil ich fast blank bin.“Hören Sie,geben Sie mir jetzt bitte die 20 DM und dann ist gut.ist doch nicht Ihre Sache!“,blaffe ich die Banktypen an.und endlich bekomme ich,weshalb ich hier bin.zwei Wochen später ist klar,daß jeder Mitarbeiter der Sparkasse diese Story erzählt bekommen hat.ich bin ab jetzt der Bekloppte,der das Starterkit umgetauscht hat-am 17.12.,der Tag als alle Banken und Sparkassen rappelvoll waren,weil jeder dieses scheiß Säckchen haben wollte…

    • von den anderen leuten wollte aber auch keiner zum ticker nach holland brettern mit jedem zwanni, den man kriegen konnte! schöne geschichte.

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