Englische Woche *

Dienstag, 20. September 1988

Aus der Zeitung erfahre ich, dass in der 2. Liga Englische Woche ist und die Union am Abend ein Flutlichtspiel hat gegen Blau-Weiß Berlin. Ich war mindestens ein Jahr nicht mehr im Stadion, ausserdem hab ich eh nichts vor – auf zum Hermann Löns Weg. Ich steh im Bad und rasiere mich bei offenem Fenster. Der knorrige alte Sizilianer jätet sein Kohlrabibeet, Frau Fischer von oben drüber hängt Wäsche auf.

„Ich hab mir letzte Woche beim Husten eine Rippe angebrochen“, krächzt Frau Fischer, eine schwere Asthmatikerin. „Nicht mal husten darf man noch. Ist das noch ein Leben, Giovanni?“

Der Sizilianer antwortet nicht. Ungerührt ist er mit dem Spaten zugange, er schnauft und sticht während Frau Fischer, fast wie zum Trotz, einen Hustenreiz erleidet, ihr Kopf platzt fast vor Anstrengung und dem Auswurf enormer Eitermassen. Nun gehört sie zu der Spezies Mensch, die einem nicht sonderlich leid tut, warum auch immer. Man sieht die Frau, sie ist einem unsympathisch. Zumindest unheimlich. Man möchte fast ein „blöde Kuh!“ rüberrufen, „selber schuld!“ Na, auch nicht nett.

Frisch rasiert steige ich am Grafen in den Oberleitungsbus nach Ohligs. Oberleitungsbusse sind eine einheimische Spezialität. Elektrifizierte Oberleitungen, die durchs gesamte Stadtgebiet führen – Stadt am Draht. Ein verwirrendes Netz zieht sich über die Hauptstrassen. Das gibt es so nur noch in ein oder zwei anderen deutschen Städten sowie irgendwo in Bulgarien und im argentinischen Mendoza, wohin die Stadtwerke in den Siebzigerjahren einige ihrer ausgemusterten Modelle verkauft haben und wo sie heute noch ihren Dienst tun, versehen mit den original Werbebannern der damaligen Solinger Industrie: Spedition Mordhorst, Hartchrom Düster, Stahlwaren Krebs.

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Anstoßzeit 20 Uhr. Ich bin ein großer Fan von Flutlichtspielen. Ich bin vernarrt in das spezielle Licht, das die hohen Lichtmasten aufs Spielfeld werfen. Nur unter Flutlicht bekommt der Rasen seine knatschgrüne Acidtrip-Farbe, und das Geräusch, das der Ball macht, wenn er über Gras läuft, klingt nur am Abend so tiefensatt. Da kriege ich schon Hunger, wenn ich nur an den Anblick denke. In Ohligs steige ich aus und spaziere in der Fußgängerzone in die erstbeste Frittenbude, Frikadelle mit Pommes.

„Und ne Dose Bier.“

„Bier nicht hier trinke“, klärt mich der Inhaber auf, „leider, iste verbot, iste Gastestättegesetze..“

„Na dann.. das da.“

„Dasse hier?“

„Ja das. Genau, eine Caprisonne.“

Mit Kirschgeschmack. Ein pralles Aluminium-Säckchen, in das oben ein Strohhalm reingesteckt wird. Das heisst, ich versuche den Halm an der markierten Stelle einzuführen, aber es funktioniert nicht, der Halm bohrt sich einfach auf der anderen Seite der Capri-Sonne wieder heraus, ohne dass die gewünschte Wirkung erzielt wird, einzig etwas Kirschsaft kleckert auf den weißen Stehtisch.

„Hey, wie isse – klappte nix?“ ruft der Inhaber hilfsbereit und kommt gleich mit dem feuchten Lappen rüber.

„Nee. Klappte nich.“

Er nimmt die Capri-Sonne in die Hand und jagt den Strohhalm kurzentschlossen ein Stückchen weiter unten rein als vorgesehen und drin ist das Scheiß-Ding.

„Iste ganze einfach!“

Ja sicher. Das seh ich auch, danke. Gleich gegenüber der Imbissbude ist die Ohligser Filiale des Bierbrunnen. Ich trinke drei Kölsch. Als ein älterer Herr hereinkommt wendet sich alles ab. Der Alte trägt einen Alpen-Hut voller Wanderplaketten und fängt sofort an zu lamentieren, kaum dass er den Schuppen betreten hat, aber dermaßen undeutlich, man versteht ihn kaum, bis auf diesen einen Satz: „Wir haben uns zu neunzig Prozent gedreht!“

Interessiert aber keinen.

Eine Frau, die in seiner Nähe steht, verdreht nur genervt die Augen, als der Mann ihr ungefragt seine Hände zeigt.

„Hier, guck mal, verehrte Lady, ich hab keine Fingernägel mehr, siehst du? Alles abgebissen, hier, sind nur noch Finger.“

Ein Motorradfahrer, quadratisch gebaut, Nierengurt noch am Leib, schildert wiederholt, wie er am Wochenende die Autobahnzufahrt Detmold genommen hat.

„Mit Hundertzehn! Wahnsinn! Ist der Gaul mit mir durchgegangen!! Bohh!“

Gleich halb acht. Ich mache mich auf in Richtung Stadion. Der Fußweg führt an der Letzten Kneipe vorm Stadion vorbei. Ist ja noch etwas Zeit. Ich bestell ein großes Kölsch. Neben mir hockt ein Rentner, Mantelkragen hochgestellt, Hornbrille. Zu jedem Gast, der sich verabschiedet, sagt er „Wiedersehn!“, ohne ein einziges Mal aufzublicken. Als er sein Bierglas anhebt, erkenne ich auf dem Deckel einen dichten Kranz an Strichen, mindestens 30, 35 Stück! Na prima. Wenn ich dreissig Bier intus habe, sag ich auch zu jedem Penner Auf Wiedersehen, ohne aufzublicken.

Plötzlich regt sich mein Darm, und ich geh aufs Klo. Ist schon der zweite Schiss heute. Es wartet allerdings ein Spezialklosett auf mich, für die besondere Hygiene: Wenn man das Knöpfchen drückt, wird die Klobrille automatisch mit einem desinfizierenden Film überzogen. Ich probiere den Service aus, aber erst nach dem Scheissen.

Viertel vor acht, vorm Stadion. Die Flutlichtmasten brüllen ihre Riesige Kronleuchter-Musik, Schlager wehen herüber. Und die Stimme des Stadionsprechers klingt, als habe er Modeschmuck gefressen. Aus Versehen.

Das letzte Mal im Stadion war ich im Sommer letzten Jahres, als Schalke im DFB-Pokal zu Gast war. Bei der Taschenkontrolle wollte mir ein übereifriger Ordner die Purpfeife abnehmen, weil die aus Metall war. Ich konnte ihn so gerade noch überzeugen, dass man mit einem fünf Zentimeter kurzen Pfeifchen nicht viel Unheil anrichten kann, auch nicht im gegnerischen Fanblock, nicht mal eine diffuse kleine Haschisch-Psychose.

(„Du musst mir aber versprechen, während des Spiels nicht zu haschen.“ „In Ordnung, Meister.“ Wenn man was will, immer Meister.)

Als ich jetzt vor dem Kassenhäuschen anstehe und die Eintrittskarte kaufe, entscheide ich mich spontan, ein allerletztes Bier trinken zu gehen. Ist ja immer noch Zeit. Gut 10 Minuten.

Und ausserdem – was soll ich hier doof Rumstehen, mit ein paar tausend Mann.

Zurück in die Letzte Kneipe vorm Stadion. Ich direkt wieder aufs Klo. Der Wirt guckt schon misstrauisch. Dabei will ich mir nur eine Purpfeife rauchen. Meine erste heute. Als ich vom Klo komme, steht da mein Onkel Fitting, und ich erschrecke ein bisschen.

„He.. Was machst du denn hier? Gehste zur Union?“ fragt er. „Biste allein hier? Wenne willst, kann ich dich zurück mitnehmen, nach dem Spiel! Okay?“

„Ja, mal sehen.“

Sein langes graues Haar trägt er wie alle Glumms, wenn sie ins Alter kommen, mit Unmengen Birkenwasser an den Schädel geklatscht. Onkel Fitting ist mit zwei Bekannten unterwegs, von denen mir einer bekannt vorkommt. Allerdings habe ich gedacht, der wäre längst tot. Na, war wohl ein anderer.

Irgendeiner ist ja immer tot.

Plötzlich ist alles zuviel für mich. Mein Onkel, die Union, das Kiffen, das Bier, und überhaupt – wie ich drauf bin. Mein ganzes Dasein. Ich weiss auch nicht. Würde ich mich jetzt in einer Doku sehen, ich wäre mir selbst zutiefst suspekt. Wenn ich mich jetzt treffen würde da draussen, ich hätte alle Alarmglocken an: „Ist der Kerl verstockt!“

Gestern hat meine Ex angerufen. Lena.

„Nichts hat sich bei dir geändert seit unserer Trennung. Du bist ein Arschloch. Mach ENDLICH was aus deinem Leben. Wenn du krank wärst, könnt ich es ja noch verstehen, dass du so desillusioniert bist. Aber du bist gesund, du kannst gut deutsch schreiben, krieg doch endlich mal deinen Arsch hoch!“

Nichts neues eigentlich, bloß eine ihrer turnusmäßigen Standpauken, mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht den Hauch einer Ausrede suchte, gar nicht erst suchen wollte.

„Du bist ein Feigling“, hat sie gesagt, „Du denkst die Sachen nicht zu Ende, weil es dann zu bitter wird für dich.“

„Na, und wenn schon. Jim Morrison ist auch mit siebenundzwanzig gestorben“, warf ich zwischendurch ein, es war ironisch gemeint, aber das brachte sie endgültig auf die Palme.

„Du mit deinem blöden Jim Morrison! Das ist doch wohl nicht dein Ernst!?“

Onkel Fitting hat es plötzlich eilig, zum Stadion zu kommen. „Das Spiel fängt gleich an! Ist schon acht!“ Weg ist er mit seinen beiden Spannmännern.

Onkel Fitting war schon immer mein Lieblingsonkel. In der Familie kursiert die Geschichte seiner Liaison mit Janine, einer belgischen Schönheitskönigin, die er als junger Mann kennenlernte. Was Onkel Fitting zunächst nicht wusste, was ihm aber klar wurde, als er Janine in ihrer Heimatstadt Gent besuchte: sie war aus steinreichem Hause. Der Vater war Präsident des FC Gent. Schon am ersten Abend des Besuchs packte er Fitting ins Auto und fuhr mit ihm raus zum Stadion. Er schloss das große Eingangstor auf, und verschwand mit ihm in der Arena. Erst wusste Onkel Fitting kaum, wie ihm geschah, er glaubte schon, er würde Hochstaplern aufsitzen – bloß, warum sollten sie so einen Wirbel veranstalten? Um ihn, einem armen Schlucker aus dem Bergischen Land?

Nach einigen Tagen in Gent und diversen Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen kühlte die Stimmung merklich ab. Man hatte Informationen eingeholt bezüglich Onkel Fitting und seinem Status in der Heimat. Mein Onkel war schwer gekränkt. Eine letzte Chance sah er darin, Janine nach Solingen einzuladen und ihr einen großen Schwindel vorzuspielen. Sie kam tatsächlich, gegen den Willen ihres Vaters. Und Onkel Fitting zeigte, was er drauf hatte.

Als gelernter freischaffender Dekorateur und Schaufenstergestalter war es für ihn ein leichtes, das kleine windschiefe Häuschen meines Großvaters in einen funkelnden Ballsaal zu verwandeln. Die schlichten Möbel wurden so lange mit Deko-Fix präpariert, bis sie nach echtem Tropenholz aussahen. Stoffbahnen wurden ausgelegt und mit samtroten Licht angestrahlt, Raffgardinen angebracht, Blumengirlanden schmückten Küche und Baumhof. Fitting und seine Freunde schufen eine so wunderliche Varietestimmung in Opas Häuschen am Stöckerberg, dass man sich noch 30 Jahre später davon erzählte.

Janine war das alles herzlich egal, sie liebte Onkel Fitting aufrichtig, sie wollte ihn um jeden Preis, auch gegen den Willen ihrer Familie, doch in letzter Sekunde winkte Onkel Fitting ab. „Das hätte nie geklappt mit uns.“ Die Standesunterschiede erschienen ihm zu gewaltig auf Dauer. „Irgendwann hätte sie ihren alten Lebensstil vermisst und dann wäre sie neben einem kleinen Dekorateur in Solingen erwacht. Nee – lass mal.“

Stadion am Hermann-Löns-Weg, 20 Uhr. Abendspiel, zweite Liga. Stehplatz, Gegengerade. Hinter mir rascheln die Bäume, am Spielfeldrand sammelt sich erstes Herbstlaub. Ich beobachte einen Zuschauer, der einige Stufen unter mir seine schwarze Umhängetasche abstellt. Er bückt sich, öffnet den Reissverschluss der Tasche und entnimmt eine Flasche Rotwein, entkorkt sie unter Mühen, verschliesst sie wieder, ohne einen einzigen Schluck genommen zu haben. Ist denn mit dem los. Der Stadionsprecher gibt zweitausend Zuschauer bekannt.

Ich verliere mich in Flutlichtfußball.

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* Union Solingen – Blau Weiss Berlin 0:2

3 Gedanken zu „Englische Woche *

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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