Das Lied vom Wurm

Morgens hol ich die alte Gitarre aus der Ecke. Puste den Staub vom Griffbrett. Eine Klira, mit dem original LP-Aufkleber Venus and Mars are allright tonight von den Wings. Ich mochte die Wings, als ich fünfzehn war. Band on the run war ein gutes Album, Listen to what the man said gefiel mir auch.

Als ich noch auf der Schillerstrasse lebte, kam mein alter Kumpel Schnaat alle paar Monate vorbei und stimmte die akustische Gitarre für mich, weil ich kein Ohr dafür hatte. Wenn ich die Gitarre selber stimmte, lag sie einem sogar schief in der Hand.

Mittlerweile spiele ich selten Gitarre, ich bin schon froh, wenn ich alle zwei Jahre ein paar Akkorde spiele, ein bißchen rumzupfe, eine traurige Weise. Das erfolgreichste Lied aller Zeiten baut auf zwei Akkorden auf, A-Dur, E-Dur. La Paloma. Mehr braucht es nicht. Das reicht.

„Klingt gut“, meint die Gräfin, die im Badezimmer steht und ihr langes Haar bürstet. „Was ist das?“

„Hab ich gerade erfunden.“

„Echt?“

„Ja. Echt.“

„Klingt gut in meinem Amboss.“

Ich wähle zur Abwechslung e-moll7 und im Anschluss einen traurigen Barret-Griff, der mir noch nie begegnet ist.

„In deinem.. Amboss?“

„Ja, Amboss. Kennst du nicht das Gehörknöchelchen im Ohr? Den Amboss? Klingt gut. Spiel weiter.“

*

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*

„Bevor man in die klirrende Kälte hinaustritt, sollte man sich nicht das Haar bürsten. Das treibt nur die Stubenwärme hinaus. Und dann friert man umso mehr“, meint die Gräfin.

*

Der Schnee ist so tief und schwer, wir benötigen geschlagene zwei Stunden für die Betty-Runde, die man sonst locker in zwanzig, fünfundzwanzig Minuten absolviert.

„Das ist kein Gehen“, stöhnt sie, „das ist relativ flottes Stehen.“

*

„Du hast einen sicheren, irrtierend männlichen Gang. Du säbelst alles nieder, was dir im Weg steht. Führend ist dein linkes Bein, das Gefühlsbein. Auch wenn du ein Typ bist, der viel Kopfarbeit machst, das Gefühl bestimmt deinen Gang. Und je schneller du wirst, desto mehr wird dein Gang zur Machete, die den Weg frei haut. Du schickst deine Energie voraus, und folgst. Du gehörst zu den Leuten, die vorwärts fallen beim Gehen.“

*

Anfang der Woche bin ich auf dem Trottoir ausgerutscht, auf einer Eisschicht, die unauffällig unter dem Schnee lauerte. Es zog mir so fix die Beine weg, ich war nicht mal mehr in der Lage, mir selbst beim Fallen zuzugucken, so schnell war ich am Boden. Mit dem Hinterkopf aufgeschlagen, der Schädel titschte auf dem hartgetretenen Schnee auf wie ein Flummi, zwei Mal hintereinander, dipp! – dipp! Zum Glück trug ich eine Bommelmütze, die federte den Aufprall ab. Schwein gehabt. Und Bommelmütze.

*

Zwanzig Zentimeter Neuschnee über Nacht, und es schneit immer noch. Wir unternehmen einen warm eingepackten Winterspaziergang über die Felder, die Krähen schicken ihre Kundschafter voraus, das Licht: ein weiches Doppeldampfmärchen.

Plötzlich entdeckt die Gräfin diesen Regenwurm, er liegt mitten auf dem verschneiten Weg.

„Pass aufl!“ ruft sie erschrocken und hält mich fest. „Siehst du nicht den Wurm?? Du trittst ihn ja platt! Du Rüpel!“

Sie bückt sich und hebt den Wurm auf, trägt ihn vorsichtig zum Wegesrand, zu dieser großen Buche, unter der es trocken ist und kaum Schnee liegt.

„Da kann der arme Kerl im Boden verschwinden, in seine Wohnung.“

„Moment noch“, sage ich, und knipse schnell ein Foto. Ich mein, ein Regenwurm im Winter, das glaubt einem sonst doch niemand.

Kommt eine Frau des Weges, von hinten.

„Na, hallloo!!“ grüsst sie erstaunt. Und geht weiter.

„Wer warn das?“ flüstert die Gräfin.

„Na, ne Kassiererin“, sag ich, „von oben aus dem PLUS.“

„Du meinst NETTO.“

„Ja, früher PLUS.“

Tags drauf mache ich ein paar Besorgungen. Bzw. eine Besorgung. Oben, im früheren PLUS. Als ich an der Kasse stehe und die Staude Bananen zahlen will, beugt sich die Kassiererin verschwörerisch übers Band.

„Sagen Sie, fotografieren Sie Würmer?“

Sag ich leise: „Ja, bin Wurmfotograf.“

Sagt sie: „Zwo siebzig.“

Sag ich: „Hab ich klein.“

„Gut.“

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6 Gedanken zu „Das Lied vom Wurm

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