Zum 30. Todestag von Richard Brautigan

„Wusstest du schon, Brautigan hat sich die Kugel gegeben“, sagte Linus eines Abends, als er ins Mumms reinkam.

„Was..? Richard Brautigan??“

„Ja. Er hat sich erschossen, in seinem Haus in Kalifornien, mit ner 44er Magnum. In den Kopf. Ist wohl schon letzten Herbst passiert. Jedenfalls wäre er heute fünfzig geworden. Hab ich im Autoradio gehört.“

„Ach du Scheiße.. Das wusste ich nicht.“

Ich nahm einen Schluck Bier.

„Brautigan ist tot.. Du Scheiße. Gibts doch gar nicht.. Warum?“

Linus hatte große Kulleraugen und raspelkurzes Haar, wodurch seine Augen noch größer wirkten, wie Auftaktsiege.

„Warum der sich erschossen hat?“ fragte er.

„Ja.“

„Weiß nicht. Hat er mir nicht gesagt.“ Er stieß mit mir an. „Auf Brautigan. Auf seinen Fünfzigsten.“

„Ja..“, sagte ich verstört.

Ich war wie betäubt. Brautigan war tot. Ich kannte seine Bücher noch nicht sehr lange, und es war Linus gewesen, der mich darauf gebracht hatte. Linus, der immer einen Geheimtipp auf Lager hatte. Wir liebten beide die Amerikaner und ihre Art, das Leben zu schreiben. Das lebendige, das unverkopfte. Ich lieh ihm einen meiner Favoriten, John Steinbecks legendären Loser-Roman „Die Straße der Ölsardinen“.

Linus verliebte sich so sehr in das Buch, dass er, je länger er darin las, immer langsamer wurde, um das drohende Ende hinauszuzögern. Für die letzten beiden Seiten benötigte er geschlagene zwei Monate. Jeden Abend gönnte er sich wenige Sätze. Für den letzten Absatz brauchte er 14 Tage. Als er das Buch endlich zuklappte, weinte er.

“Jetzt ist nur noch Hank übrig”, sagte ich deprimiert, und Linus nickte.

Jetzt war nur noch Bukowski unter den Lebenden. Brautigan und Bukowski waren unsere Helden gewesen in einem Meer aus Scheiße, (und John Fante natürlich, aber der war schon lange tot). Ihre Bücher machten Mut, dass es auch anders ging. Dass es einen Versuch wert war, so zu schreiben, als hätte das Herz eine Füllerkappe. Einen Boxhandschuh. Ein Reinheitsgebot.

Oder einfach gute Laune.

„Jetzt musst du es machen, Glumm“, meinte Linus.

Ich sah in sein Gesicht und versuchte irgendwelche Anzeichen von Ironie zu entdecken, oder  Verhohnepiepelung wenigstens, doch es war nichts zu sehen.

Der Schweiß brach mir aus.

*

Bücher auf Deutsch von Richard Brautigan gibt es im Kartaus Verlag. Hoffmann und Campe veröffentlichten 2012 Richard Brautigan – Ausgewählte Texte.

 *

Brautigan starb im Alter von 49 Jahren in Bolinas, Kalifornien, wo er abgeschieden in einem alten Haus lebte. Sein lebloser Körper wurde von Freunden am 25. Oktober 1984 gefunden, auf dem Boden des Wohnzimmers, direkt vor einem großen Fenster mit Blick über den Pazifischen Ozean, neben ihm lag eine Pistole. Da die Verwesung des Körpers stark fortgeschritten war, nimmt man an, dass Brautigan bereits einen Monat zuvor, vermutlich am 16. September 1984, Selbstmord begangen hat, einige Tage nach dem letzten Telefongespräch mit einer Bekannten. Nachbarn hörten am 16. September ein lautes Geräusch, während im TV ein Spiel der NFL übertragen wurde.

Es war nicht ungewöhnlich, dass Brautigan abtauchte, wenn er an einem neuen Roman arbeitete, und so hatte sich niemand ernsthaft Sorgen gemacht, als er wochenlang von der Bildfläche verschwand. Er galt als ohnehin Eigenbrötler (und schwerer Säufer).

Sein letztes Buch aus dem Jahr 1982 trägt im Original den Titel So the wind won´t blow it all away.

8 Gedanken zu „Zum 30. Todestag von Richard Brautigan

  1. Danke für die Erinnerung.
    Ich mag ihn auch sehr. Und sein letztes Buch, das Du nennst, ist mir das Liebste von allen, neben den Kurz- und Kürzestgeschichten aus „Tokyo-Montana-Express“ und seinen Gedichten.
    Wenn Du ihn schätzt, dann wird Dir auch sein Übersetzer ins Deutsche, Günter Ohnemus, und seine Stories gefallen. Seine „Siebenundsechzig Ansichten einer Frau“ ist unvergleichlich.

    Liebe Grüße und bis bald in HaHa, Uwe

  2. „Und ein Hoch auf die Linusse dieser Welt und ihre Geheimtipps!“

    Und ein Hoch auf die Geschichte mit der Bücherei. Und Troutfishing und und und …

    Ich glaube, dass jeder der viel von R.B. freiwillig gelesen hat, ein „Guter“ ist.
    (R. B. gabs in den achtzigern übrigens reichlich auch in der Solinger Stadtbücherei – Danke dafür noch einmal von hier aus)

    Gruss
    Jens

  3. die Sache mit seiner Freundin in der bibliotheka 24 open –
    in Japan –
    und dann das ende einer Kindheit-
    ich seh immer noch die Szene beim Leergut sammeln. wo ein älteres Ehepaar andockt und ne Couch rauszerrt aus dem Pikup
    obwohl er seinen Kumpel mit einem Fasan verwechselt hatte und ihn erlegte…
    dann saßen sie da den ganzen Tag ohne ein Wort zu reden
    abends wurds still und sie wuchteten ihr Sofa wieder nach Haus.

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  6. bin auch mal zufällig rangekommen
    ein Tipp von Dir
    die verschollene Kindheit was ich später einem argentinischen Arbeitskolegen namens Carlos auslieh zusammen mit zwei anderen Bücher die ich beim toten Pfarrer fand …die Kelten und eins vom Preussen Wilhelm der zweite
    er fragte mich ob ich was zum lesen hätte
    ich verleih nie wieder Bücher
    er hatte eine schöne kleine Wohnung wo er oft Wein trank aus Argentinien
    sein Chef /meiner) nutze seine Wohnung oft für berufliche Dinge
    wobei wir uns köstlich amüsierten
    falls es um Chefsachen ging
    auch rin Argentinier
    Carlos lebte früher in den Weiten eines Bergdorfes als er seinen Vater besuchen kam
    er hatte schön gespart und ging nicht jede Woche zu seiner Lieblingsnutte
    er hatte eine Frau die ihn mit ihrem oder seinem Psychologen betrogen hat
    seitdem lebte er allein und fuhr am liebsten nachts
    denn zu allem Überfluss verstarb er in Argentinien
    er kam nicht mehr zurück
    sowas ähnliches wie Blutsturz
    nichts genaues weiss man

    bräutigan gefiel mir
    wie das ältere Ehepaar das Sofa vom Truck schleppte –
    hihi

    und denn Flaschen sammeln

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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