Der Silberrücken

Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer, Junge, wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen. Mittlerweile weiß ich, es ist tatsächlich nicht so einfach. Jedenfalls, es ist kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

Der Irrsinn macht sich ja nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen. Er trumpft frontal von vorn auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt), er kommt total link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten), aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. Die machen einem wirklich zu schaffen.

*

Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner fatalen Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald meine große Schwester in der Nähe war.

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den langen Flur führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

Als Teenager hatte ich eine Matte, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an der wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und zu Tode zu hungern.

*

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß.”

*

„Der ist wie Elvis“, hat Karlos der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

„Wie Elvis? Was meinst du damit?“

„Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis nach Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter“, gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tat er früher nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes herumzulungern. Wenn die Pille dann kam, und irgendwann kam sie, machte er ZACK! die Hütte und liess sich feiern. Dass er neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hatte, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt.

Oder mein Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Clubsessel und liess seinen Lümmel heraushängen.

„Jetzt packen Sie Ihr verfluchtes Ding da weg!“ zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

„Kindchen“, antwortete mein Großonkel, „das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.“

Noch im gesegneten Alter von 94 Jahren liess er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war Großonkel so dicke, sie haben sich seine Pension jahrelang durch vier geteilt, bis die Stationsschwester dahinterkam und die Puppen rausschmiss.

Wie auch immer – wer solche Vorfahren hat, wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Aber ich will ehrlich sein. Es gibt auch andere Tage. Da hat mein Gang nichts von Elvis Presley.  Dann schleiche ich hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht. Da gehts mir nicht gut.

„He, Stückchen Fleischwurst?!“ fragte mich mal ein Markthändler an einem solchen Morgen, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürte einfach, wie schwach ich war an diesem Tag.

Ein Zaungast am eigenen zertrümmerten Leben.

Als ich wieder in Ordnung war, paar Tage später, bin ich mit Elvis-Schritt und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude und orderte 250 Tonnen Bock-und Bratwurst für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch.

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11 Gedanken zu „Der Silberrücken

  1. Hab‘ herzhaft lachen müssen: A bissl was geht immer!
    Der Stenz in uns – Männern.
    Denn allzu bald wird er uns den Garaus machen,
    „der Feind,
    der eines beherrscht: Das Auslachen
    all derer, die sich nichts mehr anlachen.“
    (Robert Gernhardt)

  2. Kommt ausgedruckt unter mein Häkeldeckchen- für die kommenden düsteren Fleischwursttage!
    Herrlich.
    Mein Uropi warf im Altenheim sein Mobiliar aus dem Fenster und raste mit gezücktem Messer hinter der Putzfrau her.
    Bei einem Besuch lag ein Butterbrotpapierzettel auf seinem Nachtschränkchen: Heute morgen wusste ich nicht mehr, wer ich bin.
    Und ich habe mein altes Karrierepilotenköfferchen voll mit Manuskripten von ihm.
    Du warst wohl ein gar herziges Bürschlein. Aber nicht gerne!?

  3. herzlich gelacht, wie uwe … aber nicht ausgelacht, nur drüber …
    vor allem über den dialog mit der gräfin vor dem spiegel. eine weise frau, denke ich mal wieder. wie schon so oft!

  4. Mein lieber Glumm,

    ich habe den Text wieder mit Vergnügen gelesen. Die Einzelteile kannte ich zwar schon aus früheren Lesungen, aber in dieser Zusammensetzung…
    Doch ich habe das Gefühl, daß der erste Teil etwas nachlässig gearbeitet ist.

    Ich möchte mir erlauben, folgende Vorschläge zu machen:

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    Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer: „Junge – wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen?“.
    Mittlerweile weiß ich: es ist tatsächlich nicht so einfach. (Oder besser: Mittlerweile weiß ich, daß es tatsächlich nicht so einfach ist.)
    Jedenfalls, ist es kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

    ((Ich fand hier die Interpunktion nicht so glücklich.))

    —————————————————————————————————————————————————-

    Der macht sich nämlich nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen, der Irrsinn. Der trumpft frontal auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt). Der kommt link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten). Aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. (Herrlich!) Die machen einem wirklich zu schaffen.

    ((Dieses Bild ist für mein Gefühl nicht zuende gedacht (frontal/gnadenlos, links/link, rechts/…, von hinten/…). Ich könnte mir hier auch eine Analogie aus dem Fußball vorstellen. „Die Blutgrätsche aus der Vergangenheit…“ oder so … So verschenkst du dieses schöne Tableau, finde ich.))

    —————————————————————————————————————————————————-

    Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken. Sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner Duldungsstarre sobald meine große Schwester in der Nähe war.

    ((„Die fatale Angewohnheit…“ fand ich zu lang und rhythmisch nicht stimmig. Außerdem wird dies durch den weiteren Text nicht erklärt. Weitere Beispiele? Wieso fatal? Entweder weiter ausführen oder radikal kürzen. Wie ich übrigens den ganzen Text deutlicher takten/rhythmisieren würde.))

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    Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf. Sie behängten mich pfundweise mit Lametta wie ein Christbaum. Sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

    ((Tolle Pointe.))

    Sie schickten mich in seltsamen Anziehsachen auf den Catwalk, den langen Flur hinunter. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

    Gruß Florian

    PS.: Ich bin nicht sicher ob das nicht vielleicht doch zu weit geht… das mußt du entscheiden.

    • gar nicht so übel, deine analyse. tatsächlich ist der text ziemlich zusammengepappt, und die version, auf die du dich beziehst, war nicht die ganz aktuelle. macht aber nichts. alles in allem bist du auf der richtigen spur.

      • „Richtige Spur“ impliziert, daß du eine Fährte ausgelegt hast, der zu folgen ist. Mit welchem Ergebnis? Was gibt’s zu gewinnen? Na egal, ich bleibe einfach weiter mit der Nase am Boden als literarisches Trüffelschwein.

        Gruß flo

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