Geplant war Ewigkeit (13): Die letzten Tage

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5. Februar 2014

Vaters desolater, an einen Schlaganfall erinnernder Zustand hält an. Er ist kiebig und laut, als ich am Nachmittag ins Altenheim komme. Er sitzt am Katzentisch vorm Schwesternzimmer, ein Bein lässig über die Armlehne seines Rollstuhls geschwungen, und beschimpft die Frauen, die im Halbkreis zusammensitzen, ihm den Rücken zugewandt, demonstrativ schweigend.

„Gut, dass mein Sohn kommt..!“ ruft Vater, als er mich entdeckt. „Andreas! Sag den Frauleuten mal, ich hab denen nichts getan..!“

Ich grüße in die Runde, die eher einer Mauer gleicht, einer Mauer aus Kleidern und Augen, ernte aber kaum ein Nicken.

„Wem hast du nichts getan?“

Er macht große Augen.

„Na, den..en.. hier! Die wollen mich doch.. die wollen mich doch..“

„Ach, der bildet sich was ein“, wagt sich eine Stimme aus dem Halbkreis.

Da könnte was dran sein. In seiner jetzigen Verfassung ist die Aussenwelt für ihn eine einzige fortgesetzte Bedrohung. Ein falsches Wort, und es regt sich eine schwer zu definierende Wut in ihm. Der Franzose ist ihm auf den Fersen, der Engländer sowieso. Selbst wir Kinder kommen kaum an ihn heran.

„Du hast bestimmt was in den falschen Hals gekriegt..“, sag ich und tätschle seine Hand. Aber er ist kaum zu beruhigen.

„Doch, doch, doch..! Ich hab denen doch gar nichts getan. Die wollen mich.. wollen mich..“, er sucht nach den richtigen Worten, „.. die wollen mich.. ausliefern!“

Daher weht der Wind. Ausliefern.. Einige Tage zuvor kam er zu dem Schluss, von allen Gefangenschaften seines Lebens, (womit hauptsächlich die 2jährige Kriegsgefangenschaft in England gemeint war), sei die letzte die schlimmste:

das Alter.

Er fühlt sich gefangen. Die Frauen sind konkurrierende Mitgefangene, die Wärter das Pflegepersonal, das ganze Gebäude ein Lazarett. Das hatten wir schon einmal.

Vater wirkt ungepflegt, die Trainingsbuxe trägt er seit Tagen, nur das weiße Haar sieht top-schick aus, seit meine Schwester mit ihm beim Coiffeur um die Ecke war. Dass er mit seinem Charme alle Frisörinnen im Handstreich eroberte, so kennt man ihn. („Einen anderen Kat? Wat is dat denn?“ „Einen Undercut, Herr Glumm! Einen Undercut!“ „Kenn ich nicht.“)

So kannte man ihn.

*

Seit einer Woche verfällt er zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen.

Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.

„Da tun wir dir erstmal die Zähne rein.“

Dass das Pflegepersonal ihm die Prothese so oft nicht einsetzt, hat seinen Grund: sie finden das Ding nicht. Ich hab es schon im Blumentopf gefunden, unterm Bett, im Gang vor seinem Zimmer. Niemand konnte sich erklären, wie es da gelandet war. Egal, ohne das Teil kann er nicht vernünftig kauen, und beim Sprechen schludert er die s-Töne und harten Buchstaben.

„Die Frauleute wollen mir an den Kragen“, sagt er gereizt. „Die Weibsbilder. Die hüppen doch nur hier rum. Wie die Flöhe.“

„Ach was, du hast bestimmt wieder schlecht geträumt beim Mittagsschlaf. Und wenn du dann wach wirst, denkst du, alle Leute wollen dir was.“

Er sitzt im Rollstuhl und blickt zu mir hoch. „Ja..?“

„Ja.“

Ich geh ins Bad, suche sein Gebiss. Es liegt am Handwaschbecken. Ich säubere es unter fliessend heißem Wasser.

„ANDREAS!!“

Was denn jetzt. Ich stoße die Tür auf. „Was?“

„ICH MUSS MAL PINKELN!“ Er quengelt wie ein Kleinkind. „Ich muss mal!“

Ich seh ihn vor mir, wie er als Dreijähriger mit der Rassel auf einer umgedrehten dicken dash-Trommel herumhaut. Ich verlasse das Bad und drücke ihm die mit Super-Haftcreme eingeschmierte Prothese unter den Oberkiefer.

„So, einen Moment noch..“

„Ich muss mal!“

„Ja, ich weiss, aber es kann doch gar nichts passieren, du hast doch eine Windel an.“

„Eine.. Win.. del? Was verstehst du.. unter Windel?“

„Na, was du untenrum trägst, zum Beispiel..“

Das lässt er nicht gelten.

„ICH MUSS MAL!“

Von jähem Zorn übermannt versucht er sich im Rollstuhl sitzend die Trainingshose runterzuziehen, ein bockiges Kind, das den Eltern mal zeigen will, wie sehr es Pipi muss.

„UND GROSS AUCH!“

Ach, du Scheiße. Das ist nicht mein Ding.

„Moment, ich hol jemanden.“

Seine Lieblingspflegerin, eine echte Solingerin, blondiert, um die vierzig, stabil gebaut, Sommersprossen, hat Dienst. Sie ist die einzige, die Vater duzt. Sie setzt ihn ohne viel Aufhebens im Bad auf den Toilettenstuhl.

„Da kommt nichts..“, jammert Vater. „Jetzt, wo ich auf dem Klo sitze, kann ich nicht.“

„Ist ja auch kein Wunder“, entgegnet die Pflegerin. „Ist bestimmt schon alles in der Windel gelandet.“

„WAS?? WO IST DAS GELANDET?“

„In der Windel, alter Mann. W-I-N-D-E-L!! Schon mal gehört?“

Keine Reaktion. Dann:

„DA KOMMT DOCH WAS!“

„Na, Gottseidank.“

Um sechs bring ich ihn zurück nach vorn, in den Gang vorm großen Essensraum, aus dem man ihn verbannt hat, weil er es alleine nicht mehr gebacken kriegt.

„Wir brauchen morgens eine ganze Stunde, um ihn zu waschen und zu füttern, und das zu zweit“, erzählt eine andere Pflegerin, schwarzes krauses Haar, hager, auf dem Weg in die Zigarettenpause. „Füttern dauert so lang, weil er gar nicht mehr weiß, was er mit dem Löffel anstellen soll, den man ihm vor den Mund hält. Er guckt einen mit seinen treuen Augen an und ist ganz hilflos, und ehrlich gesagt, ich hoffe, Sie sehen es mir nach, aber wir alle denken das gleiche: Lieber Herrgott, hab Gnade mit diesem alten Mann und hole ihn heim..“

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann. An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, unf ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.“

Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Meist spaßeshalber.

Er sitzt am Katzentisch, direkt vorm Schwesternzimmer. Zum Abendbrot hab ich ihm eine Pferdewurst mitgebracht.

„Das war richtig“, sagt Vater.

Zwischen ihm und den Frauen, die noch nicht in den Essensraum gewechselt sind, herrscht angespannte Atmosphäre. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber es ist etwas vorgefallen. Dabei sind die meisten Damen ganz okay, bis auf ein oder zwei, die einem Streit nur ungern aus dem Wege gehen.

„So“, sage ich zu Vater und platziere ihn samt Rolli am Katzentisch, „gleich gibts Pferdewurst.“

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Ich sehe den Herrgott regelrecht vor mir, wie er da oben auf seiner Himmelstribüne hockt und sich ins Fäustchen lacht, weil ich exakt in dem Moment, wo ich in der Innenstadt in die 698 umsteige, in eine dicke Frau reinlaufe, die ein Kaugummi aufbläst, groß wie eine Pampelmuse, und locker platzen lässt.

PLOPP.

(Muss der Kerl einen Spaß haben.)

*

6. Februar 2014

Um 13.52 zeichnet die Mailbox einen Anruf aus dem Altenheim auf.

Ihr Vater hat einen HB-Wert von 8,4. Der Doktor ist gerade da und hat eine Einlieferung ins Krankenhaus angeordnet. Rufen Sie bitte zurück?

Bevor ich zurückrufe, telefoniere ich eine Stunde mit meinen Geschwistern. Wir sind am Ende mit den Nerven.

*

Letzter Teil (14) folgt nächste Woche

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Der Blueshund

 

7 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (13): Die letzten Tage

  1. Sehr gut erzählt ! … genauso ist es, genauso passiert es … in jeder Stadt, in jedem Land . Über die Jahre hinweg macht es mürbe aber man vergisst das Demenz früher oder später einen selbst auch treffen kann und dann widerum die eigenen Kinder vielleicht mit einem selbst das Gleiche durchmachen werden.

  2. Pingback: Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage? | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

  3. Wir auch. Wir haben auch Spaß an Deinen Texten, selbst wenn sie so anrührend-traurig sind, wie Deine „Geplant war Ewigkeit“-Serie. Denn Du schreibst direkt am Leben entlang, und wenn Du Schnörkel einbaust, dann solche, die mit Humor und Witz den Widerfährnissen ihre bisweilen schmerzende Unerbittlichkeit nehmen.
    Gruß, Uwe
    PS: Nein, wir haben uns in HaHa nicht gesprochen. Mal warst Du, dann wieder ich besetzt. Aber gesehen haben wir uns sicher, wenn auch nicht wahrgenommen. Jetzt muss das „Gespräch“ wieder über Deine Texte und meine Fotos laufen. Auch gut, wenn nicht sogar besser 😉

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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