Mein Vater, mein Vater! sein Auge!

Dass ich nie den Führerschein gemacht hab, liess mich lange nicht los, es verfolgte mich bis tief in meine Träume. Nacht für Nacht sah ich mich hinterm Steuer, ich fuhr zur Arbeit, ich war ein normaler Mann, der wusste, wo das Benzin reinkommt; ein selbstbestimmtes Leben mit Tankdeckel, Motorenlärm und hinter der nächsten großen Kreuzung zweite links.

Tja, war wohl nichts.

“Sei doch froh. Irgendwann ist es soweit und man will überall dazugehören“, meint die Gräfin. „Mit dem Führerschein fängts an, dann heiratet man, zuletzt schreibt man ein Kochbuch.“ Eine kluge Frau. Ich glaube ihr aufs Wort. „Da kann man von Glück reden, wenn man erst gar nicht damit anfängt, irgendwo dazugehören zu wollen – aus welchen Gründen auch immer.”

Ja, das klang gut, das klang nach Anderssein, nach Kampf dem Durchschnitt und dem Fließband, auch wenn die Wahrheit eher schlicht daherkam: Ich hatte kein Interesse an Gegenverkehr. Das stürmte und wuselte mir alles zu sehr in den Straßen, wenn ich mit der Fahrschule unterwegs war. Ich fürchtete stets, der Fahrer des entgegenkommenden Wagens könne die Gewalt über sein Fahrzeug verlieren und würde mich frontal aufspiessen, Minimum den Arm abrasieren. Den Schädel spalten. Über den kleinen Finger brettern.

Stören.

Vermutlich hätte ich um 1900 herum einer der ersten Automobilisten sein müssen, die eine Strasse noch für sich allein hatten, dann hätte ich den Lappen gemacht, das wäre in Ordnung gewesen. (Um anschliessend mit der Tin Lizzy gegen den einzigen Baum weit und breit zu krachen, versteht sich.)

Für den Führerschein hätte ich mehr Platz im Verkehr gebraucht. Ich teile vorhandene Enge nur ungern. Wenig Platz, pff – wer braucht denn so was. Selbst dem Universum, wo man denken könnte, da ist genug Platz für alle, selbst dem Universum ist der Kragen zu eng, es expandiert täglich, wenn meine Beobachtungen stimmen. Freilich um irgendwann lautstark in sich zusammenzufallen.

Ist klar.

Mittlerweile ist mir Autofahren regelrecht verhasst. Fünfzig Kilometer Autobahn kosten mich mehr Nerven als ein Jahr lang jeden Tag ein schlechter LSD-Trip. Selbst als Beifahrer besteige ich einen Personenkraftwagen nur noch, wenn es sich definitiv nicht vermeiden lässt. Wie etwa im Sommer 2012, als die Gräfin und ich meinen alten Vater aus der Augenklinik in Wuppertal abholen mussten.

Grauer Star, Staroperation.

„Dann kann er wieder schön aus der Wäsche gucken!“ hatte der Arzt gelacht. „Dann ist der graue Vorhang.. futsch.“

Ein total witziger Arzt. Ich hatte mit ihm telefoniert und dabei einen Stand up Comedian vor mir gesehen, der sich im OP beim Abschaben der Netzhaut die Gags ausdenkt, mit denen er am Abend das Publikum zur Raserei bringen will. Hoffentlich ist bald Feierabend, denkt so ein Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, während er trübe Linsen entfernt, ich hab heut super Witze drauf.

Nach dem Eingriff musste mein Vater eine Nacht im Krankenhaus verbringen, zur Beobachtung, wie es hieß, doch schon am nächsten Vormittag, nach der Chef-Visite, würde man uns daheim anrufen, dann könnten wir uns auf die Socken machen und ihn abholen.

Am nächsten Morgen saßen wir zu Hause und warteten auf den Anruf. Ein schwülheißer Sommertag. Ohne Anruf. Nicht um neun, nicht um halb zehn.

Ruf da mal an, sagte die Gräfin.

Warum sollte ich? antwortete ich. Die haben doch gesagt, die rufen an.

Schon, aber du weißt doch, wie das heute ist. Die eine Hand weiß nicht, was die andere Hand tut. Beziehungsweise, die eine Hand hat gar kein Interesse zu wissen, ob es noch eine andere Hand gibt und was die eventuell zu tun gedenkt.. Na, du weisst schon. Ruf an.

Eine kluge Frau, aber nicht immer verstehe ich auf Anhieb, was sie meint. Dann lasse ich das erst mal so stehen und schaue es mir später noch mal an. Wenn etwas Ruhe einkehrt. Wenn ich den Blick für ihre Buchstaben wieder habe.

Um elf rief ich in Wuppertal an. Was mit meinem Vater los ist. Wann wir ihn abholen können.

„Ja natürlich kann Ihr Vater abgeholt werden der wartet doch schon seit zwei Stunden im Wartezimmer.“

*

„He.. Wohin jetzt..?! Guck mal auf dem Zettel!“

Ich nahm den Computerausdruck von der Ablage und las hastig die Wegbeschreibung vor.

„Warum hat dir dein Bruder eigentlich so umständlich den Weg erklärt“, meinte die Gräfin, als wir wieder in der Spur waren.

„Weil der anders gefahren ist.“

Am Telefon hatte mir mein Bruder den Weg zur Helios-Klinik Wuppertal beschrieben, über die A 46. Weil wir die aber vermeiden wollten, hatten wir im Internet eine Alternativ-Route herausgesucht, über Wuppertal-Cronenberg, ohne Autobahn. Da brauchten wir die Routenführung meines Bruders nicht mehr. Viele Wege führen nach Rom, einer nach Amarillo und mindestens zwei nach Wuppertal zur Augenklinik.

Vom Hahner Berg aus steuerten wir Elberfeld an. Meilenweit ging es bergab, in Serpentinen runter in die große Betonpfanne. Das große Schlängeln. Unten die Wupper. Die Gräfin parkte direkt vorm Eingang der Klinik, damit Vater nicht weit zu laufen hatte.

In der hotelähnlichen Lobby hielt ich Ausschau nach ihm.

„Der ist bestimmt noch auf Station“, vermutete die Gräfin.

„Wir möchten gern meinen Vater abholen“, sagte ich an der Rezeption. „Er ist gestern operiert worden.“

Die Dame blickte auf den Monitor, sagte nichts.

„Haus 2“, schob ich hinterher.

„Haus 2 gibts hier nicht. Wie war der Name?“

„Glumm..“

„Ja, hier, Glumm.. Der ist aber doch in der Augenklinik.“

„Na gut. Ist das hier nicht die Augenklinik?! Das ist doch.. die Helios-Klinik hier, oder nicht?“

„Es gibt zwei Helios-Kliniken in Wuppertal. Hier in Elberfeld die Haut- und Herz-Klinik, in Barmen die Augenklinik. Sie müssen auf die Friedrich Engels-Allee, dann unter der Schwebebahn her immer geradeaus, bis der SATURN kommt und dann links rein..“

Als wir bewaffnet mit der neuen Wegbeschreibung losfuhren, brach direkt und ohne Umschweife der Verkehr zusammen und wir saßen in einer staubigen Seitenstraße fest. Es wurde stickig heiß im Wagen. Das war der subtropische Hochdruckgürtel, ich hatte im Radio davon gehört. Natürlich hätte man das Fenster runterkurbeln können, doch dann wäre es im Wagen heiß UND laut gewesen.

„Hoffentlich behält mein Vater wenigstens die Nerven“, stöhnte ich, genervt von Stop and Go.

Mein Vater war in Pflegestufe 1. Morgens und abends kam der Pflegedienst, der darauf achtete, dass er regelmäßig sein Dutzend Medikamente einnahm und saubere Füße hatte. Er hatte Alterszucker und war oft wackelig auf den Beinen, doch von einem Rollator oder einem Gehstock wollte er nichts wissen. Außerdem war er schwerhörig, weigerte sich aber beharrlich, einen Hörapparat zu tragen. Zuletzt wurden nun auch die Augen schlechter. Um überhaupt noch Zeitung lesen zu können, hantierte er mit zwei Lupen übereinander, er arrangierte sie wie olympische Ringe.

„Man muss das Alter sportlich nehmen“, sagte er.

Am Tag vor dem Termin im Krankenhaus hatte ich ihm geholfen, ein paar Sachen zusammenzusuchen, von den vielen verschiedenen Medikamenten über den Einweisungsschein bis hin zum Kulturbeutel. Er hatte Rasierzeugs eingepackt, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Haftcreme, Haarkamm, Waschlappen, Unterwäsche zum Wechseln, (darunter auch eine lange Unterhose, falls das Wetter umschlagen sollte), zwei Paar Strümpfe, zwei Flaschen Mineralwasser und eine rote Wasserpumpenzange, mit der sich die störrischen Verschlüsse von Mineralwasserflaschen leichter aufdrehen lassen.

Weiter einen Kugelschreiber, Schreibblock, Ersatzkugelschreiber und ein Paar schluffiger Hausschuhe. Um den Hals trug er einen Brustbeutel mit 300 Euro drin. Und obwohl jedes Krankenhaus in Deutschland Patientenkleidung stellt, hatte er einen frischen Schlafanzug eingerollt. Der lag obenauf.

„Sag mal, Papa, willst du einen ganzen Monat dableiben?? Das ist doch nur für eine Nacht. Was willst du mit dem ganzen Kram?“

„Und wenn bei der OP was schiefgeht und ich muss länger im Spital bleiben? Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein.“

Damit hätte ich rechnen müssen. Er versuchte stets gewappnet zu sein. Da wunderte es mich bloß, dass er keinen Regenschirm mitgenommen hatte, und ich hütete mich, ihn darauf hinzuweisen. Es war ein bisschen wie früher, wenn wir mit der ganzen Familie zum Gardasee in Campingurlaub gefahren sind und der Ford 20M dermaßen überladen war mit Campingutensilien, dass er es kaum den Großglockner hoch schaffte. Oben angekommen, verschnaufte der Motor erstmal eine halbe Stunde; es dampfte und zischte bei hochgeklappter Motorhaube. Mutter plädierte in solchen Situationen, überflüssiges Material von Bord zu werfen, doch damit konnte man Vater nicht kommen. Alles Eingepackte war gleich wichtig.

„Da ist der SATURN schon! Verdammt!“

Im letzten Moment nahm die Gräfin die Leuchtreklame wahr und riss das Steuer herum. Der Wagen rutschte quietschend über die gesamte Kreuzung, wie im Tatort, und sie ordnete sich vor der Ampel links ein.

„Oder war das rechts..? Muss ich rechts?? Was hat die Klinik-Tante noch mal gesagt!? Kannst du vielleicht auch mal mitdenken?!!“

„Rechts..“, sagte ich.

„Bist du sicher?“

„Ja natürlich.“

Natürlich war ich mir nicht sicher, was die Tante gesagt hatte, aber das war jetzt kein Moment, um auf dem Beifahrersitz Unsicherheit zu zeigen. Keine Zeit zu schwächeln, Baby, der alte Herr wartet auf uns.

Wir fuhren weiter.

„Sag mal, haben die in Deutschland für sämtliche Durchsagen nur eine einzige Frau übrig?“ fragte die Gräfin. Sie fand es erstaunlich, dass die Stimme, die im PC-Drucker den nächsten Ausdruck ankündigt, („Der Druckvorgang startet“), genauso klingt wie die Stimme im Hauptbahnhof, („Bitte treten Sie vom Bahnsteig zurück!“), und der Stimme am Empfang der Helios-Klinik, („Ihr Vater liegt in Barmen!“)

„Die hat ganz schön zu tun, die Stimme.“

„Ja, die ist gefragt“, stimmte ich zu und grabschte nach dem Notizbuch. Jetzt hiess es schnell Originalton mitschreiben. Den hat man ja, kaum, dass man ihn gehört hat, schon wieder vergessen, dabei liebe ich O-Ton. O-Ton ist der Mittelstürmer aller Literatur. Ich bin ein ganz ein großer Fan von O-Ton und Mittelsturm. Darum muss ich so schnell wie möglich zum Notizbuch greifen und etwas Gesagtes festhalten, bevor es im Orkus verschwindet, im Niegesagten.

Die Klinik in Barmen entpuppte sich als Katastrophe. Als ich das Zimmer öffnete dachte ich zuerst, es handele sich um die Abstellkammer und schloss die Tür wieder. Doch es war das richtige Zimmer, aber ohne meinen Vater, sein Bett war leer.

Zurück auf den Gang entdeckte ich ihn durch eine Glasscheibe. Er hockte im Warteraum, mit wehendem Haar (im Sitzen!) und blutunterlaufenem Auge.

Ein Häufchen Elend.

„Gott sei Dank“, mehr war aus ihm nicht herauszukriegen, als er mich sah. „Gott sei Dank..!“

Ich nahm die Sporttasche vom Boden und half ihm auf die Beine.

„Tut mir leid, hat was länger gedauert.“

Er machte einen gebrechlichen Eindruck und war so durcheinander, dass mir mulmig wurde. Sein Gang erinnerte an ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das Wasser hin- und her schwappte. Es stand kurz vorm Sinken. Ich hakte ihn fest bei mir unter.

Die Gräfin kam hinzu, von der Besuchertoilette, und erschrak bei seinem desolaten Anblick, auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Meine Schwiegertochter“, hauchte Vater, beinah so, als würde er sie mir vorstellen wollen. Er sah aus wie Frankenstein.

„Wartet mal eben“, sagte ich und machte mich auf die Suche nach einem Arzt oder Pfleger, der etwas zum Zustand meines Vaters sagen konnte. Die Gräfin erzählte später, ich wäre wie Mein Vater, mein Vater! sein Auge! über den Krankenhausflur geflogen, so sehr war ich in Sorge. Diese ganze vermaledeite Station wirkte auf mich wie ein Nachkriegsprovisorium, es war kaum Ernst zu nehmen. Ein Pfleger, den ich ansprach, widmete sich schnell wieder dem PC-Monitor, sobald er sein Sprüchlein runtergemümmelt hatte, dass mit Vater alles in bester Ordnung sei.

„Äh.. muss ich denn.. müssen wir heute irgendetwas beachten.. in den nächsten Stunden..?“

„Steht alles im Entlassungsbrief.“

„Aha. Und wo ist der?“

„Wer?“

„Wer? Der Entlassungsbrief!“

„Hat er dabei.“

„Wo?“

„Na, in seiner.. Jacke. Schätz ich.“

„Na gut. Schau ich gleich nach. Es hat also alles geklappt bei der Operation?“

„JA!!“

Der Pfleger hob genervt den Blick und warf die Tür des Schwesternzimmers zu. Ich war ja nur so nervig, weil mein Vater wirklich schlimm aussah. Wie sich seinem schwerfälligen Gestammel entnehmen liess, hatte er in der vergangenen Nacht keine Sekunde geschlafen. Während er sprach, glotzte uns das operierte rechte Auge Höhle an wie ein Goldfisch, der im Aquarium tot zu Boden gesunken war. Ein Frankenstein-Goldfisch.

Sobald wir im Parkhaus Ebene O erreichten und Vater auf den Rücksitz verfrachtet hatten, legte er sich lang und versuchte zu schlafen. Wie ein Schulbub lag er da, der ein Mittagsschläfchen hielt. Kaum eine Minute später saß er wieder aufrecht.

„Ich hab heut morgen grün geschissen.“

„Du hast was..?“

„Ist wahr. Grün. Wie Spinat.“

In Solingen angekommen, hatte der alte Lausebengel nur noch einen Wunsch: ein halbes Hähnchen vom Grill und dann ab ins Bett. Während wir im Wagen auf den Gockel warteten, versuchte er etwas vom Klinikaufenthalt zu erzählen, doch er verlor ständig den Faden. Gemein war den angebrochenen Schilderungen nur eines: Die Station schien überzuquellen vor Augenklappen und bandagierten Gesichtshälften.

Morgen ist das andere Auge dran.

6 Gedanken zu „Mein Vater, mein Vater! sein Auge!

  1. Danke für diese lakonisch schwindelerregende, fremdvertraute Achterbahnfahrt… Weiß auch nicht, fällt mir grad ein (Melodie: Manfred Schlenker, Text: vielleicht Immanuel Geibel oder anonym):

    „Es lebte einst in Indien ein alter Kakadu, der machte beinah immerfort das eine Auge zu… Und wenn ihm das zuleide ward, was macht der Kakadu? Er macht das eine Auge auf und macht das andere zu… Er war ein guter Philosoph, der alte Kakadu, denn wer in Frieden leben will, drückt stets ein Auge zu.“

  2. Bevor ich mit meinem unwichtigen Gedöns ankomme,möchte ich kurz erwähnen,daß ich die Geschichten über Deine Familie mit allerhöchstem Respekt lese.Anscheinend war Dein Vater ein besonderer Mensch.und der Satz,der oftmals so lax dahingequasselt wird,daß ein verstorbener Mensch in unserem Herzen und unserer Erinnerung weiterlebt,trifft bei Dir und Deinem Pa zu 100% zu.was ich aber wieder mal fast unheimlich finde (ich hoffe Du glaubst mir,daß ich in Deinem Blog die Wahrheit schreibe):ich muß am Mittwoch ins Helios-nach Barmen-Haus 2.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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