Na?

Arbeit war ein Fremdwort, und ich hatte definitiv keine Lust es im Fremdwörterbuch nachzuschlagen. Mit Anfang zwanzig schlug ich meine Zeit mit Einladungen zum Diner tot und traf mich mit Damen der Gesellschaft. Eine war gerade aus der Haft entlassen worden. Sie war spitz wie Nachbars Lumpi. Dagegen war nichts einzuwenden. Das Problem: Sie hatte dreissig Pfund zu viel auf den Hüften und trug eine dicke Hornbrille, die mich an meinen letzten Chemielehrer erinnerte, einem hüftsteifen Quereinsteiger aus der Industrie.

Sie kam mit zu mir nach Hause. Ich wohnte auf der Schillerstraße, es war meine erste eigene Bude. Die Fahrt kostete keine sechs Mark mit dem Taxi, vom Mumms aus.

„Moment noch“, sagte ich zum Fahrer, „ich muss eben Geld holen.“

„Ist schon gut“, meinte sie. „Ich übernehm das.“

Wir machten nicht viel Worte. Wir liessen den ganzen Kram sein, von wegen möchtest du was trinken, hörst du gern Soulmusik und wo ist das Klo, wir legten sofort los. Es war nicht mal schlecht. Es war sogar gut. Es hat richtig Spaß gemacht. Nach vierundzwanzig Monaten Aufenthalt im Frauengefängnis wegen Scheckbetrugs und fortgesetzter Unterschlagung war sie ausgehungert und bestrebt, all ihre Phantasien umzusetzen, die in der kargen Stammheimer Einzelzelle aufgelaufen waren. Ich fühlte mich fast ein bißchen benutzt. Aber nur ein kleines bißchen. Und auch nur fast.

Jedenfalls.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder so pompös einen geblasen gekriegt zu haben, mit allem Pipapo. Ich könnte dir noch stundenlang zugucken, sagte ich, und sie grinste mich an, pausbäckig.

Am nächsten Abend stand sie wieder am Tresen. Als der Geschäftsführer um drei die Sperrstunde einläutete, dackelten wir rüber zum Taxistand. Diesmal hatte ich noch was Penunse auf der Tasche, ich löhnte.

Dann verschwand sie vom Radarschirm. Es dauerte zehn Jahre, bis sie mir eines Abends wieder über den Weg lief. Ich war unterwegs zum Nachtdienst im Hotel. Erst erkannte ich sie kaum, sie hatte sich enorm verändert. Sie hatte stark abgenommen, trug hohe Lederstiefel und Blazer, dazu eine leopardenfellbraune Dolce & Gabbana-Sonnenbrille. Wir feixten, als wir uns auf dem Zebrastreifen begegneten. Niemand sagte ein Wort. Ach doch. Ich.

Ich sagte: Na?

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4 Gedanken zu „Na?

  1. Da endet die Geschichte an einem Punkt, an dem sie erst wieder beginnen könnte. Es ist mir immer wieder ein Genuss, wie schnell ich in deine Texte eintauchen kann und Welt sich vor mir aufbaut.

  2. Du hast uns Lesern unterschlagen, ob sie die Hornbrille bei ihren mündlichen Verrichtungen abnahm oder nicht. Das aber ist für unsere Vorstellungskraft, mit der wir diesen Text befüttern, unerlässlich. Nur so können wir ein vollumfängliches Bild ihres pipapompösen Jobs vor unserem inneren Auge entstehen lassen.

  3. Pingback: Lesestoff - Ausgabe 61 - DenkfabrikBlog.de

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