Geplant war Ewigkeit (14)

Obwohl ich mit seinen Kriegserinnerungen aufgewachsen bin, konnte ich ihn mir nur schwer als Soldat vorstellen, und als Krieger schon gar nicht. Ich brachte es nicht zusammen. Männer, die in den Krieg ziehen, waren für mich Kerle in Panzergräben, die nichts lieber taten, als Granaten in die Hand zu nehmen, die nicht zögerten zu töten, wenn der Befehl kam. Wie war so eine Testosteronmaschine in Einklang zu bringen mit meinem ruhigen, stets überlegt handelnden, souveränen und friedliebenden Vater?

Normandie, Frühjahr 1944.

„An der Front schrien die jungen deutschen Soldaten alle durcheinander, vor Angst“, erzählte Vater, „und sie schrien nicht etwa um Hilfe, sie schrien MUTTER!“

Sie wurden Grünschnäbel gerufen, die 16, 17jährigen Jungs, die mit der NS-Propaganda groß geworden waren. An der Front trichterte man ihnen ein, dass die ersten Reihen der vorrückenden Amis aus lauter Negern bestanden, die mit blitzenden Buschmessern zwischen den Zähnen kämpften, große wilde schwarze Tiere, die man sofort und ohne Gnade töten musste, sollte man auf sie treffen, sonst schlachteten sie dich ab, ohne mit der schwarzen Wimper zu zucken.

Vater diente als Melder. Jeder Zug hatte zwei Melder, und so war es reiner Zufall, dass der Kollege aus Breslau Dienst hatte, an diesem Morgen im Frühjahr 44.

Der Auftrag lautete, eine Nachricht an einen Offizier zu überbringen, der mit seiner Einheit am gegenüberliegenden Flussufer stationiert war. Dazu musste eine strategisch wichtige Brücke überquert werden, die unter sporadischem amerikanischen Panzerbeschuss stand.

Der Melder aus Breslau hatte die Hälfte der Brücke zurückgelegt, als sie bombardiert wurde. Er wurde glatt entzwei gerissen. Vater sah Bauchfell und Gedärme des Kameraden am Brückengeländer herunterhängen, wie Fondue-Käse, der Fäden zieht, und die Beine des armen Tropfes wurden immer länger, wie Tentakeln, schleimige Tentakeln, bis auch diese rissen und den Torso und samt gespaltenem Schädel dem Flusswasser übergaben.

„Das hättest ja auch genauso gut du sein können“, meinte ich vorsichtig.

„Na sicher. Ich hab einfach Glück gehabt, dass ich keinen Dienst hatte.. Sonst säßen wir jetzt nicht hier. Ich nicht, weil es mich erwischt hätte, du nicht, weil es dich nie gegeben hätte.“

Tatsächlich hätte Mutter einen anderen Mann kennengelernt, sie hätte andere Kinder geboren, es wären andere Geschichten erzählt worden, wäre der Dienstplan ein anderer gewesen, damals, im Frühling 44.

Was für ein wahlloser Blödsinn dieses Dasein ist.

„Am Ende waren alle Kameraden entweder tot oder verwundet, ich war der einzige aus dem alten Zug, der noch lebte. Als Melder, das war mein Glück. Ein Melder ist ständig in Bewegung, man bietet kein festes Ziel.“

Da Vater so ausgiebig von früher erzählte, blieb die Familiengeschichte meiner Mutter oft im Hintergrund, doch wenn es um den unmittelbaren Schrecken ging, den der Zweite Weltkrieg in den Alltag brachte, waren die spärlichen Erinnerungen meiner Mutter hilfreicher.

Wenn sie erzählte, hockte man als blutjunges BDM-Mädchen in den überfüllten Luftschutzkellern der Heimatstadt und hörte das Pfeifen und Brummen der Flieger, die Einschläge ringsherum. Man hörte Gebete im Keller, lauter und flehender nach jedem Bombeneinschlag, man hörte Kindergeschrei. Jede neue Detonation ließ das Haus erzittern. Putz rieselte von Decken und Wänden, der Staub machte die Luft zum Ersticken dick und die Gesichter weiß.

Wenn Mutter erzählte, sah man alte Menschen verrückt geworden vor Angst aus klaustrophobisch engen Bunkern fliehen, auf der Strasse erfasste sie der Feuersturm, wo sie als brennende Fackeln endeten.

Was denkt der Mensch, wenn er brennt, dachte ich, wenn Mutter erzählte, und Vater drehte sich sorgsam zur Seite.

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3 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (14)

  1. „Was für ein wahlloser Blödsinn dieses Dasein ist.“ wie wahr!
    und noch ein Satz, der mich umtreibt:“Was denkt der Mensch, wenn er brennt, dachte ich, wenn Mutter erzählte, und Vater drehte sich sorgsam zur Seite.*
    danke und herzliche Grüsse

  2. „Was für ein wahlloser Blödsinn dieses Dasein ist.“
    ulli hat es zwar schon zitiert, aber der satz nimmt mich ziemlich mit. hab grad angefangen „In Stahlgewittern“ zu lesen und auch wenn das buch oft verteufelt wird, zwischen den zeilen steht eine ganze menge von dem, was du in deinem text so verdichtet aufgeschrieben hast. und ich frage mich, wieviel noch immer nicht erzählt wurde.

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