Gebell von fernen Höfen

Es gibt Typen, die treten in dein Leben, erledigen, was zu erledigen ist, und sind wieder weg, als hätte es sie nie gegeben. Da war dieser Russland-Deutsche. Verschlagener Gesichtsausdruck, die Nase eine Sprungschanze, Ostblock-Adamsapfel. Ein Dope-Verticker, wie er in amerikanischen Short Storys an jeder Ecke steht, in den Backentaschen ein halbes Dutzend eingeschweisster Heroin-Bubbles, verkaufsfertig portioniert und zum Runterschlucken geeignet, falls Zivilfahnder auftauchen und einem an die Kehle gehen… so ein Typ eben.

Es ging mir nicht gut an diesem Vormittag. Doch zeig mir einen Tag, an dem es mir gut ging in den ruhelosen Neunzigern. Vielleicht morgens um neun, kurz nach der ersten Nase, für zwanzig, fünfundzwanzig Minuten.

In der Fußgängerzone geriet ich in einen komplett schwarz gekleideten Pulk von Teenagern, der sich durch die Stadt schob, ein gruseliger Anblick, der von einem einzigen farbigen Klecks durchbrochen wurde, einem gelben Briefkasten, der an der Hauswand hing und mehrfach am Tag geleert wurde. Daher hatte er das Recht, einen roten Punkt zu führen. Ein Pulk schwarz gekleideter junger Leute vor einem quietschgelben Briefkasten mit rotem Punkt, Wahnsinn, diese Stadt. Links und rechts Treppen, über mir das Rumpeln der Schwebebahn.

Ich war in Wuppertal.

Einmal die Woche besorgte ich mir in einer Elberfelder Arztpraxis ein Rezept für Codeinsaft. Ich kam nicht gut klar auf dem Zeug, es nahm einem nicht den Suchtdruck, nur der Affe war weg. Lieber hätte ich Methadon genommen, doch die wenigen Substitutionsplätze bei niedergelassenen Ärzten waren voll. Also versuchte ich mich auf dem Schwarzmarkt mit Methadon einzudecken, wenn kein Heroin aufzutreiben war.

Die Codein-Praxis lag nur wenige Meter entfernt von der Elberfelder Platte. Ich ging auf zwei Gesichter zu, die sich unterhielten, und fragte, wo was zu schnappen wäre und erntete nur Schulterzucken.

„Ist tot, Wuppertal. Kein Gift nirgendwo. Kannst du vergessen.“

„Was ist mit Saft?“

„Saft? Was meinst du? Metha?“

Ich nickte. „Oder Pola, egal.“

Auch wenn sich Methadon sowie das teurere und daher selten verschriebene Polamidon, (das eine Zeug war links-, das andere rechtsdrehend), als Zweitwährung in der Szene etablierte, es gab nur einige wenige lizensierte Ärzte, die solche Rezepte ausstellen durften, so konnte das knappe Angebot die Nachfrage nicht abdecken, auch wenn Metha/Pola einen Voteil besaßen: der Stoff hielt 24 Stunden an, und er war sauber. Eigentlich. Denn uneigentlich entstand schnell ein Schwarzmarkt, und die Leute panschten die mit einem gelben Trägerstoff versehene, bittersüß schmeckende Lösung mit allem, was sie in die Finger kriegten, vorzugsweise Leitungswasser oder Spülmittel. Das war schlecht für Junkies, die schussgeil waren und sich das Zeug in die Vene ballerten statt es zu trinken.

„Ich hab mir einen Shake geschossen“, hörte man dann, weil weder Wasser noch Spülmittel etwas im Blutkreislauf verloren hatten, und die Leute krampften wie kleine Babys.

Der Handel mit den Ersatzstoffen blieb dem örtlichen Rauschgiftdezernat nicht verborgen. Es fuhr in zivil Streife durch die Strassen und hatte leichtes Spiel. Überall, wo Junkies zusammenstanden und miteinander kungelten, blitzten die roten Verschlusskappen der Plastiktöpfchen auf, in denen Methadon gehandelt wurde.

Der mausgesichtige schwarze Ojay, seit zwanzig Jahren auf allen möglichen Drogen, ein echtes Multitalent, stand am Springbrunnen, aus dem schon lange kein Wasser mehr sprudelte, und winkte mich heran. Wie viele Solinger hatte es ihn schon vor Jahren ins größere Wuppertal gezogen. Er kam gleich zur Sache, auch wenn wir uns seit Ewigkeiten nicht gesehen hatten.

„Was suchst du, Alter, Metha?“

Ich fragte mich, ob er Lippen lesen konnte oder ob mir die Suche nach dem Ersatzgift schon ins Gesicht geritzt war, und nickte.

„Der Russe dahinten vertickt was.“

„Welcher Russe?“

„Na, der aus Kasachstan, hinten auf der anderen Seite.“

„Aus Kasachstan?“

„Ja. Oder Ukraine, was weiss ich denn, woher der kommt. Irgend so ein Schwarzkopp eben.“

„Der mit der Mütze?“

„Ja. Der.“

Ich ging über die Strasse und sprach ihn an. Er stand vorm Schaufenster des Pressehauses und las in den ausgehängten Lokalseiten. Ein schlaksiger Vogel, einen Kopf größer als ich. Knochiges verschlagenes Gesicht, tiefsitzende Augen, Ballonmütze. Auf den ersten Blick traute ich ihm nicht über den Weg, andererseits hatte Ojay ihn empfohlen, und Ojay kannte ich noch aus alten Kifferzeiten in der Nordstadt.

„Du hast Saft zu verticken?“ fragte ich.

„Wer sagt das?“

„Ojay. Dahinten.“

Der Russe nickte. „Wieviel brauchst du?“

„Na, was geht.“

Fehler. Der muss doch denken, ich hätte die Taschen voller Kohle, dachte ich, wenn ich alles nehme, was geht, dabei hatte ich gerade mal einen Fuffie zusammen. Sei nicht albern. Nur weil er Russe ist, wird er dich nicht gleich abstechen. Er trug eine olivgrüne Bomberjacke, ein original Achtzigerjahre-Blouson mit üppigen Schulterpolstern. Dazu eine überlange Nase,  die wie ein Holzsteg auf den See hinausragte. Der Rest seines Gesichts war sumpfiges Gelände, Betreten auf eigene Gefahr.

„Wir müssen erst meine Frau wecken“, sagte er.

„Deine Frau? Wieso?“ Ich wurde sofort misstrauisch. „Was hat die damit zu tun?“

„Die hat das Metha.“

„Ich dachte, du hättest was dabei.“

Wir gingen bereits einige Schritte Richtung Bahnhofstunnel, er hatte sich in Bewegung gesetzt und ich folgte auf gleicher Höhe.

„Nein, nein. Meine Frau bekommt Metha. Aber sie muss erst zum Doc. Mit Schwebebahn.“

Ich blieb stehen.

„Na, Moment?! Sie muss erst zum Doc fahren, das Rezept holen, und dann auch noch in die Apotheke..?“

„Ja. Dauert mindestens ein, zwei Stunden, ja. Dafür mach ich es billiger.“

Sein Blick schweifte unaufhörlich hin und her, nichts in der Umgebung schien ihm zu entgehen. Passanten wurden beäugt, die Besatzungen vorbeifahrender Automobile eingescannt. Ich fühlte mich zunehmend unwohl in seiner Nähe. Wenn ich irgendetwas hasste in meiner Junkiezeit, dann Situationen, die nach Bullen geradezu stanken. Auch wenn ich nie im Knast war, diese Erfahrung wollte ich mir ersparen. Deswegen dealte ich auch nicht. Aus einer Ruck-zuck-Aktion entwickelte sich gerade eine den Vormittag ausfüllende Nummer, aber hatte ich eine Wahl? Es blieb nur die Option, auf der Platte rumzulungern und auf Leute zu warten, die ich nicht kannte und die nicht kommen würden – das war keine Option. Das war Scheissdreck. Das war Hühnerkacke.

Wir verliessen den Bahnhof, eilten durch Nebenstrassen, die ich noch nie gesehen hatte. Elberfeld war nicht mein Revier. Ich kannte gerade mal die Fußgängerzone. Ich war im Ausland.

„Zwei Töpfe können wir abgeben, a 10 Mililiter. Für zwanzig.“

„Okay“, sagte ich.

„Hast du saubere Pipi?“ fragte er.

„Ja.“

„Wirklich sauber?“

„Ja natürlich.“

Junkies im Methadon-Programm waren ständig scharf auf sauberen Urin, manche wurden wöchentlich auf Beikonsum getestet. Ich hatte extra was mitgenommen, aus dem Tiefkühlfach. Mittlerweile hatte es sich vermutlich auf Körpertemperatur aufgewärmt. Wir fuhren zwei Stationen mit dem Bus.

Ich fragte ihn, wo er herkam. Aus Kasachstan. Einer kleinen Stadt. Er erzählte, wie man ihn als Teenie in seiner Heimat verprügelt hatte, bei dreissig Grad minus. Er wurde bewusstlos für einige Minuten. Schliesslich fand ihn ein Autofahrer und brachte ihn ins Krankenhaus. Als er wach wurde lag er im Krankenbett, um ihn herum drei Schwestern, die ihn vorsichtig mit Schnee einrieben. Er fror erbärmlich, ihm klapperten alle Knochen, wie einem Gespenst. So Hui Buuh, original, Alter. Und die ganze Zeit rieb man ihn mit Schnee ein. Bis er allmählich auftaute. Ein paar Monate später ging die ganze Familie nach Deutschland und wurde heroinsüchtig. Bis auf die Mutter.

„Wir sind da.“

Das Haus lag im Hinterhof. Zweite Etage. Strom abgedreht, kaum Möbel, Kündigungsklage. Seine Frau saß rauchend auf der Couch und beobachtete mich nicht weiter, als wir das Zimmer betraten. Der Typ reichte mir ein leeres Jägermeisterfläschchen.

„Kannst du vollmachen mit Pipi?“

Als ich im Badezimmer des deutsch-russischen Junkiepaars stand und Pisse abfüllte, bereitete ich mich innerlich auf einen Faustkampf vor. Der Flaschenhals des Jägermeister war zu klein, die Pisse lief voll drüber. Die Pisse lief warm über meine Finger und zu den Seiten des Fläschchen herunter. Als ich das Fläschchen zurückbrachte, abgespült, gab mir der Russe ein halbes Töpfchen Methadon.

„Hier, ist noch Rest drin, kannst du schon mal haben. Vielleicht vier, fünf Milliliter. Kannst du schon haben. Damit es dir besser geht. Entspann dich. Wir fahren gleich mit der Schwebebahn zum Doc nach Barmen.“

Seine Frau las unbeteiligt in dem Roman. Knallrotes Paperback, kyrillische Buchstaben, darunter: SEX AND CRIME – sowie ein Foto auf dem Umschlag, das an ein verwischtes Menü-Foto bei McDonalds erinnerte und Kalaschnikows und halbnackte Weiber zeigte, in schusssicheren roten Netzstrümpfen.

Die Dinge liefen besser als erwartet.

Advertisements

4 Gedanken zu „Gebell von fernen Höfen

  1. Wir würden uns sehr über weitere Erinnerungen aus der „aktiven“ Zeit freuen.
    Menschen, die dieses Umfeld nie erlebt haben ahnen nicht, daß diese Leute mehr Ehrlichkeit, Charakter und Empathie besitzen, als es ihnen die normalen Mitbürger zugestehen.
    In diesen Sinne grüßen wir alle Ringos, Fleschkoenigs und Tims der Welt.
    (Die Lebenden und die Toten)

  2. Am Tunnel war ich leider auch nicht selten,obwohl ich auch nie ein Plattenjunk war.die Chancen auf den totalen Abzug standen fifty-fifty,die auf korrekte Schore 10 zu 90.Eigentlich Wahnsinn.ich kann mich an einen richtig kranken Tag in den 90ern erinnern,ich hatte noch knapp 500 von nem Kredo über.erst vermittelte mir jemand n Fünfer-Beutel,natürlich nicht wirklich fünf aber trotzdem ok,dann setzte ich mir mit dem Vermittler irgendwo in Elberfeldt in nem Abrißhaus mehrere Knaller.Wasser aus ner Pfütze,alte Löffel lagen da rum,aber immerhin ne frische Pumpe und Asco.Dann wollte ich noch Weiß.also ab nach D’dorf mit dem Zug,weil der Typ da einen mit Weiß kannte.auf dem Weg dahin natürlich auf dem Klo noch einen gesetzt.in D’dorf den Typ nicht gefunden,also zog ich alleine los und besorgte mir am Bahnhof was.natürlich über einen Vermittler,mit dem ich dann sofort das Weiße schießen wollte.also irgendwo in Nähe Bahnhof in irgendwelchen Sträuchern das Weiße gedrückt.die Pumpe war längst stumpf,meine Arme voller Abzesse,aber das Koks sehr gut.Überraschenderweise.hab in all den Jahren nie das Gefühl gehabt,daß ich ne Überdosis Heroin intus hätte,wenn ich Weiß gedrückt hab,hatte ich immer das Gefühl,daß ich kurz vorm Infarkt bin.eigentlich jedes Mal.jedenfalls brauchte ich im Zug zurück unbedingt was Braunes zum Runterkommen.also ab auf’s Klo.als ich spätabends zu Hause war,hatte ich die 500 Mark weg,der Fünfer,bzw Dreier-Beutel war platt und das Weiße sowieso.ich hatte Fieber von den ganzen Eiterbeulen am Arm und mußte in wenigen Stunden raus zur Frühschicht.was für eine kaputte,kranke Scheiße.aber der Tag war erfolgreich verlaufen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s