Der notorische Nachtportier

20. Februar 1995

Nachtdienst-Woche. Wenn das Heroin aufgebraucht war, blieb ich tagsüber so lange wie möglich im Bett liegen und wartete das Anfluten der Depression ab. Meist hatte ich dann ein Buch in der Hand, aber wirklich konzentrieren konnte ich mich nicht. Abends quälte ich mich unter die Dusche und an den Esstisch. Ich bekam kaum was runter, sprach wenig. Die Gräfin kümmerte sich in meiner Nachtdienst-Woche hauptsächlich um sich selbst. Ging mit ihrer Busenfreundin reiten, fuhr Taxi, um Geld zu verdienen, las Bücher und alte Asterix-Hefte, aß mit mir einen schweigenden Happen. Gegen halb zehn schlich ich aus dem Haus, bergauf durch den dunklen Park, Richtung Turmhotel.

Ich fühlte mich so desolat und chemisch überreizt, dass ich mir oft nichts sehnlicher wünschte, als den Nachtdienst zu schwänzen und stattdessen in eines der am Straßenrand geparkten Autos einzubrechen und die Nacht auf dem Rücksitz zu verbringen, geschützt von Karosserie und einer funktionierenden Standheizung.

Besonders, wenn Regen fiel und das Wasser von den Scheiben perlte, zogen mich am Straßenrand abgestellte Autos magisch an. Oder im Winter. Wenn die zugeschneiten, nach vorn gebürsteten Silhouetten nur eine Ahnung vom Autoinneren gestatteten, wenn die Schneedecke alles Konkrete schluckte. Als drohte jederzeit ein Luftangriff, da half der Schnee und die niedrige Dachlinie, dem Feind wenig Angriffsfläche zu bieten. Kein Mensch würde einen finden in der Mercedesmuschel. Spätestens gegen Mitternacht würde ein Drive by-Dealer ans Fenster klopfen und höflich etwas Drive by-Heroin anliefern, im Drive by-Verkauf.

Einwandfreies Einduseln garantiert.

Die Sehnsucht nach Abgeschottetsein, nach hermetisch abgeriegelten Fahrzeugen und Bunkern der Effizienzklasse F war ja nichts anderes als jene mucklige Einschlafhilfe, die ich mir als Knirps Abend für Abend zurechtgelegt hatte. Als ich mir (den Kopf unter der Bettdecke) vorstellte, in einer Glaskugel durch die Tiefsee zu treiben, wo alles federleicht, warm und aufgehoben schien, bis endlich der Schlaf kam und mich fortspülte durch den großen Ozean.

1995. Gegen die geballte innere Leere und Kälte des Heroinentzugs erschien jedes noch so verlassene Vehikel am Straßenrand so einladend und gastlich, dass ich im Vorübergehen Türen aufbrach und in Velours bezogenen Vollschalensitzen versank. Dafür hat die Entwicklungspsychologie sogar einen Fachbegriff: intrauterine (innerhalb der Gebärmutter) Phantasien.

Mit Pfeifen und Rasseln in der Lunge, es war null Grad und die Luft extrem trocken, erschien ich zum Nachtdienst, exakt eine Minute zu spät, zweiundzwanzig Uhr 1. Der Chef saß hinten im Büro an der elektrischen Schreibmaschine, die Lesebrille auf der Nase

„N’abend Meister.“

„Ja“, sagte ich, „hallo.“

Er war dabei, einen Beschwerdebrief an den Verpächter zu formulieren, im Ein-Finger-Suchsystem, genau wie ich, wenn ich an der Schreibmaschine saß. Genau wie ich? Sehr witzig. Ich hatte das Schreiben längst an den Nagel gehängt, im sechsten Jahr als Nachtportier. Wenn ich doch mal eine Viertelstunde an der Maschine saß, bekam ich Seitenstiche.

„Hier, lesen Sie mal..“

Der Chef zog das Schreiben heraus und reichte es mir. Es ging mal wieder um die Feuchtigkeit in den Wänden. Fünfundzwanzig Jahre nach Errichtung des Turmhotels taten sich in vielen Zimmern Risse und Flecken auf. Zwar wurde jedes Jahr neu drübergestrichen, doch spätestens zwölf Monate später traten die Schäden wieder auf, in einem Umfang, als hätte es den Anstrich niemals gegeben.

„Das kostet mich jedes Mal zwölftausend Mark“, sagte mein Chef erbost.

Er war groß und behäbig, zog die Schultern ein beim Gehen, ein schlurfender Bär. Ich blickte ihn an. Zwölftausend Mark im Jahr, nur fürs Streichen..? Sehr viel mehr verdiente ich als Nachtportier auch nicht. Ich war meinem Chef also genauso viel wert wie ein paar Eimer Farbe und ein dicker fetter Quast. Der Chef schien zu spüren, in welche Richtung sich meine Gedanken bewegten, und disponierte um. Das machte ihn aus als Chef. Das schnelle Umdisponieren, wenn der Moment es erforderte.

„Ich könnte natürlich hergehen und sagen, okay, Dieter, du verzichtest jedes Jahr auf Urlaub, auf Weihnachtsgeschenke für die Kinder und auf äh noch was dickes, und streichst dafür jeden Sommer das Hotel neu, klar. Könnt ich machen. Wär ne Option.“

Er führte mich nach nebenan in die Wäschekammer, deren Wände und Decke es arg getroffen hatte. Ausgerechnet in der Wäschekammer war es so feucht, dass sich Schimmel bildete. Aber darum ging es dem Chef nicht mehr. Es waren die zwölftausend Mark, die zwischen uns waren, und er versuchte sie aus dem Weg zu schaffen, indem er mich ins Vertrauen zog. Damit ich mich besser fühlte, wenn er mir schon nur ein Taschengeld zahlte.

„Hier, schauen Sie mal..“

An der Decke zeigten sich grosse dunkle Flecken, wie Tinte auf Löschpapier.

„Der Gutachter hat gesagt, das käme vom Badezimmer nebenan, das wäre nur Kondenswasser, aber jetzt überlegen Sie mal.. Sie kommen drauf.. Na?“

Ich tat so, als überlegte ich. Ohne Ergebnis.

„Hier ist doch nebenan gar kein Badezimmer!“ rief der Chef.

„Äh“, sagte ich.

„Ja! Genau! Hier, kommen Sie mal mit in Zimmer 14..“

Auch hier jede Menge dunkler Flecken, hauptsächlich oben in den Ecken.

„Der Anstreicher sagt jedes Jahr dasselbe. Wissen Sie was der sagt?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Das wäre bloß Staub, sagt der Anstreicher immer.“

„Aha“, sagte ich. „Staub.“

„Klar, Staub.“ Der Chef hustete. Ein großer brauchbarer Kerl, braungebrannt, goldenes Puffkettchen am Hals, Sechs-Tage-Bart. „Aber woher kommt der Staub? Jaa, das weiß der Gutachter auch nicht, und der Anstreicher sowieso nicht. Der ist froh, wenn er jedes Jahr streichen darf. Ich bin ja der Meinung, der Staub kommt aus den Lüftungen, die arbeiten hier wie verrückt.“

Er zog eine Schachtel HB aus der Hemdtasche und steckte sich eine Zigarette an. Drei Packungen HB am Tag waren Usus, und alle Kippen landeten in einem großen Glas-Aschenbecher, einem schmauchenden Fiasko aus ausgedrückten Kippen, Asche und Filtern. Dieters Müllkippe.

„Was hab ich also gemacht..?“ Er wartete, um die Spannung zu erhöhen, und ließ einen Ringel Qualm aufsteigen. „Ich hab einfach einen Bierdeckel oben in die Lüftung geschoben, quer rein, um den Staub abzuhalten. Und wissen Sie was?“

Er glotzte in den Dunst, wie ein großes zufriedenes Putzerfischchen.

„Hat funktioniert.“

Ich nickte. Wovon sprach der Kerl? Ich hatte definitiv keine Ahnung.

„Nur der Gutachter fand das jetzt nicht so gut.“ Wir trotteten zurück in die Wäschekammer. „Gucken Sie sich die Bescherung doch mal an, das muss alles gemacht werden.“

Er war ja kein übler Kerl. Geizig, das schon, aber geizig waren alle. Vermutlich wäre auch ich geizig gewesen, hätte ich irgendwie Kohle gemacht, aber ich hatte keine Kohle. Arme Leute müssen nicht geizig sein, ein Riesenvorteil. Er verstand einfach nicht, was ich im Turmhotel zu suchen hatte. Mehrfach hatte er versucht mich anzusticheln, mehr aus meinem Leben zu machen, mir nicht nur die Nächte um die Ohren zu hauen und den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen.

“Herr Glumm, sagen Sie.. was machen Sie eigentlich hier?” hatte der Chef eines Abends vor mir gestanden, fassungslos, abends bei der Übergabe. “Ein Mann in Ihrem Alter und dann.. Nachtportier..”

Es schellte vorn an der Rezeption. Gottseidank. Die Rettung nahte. Irgendwer hatte den vollmundigen Tresen-Gong gedrückt. Ich ging nachschauen, der Chef kam hinterher. Es waren zwei der Musikerinnen vom 14. Stock, die in einem modernen Streichquartett spielten.

„Guten Abend, die Damen!“

Der Chef war in seinem Element, wenn er Weiber sah, für die er zu alt war. Er deutete eine Verbeugung an, wobei ihm beinahe die Kippen aus der Hemdtasche fielen. Die beiden Musikerinnen schmunzelten nachsichtig.

„Vorstellung gehabt?“ erkundigte sich der Chef während ich die Zimmerschlüssel vom Haken nahm und verteilte.

„Ja, im Kammermusiksaal.“

„Kammermusiksaal.. heyy! Ich hab ja auch mal auf einem Schützenfest eine total schräge Kapelle gehört, also mit Trompete, Posaune und so einem, ich sag mal, ähh so einem Knie-Bass..“

Die Damen tauschten einen Blick. Mädels, dachte ich, tapfer bleiben, Klappe halten. Bloß nicht auf das Gequatsche eingehen. Dann ist der Abend für euch gelaufen. Aus der Nummer kommt ihr nicht mehr raus..

„Cello?“ fragte die eine.

Zu spät.

„Cello! Genau! Das war ja vielleicht eine schräge Musik, ich sag Ihnen, das war wie im Mittelalter, so Knöchelverzeichnis sag ich immer zu meiner Frau.. Knöchelverzeichnis!! Hahaa! Na, Sie sind ja vom Fach. Da dürfte ich das gar nicht sagen..“

Er schaute zu mir rüber. Bitte nicht, dachte ich. Zu spät:

„Knöchelverzeichnis“, grinste er und widmete sich wieder den Damen. „Aber.. also, ich sag mal so: Bringt das denn richtig Geld, mit ner Geige auf Tournee?“ Eine Antwort wartete der Chef erst gar nicht ab. „Auf der Abiturfeier von meinem Thomas hat auch eine Dixieland-Gruppe gespielt.“ Er strahlte wie ein ganzer Puff. „Da bin ich ja ein gaanz großer Freund von! Von Dixieland! Von Mr. Acker Bilk! Kennen Sie den noch? Kommen Sie, Mr. Acker Bilk, Stranger on the shore..! Kennt doch jeder!“

Zwanzig Minuten später. Der Chef hatte sich gerade von den bedauernswerten Musikerinnen in den verdienten Feierabend verabschiedet, als ich im Büro erschöpft in den großen Fernsehsessel sank. Ich hörte noch, wie die beiden Frauen aus Stuttgart den Aufzug nahmen, den Tränen nahe. Dabei war das bloß eine ganz normale Übergabe gewesen.

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5 Gedanken zu „Der notorische Nachtportier

  1. Arme Leute müssen nicht geizig sein, ein Riesenvorteil.
    Wo nimmst du so Sätze her?
    Ich mag alle Geschichten, aber ich habe drei, vier Favoriten, an denen ich die Handlung spannend finde und wo Du Deine Gedanken regelrecht abfeuerst, in einer Art und Weise die der deutschen Sprache mehr als alle Ehre macht. Ich glaube sowas ist Kunst. Aber so eine Geschichte wie diese hier finde ich auch besonders. Aus nichts ne interessante Story bauen. Ich glaube DANN darf man sich Autor nennen!

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