Geplant war Ewigkeit (16, Schlussakt)

Papa ist tot

(Eintrag Notizbuch, 9.2. 2014 – 15 Uhr)

*

Sonntagnachmittag. Nach dem Essen leg ich mich hin und gucke Winter-Olympiade, aber ich bin nicht richtig bei der Sache und sacke dauernd weg. Die Gräfin hat sich auch hingelegt, in ihr eigenes Bett, um Ruhe zu finden. Bis ihr, es muss viertel vor drei gewesen sein, wie sie später erzählt, die Tränen kommen, ganz plötzlich. Sie führt es auf den Stress der letzten Tage zurück, auf all die Sorge und den fehlenden Schlaf, in Wahrheit stirbt in diesen Minuten mein Vater.

Organversagen.

Gegen halb vier steh ich auf, geh in die Küche, setz Teewasser auf. Da ich die Telefone leise gestellt hab, um beim Mittagsschlaf ungestört zu bleiben, werfe ich einen Blick auf das Display meines alten Motorolas. Ich sehe die Nummer meiner Schwester, der Anruf ist wenige Minuten alt. Im gleichen Moment höre ich das Läuten des Festnetztelefons – leise zwar, doch vernehmlich, wenn man auf den Sound geeicht und in der Nähe des Telefons ist.

2 Anrufe in Ihrer Abwesenheit.

Einer von meiner Schwester, der andere von der Station, auf der mein Vater liegt. Ich soll umgehend zurückrufen. Ich ahne, was los ist. Ich wähle die Nummer meiner Schwester.

Mein Schwager nimmt ab.

Du, das Klinikum hat vor.. zehn Minuten angerufen. Euer Vater ist gestorben.

Ich wusste es, sag ich nur.

Die Gräfin steht hinter mir. Papa ist tot, sag ich. Sie nickt.

Was meinst du? Kommt ihr alle zu uns?  fragt mein Schwager. Sollen wir uns alle hier sammeln?

Ja, machen wir.

Nachdem ich auflege, fallen Sanne und ich uns in den Arme. Es ist vollbracht.

„Er lacht die ganze Zeit, wenn ich an ihn denke“, schluchzt sie.

Wenn sie weint, ist sie die Sonne. Wenn sie weint, ist Friede.

Mein Bruder ruft an. Weisst du schon..? Ja, ich weiss schon. Zwischen elf und zwölf waren wir noch im Krankenhaus gewesen, zu zweit, um uns, ohne es zu wissen, von Vater zu verabschieden. Es war die gleiche Konstellation wie tags zuvor, doch wir waren uns nicht sicher, ob Vater uns noch wahrnahm.

Ob er überhaupt mitkriegte, dass wir im Zimmer waren.

Kaum angekommen im Klinikum hatten wir den diensthabenden Oberarzt auf dem Flur abgefangen. Er kam sofort mit auf Vaters Zimmer. Sah sich im Patientenblatt die letzten Laborwerte an, fühlte seine Beine, „ja, ist etwas weniger Wasser geworden.“ Auch die vermutete Lungenentzündung habe sich glücklicherweise nicht bestätigt. „Doch der Allgemeinzustand Ihres Vaters lässt eine Rückverlegung ins Heim nicht zu.“

Er sah uns an.

„Aus Erfahrung sage ich Ihnen, Ihr Vater ist nach zwei Stunden wieder im Krankenhaus.“

Überhaupt sei der arme Mann seiner Einschätzung nach der typische Patient, den die Altenheime übers Wochenende gerne ins Klinikum ausquartieren: dement und pflegeintensiv.

Vater hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen, gab unartikulierte laute Geräusche von sich. Oder er nuschelte vor sich hin, dass ihn niemand verstand. An Füttern und miteinander Reden wie am Tag zuvor war nicht zu denken.

Einmal fiel Vater dem Oberarzt ins Wort und stöhnte wie ein verwundetes Tier, das sich ins Dickicht verzieht. „Papa, sei mal einen Moment still!“ meinte ich, und augenblicklich war Ruhe. Ich hatte kein gutes Gefühl, fand mich eine Spur zu brüsk, zu autoritär, und sofort tat es mir leid. Das hättest du dir früher nie erlaubt, dachte ich. Früher, als er noch bei Kräften war, hast du dich nie gegen ihn gestellt.

Toll, dass du dich jetzt traust.

Und dann war da noch dieser kurze, ja unvollständige Augenblick, von dem mein Bruder, wie ich später erfuhr, gar nichts mitbekommen hatte. Wir hatten uns von Vater auf ein halbes Stündchen verabschiedet, weil wir unten im Cafe etwas trinken wollten. Bis gleich, Papa, sagten wir, doch es kam keine Antwort. Danach kehrten wir auf einen Sprung zu Vater zurück, es sollte das letzte Mal sein, dass wir ihn sahen.

Wir standen um sein Bett herum, und ich sprach ein wenig mit ihm. Mein Bruder setzte sich an den Tisch, kontrollierte sein Smartphone auf Anrufe und SMS.

Vater bemühte sich, etwas zu sagen. Ich beugte mich zu ihm runter, um ihn besser zu verstehen. Wenn ich ihn nicht so gut gekannt hätte, sein Solinger Platt, seine Eigenheiten, ich hätte nicht ein Wort verstanden. Es bezog sich darauf, dass wir im Krankenhaus-Cafe gewesen waren, er hatte uns also doch verstanden. Dann hauchte er, „ja, ihr beiden.. ihr macht es euch schon schön..“ und lächelte schwach, wie aus der Ferne. Es war das letzte, was er uns mit auf den Weg gab. Der Tod griff schon nach ihm, brach seinen Blick, und durch den Schleier hindurch suchte er nach etwas Wohlwollen zum Abschied.

*

Als wir später am Abend beim Griechen waren, fiel mir Vaters Lieblingsgeschichte aus seiner Kindheit ein. Er hatte sie oft erzählt, wenn wir nachmittags auf dem Balkon saßen und heißen Kakao schlürften, und wenn die ersten Takte erklangen, wusste ich, was kommt, und hing an seinen Lippen. Es war nicht mal eine besondere Geschichte, aber er liebte es, sie zu erzählen.

In den 30er Jahren, er war ein kleiner Junge, fuhr er regelmäßig mit der Strassenbahn hinauf nach Cronenberg zu Tante Milly, die einen Lebensmittelladen führte. Die Linie 5 zwischen Solingen und Wuppertal galt als eine der landschaftlich reizvollsten Strassenbahnlinien Deutschlands. Die Zugmaschinen hatten die stärksten Motoren, um den steilen Anstieg nach Cronenberg zu bewältigen, die Fahrer, Meister ihres Fachs, mussten all ihre Fahrkunst aufbieten, wenn es auf dem Rückweg nach Solingen-Kohlfurth rasant bergab ging.

Es war Heiligabend, als der kleine Knirps, der mein Vater werden sollte, in Cronenberg die Strassenbahn bestieg, doch als er zahlen wollte, stellte er fest, dass sein Geld weg war – zwei Groschen, er hatte sie verloren. Es war die letzte Bahn, die an diesem Tag fuhr, und keine Zeit mehr, um zurück zu Tante Milly zu eilen und Geld zu holen. Mein Vater war der einzige Passagier an Bord. Nicht mal ein Schaffner hatte Dienst. Bloß der Fahrer und er waren anwesend.

Der Schnee wirbelte gegen die Scheiben.

“Du häss kin Jeld, Jung?“ sagte der Strassenbahnfahrer, (er trug eine Mütze wie ein Kapitän, erzählte Vater.) „Maht nix. Kannste Weihnachtslieder singen?”

Vater nickte.

“Dann singste ewen. Komm, ich hölp dir.”

Und so sangen die beiden Weihnachtslieder, während sie in der einbrechenden Dunkelheit Richtung Solingen rumpelten. Oh Tannenbaum, Stille Nacht, Heilige Nacht. Irgendwann ging ihnen der Text aus, sie wussten nicht weiter.

“Na, dann pfeifste eben noch wat, Jung.”

Als sie am verschneiten Stöckerberg in Solingen ankamen und der kleine Willi ausstieg, winkte ihm der Fahrer hinterher.

„Frohe Weihnachten, Jung! Und sing nit so schief, wenne gleich unterm Christbaum stehst!“

Das vergass Papa nie zu erwähnen.

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7 Gedanken zu „Geplant war Ewigkeit (16, Schlussakt)

  1. Lieber Andreas, du kannst es ja nicht wissen, aber vor einer Viertelstunde habe ich einer Freundin vom Tod meines Vaters erzählt, der mir dieser Tage wieder soo nahe ist. Warum auch immer. Ähnliche Szenen von Krankenhaus. Von Abschied. Von letzten Worten, kaum verständlich gemurmelten. Und jetzt finde ich diesen Text. Puh!

    Was du über die Tränen der Gräfin sagst, ist wunderbar. Und diese Geschichte aus seiner Kindheit … mir fallen keine passenden Worte ein. Einfach verdammt berührend. So schön, dass es weh tut. Und da spüre ich immer wieder diese Vaterliebe.
    Danke, dass du diese Texte geschrieben hast.
    Guck mal hier: http://frohmannverlag.tumblr.com/ – ich habe zu diesem Projekt bereits einen Text beigetragen für die Version 1/4. Weitere Texte sind erwünscht und gefragt. Ich könnte mir diesen sehr gut vorstellen. Und es wäre schön, wenn du mit ihm Buch wärst. Jürgen will auch einen Text beisteuern.

    Danke!

  2. Auch ohne bisher Ähnliches erlebt zu haben, geht es mir wie Sofasophia – was du über das Schluchzen der Gräfin schreibst und die Kindheitsweihnachtsgeschichte gehen sehr nah, auf eine melancholisch-tröstende Weise.

  3. Herr Glumm…, vielen Dank für diese Reihe…, bin tief berührt und habe dem „Schlussakt“ entgegen gefiebert…

    Es ist schön zu lesen, dass es Menschen gibt, die noch hinschauen, empfinden und das auch noch in Worte packen können, die einen berühren, wenn auch nicht immer angenehm, aber doch nah. Dafür nochmals vielen Dank!!!

    Ihrem Vater wünsche ich, dass es so etwas wie einen Himmel gibt…

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