Ein raffiniertes Leben

Ich lernte die Gräfin im Frühjahr 1987 kennen, zur einer Zeit, als sie als Nachtwache in einem Behindertenwohnheim jobbte. Ein Großteil der Bewohner hatte das Down-Syndrom. Nette Menschen wie Karl-Heinz Brunner, genannt der kleine Kalli, der keinen einzigen Zahn mehr im Mund hatte, aber Äpfel knacken konnte mit dem bloßen Kieferknochen. „Das war zwar ne elende Mümmelei, bis das Obst auf war“, so die Gräfin, „aber es funktionierte.“ Selbst Kronkorken von Bierflaschen hebelte der kleine Kalli auf diese Art und Weise auf.

Zu den anderen Mongölchen, wie Down-Syndrom-Patienten vom Personal liebevoll gerufen wurden, zählten Wittek, ein leidenschaftlicher Opern-Fan, der die Daten aller wichtigen Opern-Inszenierungen in Europa und den USA der letzten fünfzig Jahre herunterrasseln konnte, sowie Günter Asbeck und Knupp, zwei genügsame Heiminsassen, die Tag und Nacht zusammensteckten, fast wie siamesische Zwillinge. Ihre Hobbies: dicke Zigarren und die 3 Fragezeichen-Reihe von Alfred Hitchcock.

Jahre später, die Gräfin arbeitete längst nicht mehr im Heim, luden wir Asbeck und Knupp zu uns nach Hause ein. Es gab ein Riesenblech Pizza mit Schinken und Ananas, so hatten die beiden es sich gewünscht. Erst waren sie ganz aufgeregt, sie konnten kaum die Füße stillhalten, aber nach dem Essen rückten sie in der Wohnküche eng aneinander und pafften stolz wie Oskar eine Billigzigarre nach der anderen. Die Gräfin, ihre ehemalige Lieblingsbetreuerin, hatte sie zum Essen eingeladen – nach Hause! Wer ich war, schien ihnen nicht ganz klar zu sein, aber ich war nicht so wichtig, irgendein Mann, was solls.

Natürlich hatten die beiden Halunken ihre Lieblings-Folge der drei ??? mitgebracht. Sobald eine Kassetten-Seite zu Ende war, rief Asbeck KASSETTE UMDREHEN, sprang auf und drehte die Kassette um.

IST UMGEDREHT, KNUPP!

Ich erinnere mich an nicht wirklich viele Dinge, was diesen Abend betrifft, ausser an das Hörspiel und dass die ganze Hütte eine Woche lang nach Zigarren und Pizza stank, da half auch kein Lüften.

*

Für die großen Ferien 1990 charterte die Heimleitung einen Reisebus, es ging nach Österreich, ins Sommercamp am Faaker See. Günter Asbeck war dabei, Knupp, Wittek, der kleine Kalli, Rudi und Irmchen und wie sie alle hießen. Die Gräfin war als Betreuerin an Bord. Bei Reisebeginn ging sie nach vorn zum Fahrer und schob ein 90-Minuten-Band in den Rekorder, Rock’n Roll with Jonathan Richman and the Modern Lovers. Sofort zog Partystimmung ein, die ganze Bande tanzte in den Sitzen. Jede neue Nummer wurde ohne jegliche Textkenntnis lauthals mitgegrölt. Höhepunkt war der Instrumental-Hit Egyptian Reggae, der in einem wilden Rodeo durch den Mittelgang des Busses gipfelte, bis der Fahrer entnervt einschritt und das Tape konfiszierte und bis zum Ende des Urlaubs unter Verschluss hielt. „DAS IST JA WIE.. DAS SIND JA.. ICH HALT DAS NICHT MEHR AUS..!!“

„Die ganze Bande war so laut und so durchgeknallt, dass Jonathans Stimme kaum noch zu hören war“, berichtete die Gräfin später vom turbulentesten Konzert, das Jonathan Richman je gegeben hat.

Rudi war kein Mongölchen, Rudi war Rudi, der Pfeifenraucher. Der Smoker. Man sah ihn niemals ohne Pfeife. Selbst in der Nacht, wenn er aufs Klo musste und den schwach beleuchteten Gang des Wohnheims überquerte, steckte sie in seinem Mund. Es hätte ihm ja einer begegnen können, um vier in der Früh, und dann ohne Piepe..!? Es hätte seinem Image als alter Seebär geschadet. Ein schwer erarbeitetes Image. Eine Pfeife nach der anderen. Und er hatte ja nur die eine.

Bei Rudis Geburt war etwas schief gegangen, was genau wusste er nicht. Rudi wusste so einiges nicht. Er war geistig „auf dem Stand eines Zweitklässlers stehengeblieben“. Was ihn nicht daran hinderte, freundlich zu sein. Und er mochte es, die Dinge zu wiederholen. Wenn er etwas tat, was er jeden Tag tat, wusste er: hier bin ich richtig. Das ist mein Ort. Ich bin Rudi. Ich hab ne Pfeife am brennen.

Das Mundstück seines alten Meerschaum-Modells war schon ganz schwarz und rußig vom vielen Heißrauchen. Anfangs hatten Pflegekräfte noch versucht, ihm das Rauchen abzugewöhnen.“Ist nicht gesund, Rudi“, sagten sie, doch Rudi lachte nur. Ich gechund!

Rudi hatte eine tiefe kehlige Stimme und war kompakt gebaut. Sein Quadratschädel ähnelte einem riesigen Schinkenwürfel, der Mund war bis auf wenige Stumpen zahnlos. Dass sein Atem schlecht roch, lag aber weniger am ruinösen Zustand des Gebisses, sondern am Tabak, mit dem er die olle Meerschaumpfeife befüllte.

Es war kein herkömmlicher Pfeifentabak, sondern ein aus sämtlichen Heim-Aschenbechern zusammengeklaubter Mix aus ausgedrückten Zigarettenkippen. Er verbrachte ganze Nachmittage damit, Kippen aufzudröseln und den so geförderten Tabak mit unendlicher Geduld in den Pfeifenkopf zu stopfen. Das beruhigte ihn. Denn eigentlich war Rudi ein nervöses Hemd, mit schwarzem dichten Haarwuchs, Muskeln und einer kehligen Stimme.

Wenn ihm ab und zu der Tabak ausging und alle Aschenbecher bis aufs letzte gefilzt waren, wurde er hibbelig. Wie im Käfig tigerte er die Treppen des dreistöckigen Wohnheims rauf und runter, ein Junkie, dem der Stoff ausgegangen war, bis sich die wenigen verbliebenen Raucher unter den Pflegern erbarmten und ein paar schnelle Zigarettchen pafften, um sie im Aschenbecher auszudrücken.

Was außer Kippenresten sonst so alles in Rudis Pfeifenkopf verglühte und köchelte, wollte niemand genau wissen. Einmal vermisste der neue Koch-Azubi einen Teller Matjes, der als Abendbrot auf dem Speisezettel stand. Das war just an dem Tag, als Rudi stolz wie Oskar das Gebäude vom Speicher bis in den Keller einräucherte und die olle Meerschaumpfeife gar nicht mehr aufhören wollte, schuppige Wölkchen auszustoßen.

Jeden Mittag, eine Stunde nach dem Essen, das er in abenteuerlicher Hast verschlang, hatte Rudi seinen großen Auftritt. Es war Punkt zwei, wenn er aus seinem Zimmer schritt, die Piepe vor Freude vibrierend und so heiß geraucht, dass sie niemand außer Rudi anpacken konnte ohne in Flammen aufzugehen. Rudi schritt vor die Tür, er tänzelte von einem Bein aufs andere.

„MÄKE KUKKE!“ rief er. „MÄKE KUKKE!“

Der neue Koch erkundigte sich, was Rudi damit meinte, „Mäke kukke“.

„Na, Mädchen gucken!“

(Tatsächlich feuerten die Heiminsassen ihren Rudi noch an. Wohin willst du, Rudi? riefen sie, obwohl sie genau wussten, wohin er wollte. NA, MÄKE KUKKE! donnerte es aus Rudi heraus, ein tiefer Bass vom Boden einer Eisentonne.)

Vor dem Wohnheim sah man ihn auf und abstapfen, im Trainingsanzug, die Augen wie Feuerräder, am dampfen wie ein alter Seebär, auf der Suche nach schönen Mädchen. Gelegentlich hatte er Gesellschaft. Irmtraud, gennant Irmchen, die Strickerin, wie Rudi klobig gebaut. Die Beiden unterhielten sich nicht, wenn sie sich etwas zu sagen hatten, sie bellten sich an.

Irmchen strickte für ihr Leben gern. Was für Rudi die Piepe war, war für Irmchen das Strickzeug. Sie hatte ständig Wolle und Stricknadel in der Hand und strickte im Sitzen, sie strickte im Stehen, sie strickte bei jeder Gelegenheit. Rudi sah es nur nicht gern, wenn Irmchen ihn vor die Tür des Wohnheims begleitete, mit all ihren Stricksachen. Er wollte schliesslich Mädchen gucken, da störte die Alte nur.

Einmal raffte er allen Mut zusammen und sprach tatsächlich eine junge Frau an, die frische Luft schnappen wollte, doch sie wechselte rasch die Straßenseite. Weniger aus Angst, sondern wegen des unerträglichen Geruchs.

Die Heimleiterin holte Rudi rein.

„Rudi, die Piepe stinkt, als hätte ein altes Stück Käse die Hose auf!“

Zu Weihnachten warf die Belegschaft für teuren Pfeifentabak zusammen, eine exquisite Mixtur auf Limonenbasis, verfeinert mit Wiesenhonig. Doch so leicht war Rudi nicht zu überzeugen. Ih, sagte er nur. Rudi bah. Nein, er blieb lieber bei seiner bewährten Stinkemischung.

Bis zum vierten Advent. Da lag die Sache anders. Rudi stolzierte im weißen Hemd die Showtreppe herunter, das Haar an den Schädel geklatscht, eine geschniegelte Manchester-Hose an den Beinen – und in seinem Rauchgerät dampfte der Weihnachtstabak. Eine Wohltat für die Nase, Pfleger und Mitbewohner konnten nicht genug davon bekommen, alle sammelten sich in Rudis Nähe, drängten sich um ihn und schnupperten anerkennend.

Rudi fühlte sich großartig, aber lange hielt es nicht an. „Mäke kukke!!“ rief er verschwörerisch und verschwand nach draussen. Es war acht Uhr in der Früh. An einem Sonntag, zwei Tage vor Weihnachten. Auf der Strasse war nichts los. Kein Mädchen – nichts. Enttäuscht drehte Rudi ab, ging auf sein Zimmer, rein in den ollen Trainingsanzug und dann ab durchs Wohnheim, Etage für Etage die Aschenbecher abgrasen, damit die Piepe wieder ihr gewohntes Futter bekam. Auch in seiner Umgebung war schnell wieder Platz. So wie er es am liebsten hatte. Die Piepe glühte, ne Menge Platz.

Ein raffiniertes Leben.

*

Ohne Worte, Susanne Eggert, 2009

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3 Gedanken zu „Ein raffiniertes Leben

  1. Hey, bin über den Prenzelneurotiker reingekommen, der schon früher Sachen von von Ihnen/Dir verlinkt hat. Sehr schön zu lesen und gerne mehr davon. Werde das jetzt mal von hinten aufrollen.
    Vielen Dank für die empfangenen Kleinode (sagt man das so?)

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