Er pfiff die Sonne in den Bus

Ich erwischte ihn nicht oft. Er war bloß einer unter vielen Dutzend Fahrern. Und nicht nur das. Manchmal erkannte ich ihn nicht mal, wenn ich vorne einstieg und mein Ticket löste. Ein gutmütig dreinblickender, unscheinbarer Mann um die Sechzig, der mit seiner kleinen Plauze eher an einen Brüssler Konditormeister erinnerte als an den Solinger Busfahrer, der schön pfeifen konnte.

Schon beim Bezahlen war es anders als bei den sozial abgewrackten mürrischen Kollegen der städtischen Busfahrerflotte, denen es Spaß machte, Leuten, die nicht schnell genug waren, die Tür vor der Nase zuzuknallen. Wenn er den Einzelfahrschein vom Spender knipste, geschah es ohne den sonst üblichen JUNGE, DU STÖRST-Gesichtsausdruck, sondern mit einem Oha! Was haben wir denn hier schönes!? So, als habe er noch nie im Leben 2 Euro 50 Cent gesehen. Was ein hübsches Sümmchen Bargeld, das da aufblitzte!

Er fuhr auf eine so lässige Weise Bus, den Arm aus dem Fenster gelehnt, die Lippe geschürzt, als wäre Obusfahren kein Broterwerb, sondern Hobby. Bei einer Weltmeisterschaft im Busfahren bei gleichzeitigem Pfeifen hätte es selbst die bekiffte Konkurrenz aus Kingston, Jamaica, schwer gehabt. Der kleine dicke Obusfahrer aus Solingen konnte so brilliant schilpen, dass einem das Wasser in den Ohren zusammenlief. Das Pfeifen war seine tägliche Prozession. Es war seine Verneigung vor dem Dasein.

Für Nicht-Solinger: Obus steht für Oberleitungsbus. Für die Elektrische. Man hängt am Draht und gleitet wie auf einer Loipe durch die Straßen, es zischt ein bisschen während der Fahrt. Oberleitungen ziehen sich durchs gesamte Stadtgebiet. Es gibt Hot Spots, da ist der Himmel ein Gewirr aus schwingenden Stromleitungen, sie sind kreuz und quer über die Fahrbahn gespannt, es sind Wäscheleinen ohne Wäsche, eine Stadt am Draht.

Selbst wenn im Nachtbusverkehr der Strom ausfällt, springt ein Hilfsaggregat an, ein Dieselmotor, und die teils überlangen Gelenkbusse kriechen durch die Dunkelheit wie große schwere Insekten, die mit Dynamo unterwegs sind.

Sobald man Platz genommen hatte und die Fahrt ging los, kam das Pfeifen aus der Fahrerkabine, so erfrischend wie ein Rasensprenger an einem tropisch heißen Sommertag. Es war eine kleine akustische Eskorte von Haltepunkt zu Haltepunkt, eine Art Ruhestiftung in all der Nervosität bis man ankam am Ziel, fast traurig, dass man aussteigen musste, dass die Kurzreise ein Ende hatte, die Kurzreise mit dem kleinen dicken Obusfahrer, dem es gelang, die Sonne in den Bus zu pfeifen. Man stieg, wann immer man einstieg, in Finsternis ein und im Lichte aus.

Seine Lieblingsmelodie, sein Favorit war Volare. Er trillerte eine mitreißende Version, er holte alles aus dem italienischen Gassenhauer heraus. Die Stromabnehmer auf dem Dach brezelten sich auf, wenn sie ihn zwitschern hörten, sie warfen Funken und flimmerten, die Kompressoren pumpten sich um Kopf und Kragen.. Der Bus flog durch die Gassen.

Das innere Notenheft des singenden Busfahrers reichte von Sechzigerjahreschlager a la Er hat ein knallrotes Gummiboot über Folklore bis zum selbstkomponierten Lippen-Loop, von Weihnachtsliedern in moderner beschwingter Spielart bis Anwandlungen großer unglücklicher Hits wie Que sara. Und einmal, in Höhe der Haltestelle Werwolf, meinte ich sogar Maria Callas herausgehört zu haben. Aber da war ich mir nicht sicher.

Er kannte keine Unsicherheit. Er lag nie daneben, er pfiff niemals schief, er verteilte sein Glück gerecht an jeden, der Ohren hatte und mit dem Obus unterwegs war. Ein fröhlicher Mensch, der mit dem, was er tat, andere glücklich machte. Die Sorte Mensch, die bald vergriffen ist. Verscharrt zu den anderen schönen Leichnamen.

Wenn ich während seiner aktiven Zeit das Glück hatte, einen Bus mit ihm zu erwischen und mich umblickte, während er tirilierte, fiel mir auf, dass viele Fahrgäste so sehr in ihren alltäglichen Sorgen verstrickt waren, dass sie ihn gar nicht wahrnahmen. Oder aber es liess sie kalt. Es berührte sie nicht. Kann auch sein. Wobei es klipp und klar und mit Nachdruck gesagt werden muss: Leuten, die einem Busfahrer nicht beim Pfeifen und Singen zuhören, ist grundsätzlich nicht zu trauen. Busfahren sollte ihnen bei Strafe verwehrt bleiben.

Gesockse raus, bitte.

5 Gedanken zu „Er pfiff die Sonne in den Bus

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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