Benzini und der weiße Prinz

In den frühen Achtzigern erlebte das Mumms, eine ehemalige Eisdiele in der Innenstadt, seine goldenen Tage. Der Schuppen war Treffpunkt verschiedenster Freundeskreise, die sich mit der Zeit näher kamen, bis am Ende ein einziges großes feierndes Pack übrig blieb. Es war wie in einer Goldmine, die man erst verlässt, wenn auch das allerletzte Nugget gehoben ist.

Höhepunkt war Freitagabend. Gegen zehn war der alte Karnickelbau an der Mummstrasse so brechend voll, es mussten Türsteher engagiert werden, um all die Leute abzuweisen, die keine Stammgäste waren. Wer es irgendwie reingeschafft hatte, stand dicht gedrängt am Tresen und verteidigte rempelnd seinen Platz. Zwischendurch aufs Klo gehen war ein Risiko. Wer zurückkam, musste sich aus der vierten Reihe an den Tresen zurücksaufen, Glas für Glas, Mann für Mann, ein mühseliges Geschäft, das aber einen großen Vorteil bot:  es ließ sich leicht Bekanntschaft schließen.

Mein persönliches Highlight war der Moment, wo ich Pissen ging wie Gott mich schuf. Nicht etwa unten auf dem Männerpissoir, auch nicht heimlich unter den Tisch, im Gegenteil. Ich ließ es schön im Gedrängel plätschern. Immer auf den ollen Gumminoppenboden, immer volle Lotte, wie ein Elefant, aus einer Laune heraus. (Die Gräfin, allerhand gewöhnt, ist konsterniert. „Das hast du doch nicht wirklich gemacht..?!“)

Es dauerte seine Zeit, bis jemand mitkriegte, was los war. Erstens war die Musik zu laut, zweitens hielt ich den Pimmel nicht für jeden sichtbar in der Hand, sondern hatte ihn locker in den heruntergezogenen Reißverschluss eingehangen. Wie überm Geländer hing er da, damit ich mir nicht auf die Schuhspitze pinkelte. So blieben die Hände frei und ich konnte plaudernd in den Kreis der Leute strullern, die ich eigens für diese Aktion um mich geschart hatte. Der dicke Hansen war dabei, Schnaat natürlich, der, anfänglich begeistert, zuletzt nur noch die Augen verdrehte, und der arme Karlos, den es mehr als einmal erwischte.

„Glumm, du alte Pottsau! Immer mir in die Halbschuhe!“

Was mir so diebische Freude bereitete, war weniger der dämliche Pimmel in aller Öffentlichkeit, es war die ganze groteske Situation, die aufflackernde Panik in den Gesichtern, dieses „NEIN! Der Kerl pisst doch nicht jetzt.. TATSÄCHLICH hier rein..!“

Natürlich stand die Panik nicht in allen Gesichtern. Logisch. Karlos, Schnaat, der dicke Hansen, Benzini – die In-Crowd verzog irgendwann kaum noch eine Miene. Nun ja, bis auf Karlos. Klar. Der schon. Der verzog schon eine Miene.

Der schon.

*

Bevor Benzini Freitagabends im überfüllten Mumms aufkreuzte, hörte man schon von der Straße her seinen heiseren Gesang..

Linkes Bein hüpft hin und her,

rechtes Bein tut sich nicht schwer,

zwei Beine geh’n von ganz allein

in das nächste Wirtshaus rein 

Weiß der Kuckuck, wo Benzini das Trinklied aufgeschnappt hatte, doch er machte es zu seiner eigenen Sache. Es klang wie maßgeschneidert, ein rockiger Schnaps-Shuffle. Dann flog die Eingangstür auf und eine kapitale Kinnlade schob sich um die Säule herum und schaufelte sich den Weg frei Richtung Tresen – ein wild gewordener Löffelbagger.

„Platz da, ihr Haderlumpen!“

Benzini war da. Das Wochenende konnte losgehen.

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Sonntagnacht, ein Uhr. Das Wochenende war praktisch gelaufen.

Als der Geschäftsführer die letzte Runde einläutete, verließen wir das Mumms und zogen zur Eissporthalle, um Benzinis Wagen abzuholen.

Unsere Schritte hallten durch die dunkel daliegende Fußgängerzone, wir passierten die leeren Fabrikhallen der Bahnhofsgegend und die efeubewachsenen alten Villen der Schneidwarenfabrikanten, die so verlassen dastanden wie die Herren Konsul beim letzten Stehempfang – mit ratlosem Häppchengesicht.

Benzini rotzte auf den Boden.

„Chicoree.. Was glaubt die blöde Kuh eigentlich, wer sie ist? Chicoree! Dass ich nicht.. lache!“

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Der Zorn ernüchterte ihn, und mit jeder neuerlichen Aufwallung wurde ein weiterer Schnaps in seinem Blutkreislauf vernichtet und hetzte ihn auf, während ich nur mühsam Schritt hielt.

Die Frau, um die es ging, war Jacki, eine leicht unterkühlte, blonde Mumms-Kellnerin mit langen Folklorebeinen und weißen Stulpenstiefelchen, der Benzini seit langem nachstellte. Ich mochte sie nicht so richtig. In ihrer untadeligen Sauberkeit erinnerte sie mich an Lassie, die aus dem Brackwasser steigt und schon in der nächsten Szene wieder so trocken und geföhnt aus der Wäsche blickt, als wäre nichts geschehen.

An diesem Abend hatte es für Benzini gut ausgesehen. Endlich hatte Jacki seinem Werben nachgegeben. Endlich war Benzini vorne. Auf dem engen Gang runter zum Pott hatten Jacki und er geknutscht und gefummelt wie zwei Teenies. Was dann vorgefallen war, keine Ahnung, jedenfalls sah man Jacki plötzlich die rote Kellnerinnenschürze in die Ecke pfeffern und abhauen, Benzini im Gedrängel hinterher, ein untersetzter Gangster auf Säbelbeinen. Es dauerte keine Minute und er kehrte zurück, ohne Jacki, hektisch fluchend, Jahre gealtert.

Seither fluchte und rotzte und alterte er in einem fort.

„Die blöde Funz!!“

Wir erreichten den Parkplatz hinter der Eissporthalle. Er war leer bis auf Benzinis Wagen, der seit den Mittagstunden dort parkte.

„Wir müssen uns ranhalten“, grunzte Benzini und ließ den Motor kommen. „Ist zwei Uhr. Ist fast zu spät.“

„Ist immer zu spät“, gähnte ich.

„Ach, halt die Fresse.“

Ich sah ihn von der Seite an. Sein vierschrötiger Schädel hätte auch auf der Osterinsel stehen können, zwischen all den anderen Steinlegenden. Benzini, Kater Karlo der Südsee.

„Wat is?“ glotzte er zu mir rüber.

„Na, nix is. Mach hin.“

Ziel war das Getaway, eine angesagte Rock-Disco am Stadtrand. Offiziell schloss der Schuppen um zwei, doch inoffiziell konnte es auch drei, halb vier werden. Darauf bauten wir. Das war unsere Chance.

„Das schaffen wir“, raunte Benzini. „Ich geb Gas, bis ich in meinen Stiefeln sterbe!“

„Oder in Pantöffelchen“, murmelte ich.

Benzini fuhr Auto, als hätte er ein Military-Pferd unterm Hintern, vor ihm schwieriges Gelände und nur wenige Minuten bis Zieleinlauf. Er fuhr Auto, wie er lebte, als wären Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts als ein Hütchenspiel, mit dem wir auf Trab gehalten wurden. Jederzeit konnte man all sein Geld aufs falsche Hütchen setzen und als Bankrotteur enden.

Benzini war gelernter KFZ-Mechaniker. Über Umwege ergatterte er einen Job auf der US Air Base Heidelberg, war einer von wenigen Zivilen unter lauter Soldaten. Nachdem der Vertrag ausgelaufen war, kehrte er in die Heimat zurück und begann amerikanische Straßenkreuzer zu importieren. Privat mochte er es unauffälliger. Er fuhr einen kleinen weißen NSU Prinz, Baujahr 71, mit integrierter Bordbar in der Heckablage, gleich neben der Batterie. Zur Grundausstattung gehörte eine Pulle Strohrum für Notfälle, ein bißchen Beerenwein und Tonic sowie eine Flasche Gin. Ungeöffnet. Beefeater in aller Regel.

Gordon’s Dry ging auch in Ordnung.

Gin war unser Hauptnahrungsmittel damals, trotz des Beigeschmacks von billigem Parfüm. Gin machte ordentlich besoffen, auf die britische Art, dazu das Renommee einer alles gleichschaltenden Zukunftsdroge, das ganze lauwarm abgemischt mit Tonic oder O-Saft, runter damit – brrrrh..

Innerhalb kürzester Frist verzeichneten alle Beteiligten zehn, zwanzig Pfund Übergewicht. Nur vom Ginsaufen. Beefeater.

Gordon’s Dry war auch in Ordnung.

*

„Na, sicher hat Jacki einen Dachschaden“, sagte ich. „Alle Alten haben einen Dachschaden. Das ist doch das Schöne an den Alten. Oder nicht.“

„Das Schöne, das Schöne..“, brummelte Benzini. Er war zutiefst beleidigt. Er war verletzt. Er hatte geglaubt, sie endlich knacken zu können. „Die kann mich mal, die blöde Funz. Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?“

Er zündete sich eine Camel ohne an.

„Was war eigentlich los?“ fragte ich.

„Na nix“, maulte er. „Das isses ja. Gar nix war los. Und plötzlich haut die ab.“

„Quatsch. Keine Alte haut einfach so ab.“

„Ach nee?! Weg ist weg! Drauf geschissen.“

Wie alle hübschen Kellnerinnen kokettierte Jack gern mit ihrem Aussehen. Sie wickelte sich blonde Haarsträhnen um den Finger und spielte damit so selbstvergessen und sexy gelangweilt, dass die halbe Tresenbesatzung sabberte. Eigentlich war nicht viel los mit ihr. Eine Hündin in Stulpenstiefeln, mit blonden Folklorebeinen und netten Löckchen.

*

Die Sonntage verliefen meist so: In der Mittagszeit wartete ich zu Hause darauf, dass Benzini im weißen Prinz angeprescht kam, mit einem Getöse, als würde er schwerverletzt im Gebirge notlanden. Er hatte die Nase voll vom Sonntagvormittag, von dieser verdammten Langeweile. Von Dressurreiten in der ARD, von Bill Bo und seinen 6 Kumpanen von der Augsburger Puppenkiste, von seinem schlimmen Kater.

Meine Mutter blickte aus dem Fenster.

„Da kommt der Zigeuner“, stöhnte sie.

„Mach hin, du taube Nuss!“ brüllte er hoch in den zweiten Stock und stiess die Beifahrertür auf. Kaum war ich unten und hatte einen halb Fuß im NSU, gab er Gas, mit fliegender Türe.

„TÜR ZU, GLUMM!“

Eigentlich mochte Mutter Benzini. Sagen wir, er war ihr nicht unsympathisch. Doch sie fürchtete, er würde mich mit seiner Roma-Wildheit ins Verderben ziehen. Wie jede anständige Mutter war sie davon überzeugt, dass ihr Sohn der bessere Sohn war. Die schlimmen waren stets die anderen. Die mit Geld für Schnaps und Haschisch.

„In mir fließt uraltes Zigeunerblut“, prahlte Benzini gern. Angeblich wimmelte es in der langen Linie seiner Vorfahren von Trickdieben und Bänkelsängern. Ob es stimmte, konnte keiner sagen, aber wer seinen Vater kannte, der seine Tage an den Tresen der Nordstadt verlebte, der musste zugeben, ja, an dieser Ahnentheorie, da konnte was dran sein.

Der Vater war klein und drahtig, das Haar pechschwarz, er trug dicke Klunkern an den Fingern. Er ging keiner geregelten Arbeit nach, nicht mal einer ungeregelten, war aber dennoch ständig flüssig, was uns ungeheuer imponierte. Ab und zu lud er uns auf ein Bier in die Nordstadt ein, dann saßen wir auf dem Hocker und blickten zu ihm auf, weil er der einzige war, der am Tresen stand, weil er dann größer wirkte.

Er war ein schweigsamer stolzer Mann, unbestechlich, mit Zigeunerblut in den Adern. Nun sind Zigeuener heutzutage aus dem Bild unserer Großstädte verschwunden, doch in meiner Kindheit gab es sie noch. Bis in die späten 60er Jahre fuhren sie in Wohnwagenkolonnen durchs Land und suchten Stellen am Stadtrand, wo sie eine Weile bleiben konnten.

Wir lebten in solch einer Siedlung am Stadtrand, der Hasseldelle. Zweimal im Jahr kamen Zigeuner. Wir durften keinen Kontakt zu ihnen suchen, unsere Eltern hatten etwas dagegen, es hieß, sie verschleppten weiße Kinder in langen finsteren Tunneln und am Ende wartete das Mittelalter. Aber die Zigeuner waren spannend, wir näherten uns dem Lager bei Anbruch der Dunkelheit und beobachteten sie. Sie brieten sich einen Igel zum Abendessen, wir haben es gesehen! Ich schwöre! Damit die Stacheln nicht den Gaumen verletzten, wurde das tote Tier in einen Lehmmantel gepackt, bevor er ins Lagerfeuer kam. Zwei Stunden später war der Igel gar.  Wenn man die Lehmkruste abzog, blieben die Stacheln Im Teig.

Am Abend verfolgten wir Knirpse dann im Fernsehen Rinaldo Rinaldini, Geschichten um einen wilden Räuberhauptman, und Daktari, und fortan waren Zigeuner out und blau-betuchte Tuareg-Krieger en vogue. Aber die kamen nicht im Wohnwagen zur Hasseldelle gefahren.

Benzini war nicht viel größer als sein Vater, aber muskulöser. Das Kinn breit und kantig, die Schultern wahre Turnbarren, die Beine kurz & krumm. Ich habe selber Obeine vom vielen Fußballspielen, doch Benzinis Obeine waren Säbel. Im Nahkampf vor der Kneipe hiess es für jeden Kontrahenten schnell Gute Nacht Marie – und kein Bett, wenn Benzini auf die Planche lud.

Einmal vertraute er mir etwas an.

“Ich bin ein Pechvogel”, sagte er. “Und weil ich das weiß, dass ich ein Pechvogel bin, muss ich besonders clever sein.”

Ich stimmte ihm zu.

“Ne dreiste Aktion starten und es nicht vermasseln, mehr kann man vom Leben nicht erwarten.”

“Mh.”

Natürlich hieß Benzini nicht Benzini. Benzini war einer der Irren aus Einer flog übers Kuckucksnest. In dem Hollywoodfilm stand die Figur meist dumm auf dem Anstaltsflur herum, im weißen Anstaltshemdchen, und jammerte.

“Ich bin müde.”

Die Filmfigur hatte es meinem Kumpel so angetan, dass er noch im dicksten Kneipentrubel begann, sie zu imitieren. Er scherte vom Tresen aus und gähnte “ICH BIN MÜDE, ICH BIN SOO MÜDE, ICH BIN SO WAS VON MÜDE ..” Dann schnellte er zum Tresen zurück und machte weiter, wo er aufgehört hatte.

Vom Temperament her war Benzini genau das Gegenteil von der Filmfigur, dem immermüden depremierten Geisteskranken. Er entfernte die regulären Namenschilder von Türklingel und Briefkasten und pinselte BENZINI darauf, bis auch der letzte Aushilfspostbote kapiert hatte, wer hier nun wohnte. Post kam von nun an kaum noch.

“Hat auch was für sich”, meinte Benzini.

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Jeden Sonntagmittag fuhren wir zur Eissporthalle. Die Pistenbar öffnete Punkt zwölf, Sonntags war Happy Hour. Ausnahme: im Winter, wenn Discolaufzeit war, waren 50 Pfennig Discoaufschlag fällig, pro Drink. Aus Protest blieben Benzini und ich im weißen Prinz sitzen, hörten die Greatest Hits der Kinks und nippten an der Bordbar. Aber niemals Strohrum. Der lag bei neunzig Prozent. Der war für Notfälle. Es war Sonntagmittag.

Ein Notfall.

Später, in der Pistenbar, bestellten wir große Bier und ein Skatblatt. Bauernskat war unsere Spezialität. Eine Variante von Skat, wenn man bloß zu zweit ist und Langeweile hat.

Wenn der dritte Mann fehlt.

„He, Glumm, auf dem Tisch gehn se kaputt!“ stieß Benzini mich an, wenn ich den Mädels nachstierte, die in der Eislaufhalle ihre Runden drehten und die Röckchen hochwarfen. Ich machte den Stich, dann geschah nichts mehr. Man hörte nur das Kratzen von gehärteten Kufen auf Eis, das Malmen von Benzinis Kinnlade. Ein Sonntagmittag in der Pistenbar konnte verdammt einschläfernd sein.

Meistens blieb es bei zwei, drei Bier und einigen Partien Bauernskat, bis es endlich sechs war und die Zentrale auf der Mummstrasse öffnete. Nur gelegentlich hatten wir 100 Mark auf dem Deckel und verliessen die Eissporthalle stratzevoll.

Einmal, es war Winter, torkelten wir der nahen Schwertstrasse entlang, als Benzini vorm Traditions-Gymnasium, höherer Lehrbetrieb für Jungen seit 1841, krakeelend zusammenbrach.

„MAHHAAAAAH..!!“

Er zog eine Show ab, das hatten die 80er noch nicht gesehen. Er rotierte und schubberte über den vom Schneeregen nassen Bürgersteig wie ein Breakdancer, ein tollwütiger B-Boy. Schon nach den ersten Drehungen hatte er ein Loch in der Jacke, am Schulterstück. Da es bereits dämmerte, hatte er sich für den Nervenzusammenbruch den Lichtkegel einer Straßenlaterne ausgeguckt. Das war obligatorisch. Benzini wollte gesehen werden, wenn er den Irren gab. Nichts war schlimmer, als nicht gesehen zu werden, wenn man durchdrehte.

Es sah aus wie im B-Western, in voll ausgeleuchtetem Cinemascope, und ich war der Producer im Hintergrund, der mit fahrigen Fingern im Drehbuch blätterte, um zu sehen, was los war. Ich fand nichts. Es gab kein Drehbuch. Nicht mal ein Hütchenspiel.

*

Benzini war schon das ganze Wochenende neben den Schuhen gewesen. In der Nacht zuvor, als wir morgens um drei aus dem Getaway gekommen waren, hatte er den armen Hitler aus dem Schlaf geklingelt. Hitler, türkischer Landsmann, führte im selben Haus, in dem Benzini wohnte, eine Snackbude und war penibel darauf bedacht, keinen Ärger mit dem Ordnungsamt zu haben. Dazu gehörte, nach Ladenschluß keinerlei Bier oder Spirituosen zu verkaufen. Er hielt sich strikt an alle Vorschriften, der kleine graue Mann aus Anatolien, dem ein kurzer Schnurrbart wuchs, doch wenn ein kräftiger weißer Löffelbagger wie Benzini, der eine Etage über ihm, aber unterhalb der Karateschule lebte, mitten in der Nacht gegen die Tür bollerte und Flaschenbier verlangte, dann wusste Hitler sich nicht mehr zu helfen.

„Mann, laß den armen Hitler doch in Ruhe“, versuchten Karlos und ich auf Benzini einzuwirken, aber nur  halbherzig, schließlich waren wir genauso scharf aufs Bier wie er. Wir saßen in der Bredouille. Nur Benzini wußte, was er wollte. Und wenn er es nicht bekam, ging er zu Boden wie ein ungehöriges Balg und krakeelte solange, bis er es bekam.

„ZEHN PULLEN KÖLSCH, HITLER! AUF KOMMI!“

„Psst..! Machen bittäh keine laute Herrrmann.. bittäh“, wiegelte der Mann aus Anatolien ab und füllte eine große Plastiktüte mit Flaschenbier und drückte leise die Türe zu. Immerhin hatten wir für ein großzügiges Trinkgeld zusammengeworfen, wenn wir schon pleite waren.

Der arme Hitler.

*

„Glumm, du Schwanzlutscher, hilf mir hoch!“ grunzte Benzini, aber ich wusste Bescheid. Reichte ich ihm tatsächlich die Hand, würde er mich nur in die Tiefe der Schwertstrasse ziehen und sich kaputtlachen. Am Tresen war ich oft genug auf seine Spirenzien reingefallen. Benzini klopfte einem auf den Brustkorb, he, was hast du’n da!?, und sobald man an sich runterguckte, bekam man einen Nasenstüber versetzt, lässig mit dem Stinkefinger. Das war so richtig nach seinem Geschmack. Benzini war ein sehr verlässlicher Bursche. Traditionsbewusst. Mit Säbelbeinen und rußigem Timbre.

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Ich ließ ihn gewähren auf dem Trottoir und ging einfach weiter. Tat so, als wüsste ich nicht, wem er gehörte. Sorry, kenn ich nicht, den Penner. Ist mir zugelaufen. Dummerweise war ich selbst so abgefüllt, dass ich in den Straßenverkehr geriet, was die Autofahrer zu wütenden Ausweichmanövern zwang. Benzini krümmte sich vor Lachen, auf dem nassen Beton. Wagen fuhren im Schritttempo vorüber, blieben stehen. Die Fahrer wollten sehen, was los war. Benzini zeigte jedem den Muschifinger und blökte wie ein Viehdieb.

Es war die pure Testosteronshow.

*

Natürlich handeln auch Männerfreundschaften von nichts anderem als Liebe. Karlos steckte mir einmal zum Geburtstag ein abgegriffenes Taschenbuch vom Flohmarkt in den Briefkasten, ohne jegliche begleitenden Worte. Einfach nur das Buch, fertig. Ich denke of an Piroschka, eine wehmütige kleine Ballade von der unschuldigen ersten Liebe.

Zusammensein mit Benzini hingegen bedeutete ständig die Machtfrage. Er wollte immerzu klären, wie weit er gehen konnte, wer wen dominierte. Es war ein Kräftemessen wie unter jungen Ziegenböcken, deren Geweihe aneinanderkrachten.

Diesmal gab es keinen Sieger.

Wir wankten durch die feuchten Malteser Gründe Richtung Mummstrasse. Unentschieden war ein guter Ausgangspunkt unter Freunden. Es war eh alles nur Testosteron, und eine Partie Bauernskat am Sonntag.

Mit Benzini war es wie beim Fußball. Vielleicht konnten wir deshalb so gut miteinander, auch wenn wir nicht die dicksten Freunde waren. Er nannte mich stets seinen elftbesten Freund, aber er nannte alle seine Kumpel seinen elftbesten Freund.

Im Hobbyteam der Mumms Kickers spielte er Verteidiger, er war ein ungemütlicher Gegenspieler. Stürmern wie mir, ich spielte bei den Anarchos, stand er neunzig Minuten lang auf dem Fuß, und er war unerbittlich. Sobald man in Ballbesitz war, kam er angewatzt und stocherte einem mit ungelenken Füßen zwischen den Beinen herum, bis er die Pille irgendwie zu packen bekam und ins Aus spitzelte, mit diesem dreckigen Grinsen im Anschlag.

Sein Herz gehörte dem American Football, seit er auf der US-Airbase Heidelberg gejobbt hatte. Als in wieder der Heimat war, stieg er bei den Steelers ein und spielte Bundesliga. Obwohl er spät mit dem Sport begonnen hatte, schaffte Benzini noch den Sprung ins Nationalteam und bestritt zwei A-Länderspiele im Rahmen einer Italienreise, auch wenn er die halbe Zeit im Delir war.

Abgesehen von unseren Bauernskatsonntagen zu zweit waren wir zumeist im Trio unterwegs, mit Karlos als drittem Mann. Eine Weile war noch ein Vierter mit im Bunde, ein verschlagener Bursche namens Zerra. Er war von der Schule geflogen, weil er alles vermöbelte, was ihm komisch kam. Er machte stets kurzen Prozess. Ein, zwei präzise Handkantenschläge, ein trockenes Knacken, dann war nichts mehr zu hören. Nicht mal ein Mucks.

*

Zerra war der einzige echte Schläger, mit dem ich je näher zu tun hatte. Zwar hatte auch Benzini etwas von einem Schläger, aber es fehlte ihm an Brutalität. Er hatte ein zu gutes Herz. Auf seine Art war er sogar schüchtern. Der Premiumproll, den er gerne gab, war größtenteils Attitüde, eine selbstgezimmerte Showtreppe, die Benzini gekonnt hinabstieg, Stufe um Stufe auskostend.

Ich mochte ihn sehr.

Zerra lernten wir kennen, als ihn sein Alter gerade vor die Tür gesetzt hatte. Er lebte mit einem Kettenhund, den man so gut wie nie zu Gesicht bekam, in einem leerstehenden Abbruchhaus am Frankfurter Damm – ohne Strom, ohne Heizung, nur mit Kerzenlicht. Zerra war eine Ein-Mann-Hausbesetzung, von der kaum jemand wusste. Weil das Haus der zukünftigen Stadtautobahn im Wege stand, konnten die Bagger jeden Tag anrücken.

„Und dann?“ fragte ich. „Was machst du, wenn sie dir die Hütte unterm Arsch wegbeißen?“

„Dann.. wird sich schon was finden. Wir haben doch alle dieselbe Mami. Die wird schon für mich sorgen.“

Manchmal wünschte ich mir, ihn zu packen und alles, was falsch gelaufen war in seinem Leben, aus ihm herauszuschütteln, und dann mal sehen, was übrig blieb. Ob man damit arbeiten konnte. Er hatte es nicht leicht, keine Frage. Und er kam oft mit schönen Sachen rüber, wie „Ich hab kein Auge zugetan letzte Nacht, Jungs. Also zu schon, aber dahinter war die Hölle los.“

Während Benzini, Karlos und ich noch bei den Eltern wohnten und das Leben bequem auf Autopilot justieren konnten, war Zerra ganz auf sich allein gestellt, nicht mal 17 Jahre alt. Er sprach meist leise, fast flüsterte er und grinste dabei so schief und herausfordernd, als könne er jeden Moment zuschlagen. Nur vor uns hatte er Respekt. Ihm war das Herz übergelaufen, als wir zu viert untergehakt aus dem großen Mühlenhof-Kino kamen, wo wir Quadrophenia von den Who gesehen hatten.

We are Mods! We are Mods!“ brüllten wir beseelt von den gewalttätigen Filmszenen am Strand von Brighton, wo sich Rocker und Mods gegenseitig verprügelt hatten, und zogen durch die Stadt. Wären uns zu diesem Zeitpunkt irgendwelche Ledernacken über den Weg gelaufen, Zerra hätte sie kurz und klein geschlagen, doch es gab keine Rocker in der Stadt. Wir waren ja nicht mal Mods – aber wen scherte das. An diesem Tag war Zerra überglücklich. Endlich hatte er Freunde gefunden. Bis die Nacht hereinbrach und er mutterseelenallein zum Abbruchhaus am Frankfurter Damm marschierte, wo zum Wärmen nur der Bluthund blieb.

„Wieso nur?“ widersprach er. „Der Hund spürt doch, dass ich seine Wärme brauche, wenn ich friere. Das macht ihn stolz. Das macht ihn glücklich. Er wird gebraucht. Mein Hund erfährt meine Liebe. Machst du jemanden stolz und glücklich?“

Mir fiel nichts ein.

Dann: „Na, doch. Dich, Zerra.“

Die Stille, die folgte, war kurz.

Anfangs hielt ich ihn für einen Analphabeten, doch dann fand ich heraus, dass er mehr Bücher las als wir alle zusammen. Bücher, aus denen er sich seine eigene Straßenphilosophie zusammensetzte. Sie erlaubte ihm, sich alles nehmen zu dürfen, was er zum Leben brauchte. Jahre später wurde ich zufällig Zeuge einer für Zerra typischen Situation. Weil er einen Heroin-Affen hatte, aber keinen Pfennig Geld in der Tasche, nahm er einem Junkie, mit dem er für einen Deal verabredet war, sämtliche Packs ab, die er bei sich trug. Er musste dafür nicht einmal besonders laut werden. Ich schlag dich zu Brei, wenn du die Packs nicht freiwillig rausrückst, raunte sein Blick.

Was sollte Dirk H. machen. Einen Kopf kleiner, dünn und klapprig, nicht die Bohne asozial. Er weinte. Das bisschen Pulver war alles, was er besaß. Er sah mich hilfesuchend an. Ich saß in der Nähe und wartete auf den Bus. Er bettelte mich an, tonlos. Ich sehe ihn noch dasitzen, unterm Dach der Bushaltestelle. Er wusste, dass ich Zerra von früher kannte, doch es war allers schon zu lange her, ich konnte nichts für ihn tun. Zerra? Er vermied jeglichen Blickkontakt.

*

Bevor ich das erste Mal stoned war, fand ich Drogen doof. Mit sechzehn holten wir uns ab und zu einen Kasten Bier und eine Pulle Pernod und zogen uns die Hirse zu, aber mit Drogen hatten wir nichts am Hut. Der Sommer 77 brachte die Wende. Plötzlich war Kiffen cool und alle Leute, die immer noch Alkohol tranken, waren die letzten Penner.

Ich traf Fryda wieder, meine erste Liebe, eine skandinavische Schönheit. Wir hatten uns ein Jahr aus den Augen verloren. Sie war achtzehn und hübscher als je zuvor, doch irgendetwas schien mit ihr nicht zu stimmen. Sie sah aus, als würde sie bei Velvet Underground singen, direkt neben Lou Reed. Dann rückte sie mit der Bombe heraus. Sie war auf Heroin. Auf “H”, wie wir das damals nannten, “Eitsch”.

“Wenn wir uns einen Druck setzen”, erzählte sie von ihrem neuen Leben in ihrer Ohligser Clique, “machen wir uns schön, wir putzen uns richtig raus mit Make up und Lidschatten und fahren auf die Rolle, wie die Stars.”

Ich war empört. H, das war wirklich das letzte. Ich schimpfte sie aus, ich verstand nicht, wie man so doof sein konnte, Heroin zu nehmen. “Wie die Stars!” höhnte ich, doch sie blieb unerreichbar für meine Worte. Sie lachte nur und nannte mich ihren naiven kleinen Andi von früher. Dann hörte ich eine Weile nichts mehr von ihr.

Anfang der 80er Jahre, an einem Sommersonntag, war ich mit einem Bekannten unterwegs, als ich sie plötzlich auf dem Bürgersteig sah. “Halt an”, sagte ich zu Carsten, der einen gelben Mercedes fuhr und schläfrig in die Welt guckte. Er liess mich raus, und Fryda und ich fielen uns in die Arme. Sie war ins Zentrum gezogen, wohnte am Friedhof, war clean. Ich blieb bis zum Abend bei ihr und wir holten alles nach, wofür wir in jüngeren Jahren zu jung gewesen waren. Dann hörte ich wieder nichts von ihr.

Bis zum Jahr 1995.

Da stattete ich Fryda einen Überraschungsbesuch ab. Sie lebte seit Jahren mit ihrem Mann in Dortmund und war latent auf Heroin. Die Adresse hatte ich von einem gemeinsamen Bekannten, der Kontakt zu ihr hielt. Eines Tages stand ich unangemeldet bei ihr auf der Matte, in der Dortmunder Nordstadt. Wir hatten uns fast fünfzehn Jahre nicht gesehen. Mir öffnete eine geschrumpfte Heroin-Hausfrau die Tür, sie trug Brille. Nach einem ersten ungläubigen Austausch von Blicken fiel sie mir um den Hals.

“Bist du das etwa..?! Bist du das wirklich?”

Die Taschen voller Kohle, weil ich eine Stunde zuvor einen Vorschuss für ein Buchprojekt kassiert hatte, dauerte es keine zehn Minuten, bis ich Fryda gestand, warum ich da war.

“Kannst du was Pulver klarmachen?”

Sie war nicht mal so überrascht, wie man meinen könnte, sie hatte von meiner Sucht schon gehört, auch wenn sie schon lange aus Solingen fort war.

“Wieviel willst du setzen?” fragte sie und holte ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich blieb eine Stunde und lernte ihren Typ kennen, der die halbe Zeit am Rechner saß. Sie erledigte einige Telefonate, aber es tat sich nichts an diesem Abend, nirgends war H aufzutreiben. Sie bot mir etwas Methadon an, aber danach stand mir nicht der Sinn.

Ihr Mann erzählte, dass ihm während einer Schmuggelfahrt über die holländische Grenze fast der mit sechzig Gramm gefüllte Pariser im Darm geplatzt war. Wie, fast geplatzt? sagte ich. Na, der war porös geworden, sagte er, von der Darmflüssigkeit.

“Jedes Mal, wenn wir in den nächsten Tagen von dem Pulver aufkochten, stank die Hütte, als hätte man einem alten Hund in den Arsch gegriffen. Aber was solls, Nur weil es ein bisschen nach Scheisse stinkt, wirft man keine sechzig Gramm weg.”

Fryda stand dabei und verzog die Miene mit gespielter Empörung. Ich fuhr nach Hause, ohne dass wir Pulver klargemacht hätten. Meine Taschen waren immer noch voller Kohle.

Fryda sah ich nie wieder.

*

Wir saßen immer noch im NSU Prinz vor der Eissporthalle. Benzini kam nicht darüber hinweg, wie es gelaufen war mit Jacki.

„Erst macht die Funz mich heiß, und ne halbe Stunde später lässt sie mich dastehen wie einen dummen Jungen, da soll mal einer durchblicken.. Nur weil ich einen Joke gemacht hab? Ich denk, Frauen wollen Männer mit Humor.“

Wir waren noch keinen Meter weit gekommen und hörten Kinks. All day and all of the night. You really got me. Die Songs hatten Jahre auf dem Buckel, aber das machte nichts. Ray Davies war einer von uns, er sang uns aus dem Herzen. Er sang von Rüden, die am liebsten faul in der Sonne liegen und sich den Sack lecken. Where have all the good times gone? lautete der Schlachtruf im Schwenkbereich des ewigen Sommers. Wir waren bereit zum Kampf. Wichtige Schlachten, wir ahnten es, erledigen sich nur im Überdruss. Oder sie schwelen weiter bis zum jüngsten Tag.

„Ab die Post!“ krächzte Benzini.

Der Motor heulte auf, und Benzini heizte der Boxengasse entlang bis er die Bismarckstrasse erreichte und nach rechts abzweigte. Ich fuhr kein Auto, ich mischte mich niemals ein. Ich korrigierte niemals einen Fahrstil, ich stieg nicht automatisch mit in die Eisen, wenn es brenzlig wurde, ich war der perfekte Beifahrer. Hauptsache, wir blieben in der Spur. Solange man mich nicht tötete, war mir alles recht.

Wir tuschierten den Bordstein der Verkehrsinsel, als wir in den Kreisverkehr einbogen. Auch wenn der NSU den Bordstein nur berührte, der Wagen begann sich sofort zu drehen, wie ein Kreisel, drei Mal, vier Mal, um die eigene Achse. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, bis wir endlich zum Stehen kamen. In Fahrtrichtung.

„Boah!“

Hatten wir Massel gehabt. Rote Bremslichter in der Ferne, Mülltonnen gruppierten sich auf den Gehwegen zu schwarzen Gangs.

„Scheiße, was war das denn?!“ rief ich.

Benzini sprach kein Wort. Er war bleich geworden, die Augen nur noch Schlitze, und trat das Gaspedal durch. Das Ganze kam mir vor wie in einem Actionfilm, wo eine Nummer, die so niemand geplant hatte, perfekt gelaufen war. Die Crew beglückwünschte sich. Benzini in: Der weiße Prinz. Da hörten wir es. Gleichzeitig. Es flapperte, als wir die lange Strasse hoch nach Hästen fuhren, tief unter dem Wagen. Ein stetes Gubbeln, und der weisse Prinz rutschte leicht zur Seite weg.

„Ein Platten..?! Na Scheisse! Das hat noch gefehlt!!“

Benzini hielt an, stieg aus. Er trat gegen die Karre.

„Erst zieht die blöde Funz Leine, und jetzt einen Platten! Ich kotz gleich um mich!!“

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Mit geplatztem Reifen schlakkerten wir bis Hästen, von wo es nur noch bergab ging, Richtung Getaway. Benzini schaltete den Motor aus, wir rollten die Serpentinen hinunter. Ohne Licht. Im Blindflug. Flapp. Flapp. Benzini klebte an der Windschutzscheibe.

„Ich seh nix!“

Flapp. Es klang wie ein Tonband, das gerissen war, sich aber unaufhörlich weiterdrehte.

„Ich mach mir die scheiß Felge im Arsch, verdammt!“

Natürlich hätte man aussteigen können, den Wagen abstellen und per Anhalter weiter, aber im besoffenen Kopf war das keine Option. Es ging plötzlich nur noch darum, nicht von der Schmiere erwischt zu werden, ein rein sportlicher Ansatz. Ohne den Motor noch angeworfen zu haben, steuerte Benzini den riesigen Parkplatz vorm Getaway an. Stoppte unmittelbar vor einer erleuchteten Telefonzelle, um genug Licht zu haben für den Reifenwechsel.

„Erstmal was trinken, oder nicht?“ sagte ich.

Das legendäre Getaway in Glüder, einem idyllischen Tal an der Wupper, war ein großes muffiges Rockding, das Publikum aus der ganzen Region anzog. Besonders Motorradfahrer nutzten den Schuppen als Ziel von Wochenendtouren, doch in einer Sonntagnacht war bloß Stammpublikum da. Verstocktes bergisches Gesindel, wie der gute alte Jay Jakubeck, der, eigentlich zum Gläsereinsammeln engagiert, stockbesoffen überm Flipper lag.

„Jay, schmieriger Arschlappen“, zwickte ihn Benzini, „du hast hundert Freispiele!“, doch Jay öffnete nicht mal die Augen, mambelte nur „verpiss dich“ und schlief weiter.

Wir bestellten Bier und Rapidos an der Bar gegenüber der Tanzfläche. Die Rapidos gaben mir den Rest. Mir fielen dauernd die Augen zu, während Benzini gegen die laute Rockmusik ankrächzte. Es ging immer noch um Jacki. Sie liess ihm keine Ruh.

„.. auf dem Garagendach hinterm Mumms fängt die wieder an, von Chicoree zu schwärmen. Das juckt mich doch nicht, hab ich gesagt. Ich hör Kinks und Stones, kein Jazz. Ja klar, hat sie gelacht, ihr hört doch alle Kinks.“

„Stimmt doch“, warf ich hundemüde ein.

„Ja, aber wie sie das gesagt hat, als wären die Kinks Asis und ihr Chicoree der König der Welt.“

„Chicoree? Was redest du immer von dem bitteren Scheißgemüse? Was soll das?“

„Wie Chicorre?! Chick Corea, du Schwanzlutscher, nicht Chicoree! Der spielt am Mittwoch in Dortmund. Ob ich mitkomme, hat sie gefragt. Nee, hab ich gesagt, in der Westfalenhalle ist die Akustik wie in ner riesigen Badeanstalt, ohne mich, ausserdem ist Jazz Pussymusik. Ab da war Sense. Nur wegen so nem Scheiss. Wegen Chick Corea haut die ab. Die kann mich mal. War doch nur Spaß. Was soll ich mit ner Funz ohne Humor. Oder?“

Jay war aufgewacht und stieg vom Flipper. Er hatte Pupillen, groß wie Wagenräder. Er war gar nicht betrunken, er war auf Pilzen und hatte nichts besseres zu tun, als uns den Mund wässrig zu machen. Angeblich gab es gleich hinterm Campingplatz eine kleine Pferdewiese, auf der die saftigsten Psilos der Welt wuchsen.

„Kannst du gar nicht verfehlen“, meinte er und erklärte uns den Weg.

Kurzentschlossen stieg ich in der Dunkelheit die Wiese runter, während Benzini oben auf dem Parkplatz allein versuchte, den Reifen zu wechseln. Als ich auf etwas trat, das sich wie ein Haufen störrischer Zweige anfühlte, bückte ich mich. Das waren keine Zweige – es war NATO-Draht.

„AUA!“ schrie ich verspätet. „VERDAMMTE SCHEISSE!!“

Komischerweise spürte ich nichts. Ich war hundemüde und zu betrunken, um noch etwas zu spüren. Was zum Teufel machte ich hier überhaupt!? Pilze suchen mitten in der Nacht? Welche beschissenen Pilze!? Was sollte ich mit Psilos? Ich wollte ins Bett. Ich sah zum Parkplatz hoch. Benzini winkte, vorm NSU hockend.

„Komm hoch und hilf mir endlich, Schwanzlutscher!“

Woher wusste Benzini, wo ich war? Er konnte mich unmöglich gesehen haben in der Dunkelheit! Benzini hatte seherische Qualitäten! Er war ein Zauberer! Ein Druide!

„Ich hab dich unten schreien gehört, als du in irgendwas reingelatscht bist“, sagte er, als ich auf dem Parkplatz stand. Da er ohne Wagenheber arbeiten musste, hatte er den NSU kurzerhand auf dem rechten Oberschenkel aufgebockt. Die Radkappe lag vor der Telefonzelle.

„Hier, versuch mal, die Pelle aufzuziehen. Ich halt die Kiste solang oben. Brauchst du nur draufzustecken, die Pelle, und die Muttern festziehen.“

„Womit?“

„Na, dem Schraubenschlüssel!“

„Wo..?“

„DA!!“

Kaum hatte ich den Ersatzreifen in der Hand, verlor ich das Gleichgewicht und taumelte rückwärts. Ich geriet ins Stolpern und legte mich der Länge nach hin, in die hell erleuchtete Telefonzelle, deren Türe offenstand. Noch im Fallen versuchte ich Halt zu finden und riss den Telefonhörer von der Gabel, er gongte gegen die Seitenscheibe. Ich lag auf dem Rücken, zu überrascht, um Scheiße zu brüllen. Aufstehen ging auch nicht. Es war, als wäre ich in eine fremde Dekoration gestürzt, die mich am Boden hielt. Der Hörer baumelte hin und her, Benzini stöhnte auf, „Mannomann..“, ließ den Wagen vom Oberschenkel rutschen und holte sich den Ersatzreifen.

Zehn Minuten später war die Pelle aufgeschraubt. Benzini hatte es allein hingekriegt. Er fuhr die paar Meter bis zur Telefonzelle, um mich einzusammeln.

„Steig sein! Mach schon, du Null!!“

Ich mühte mich auf den Beifahrersitz. Mir tat alles weh. Kaum hatte ich einen halben Fuß drin, gab er Gas. Mit fliegender Türe.

„TÜR ZUU!!“

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7 Gedanken zu „Benzini und der weiße Prinz

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  2. Immer wieder kraß,wie Du es schaffst,daß mich ein Deja Vu nach dem anderen jagt.Z.B.hieß meine Fryda Andrea-sehr ähnlich unsere Geschichte.Das Get in Glüder-hab es geliebt auf Pep oder Pappe in’s Get zu fahren.der Laden war gut,aber besonders geil fand ich den Ort und die Fahrten.ich habe wie Du keinen Lappen,nie einen besessen.deshalb mußte ich manchmal Hussi oder Öli oder Toni oder wen auch immer belabern,weil die nicht wirklich Bock hatten auf Drogen und Alk ihre Fahrerlaubnis zu riskieren.im Exit an der Müngstener Brücke waren wir viel öfters,deshalb war Get immer was Besonderes.im Ohligser Get war ich die Jahre danach viel regelmäßiger, obwohl der Laden nur halb so gut war.bzw ist.ich weiß noch,Anfang der 90er sind Hussi,Micha und ich mitten im Wald stehen geblieben,Karren lief plötzlich nicht mehr.das Get hatte eh schon dicht,waren auf Gut Glück hingefahren.Sonntag nachts-und Montags mussten wir alle arbeiten.völlig krank.und voll auf Chemie.uns blieb nichts anderes übrig als Hussi’s Mutter,meine heutige Vermieterin,anzurufen,die uns dann abholte.was bei mir natürlich auch genauso war:mit 15 Alk,mit 16 gekifft und Alk war scheiße.Heroin?bist du wahnsinnig?obwohl,ich weiß noch wie im Juli 86 Deutschland das WM Finale gegen Argentinien 2:3 vergeigt hatte.das Spiel hatte ich mit Sigga bei mir geschaut.(Sigga war fester Bestandteil bei uns.uns verband eigentlich das Interesse an Mädels und Fußball.anders als bei den meisten von uns,haßte er seine Eltern.Geld und gute Noten hatten Priorität vor allem anderen und was die Nachbarn denken.Sigga hatte keinen Bezug zu Rock’n Roll und keinen Bezug zu Drogen.aber er wollte dabei sein.irgendwann schluckte er eine Handvoll Mikros auf einmal-Mikros waren LSD-Kristalle und krasser als jede Pappe-er landete in der Klappse und hat sich nie wieder davon erholt.wenn man will-er ist einer von den Hängengebliebenen.sein Vater erhängte sich Jahre später.)Jedenfalls mussten wir nach dem verlorenen Finale erstmal n Bong rauchen.Bong gab es bei Ralle,seine Eltern waren im Urlaub.als wir eintrudelten war schon kein Platz mehr frei im Wohnzimmer,locker zehn bekiffte Leute machten sich lang.und welcher Film hatte gerade sein TV Debüt? Christiane F.und obwohl der Film wohl eher abschreckend ist,stand irgendwo im Unterbewusstsein seit dem Tag für mich fest,daß der Tag kommen würde.naja…wie gesagt,deine Geschichten lösen bei mir unzählige Erinnerungen aus…

  3. Seit ich ein Smartphone habe,benutze ich mein Laptop so gut wie gar nicht mehr.was pc Sachen angeht bin ich der totale Banause,hab null Ahnung.vor einer Woche hab ich Katrin gefragt,wie ich nachschauen kann,ob Du mir vielleicht ne Mail geschickt hast.sie meinte ich bräuchte das Paßwort.das hab ich natürlich vergessen.wollte ein Tag später n Kollegen anhauen,der sich richtig auskennt,was ich machen kann und hab’s natürlich vergessen.werde mich heut Abend in jedem Fall drum kümmern,versprochen!

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