1983

Pepe sattelte als erster auf Heroin um. 1983 lebte er in einer Einliegerwohnung im Stadtteil Aufderhöhe, nur zwei Häuser von seiner Mutter entfernt, und düste alle paar Tage mit der Geländemaschine in die holländische Grenzstadt Herleen, um Nachschub zu kaufen. Er war nicht der ganz große Verticker, aber zu viele Leute wussten von seinen Machenschaften.

Pepe war seit einem Jahr krank geschrieben, hatte lange im väterlichen Geschäft gearbeitet. Der Vater, stets sonnengebräunt, als wäre er überm Toaster eingepennt, war vermögend, kümmerte sich aber nicht weiter um seine Söhne, die in seinen Augen missratene Kretins waren.

Als Pepe und sein älterer Bruder an einer Überdosis zugrunde gingen, der eine 1986 in München, der andere 1988 in Hagen, urteilte der Vater nur lapidar: Ich habe niemals Söhne gehabt. Dass die Söhne niemals einen Vater hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Ab und zu besuchte ich Pepe in der Parterrewohnung und kaufte etwas Heroin. Es war jedes Mal ein großes verbotenes, irgendwie krank machendes Abenteuer, an dessen Ende eine Riesenkotzerei stand.

Im Gegensatz zu Pepes früheren Wohnungen, wo ich aus und ein gegangen war, hielt ich mich in Aufderhöhe nur kurz auf. Ich erinnere mich an einen lauen Sommerabend, als Pepe und sein Bruder unter den Pappeln im Innenhof einen Grill aufgebaut hatten und mich einluden, zu bleiben, aber mit dem Pack in der Tasche wollte ich so schnell wie möglich weg. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Rauschgiftbullen einfliegen würden und eine Razzia machten, und bei einer solchen Aktion wollte ich nicht zufällig anwesend sein. Ich hatte Horror vor allem, was irgendwie mit Polizei und Justiz zu tun hatte, seit ich 1978 zu zwei Wochenendarresten verdonnert worden war und den Knastalltag im Ansatz kennengelernt hatte. Bevor du jemals in Haft landest, schwor ich mir damals, hängst du dich auf.

Und ich bin schlecht in Knüpfen.

Pepe entfernte sich immer mehr von uns, den alten Freunden. Er benahm sich wie ein echter Junkie. Schob ständig Anderen die Schuld an der eigenen Misere zu, war bräsig und unzugänglich, irgendwie beleidigt.

Einmal zeigte er mir stolz seine von winzigen Brandmalen übersäte Brust. Ich kapierte erst nicht. Was ist das? fragte ich. Ein Teil der rötlichen Pöckchen war bereits vernarbt, anderes frisch verheilt. Es müssen Dutzende gewesen sein, sie erinnerten an eingewebte Käferchen. Pepe warf sich mit nacktem Oberkörper aufs Bett, steckte sich eine Zigarette an.

„Hier, so schlaf ich jeden Abend vorm Fernseher ein, nachdem ich mir den letzten Druck gemacht hab.“

Ihm fielen die Augen zu, aber er rauchte weiter, die Kippe lässig im Mundwinkel. Irgendwann machte sie sich selbständig. Sie löste sich und die Glut versengte ihm das Brustfleisch, ohne dass er davon wach geworden wäre. Heroin war ein unschlagbares Narkosemittel, lernte ich, auch wenn überhaupt keine Operation auf der Agenda stand, bloß die allgemeine Malaise, die 1983 mit sich brachte.

Oder welches gottverdammte Jahr auch immer.

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7 Gedanken zu „1983

  1. ach ja 83,,-
    war ich grad drinn oder wurd ich entlassen

    22 Monate plus besuch vom Tom in Düseburg
    wir hatten eine zelle für uns ganz allein
    als wir uns zufällig trafen im Innenhof ,legten sie uns kurzer Hand zusammen
    war schon komisch
    auch lustig

  2. paar tage nur
    denn war er wider frei
    machte teeparty und ging auf krücken
    the Theater of therapido
    er sah aus wie neu
    jahre später ,wieder zufällig
    in cölln
    er stand vorm Laden (Jeans und so Sachen)
    he??
    wat machst du denn hier!
    nach Feierabend zwitscherten wir noch ein paar Kölsch
    bei bester Laune
    er hatte eine hübsche Freundin ,die denn auch da war und ganz gut zu ihm passte

    denn zog er nach münchhausen

  3. Ach …..der TB…..ich erinnere mich an Karottenjeans , blau grüne Windjacke……wir hörten UB40…..Madame Medusa…….kiss kiss im get….traurig, traurig:…….r.i.p.xxx

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