Wir sind nichts als ein Riesenrotzfleck im Universum

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„Wir sind nichts als ein Riesenrotzfleck im Universum! Wir sind Eiter!“

– Die Gräfin –

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Ich hatte nie eine Vorstellung davon, wo mein Platz sein sollte in dieser Gesellschaft, was werden sollte aus mir. Eine Weile wollte ich berühmt werden, aber ich wusste nicht womit und wofür. Ich hatte keinen Berufs-, keinen wirklichen Karrierewunsch. Und dass die Karriere, die ich dann doch hinlegte, exakt die eine war, für die man weder gefeiert noch angehimmelt wird, war wohl kein Zufall.

In der Kindheit gab es keine Probleme. Als Knirps verbrachte ich so viel Zeit auf dem Fußballplatz, meine gleichaltrigen Kumpel Wupperbusch und Pille Hilger mussten mich bei Anbruch der Dunkelheit in ihre Mitte nehmen und mühsam den steilen Klauberg hochwuchten, weil ich es allein nicht mehr schaffte, so sehr schmerzten die überlasteten Achillesehnen und Knie. Fußball war mein Leben, der große Bolzplatz am Klauberg mein Platz. Auf die Idee, Fußballprofi zu werden, kam ich dennoch nicht. „Das hätte auch nicht funktioniert“, meinte Jahre später Ekki, mein Lieblingstrainer, zu mir, als wir am Tresen standen. „Du hattest keinen linken Fuß.“ Ach so, ja. Richtig. Hatte ich ganz vergessen.

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Als mir mit Mitte Zwanzig in Düsseldorf der NRW-Literaturpreis verliehen wurde, flüsterte mir der später zur Legende gewordene, zu früh verstorbene Lyriker & Babelsprecher Thomas Kling ins Ohr, ich solle mich ja nicht verheizen lassen. Ich hab mich nicht verheizen lassen. Es war gar keiner da, der mich verheizen wollte, weil ich im selben Moment aufhörte mit dem Schreiben. Ich war schon immer ein cleveres Kerlchen. In dem Moment, wo es losgehen konnte, nahm ich meine 7 Sachen und war weg. Ich hab lieber gesoffen und gekifft und herzhaft mit Pulver experimentiert und viele Jahre im höchsten Hotel am Platze als Nachtportier gejobbt und bedröhnt übers finstre Land geglotzt statt zu schreiben und mich verheizen verhunzen verschmökern zu lassen.
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Clever.
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Eines Tages steckte sich der Pächter des Hotels, ein Kettenraucher, seine nächste HB an und bat mich ins Büro. „Herr Glumm, sagen Sie.. Was tun Sie eigentlich noch hier?“ Er verstand nicht, warum ich so wenig aus meinen Möglichkeiten machte. „Ein Mann in Ihrem Alter, und dann Nachtportier..“ Natürlich wusste ich keine Antwort, ich versuchte erst gar nicht, mir etwas zurechtzustammeln, ich schwieg einfach. Doch die Frage geistert mir seither im Schädel herum, alle 7 Jahre. Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr! Alle sieben Jahre, sagt die Psychologie, häutet man sich, alle 7 Jahre ändert sich dein Leben. Alle sieben Jahre trifft man jemanden, der einem die Wahrheit geigt, in schlichten Worten, die einen nackig und sprachlos zurücklassen. Auch, weil es von unerwarteter Seite kommt. Es kommt immer von unerwarteter Seite, und es erreicht dich wie nebenbei. Man muss schon sehr genau hinhören, sonst verpasst man die wichtigen Lektionen seines Lebens.

Herr Glumm! Was tun Sie eigentlich noch hier? hat die gleiche Qualität wie ein Satz meines Bruders in den mittleren Neunzigern. Wir saßen an der Bar und waren schon reichlich hinüber. Es ging darum, warum zum Teufel ich nicht endlich zu schreiben beginne. Richtig zu schreiben. Wann ich also aufhöre zu spielen. „Alles, was du jetzt nicht schreibst, wirst du niemals schreiben!“ zürnte er. „Das ist für verloren, du Penner! Für immer!“ Ich glotzte ihn an wie eine Kalb – ein bisschen dümmlich und Amateur, ein bisschen unschuldig. Und wenn ich richtig rechne, sind mal wieder sieben Jahre um. Beziehungsweise zehn Jahre, weil bei mir alles etwas länger dauert. Ich brauche stets länger, wie überhaupt jeder Mensch seinen eigenen sieben Jahren auf die Schliche kommen muss.

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Reinschnuppern.

sanne.mannRiechtAnBluemchen

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3 Gedanken zu „Wir sind nichts als ein Riesenrotzfleck im Universum

  1. Ich hab mir das ebook geladen und freue mich echt aufs Lesen. Und dass du da mit gemacht hast. So ein Projekt habe ich auch im Kopf.
    So Sätze wie „mach doch was aus deinem Leben“ kenn ich gut. Nur was ist denn dieses „Was“, wenn nicht das, was ich am liebsten mache? Was immer das ist.
    Gut, dass du schreibst! Danke!

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