Wo nichts ist, kann man alles lassen

Ende der Achtziger streifte ein einsamer Junge durch die Stadt. Er trug einen alten Teddybär unterm Arm und konnte rasend schnell rückwärts zählen, von 400 bis 0, ohne je durcheinander zu geraten. Er war Autist und lebte in einer psychatrisch betreuten Außenwohngruppe, aus der er jeden Tag ausbüxte. Ob man ihn nicht einsperren wollte oder ob man es nicht durfte – keine Ahnung. Ich hatte ihn mit dem Stoffbär ab und zu im Mumms gesehen, doch nie ein Wort mit ihm gewechselt. Er war ein kräftiger und verschwiegener Kerl, der Schweiß stand ihm im Gesicht, der Schweiß eines aufrichtig verzweifelten Menschen. An anderen Tagen machte er einen beinah ausgeglichenen Eindruck. Wie jemand, der vom Sport kommt und bevor er heimfährt, rasch ein Glas Limonade nimmt in seiner neuen Stammkneipe. Doch in welcher Verfassung er auch in der Stadt auftauchte, der alte Teddy war stets mit von der Partie.

Abends traf ich ihn im McDonalds, beim Amerikaner. Er saß am Fenster und fütterte den Stoffbär mit einer knallheißen Apfeltasche.

„Darf ich mich setzen?“

„Na.. ja..“

Das Tablett vor ihm war leer, bis auf die Verpackung, in der Apfeltaschen verkauft wurden. Ich nahm andere Gäste wahr, sie schienen sich über ihn lustig zu machen, hinter seinem Rücken. Man wusste nicht, woran man bei ihm war. Er sah gleichzeitig unberechenbar und gutmütig aus. Ein seltsamer Junge, und diesmal würde er mir nicht so einfach davonkommen.

Frontalangriff.

„Sag mal, der Teddy.. wieso schleppst du den immer mit dir rum?“

„Ach, wissen Sie, das ist ein Wunder Gottes“, antwortete er leise und ohne mich anzugucken. „Leider ist auf Gott kein Verlass. Aber der Bär.. der Bär ist regulär.“

Ich war überrascht, wie bereitwillig er sich öffnete. Ich hatte mein kleines schwarzes Diktiergerät mit, legte es auf den Tisch, das eingebaute Mikrofon in seine Richtung. Ist das in Ordnung? wollte ich fragen, doch ich war nicht schnell genug.

„Sind Sie vom Radio?“ staunte der Junge, der um die zwanzig war, aber jünger wirkte, und fuhr fort: „Dann senden Sie mal“, er war blass im Gesicht und hob die Stimme, „der liebe Gott..“, er schaute sich um, „hat jeden Tag eine saftige Ohrfeige verdient. Leider weiss man nicht, wo er sich aufhält. Gott hat keine Meldepflicht. Vielleicht wandelt er mit falschem Pass..“

Hatschii!! Das war der Bär. Ein Niesreiz.

„Sie müssen entschuldigen, kommt vom Zimt..“

Der Junge knabberte an der Apfeltasche, unsicher, ob die Apfelmusfüllung vielleicht zu heiss sein könnte für die kleine rote Stoffzunge..

Reporterfrage.

„Warum möchtest du dem lieben Gott jeden Tag ne Ohrfeige verpassen…? Ich mein.. was hat er dir getan?“

Der Junge fixierte mich aus schwarzen Knopfaugen. „Ach, Gott ist nur der Stellvertreter. Eigentlich hätten wir Menschen die Ohrfeigen verdient, aber dann käme man ja aus dem Schlagen nicht mehr raus. Dann gäbe es nur noch Dresche im Gesicht!“

Er kicherte und nahm das Bärchen bei den Füßen, stopfte es in eine ausgebeulte Plastiktüte. NETTO-MARKT. Dann reichte er mir die Hand.

„So. Der Bär muss schlafen. Wir sind müde. War nett mit Ihnen zu plaudern. Demnächst spielen wir zehn Sätze ohne Luftholen, ja? Auf Wiedersehen.“

*

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Zu einer echten Schriftstellerkarriere gehören finanzielle Schwierigkeiten. Sagen wir, eine Durststrecke. Ach was, sagen wir FINANZIELLE SCHWIERIGKEITEN. Erst heut morgen liegt wieder ein Brief der Bank in der Post. Ich werde gebeten, mein Konto auszugleichen bzw. die überschrittene Dispokreditlinie zurückzufahren – eine Linie, die kaum mehr zu erkennen ist vor lauter roten Ziffern. Ich bin der Minusmann. Ich lote maximal aus. Ich verhalte mich zunächst ruhig. Weil, wo nichts ist, kann man alles lassen. Dann, im weiteren Verlauf der Mahnwesens, baue ich fest darauf, dass durch einen bankinternen technischen Fehler versehentlich einige 1.000 Euro auf meinem Konto landen. Das passiert ja immer wieder mal. Davon liest man doch in der Zeitung alle naselang. Als wäre das so sensationell. Und die Tatsache, dass es mir noch nie widerfahren ist, vergrößert nur die Wahrscheinlichkeit, dass ich jetzt an der Reihe bin. Wollen wir doch mal logisch denken. Ich öffne also die Kontotüre, mache sie ganz weit auf, damit der Rubel so richtig reinrollen kann, von allen Seiten. Sollte die bankinterne Fehl-Transaktion platzen, bin ich natürlich geliefert.

Ist klar.

*

Wir alle würden bessere Menschen sein, wenn wir offiziell böse sein dürften.

Nur, offiziell muss es schon sein.

Sonst gilt das Böse nicht.

*

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5 Gedanken zu „Wo nichts ist, kann man alles lassen

  1. Hach, wem sagst du das. Das Geld. Meine Kontotüre ich auch auf.
    Kommt, ihr lieben Mäuse …
    Ich wünsch dir ein paar, viele sogar. Aber bitte nicht mit schreiben aufhören, auch wenn du Bestsellerautor bist. Versprochen?!!

  2. Hab jahrelang Bücher geklaut,im Thalia,im Weltdingsbums,wie heißter noch,überall.war hinterher ne Sucht,hab viele Bücher bis heute nicht gelesen.Ich war ein Bücherkleptomane. Naja,Kippenkleptomane war ich auch,anfangs nur Raucher ohne Geld,aber dann gab’s Schore für Kippen und kurz drauf war ich Kippenkleptomane.aber ich bin längst geheilt und das ist auch gut so!wenn ich heute ein Buch haben will,dann kaufe ich es.passiert selten,aber immer wieder mal.Internet hätte ich auch ohne Glumm,also les ich Deine Geschichten aus meiner Sicht für lau.würde aber auch Geld dafür bezahlen,z.B.wenn es Glummbücher zu kaufen gäbe.Ich weiß nicht wie das gehen soll,aber ich fände es nur fair wenn Du von Deinen Lesern bezahlt wirst.Laß Dir was einfallen,ist bestimmt ne lästige Sache,aber sooo unwichtig ist Kohle ja auch nicht.oder?

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