Der Hallelujah-Baum

Ein langer Spaziergang über die Felder mit der wuscheligen Frau Moll ist gut fürs Herz, schon wegen der vielen Hundehaare, die man beim Gehen einatmet und die sich weiträumig ums Herz legen und es abfedern, doch es gibt auch Tage, da verkneife ich mir jede gesundheitliche Anwandlung und drehe lieber eine kommode kleine Runde durch den benachbarten Coppel Park.

Bis in die Sechzigerjahre der Botanische Garten der Stadt, besticht er durch konsequente Hanglage, einen Haufen Ziersträucher und nordamerikanische Amberbäume, die im Herbst ihr glutrotes Laub abwerfen, wie aus dem Pizzaofen. Es gibt Ententeiche, Fledermäuse sowie Singvögel, die ob der unmittelbaren Nähe zum Penny-Markt Wupperstraße fette Gesellen sind und ihre Lieder knallhart kalkulieren.

An ganz trägen Tagen, wo mir selbst eine Mini-Runde durch die Anlagen zu ausgeprägt erscheint, bleibt für den Hund noch eine schnelle Rakete. Die Rakete ist eine grüne Gasse, die sich unterhalb der Neuen Heimat durch den nahen Wald schlängelt, wo die Bäume dicht an dicht stehen und ein Dach bilden, das nur wenig Licht einlässt und eine düstere geheimnisvolle Stimmung heraufbeschwört. Im Dunstkreis der Rakete hat Frau Moll als Welpe ihren ersten Haufen ins Landschaftsschutzgebiet gesetzt. „Guck mal, ein Engelchen mit nem Rucksack hintendrauf!“ war die Gräfin von Form und Konsistenz des Stuhls begeistert, aber entsetzt vom Geruch. „Bääh, wie kann ein kleiner Hund so stinken!“

Das war Anfang 2004. Da hieß der Weg noch nicht Rakete, da war er einfach nur ein weiterer No name-Pfad, den man gelegentlich benutzte als Hundebesitzer. Bis zum Morgen des Neujahrstags 2005. Da setzte sich Frau Moll in den Schnee und schaute mir neugierig dabei zu, wie ich bunte Schutzkappen von Silvesterraketen vom Weg aufsammelte. Erst wusste ich nicht, was ich mit den Überbleibseln des Feuerwerks anfangen sollte und steckte sie auf einige überhängende Baumzweige. Einfach so, aus einer Laune heraus. Ich hatte die Kappen gefunden und wusste nicht, was ich damit machen sollte. Ich hätte sie liegenlassen können, natürlich – doch wozu? Warum nutzlose Dinge liegen lassen? Nur weil man es immer so gehalten hat?

Der über Nacht gefallene Neuschnee bedeckte kaum den Boden, und wo ich den Fuß auch hinsetzte, überall trat ich auf Kappen explodierter Silvesterraketen. Ich hob noch mehr von ihnen auf und pfropfte sie auf die Zweige der umstehenden Bäume und Sträucher. Das sah nicht mal schlecht aus. Gut aber auch nicht. Unnütz, das schon. Das auf jeden Fall. Was ein Scheiß.

Während Frau Moll durch das bisschen Pulverschnee tobte, (noch heute verehrt sie Schnee wie ihren König), verließ ich den Pfad und sammelte am Abhang weiteres Zivilisationszeugs ein, das die Leute achtlos weggeworfen hatten.

*  1 defekte Märchen-Kassette von Bibi Blocksberg

*  Legosteine

*  1 defekte Gabel, der ein Zinken fehlte

*  1 Karton voll zerbrochener Badezimmerkacheln

*  1 müder Fahrradschlauch

*  3 Einkaufszettel

* 1 Liebesbrief

*  1 bröselnder Klapp-Spaten

*  ein Letzter Gruß

Dieser Letzte Gruß („von Frauke und Frau König“) war ein Grabschmuck MIT GROSSEM BEDAUERN, ein bronzefarbenes Stück Stoff: FÜR DICH IST JETZT IMMER SOMMER, vom Friedhof Kasinostrasse rübergeweht, wahrscheinlich.

Stück für Stück schleppte ich das gefundene Zeug zum Weg hinauf. Darunter auch einen alten Christbaum, der keine einzige Nadel mehr besaß, dessen Zweige aber noch stabil waren. Ich kloppte das kahle Ding mit dem gefundenen Klapp-Spaten tief in den Waldboden und begann die Zweige peu a peu mit den Fundsachen zu füllen. Reinzuhängen, draufzustopfen, was eben so ging. Den Liebesbrief nahm ich mit nach Hause. Den wollte ich mir in aller Ruhe einpfeifen.

Der alte Christbaum glich schon bald einer Vogelscheuche. Eine wunderbar sinnlose Installation, die ich in den nächsten zwei, drei Tagen noch ausbaute und mit weiteren Fundsachen vollendete. Auf einer Länge von vielleicht dreißig Metern war der Weg drapiert wie ein komisches kleines Heiligtum. Alles, was ich auf der Rakete gefunden hatte, steckte in der kaputten kleinen Tanne sowie in umstehenden Büschen und Sträuchern, die ich nach und nach in mein Potpourri miteinbezogen hatte. Als Krönung wehte von der Christbaumspitze der Letzte Gruß, ein grandios unpassender Banner:

FÜR DICH IST JETZT IMMER SOMMER

 

Sonntags wollte ich die Gräfin überraschen. Sie wusste von nichts.

„Komm, ich zeig dir mal was.“

Frau Moll war ganz aufgeregt und hüpfte auf krummen Beinen voran, wie ein großes Karnickel. Doch als wir in die Rakete einbogen, (genau, der Weg erhielt seinen Namen erst in jenen Tagen), sah ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Eine böse Leere empfing uns. Wo zum Teufel war der ganze schräge Glanz hin?! DER SCHÖNE MÜLL! MEINE ZIVILISATIONSKRITIK! Alles weg! Lediglich eine Gabel und einen Legostein fanden wir auf dem Boden, halb zertreten.

Es blieb Frau Moll vorbehalten, den Christbaum aufzuspüren. Jemand hatte ihn den Abhang runtergepfeffert. Mit Schmackes. Etwas Schmuck hing noch im Geäst, der Rest lag verstreut im Gelände. Da hatte sich jemand richtig Mühe gegeben. Zorn war erkennbar.

Hass.

Wir benötigten eine Stunde, um die Rakete  halbwegs wieder in ihren mystischen Zustand zu versetzen. Ein Spielchen, das sich von nun an täglich wiederholte. Wir bauten den Raketen-Weg auf, der Widersacher räumte alles wieder ab. Niemand wollte nachgeben, niemand gönnte dem Anderen den Erfolg.

„Der nervt langsam“, schimpfte die Gräfin.

„Wer, der?!“

„Na, irgendwer.. der!“

Auch sie war mittlerweile in die Heiligsprechung des Walds eingestiegen, auch sie hatte eine Menge Krimskrams in die Flora eingearbeitet, farbige Strippen und Bommeln aus einem implodierten TV-Apparat, Haargummis, kaputte Bälle etc.

Die Rakete wuchs zu einem flirrenden Boulevard des Wohlstandmülls an. Bis zum jeweils folgenden Abend. Dann wurde abgeräumt. Gnadenlos. Hasserfüllt. Wir rätselten, wer dahinter stecken mochte. Zunächst hatten wir die Hochhaus-Kids der Neuen Heimat im Visier. Der hundert Meter lange Pfad wurde gern als Abkürzung zur Gesamtschule benutzt, zum Knutschen und Kiffen.

Doch dann beobachteten wir zufällig drei Schuljungs, wie sie vorm Christbaum stehen blieben, der um diese Uhrzeit intakt war. Als wäre es schon ein lieb gewonnenes Ritual, verneigte sich das Trio ehrfürchtig vor dem flimmernden Christbäumchen und sang dreimal wuchtig „Hallelujah!“

„‚Hallelujah..!“

„‚..lujah..!“

„‚..lujah..!“

Dann zogen die drei johlend weiter die Rakete hinauf, ohne dem Baum, den wir fortan Hallelujah-Baum nannten, auch nur einen einzigen Bommel gekrümmt zu haben.

Andere Verdächtige drängten sich auf. Allesamt Hundebesitzer. die man auf der Rakete zu sehen bekam. Da war die verbohrte Tante mit dem Windhund, einem bedauernswerten Köter, der stets so gebürstet und hochgeföhnt durch die Landschaft stolzierte, als wäre er unterwegs zur Weltausstellung. Sein Frauchen hielt ihn dabei so kurz an der Leine, als handelte es sich um eine Aktentasche. Die ständigen Zerstörungsarbeiten an der Rakete waren der Tante ohne weiteres zuzutrauen, andererseits war es kaum vorstellbar, dass sie sich die Finger schmutzig machte. Dafür war sie zu etepetete. Wir strichen sie von der Liste der Verdächtigen.

„Was ist mit dem Blödmann im Mantel, der einen ständig zusalpetert?“ meinte die Gräfin.

„Wie, salpetert?“

„Na, der immer so drauflos plappert, wenn man ihn trifft!“

„Du meinst salbadert?“

„Salpetert, salbadert! Mann, du weisst doch, wen ich meine! Mit dem Mantel den!“

Er war der einzige Verdächtige, der keinen Hund hielt, aber beinah täglich draussen unterwegs war, eine Art Blockwart. Er fotografierte Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner unangeleint laufen liessen und schickte die Aufnahmen dem Ordnungsamt. Ein grimmiger Kerl, groß und klapperdürr, und selbst im Hochsommer rannte er im Mantel herum.

„Lumpenpack!“ drohte er mit erhobenem Gehstock, wenn er zur Beweissicherung ein Foto geknipst hatte. Er schimpfte, er schrie, er protokollierte alles, was ihm komisch kam. Meist winkte ich freundlich, wenn ich ihn mit der Kamera erblickte. Aber er war nicht der unbekannte Täter. Ihm fehlte es entschieden an der Geduld, mit der unser Zerstörer arbeitete. Der Mantelmann hätte sich längst auf die Lauer gelegt und uns in flagranti gestellt.

Aber was war mit dem Herrchen von Königspudel Rocky? Der Frührentner, dafür berüchtigt, das Unkraut, das vor der Haustür zwischen den Gehwegplatten wucherte, in stundenlanger Kleinarbeit herauszuzupfen und die Ritzen anschließend mit Sagrotan und Rattengift zu verfüllen, damit die Tiere sich so richtig satt fressen konnten, war ein echter, vom Leben vegessener Blödmann. Die Gräfin nannte ihn „eine leicht erregbare Raupe in einem Klotz von Kerl“, und im Herbst, wenn ihm das Laub nicht schnell genug vom Baum fiel, damit er es endlich mit dem Laubsauger beiseite blasen konnte, sah man ihn jähzornig am Stamm rütteln.

RUNNTER DAA!!

Das Herrchen von Rocky musste der Zerstörer sein, er war der alte Muffkopp, der keinerlei Hippie-Experimente und Präsentier-Müll in seiner Umgebung duldete.

(Er war im übrigen ein falscher Fuffziger. Beschimpfte seinen Pudel Rocky frech als „Wichser!“, wenn er sich unbeobachtet glaubte. „Nun zieh nicht so, Wichser!“ „Laangsam..! Laangsam, verfluchter Köter!“ „Blöder Wichser!“)

Doch wir konnten ihn nicht überführen. Es gelang uns nicht, ihn auf frischer Tat zu ertappen. Es fehlte der letzte schlüssige Beweis. Es blieb nichts als ein schlimmer Verdacht.

Eines Tages schlief die ganze Sache ein. Es wurde Frühling, wir hatten andere Dinge zu erledigen, waren auf anderen Pfaden unterwegs, kümmerten uns nicht mehr um die Rakete und irgendwelche Müll-Heiligtümer. Die Rakete wurde wieder ein normaler Trampelpfad, auf dem sich normaler Alltagsmüll ansammelte, der niemanden groß juckte. Ab und zu aber, wenn ich mit Frau Moll eine schnelle Rakete absolviere, weil ich mal wieder oberfaul unterwegs bin, fällt mir die zehn Jahre alte Geschichte wieder ein. Einmal blickte mich dabei ein kleiner roter Legostein an, der mir bekannt vorkam. Ganz verloren lag er abseits des Weges, verloren und abgelutscht, und ich ging hin und holte ihn rauf auf den Weg, legte ihn mir parat und zertrat das Stück Plastik mit einer Wucht, dass es nur so splitterte in der Waldesluft.

5 Gedanken zu „Der Hallelujah-Baum

  1. wenn ich was pflanze nur mit Mausefalle oder Schneckenverbotsschild
    oder
    nur für Arschlöcher
    betreten verboten
    Vorsicht Mine und Fotofalle
    frohes neues !

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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