The Kaiserswerth Kartoffelschälmaschinenblues

Zwei Drittel meiner Zivildienstzeit leistete ich im Marienkrankenhaus in Kaiserswerth, einem historischen Stadtteil im Norden von Düsseldorf, berühmt für die Ruine der alten Kaiserpfalz und kopfsteingepflasterte Gässchen.

Es ging los im Mai 1980. Wie die anderen Zivis auch bewohnte ich ein kleines Zimmer im Schwesternwohnheim, das in einer Nebenstrasse stand und wo ich es in den folgenden 12 Monaten tatsächlich fertig brachte, keine einzige Schwester zu bumsen – na schön, war ja auch kein Schwesternbumsheim.

Obwohl.

Da lebten ja nicht nur Krankenschwestern. Jelena kam aus Russland, eine Köchin, die nur mühsam Deutsch lernte. Auch mit dem Kochen war es nicht weit her. Mitte zwanzig, borschtschrote Bäckchen und ein Hintern, der unter der Schürze knackte wie ein Butterkeks. Wir arbeiteten eine Weile gemeinsam in der Spitalküche, in die ich strafversetzt worden war.

Auf einem Konzert der Who in der Essener Grugahalle war ich mit Freunden beim Kiffen erwischt worden, worauf das Düsseldorfer Rauschgiftdezernat in meiner Abwesenheit das Zimmer im Wohnheim gefilzt hatte. Auch wenn kein Krümel gefunden wurde, (das im oberen Wandregal zwischen Buchseiten liegende Powder, ungepresstes Haschisch, übersahen sie), hielt es die Krankenhausleitung für angeraten, mich vorerst von der Pflegestation fernzuhalten. Vom Giftschrank genauer gesagt. Tatsächlich genehmigte ich mir hin und wieder eine Valium, aber wirklich nur hin und wieder.

Valium gab es in zwei Stärken. Ich bevorzugte die stärkere Dosierung, nahm davon aber nur die Hälfte, die ich von der schwächeren genommen hätte. Wenn es um Drogen ging, war ich schon immer ein übler Trickser, und meist trickste ich mich gnadenlos selbst aus und stand am Ende bei plus minus null da, aber immer fett im roten Bereich.

Valium lockerte einen, machte aber schläfrig. Es fühlte sich an, als wäre man als weicher Roboter unterwegs. Und wenn man die Dosierung nur geringfügig steigerte, konnte es passieren, dass die Muskeln prompt ihren Dienst einstellten.

Da war dieser Zwischenfall, als ich vor Ende der Frühschicht eine Valium einschmiss und etwas Sekt drübergoss. Als ich den Suitbertus-Stiftsplatz überquerte, fiel ich um, wie vom Schlag getroffen – paff, lag ich auf dem Kopfsteinpflaster. Ich rappelte mich auf, blickte mich um und ging weiter. Danach liess ich den Mist lieber sein.

Also, diesen Mist.

*

In der Spitalküche hatte ich es hauptsächlich mit einer alten Kartoffelschälmaschine zu tun, einem prähistorischen, laut rumpelnden  Monstrum, das wie ein Hydrant auf Beinen wirkte und die Knollen so schlecht geschält ausspuckte, dass man jeder einzelnen nachträglich mit dem Kratzmesser auf die Pelle rücken musste.

Die Maschine benutzte ein mechanisches Verfahren, bei dem die Kartoffeln in der Trommel über einen gekörnten Boden rotierten, wobei die Schalen abgerieben wurden. Das hab ich mir aber im Nachhinein erst mühsam angelesen, 1980 hatte ich keinen Schimmer davon, wie das Ding funktionierte, es interessierte mich nicht.

Ich saß Stunde um Stunde in dem kleinen Kabuff, den man vermutlich eigens um die Höllenmaschine herum gebaut hatte, und kratzte Augen aus rohen Kartoffeln. Der Geruch und das ganze Getöse nervte mich so sehr, dass ich im Traum püreeartige Substanzen ejakulierte. Am schlimmsten waren die Tage, an denen zwei Kartoffelgerichte gleichzeitig auf dem Speiseplan der kleinen orthopädischen Spezial-Klinik standen und die Schälmaschine zum Platzen ausgelastet war. Dann machte sie sich selbständig, watschelte im Krebsgang von einer Ecke des Kabuffs in die andere, dampfte, rappelte und pfiff vor sich hin wie ein irrlichterndes Knollenkraftwerk.

In solchen Momenten hielt mich nichts mehr, und ich flüchtete nach nebenan in die reguläre Küche, wo die frech grinsende Jelena es stets aufs Neue schaffte, ihren wippenden Hintern in mein Blickfeld zu rücken. Was Hüften und Hintern betraf, hatte ich diesen Tunnelblick, wie alle Burschen Anfang zwanzig. Wo man in diesem Alter auch hinguckt, die Landschaft ist zugestellt mit Hüften und Hintern. Und guck dann mal woanders hin. Macht doch keinen Sinn.

Jelena gab zusätzlich ihr bestes. Sobald ich in ihren Bannkreis geriet, war stets eine Pfanne aus dem untersten Schrankfach zu ziehen, wozu sie sich ganz doll bücken musste. Auch die weiße Küchenschürze zurrte sie erst fest, wenn etwas Bratensauce draufgespritzt war und unsere Blicke sich trafen. Sie war ein einziges Versprechen.

Fast schon eine Drohung.

*

Mittags versammelten sich die Küchenkräfte um eine lange Tafel und es wurde gemeinsam gegessen. Jelena übernahm die Verteilung und schaufelte enorme Portionen auf meinen Teller. Keine Kartoffeln! schlug ich die Hände überm Kopf zusammen, zu spät. Jelena schien einen Plan zu verfolgen: mich mästen, dann bumsen, zuletzt heiraten – bei Brauchbarkeit.

Nicht, dass sie mir nicht gefallen hätte. Sie war hübsch, sie kam aus Moskau, der Butterkeks knackte an den richtigen Stellen, doch je mehr Hokuspokus sie veranstaltete, desto weniger Lust hatte ich. Ausserdem war ich mit Lena zusammen, es war unsere beste Zeit. Sie besuchte mich oft in Kaiserswerth und blieb über Nacht. Und wären Jelena und Lena sich im Schwesternheim über den Weg gelaufen.. nein danke, auf den Trouble konnte ich verzichten.

„Du nix lieben Frauen?“ ging Jelena mich eines Abends abschätzig an, als wir uns auf dem Flur trafen. Statt zu antworten hatte ich die Gegenfrage schon auf den Lippen, wo sie eigentlich Deutsch gelernt habe, „bei Schäferhund?“, aber das war mir dann doch zu doof. Danach liess sie mich fallen. Ja genau.

Wie eine rohe Kartoffel.

*

Nachdem das Verfahren wegen Haschischrauchen auf einem Rockkonzert eingestellt worden war, rief mich der Personalchef, ein verschwitztes kleines Kerlchen, in sein Personalbüro und stellte mir frei, den Rest meiner Zivildienstzeit mit der ollen Kartoffelschälmaschine zu verbringen oder aber mich versetzen zu lassen. Wohin? fragte ich. Wohin Sie wollen, sagte er. Das mit dem Kiffen war zu viel für ihn, selbst wenn das Verfahren eingestellt worden war. So kam es, dass ich das letzte halbe Jahr Zivildienst wieder in Solingen verbrachte, in den städtischen Krankenanstalten, in Haus 6 als Pflegehelfer.

*

Gleich am ersten Tag lernte ich Herrn Sommer kennen. Herr Sommer war Anfang dreißig, sportlich und querschnittsgelähmt. Seine Gattin, die in ihrem blauen Kostüm an eine Sechzigerjahre-Stewardess erinnerte, kam täglich vorbei, um bei der Körperwäsche zu helfen.

Während ich mich dem oberen Bereich widmete, machte sie sich untenrum zu schaffen, wobei ihrem Gatten nicht selten eine Erektion wuchs, die er nicht sehen konnte und nicht spürte, also sagten wir ihm nichts davon. War uns die Situation anfangs unangenehm, so gewöhnten wir uns bald daran, ein Schwätzchen zu halten oder still unserer Arbeit nachzugehen, während ihr Mann mit einem mittelschweren Rohr aus dem Fenster starrte.

„Nun lass das Herr mal weg..“, bot mir Herr Sommer bald das Du an. „Sag Kawa zu mir, wie alle meine Freunde.“

Ich wusste nicht, von welchen Freunden er sprach, weil ich niemals welche sah, es waren unsichtbare Freunde. Wahrscheinlich hatten sie ein schlechtes Gewissen, schliesslich waren sie es gewesen, die ihn befeuert hatten, eine verlorene Wette einzulösen, den Grund für die ganze Misere.

Um was es bei der Wette ging, weiss ich nicht, niemand sprach davon, aber welch dämlicher Wetteinsatz: ein Kopfsprung in die Wupper, im volltrunkenen Zustand, mitten in der Nacht. Nun ist die Wupper dafür bekannt, nicht besonders tief zu sein, aber sie hat tückische Stellen. Im Dunkeln nahm Sommer kurz Anlauf und glitt ins Wasser, begleitet vom Gejohle der Freunde. Er prallte mit dem Schädel auf einen Felsen, der gleich unter der Wasseroberfläche lag und nur auf einen Dummkopf wie ihn zu warten schien. Er verlor sofort das Bewusstsein.

Als er auf der Intensivstation erwachte, konnte er nur noch den Kopf bewegen, ein Stückchen nach rechts, das war’s. Das war seit einem Jahr so, nichts hatte sich seither geändert, nichts würde sich je ändern.

„Du kannst es doch gut mit dem Sommer“, meinte die Stationsschwester zu mir, „kümmere dich ein bisschen um ihn.“

So kam es, dass ich in den letzten Wochen des Zivildiensts Herrn Sommer („Mensch, nun sag doch Kawa“) den Strohhalm hielt, aus dem er seine favorisierte Apfelschorle schlürfte, seine wundgelegenen Stellen mit Dekubituscreme versorgte und ihm den Hintern wischte, wenn seine Ehefrau keine Zeit hatte. Doch ich brachte es nicht fertig, ihn zu duzen. Ich blieb bei Herr Sommer. War ja auch ein schöner Name. Herr Abendrot wäre auch okay gewesen.

In der letzten Woche begann er aus seinem Leben zu erzählen. Von den Bergen, die er als junger Mann bestiegen hatte, von den Drachen, die er an Spaniens Küste geflogen war, vom Skifahren in Kanada – ein Tausendsassa, immer in Bewegung, Sportler durch und durch.

„Kawa konnte keine zehn Minuten die Füße stillhalten, schon quietschten seine Schuhe“, scherzte seine Frau.

„Im nächsten Leben werde ich Tausendfüßler“, sagte er selbst. „In diesem schaffe ich das nicht mehr.“

Niemals hörte ich ihn klagen, niemals sah ich eine Träne in seinen Augen, im Gegenteil, stets war es, der gute Laune verbreitete und uns Mut zusprach, doch eines ließ er mich wissen, als wir uns voneinander verabschiedeten.

„Das Leben, wie du es kennst, kann in einer einzigen Sekunde vorüber sein. Du musst mir versprechen, dass du deine Beine nutzt, dass du rennst, springst, strampelst wie ein Kind und jeden Tag einen Spaziergang machst. Und vorallem, sei nicht so blöde wie ich. Pinkle im hohen Bogen in die Wupper, aber spring niemals rein.“

Ich seh ihn noch vor mir, hoffnungslos in sein Spezialbett gepfercht, die Decke bis unters Kinn hochgezogen. Wie eine Mumie lag er da, wie ein Neugeborenes auf einer russischen Säuglingsstation. Vorm Fenster tippelte ein Vögelchen auf der Brüstung hin und her. Es schüttelte sich. Wasser spritzte aus dem Gefieder.

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4 Gedanken zu „The Kaiserswerth Kartoffelschälmaschinenblues

  1. Was für ein Fundus an Geschichten und vermeintlichen Erinnerungen.
    Jelena, oh Jelena. Die hätte dem Geschichtsfundus doch auch gut zugestanden?
    So im Nachhinein betrachtet?
    Danke fürs Lesen lassen.

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