Das letzte Mal, dass ich sie lachen hörte

Vater lag seit Wochen in der Klinik und Mutter war allein zu Haus, das war sie nicht gewohnt. Ihr fehlte das Hintergrundrauschen einer fünfzig Jahre währenden Ehe. “Ich denk immer, der muss doch gleich um die Ecke kommen..” Kam er aber nicht.

Von der schweren Herz-OP erholte sich Vater nur langsam. Er litt unter dem Durchgangssyndrom und war oft so durcheinander, dass er sich in Kriegsgefangenschaft wähnte. „Was kochen die Tommies für einen scheiß Kaffee!“ schrie er und schlug die verschorften Hände vorm Gesicht zusammen. “Das mach ich nicht mehr mit!”

Dass er nicht bei Verstand war, setzte Mutter besonders zu. Dass er dement bleiben könnte. Es rührte an ihrer gemeinsamen Würde.

Wenn ich sie besuchte, saß sie verloren im Esszimmer und blickte auf die kaum befahrene Straße. Eine alte Frau mit dünnem grauen Haar, die mit verweinten Augen ins Nichts starrte und jeden Tag mehr abmagerte. Sie wog bald keine hundert Pfund mehr. Wir alle machten uns Sorgen, wie es weitergehen sollte, niemand hatte eine Antwort. Vater kam nicht um die Ecke, Mutter baute in rasender Geschwindigkeit ab.

Eine Erkältung mit Reizhusten wollte trotz Antibiotika nicht weichen, dazu plagten sie hartnäckige Schmerzen in Rücken und Unterbauch, wo ihrer Auffassung nach der Sitz der Seele war. Sie hatte unablässig Harndrang. Nachts musste sie bis zu zehnmal raus. An Tiefschlaf war nicht zu denken. Weil sie so schwach geworden war, spendierte die Krankenkasse einen Toilettenstuhl und einen Rollator, den sie stur als Teewägelchen verwendete.

Auf Anraten der Ärzte schauten wir uns für Vater vorsorglich nach einem Pflegeheim um. Noch aber bestand Hoffnung, dass die Psychose sich zurückbildete. Noch duftete es in der großen Dachwohnung nach ihm, noch saß Mutter zwischen den gemeinsam angeschafften Möbeln der Interlübke-Linie und hielt Wache, ratlos.

„Ich weiß nicht mehr, wo ich es suchen soll“, seufzte sie.

Zeitlebens mochte ich ihre Sprache. Sie benutzte gern solch wunderbare Worte wie huschhascheln, was so viel wie hin- und her räumen, kramen bedeutet, oder ummeln. Wer im Bett liegt und gemütlich vor sich hindämmert, aber noch nicht eingeschlafen ist, der ummelt ein bisschen.

– Bist du schon am schlafen? –

– Nein, ich bin am ummeln. –

Finnig ist eine Suppe, der man auf Anhieb nicht ansieht, wie brühend heiß sie ist. Eine finnige Suppe versteckt ihre Hitze unter einer unauffälligen Oberfläche und man verbrennt sich schnell das Maul.

Um Mutter zu besuchen, nahm ich den Weg durch die Hofschaft Klauberg, vorbei am staubigen Fußballplatz, auf dem ich die schönsten Kämpfe ausgetragen hatte, Elfer-Raus und Fünf-Minuten-Schießen. Mit jedem Schritt stieg ich tiefer in meine Kindheit, einem Kokon aus Füllerpatronen, Asterix-Heften und nicht geputzten Fußballschuhen, die fünfzig Pfennig Strafe nach sich zogen, wenn Sonntags ein Spiel anstand.

Wenn ich die Schillerstraße erreichte und Mutter per Summer die Haustür öffnete, liess ich den Hund von der Leine und sprang wie früher die Treppe hoch, nahm ein halbes Dutzend Stufen auf einmal und zählte die grünen Kacheln im Wandmosaik, bis ich oben angekommen war.

„Da seid ihr ja.. kommt rein..“

Mutter schlurfte voraus ins Esszimmer, in zu groß gewordenen Pantoffeln, und setzte sich ans Fenster. Es war jedes Mal das gleiche Bild. Sie saß im Esszimmer, das unser altes Kinderzimmer war, und schaute betrübt auf die Straße, während Vater zur selben Zeit, aber dreißig Kilometer Luftlinie entfernt, zum Parkplatz der Landesklinik hinunterblickte, in der Hoffnung, Mutter würde vielleicht zu Besuch kommen. Einer hielt Ausschau nach dem anderen. Der Blick ins Leere war ihr letztes Band.

Damit Mutter wenigstens eine Kleinigkeit aß und nicht bei lebendigem Leib skelettierte, kochte ich nach ihrer Vorgabe unkomplizierte Speisen wie Spinat mit Spiegelei, oder wir machten uns eine Pizza warm und teilten sie. Ich war froh, wenn ihre Stimme Farbe gewann und nicht mehr ins Schlingern geriet, wenn ihr Mund ein Lächeln aufbaute und zu schnattern begann, wie in besseren Tagen.

Tage, die noch gar nicht weit zurücklagen, gerade mal eine Seite im Fotoalbum.

Es sind ja immer die kleinen Momente, die einen anrühren, die das Herz absaufen lassen. Da war der Moment, als ihr Hals übergroß in mein Blickfeld rückte, die Falten wie Jahresringe, da war der Moment, als sie sich fürs Mittagsschläfchen hinlegte. Ich zog ihr die Strümpfe aus und deckte sie zu, wie ein kleines Schulmädchen lag sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und jahrtausendealter Seele.

Zuvor, als ich das Bett hergerichtet hatte, musste jede der diversen Über- und Unterdecken exakt an ihrem Platz sein, und wehe, das Bettlaken war nicht glatt gezogen und warf Falten und Kniffe. Das konnte ihr das ganze Mittagsschläfchen verhageln.

„Davon kriegt man lächerliche Beine.“

„Lächerlich..?“ Ich verstand nicht.

„Kennst du das nicht? Wenn es juckt, als würde man auf Zwiebackkrümeln liegen.., lächerliche Beine eben.“

Ich machte ihr eine Wärmflasche und rieb ihr den gepeinigten Rücken mit Pinimentol ein. Dabei meinte ich es zu gut. Statt wie empfohlen einen wenige Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, cremte ich sie großzügig ein. Am frühen Abend ging das Telefon. Schon das Läuten verriet, dass etwas nicht stimmte.

Mutter war aufgebracht.

„Ich konnte nicht einschlafen heut Mittag, so kalt war mein Rücken. Ich war ja richtig eingekleistert!“ Ihre Stimme hatte den alten Drive. „Mir war so kalt, als hätte ich im Eisfach gelegen. Oder wolltest du mich schon einfrieren?“

„Oh.. äh. Natürlich nicht. Aber die Wärmflasche war in Ordnung, oder?“

„Die Wärmflasche war so heiß, es hat mir fast den Bauchspeck verschröggelt.“

„Der Bauchspeck? Was für ein Bauchspeck?“

Sie liess den Einwand nicht gelten.

„Erst hat mich die Wärmflasche fast verbrannt, dann kühlte sie so schnell ab, dass ich gefroren hab wie ein Schneider. Ich war voll am bibbern!“

Es dauerte eine Weile, bis sie mein Lachen hörte und ebenfalls zu lachen begann. Erst nur halbwegs besänftigt, dann lauter als ich. Es war das letzte Mal, dass ich sie so lachen hörte.

*

Das Bild ist noch nicht fertig, sagt die Malerin. Ich lade es auf eigene Gefahr hoch, weil es mir so, wie es ist, so gut gefällt, dass ich mir eine Steigerung nicht vorstellen kann. Aber was weiss ich denn.

*

Nachtrag:

Der Rückblick 2014 ist unvollständig ohne den Menschenmaler von Oliver Driesen. Aber das kann wordpress ja nicht wissen. Ist ja nur ne olle Maschine.

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8 Gedanken zu „Das letzte Mal, dass ich sie lachen hörte

  1. Manchmal frage ich mich, was ich davon halten soll, dass die Menschen, die wir lieben, verwelken und dann für immer verschwinden, es immer mehr werden je älter wir sind und wir andauernd daran erinnert werden, dass auch wir nicht mehr viel Zeit haben.
    Wo soll da der Sinn sein? Wahrscheinlich gibt es keinen! Man muss schon ganz schön stumpf sein, um das auszuhalten!

  2. da ist was drann
    als hätten wir so als Babys nich auch den süssen Po oderso
    mit Penaten oder Juckpulver verspürt

    und denn war die Windelaberdicht….

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