Carnival

Rosenmontag hatte ich Nachtdienst im Turm-Hotel. Es blieb ruhig, gerade mal zwei Doppelzimmer gingen weg, zusätzlich zu den bereits gebuchten. Als um Sieben die Ablösung kam und ich durch die Innenstadt nach Hause schlenderte, begann es zu schneien, aber die Schneeflocken trudelten in einer Art vom Himmel, als nähmen sie den Winter nicht richtig ernst, als spielten sie nur Schneefall mit Minustemperaturen.

Feierabend machen, wenn alle anderen zur Arbeit hasteten, entschädigte ein bisschen für die Schmach, den Dienst antreten zu müssen, wenn alle Welt am Tresen stand und Karneval feierte. Nicht dass ich Spaß an Karneval gehabt hätte, das nicht, aber am Tresen stehen mit vielen Leuten war okay. Feierabend früh um Sieben war allerdings auch okay, wenn auch einsam. Ein geradezu erhebendes Gefühl, wie nach dem Schwimmen, wenn man komplett k.o. aus dem Becken steigt und gleichzeitig entspannt ist.

“He.. kannst du mir weiterhelfen?”

Ein Mädel trat auf mich zu, in einem dunkelblauen weiten Cape. Bisschen dünn angezogen. Friert die sich nicht den Arsch ab? dachte ich.

“Sag mal.. wie komm ich von hier zum Busbahnhof?”

“Zum Busbahnhof? Der ist oben am Neumarkt. Die Gasse hoch und dann immer links. Wohin musst du?”

“Na, nach Hause.”

Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig. Hübsch, übernächtigt, die Haut blass vom Saufen und Lachen, Make up verrutscht. Sie stand vor mir wie aus dem Nachspann von La Boum, die Fete 7.

“Wo bin ich hier überhaupt?”

“In der Fußgängerzone”, gab ich närrisch zurück.

“Ja schon.. Aber in welcher Stadt.”

War das ihr Ernst?

“Solingen. Du bist in Solingen.”

“Mannomann, Solingen. Ich dachte, ich wär in Monheim hier, eh..!”

So überrascht, wie sie aus der Wäsche blickte, schien sie tatsächlich keinen Schimmer zu haben, wo sie sich befand: im unteren Teil der Solinger Fußgängerzone, im toten Winkel. Der Boden war übersät mit Konfetti und Pappbechern, mit leeren Sektpullen und Jägermeister-Sixpacks.

“Ich werd nicht mehr, Solingen.. Hier war ich ja noch nie!”

Dafür, dass wir uns noch nie gesehen hatten, standen wir eng beieinander. Ein letzter Jeck torkelte im Schleppnetzgang die Geschäftsstraße hoch, so schwer und so ausladend, als hätte er fünfzig Kilo verbotenen Thun in den Manteltaschen. Er zog einen merkwürdigen Geruch hinter sich her, wie einen Schweif WC-Steine.

„Ich kapier das nicht, oh. Mann..“

Rosenmontag, erzählte sie, sei sie mit den anderen Mädels in der Kölner Südstadt versackt, und später in Monheim gelandet, dem Geheimtipp des rheinischen Kneipenkarnevals.

„Selbst Kölner fahren Altweiber nach Monheim, um zu tanzen. Aber Rosenmontag..? Das letzte, woran ich mich erinnere.. da saß ich im Nachtbus, mit den ganzen Weibern. Keine Ahnung, wo die alle abgeblieben sind. Wir wollten doch eigentlich alle nach Hause..”

Ja, so ist das mit den Freundinnen. Plötzlich sind alle weg, oder sie sind alt geworden – mit einem Affenzahn durchs Leben gejazzt, ohne Erinnerung im Nachtbus verschollen.

“Nach Hause? Wo ist denn dein Zuhause?”

“Leverkusen.”

Ich roch ihr Bier. Das letzte konnte noch nicht lange her sein. Eine einzelne Schneeflocke wirbelte wie ein dickes missratenes Insekt vom Himmel und setzte sich auf ihre Schulter.

Fallout, Man.

Sie sei eben wach geworden, in irgendeiner Kneipe, dahinten um die Ecke, mutterseelenallein auf der Eckbank, mit einem Geschmack im Hals wie Hund ganz unten, “.. und dann hat der Wirt Feierabend gerufen und mich vor die Tür gesetzt, der Doof. Sag mal, gibt’s keine andere Pinte, die noch offen ist? Ein kleines Bierchen bräuchte ich schon, bevor ich mich in den Bus setze und nach Hause gurke.”

“Na ja, der Kotten vielleicht. Der Kotten hat eigentlich immer auf. Oben am Busbahnhof, genau da, wo die Linie nach Köln abfährt.”

“Fährt der auch über Leverkusen?”

“Der Kotten?”

“Der Bus.”

“Ach so.. der fährt nach Köln – über Leverkusen. Klar.”

Dann standen wir da, und schwiegen. Nicht sehr lange, einen Augenblick vielleicht, in dem sich entschied, wie es weitergehen sollte. Ging ich auf ein Bier mit in den Kotten? Nahm ich sie mit zu mir nach Hause? Und was, wenn sie nach dem Bumsen einschlief und ich sie so schnell nicht loswerden würde? Es arbeitete in mir wie in einer Rechenanstalt. Ich wartete auf das Ergebnis. Addieren, subtrahieren, das ganze Programm. Wahrscheinlich wurde sogar dividiert. In ihrem Gesicht war eindeutig weniger los.

Sie gähnte mich an.

“Na, dank dir schön..”, meinte sie und wankte die Einkaufsmeile runter, in die komplett falsche Richtung.

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4 Gedanken zu „Carnival

  1. wie se alle hieseen die Pinten
    aber das der Kotten noch Stammgäste hat,Respekt!

    der Nachteil wenn man von der Arbeit kommt –
    man denkt zuviel…..

  2. Im September 84 spielte der FC Remscheid in der 1.Pokalrunde gegen Bayern München.Ich war mit meinem Vater zum Lenneper Stadion gefahren,schon eine Stunde vor Anpfiff.mein Pa wollte das Spiel von der Tribüne aus anschauen,ich dagegen war in der Bayernkurve mit Sigga und Micha verabredet.natürlich hielt ich für Remscheid,aber in der Bayernkurve konnte man eindeutig besser sehen,weil größer und weiträumiger als die FCR Kurve.Ich stand da also ziemlich früh relativ weit oben.ein paar Reihen unter mir standen einige Bayern Fans.mitten drin,ein Mädel,hübsches Gesicht,relativ kurze Haare,rotesTragershirt ,grauer ziemlich kurzer Rock,Sommer Schuhe,braungebrannt. Irgendwann merkte ich,daß sie ziemlich oft in meine Richtung glotzte.die Kurve füllte sich,irgendwann war’s so voll,daß klar war,daß mein Platz futsch wäre,wenn ich jetzt Micha und Sigga suchen würde.das Spiel fing an und bald war klar:die Kleine stand auf mich.sie guckte kein Fußball,sondern in die andere Richtung,volles Rohr in meine Augen.vom Spiel bekam auch ich nicht viel mit,dafür war ich vom flirten zu sehr abgelenkt.das Spiel ging 0:1 aus,Roland Wohlfarth stand beim Tor klar im abseits.nach dem Spiel ging ich zum Auto meines Vaters,daß direkt an der Süd-bzw Bayerntribüne geparkt war.zum Glück hatte ich Kuli und Zettel dabei und schrieb,daß mein Vater nicht auf mich warten bräuchte.dann wartete ich,es war klar,daß die Maus irgendwann vorbeikommen würde.als es soweit war,fackelte ich nicht lang und fragte sie,ob sie Lust habe mit mir ne Runde spazieren zu gehen.Hatte sie.im Lenneper Park setzten wir uns auf ne Bank und dann ging’s los.ein Rumgelecke und Rumgefummle wie ich es als 15jähriger noch nicht oft erlebt hatte.sie holte mir einen runter,ich ging ihr unterm Rock.und das war’s.sie kam aus Remscheid.sie gab mir ihre Telefonnummer,die ich natürlich sofort verloren hab.wir haben uns nie wieder gesehen.ein Tag später erzählten mir Sigga und Micha,daß zwei Reihen unter ihnen links so ne Hammer Schnecke gestanden hätte,die aber nicht auf’s Spielfeld,sondern total spitz ständig zu irgendwem hochgeglotzt hätte,was die beiden voll genervt habe…

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