Kinder, die was wollen

Fotos Willi Glumm 421

Wenn wir als Kinder sagten „Oma, ich hab Durst..!“, kam immer dieselbe alte Leier, wie aus der Pistole geschossen.

„Dann geh zur Frau Wurst. Die hat ein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen.“

Wenn wir einen Wunsch hatten, der übers normale Maß hinausging, schüttelten die Omas nur den Kopf und drohten:

„Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen!“

So ein Scheiß, dachte ich schon damals, gerade mal sechs Jahre alt, die Zuckertüte im Arm. Was ist das billig hier!

*

Da mein Vater so gern und ausgiebig von früher erzählte, vom Aufwachsen in einer Familie mit sechs Kindern und etlichen Nachbarn, die ein-und ausgingen im Haus am Stöckerberg, rückte die Familiengeschichte meiner Mutter etwas in den Hintergrund.

Unsere Großmutter mütterlicherseits war die italienische Oma. Wenn wir von der Schule kamen und sie stand in der Küche, um Mittagessen zuzubereiten, bedeutete das für uns, dass Mutter den ganzen Tag am Schreibtisch saß und die Bilanzen machte. Dafür brauchte sie Ruhe. Am besten, wir verzogen uns vor die Tür und liessen uns so wenig wie möglich blicken. Solche Tage hatten auch ihre Vorteile. Was man auch anstellte, es fiel einfach nicht auf, wir bewegten uns komplett unterhalb des Radars.

Bilanzen an sich, soviel war klar, hatten mit Zahlenkolonnen zu tun, die Mutter in ein riesiges blaues Buch übertrug. Das Buch bestand aus lauter Spalten, Blöcken und Reihen und bedeckte aufgeschlagen das halbe Wohnzimmer. Ich hörte Mutter oft fluchen an den Bilanz-Tagen. Manchmal kam auch der Steuerberater. Er trug eine große schwarze Plastikbrille auf der Nase und sah aus wie einer der Panzerknacker. Auch wenn er harmlos tat, ich traute ihm nicht über den Weg. Ich hatte genug Micky Maus-Hefte gelesen, um zu wissen, wie solche Dinge endeten.

Ganz schlimm wurden Bilanz-Tage am Abend, wenn Vater von der Arbeit kam und sich zu Mutter an den Schreibtisch setzte. Dann waren die Bilanzen abgemeldet und es wurden Angebote gemacht, die neue Aufträge reinbringen sollten.

Angebote beruhten auf den Aufmaßen, die Vater als Chef seines Klempnerbetriebs im Notizbuch festhielt und die er Mutter in die Schreibmaschine diktierte. Es schwirrten Begriffe wie Hartchrom-Muffe, verzinkt, acht Millimeter und Brausetasse, extra-flach, neunzig mal neunzig durchs Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Mutters Büro war.

An Bilanz- und Angebots-Tagen gerieten sich unsere Eltern regelmäßig in die Haare. Sie beharkten und beschimpften sich wie die Kesselflicker, wenn wir schon längst im Bett lagen und inständig beteten, sie mögen sich nicht scheiden lassen.

Scheiß Bilanzen, sagte ich oft zu meinem kleinen Bruder, aber der lachte mich nur an. Mein kleiner Bruder war ein Großmeister im Dinge-aus-der-Welt-lachen. Aus seiner Kindheit ist kaum ein Schnappschuß überliefert, wo er einmal nicht am lachen ist. Oder wo er sich zumindest darauf vorbereitet, beim nächsten Foto in heiliges Gelächter auszubrechen. Ein fröhlicher Junge, sieben Jahre jünger als ich. Allein das schien ihn irgendwie glücklich zu stimmen. Die Tatsache, dass er nicht ich sein musste, der große Bruder, sondern er selbst sein durfte, der kleine Bruder, der aber mit der Zeit so in die Höhe schoss, dass er am Ende einen ganzen Kopf größer war als ich. Unter Geschwistern verlaufen die Fronten bei weitem nicht so scharf und klar abgesteckt wie bei sonstigen, nicht-familiären Beziehungen. Man kann sich so manches Tauschgeschäft vorstellen unter Geschwistern. Nur nicht in der Rangfolge. Die ist fest zementiert. Da lässt sich nichts neu verhandeln. Einer ist jung, eine ist die älteste, und in der Mitte bin ich. So siehts aus. Bis zum Ende aller Tage.

Fotos Willi Glumm 096

Kleiner Bruder links, großer Bruder rechts, Schwester nicht anwesend

Unsere italienische Oma sprach kein Wort Italienisch. Sie war als Baby mit den Eltern nach Deutschland eingewandert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gab damals eine erste Einwanderungswelle von Italienern, die sich auf körperlich schwere Arbeiten verstanden, die viele Deutsche nicht mehr übernehmen wollten. Mein italienischer Ur-Großvater und Teile seiner Sippschaft, die Lesizzas, waren Straßenpflasterer aus dem Friaul, einer bitterarmen Bergregion an der Grenze zu Slowenien.

Auch wenn Oma kein Italienisch sprach und schnell Deutsch lernte, in der Schule hatte sie einen schweren Stand. Ich wurde bespuckt und geschlagen, erzählte sie später, nur weil meine Eltern Italiener waren.

Als alle Strassen soweit gepflastert waren, bewarb sich mein italienischer Ur-Großvater in der Papierfabrik Jagenberg direkt an der Wupper und wurde angestellt. Dort lebte auch seine Familie, in der abgelegenen Hofschaft Papiermühle. Wir wohnen noch heute in der Nähe, keine dreiviertel Stunde Fußweg entfernt. (Mit dem selten verkehrenden Bus zwei Stationen.)

Ur-Opa Lesizza, ein schweigsamer Mann, verunglückte Anfang der 1920er Jahre beim Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich an der Papiermühle. Er stürzte auf den Hinterkopf. Zwei Tage später bekam er rasende Kopfschmerzen und starb noch am selben Tag. Nun war meine Ur-Oma, die kaum Deutsch sprach und sich in einem Kauderwelsch aus Italienisch und einigen Brocken Solinger Platt verständigte, allein mit den vier Kindern.

Damals gab es keine Arbeitslosenversicherung, die einen auffing, erzählte mein Vater, der selbst etwas Italienisches an sich hatte, als er jung war. Dichtes schwarzes Haar, markante Gesichtszüge, von eher gedrungener Gestalt. Die Witwe musste ums Überleben ihrer vier Kinder kämpfen, und es gab Tage, so Vater, da ernährten sie sich von den Dingen, die in der Wupper vor ihrer Haustür trieben.

„Fische?“ fragte ich.

Vater lachte. „Fische!? Du bist gut. Die Wupper war der dreckigste Fluss Europas. Wenn das Wasser wie Blut schillerte wussten wir, dass die Textilindustrie in Wuppertal an diesem Tag rote Farbe benutzte. Ein paar Tage später konnte die Wupper giftgrün sein, und es stank erbärmlich. Im Sommer hatten wir manchmal stinkefrei. In der Wupper gab es damals keinen einzigen Fisch, da lebte kein Wurm drin. Die Leute führten ja auch ihre Abwässer in die Wupper. Nee, die Lesizzas fischten aus der Dreckbrühe, was andere Leute weggeworfen hatten. Salatblätter, den Strunk von irgendwelchem Gemüse, Zwiebelschalen, alles, was irgendwie noch essbar war.“

Seltsame Vorstellung, dass diese Kloake meine Vorfahren durch schlechte Zeiten brachte. In unserer eigenen Kindheit bis in die 80er Jahre galt die Wupper als Paria. Im Gegensatz zu Wuppertal, wo der Fluss das Stadtbild prägt, berührt die Wupper Solingen nur an den Randbezirken. Aber heute noch hab ich den Gestank in der Nase, der sich an Sommertagen in den Auen und Senken des Wupper-Tals sammelte und sich durch Kieferhöhle und Kleidung fraß. Seit dem Wegfall der Industrien ist die Wupper immer sauberer geworden und gilt heute als eine der am besten renaturierten Flüsse in Europa.

Heute würden die Lesizzas Lachse aus dem Wasser angeln.

*

Die italienische Oma trank gern Bier und wurde dann laut und ausfallend. Einmal beobachtete ich vom Kinderzimmerfenster aus, wie meine Eltern sie in ein Taxi verfrachteten, wo sie stinkbesoffen weiterkrakeelte und dem Taxifahrer den Muschifinger zeigte. Danach kam sie eine Weile nicht mehr zu uns nach Hause und Mutter musste sich auch an Bilanz-Tagen um das Mittagessen kümmern, es wuchs ihr über den Kopf. Später kam Oma wieder, aber Bier und Schnaps wurden weggesperrt.

Sie konnte unheimlich gut Reibekuchen backen. Es waren die leckersten Reibekuchen der Welt. Mit meinem Cousin Michael bestritt ich regelrechte Wettbewerbe, wer mehr Reibekuchen verdrücken konnte. An solchen Tage hieß unsere Küche bloß das Reibe-Büro. Michael war zwei Jahre älter als ich und hatte ein Loch im Herzen, das der berühmte Dr. deBakey in Texas mehrfach flicken musste. Immer, wenn mein Cousin nach Texas flog, um operiert zu werden, sah ich den weltberühmten Arzt vor mir, wie er sich mit Nadel und Nähgarn über das Herz meines Cousins hermachte.

Er gewann jedes Mal beim Reibekuchenessen. Er konnte Unmengen davon fressen. Er war der Reibekuchenfressweltmeister mit einem Loch im Herzen.

„Ach, gönn ihm das doch“, sagte Mutter. „Er hat doch sonst nichts. Er ist doch ein Armer.“

Na, ein Armer. Ich weiß nicht. Seine Eltern hatten Geld, er war Einzelkind, hatte eine seltene Krankheit und bekam dauernd Sachen geschenkt. Einmal sogar ein Pferd und so lila Spezial-Schallplatten von Deep Purple. Und ich? Kaum äusserte ich einen Wunsch, hiess es gleich „Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen.“ Diese verschissenen Bollen!  Die wurden ja doch bloß erwähnt, weil sie sich auf wollen reimten!

Junge, war das Leben billig damals.

*

Meine italienische Oma war keine schlechte Oma. Sie hatte früh ihren Mann verloren, er war im Krieg gefallen. Trotz einiger Verehrer heiratete sie nie wieder und begann irgendwann zu trinken. Lange Zeit, ohne dass die Familie es mitbekam oder mitbekommen wollte. Sie war einsam.

Nach dem Tod fand man unter ihrem Bett eine ganze Batterie an leerern Bier- und Schnapsflaschen. Sie hatte zum Schluss so heftig getrunken, dass sie im Delir starb. Meine Mutter machte sich noch viele Jahre später heftige Selbstvorwürfe, weil sie Omas Alkoholsucht zwar bemerkt, aber die Dimension verkannt hatte. Besonders weh tat ihr im Nachhinein, dass sie Oma auch noch ausgeschimpft hatte, wegen der Trinkerei.

Als Junge war ich schwer fasziniert von den Adern, die Omas Arme durchzogen, lange blaue Schlangen unter pergamentpapierdünner Haut. Ich konnte nicht genug davon bekommen, sie zu betrachten. Die Adern sahen aus wie blaue Rohrleitungen für ein Puppenhaus. Man konnte sie einfach zu Seite wegrollen. Wenn ich das tat, lachte Oma immer. Sie hatte eine hohe Stimme, wenn sie lachte. Mit ein paar Bier drin war sie ein Countertenor.

In den späten Siebzigerjahren, wenn ich mit Karlos und Schnaat in der Stadt unterwegs war, traf ich meine italienische Großmutter ab und zu im Bierbrunnen, wo sie große bayrische Bier trank. Sie war nicht mehr so lustig wie früher, aber sie hielt sich tapfer. Eine kleine Oma im grünen Lodenmantel und mit Federn am Hut.

„Andreas, mit dir wird es ein schlimmes Ende nehmen!“ beliebte sie den Zeigefinger zu heben, wenn ich den nächste halben Liter anschleppte. Hast du Durst, Oma? fragte ich nur, und bevor sie antworten konnte, gab ich die Antwort gleich selbst: „Dann geh zur Frau Wurst. Die hat ein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen.“

Hysterisches Oma-Gelächter im Bierbrunnen.

*

Als ich davon vor kurzem der Gräfin erzählte, gab es eine Überraschung. War ich bislang davon ausgegangen, dass die Sprüche eine ureigene Erfindung unserer Omas waren, um uns Kinder zu ärgern, erfuhr ich nun, dass die geliebte Oma Soest der Gräfin den selben Wortlaut benutzt hatte, mehr als 200 Kilometer Luftlinie entfernt. Überglücklich, dass es auch Andere getroffen hatte, womöglich in ganz Deutschland, lagen wir uns im Arm und gaben uns gegenseitig was auf die Bollen.

sanne kleines passfoto

14 Gedanken zu „Kinder, die was wollen

  1. yup, da musste ich auch drunter leiden und ich duerfte noch ein paar Jaehrchen juenger sein. Wobei ich die Variante „Kleine Kinder die was wollen, kriegen was auf die Beulen“ ertragen musste…

  2. Ihr seid nicht allein! Hier in Mannheim wurden wir Kinder immer aufgezogen mit: „Du hoscht Dorscht? Donn schlupp in die Worscht!“ (Du hast Durst? Dann schlüpf in die Wurst!). Wenigstens die Hundepinkelei blieb uns erspart.

  3. bierbrunnen!
    stimmt.die Gläser waren schwer und meistens voll
    die Gulaschsuppe war auch ganz ok-
    danebenan war auch ne Kneipe-
    da traf ich schon mal meinen Onkel
    beim Witz
    mit ner Pulle whisky-ach der Kurt!
    wat mackst du denn hie?
    tja….

  4. der Junge mit derZuckerschnut und dem Käppi -das bist doch nicht du oder wie oder
    und das Foto ist doch nicht in Solingen oder wie?
    nur wo denn ?

    • Na sicher bin ich der Pico. Das Foto ist 1967 an der Hasseldelle aufgenommen. Im Hintergrund sieht man Teile von Kohlfurth, aber mehr die Wuppertaler Seite.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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