Tanzen, basta!

Nach Lesungen geschieht es immer wieder, dass Leute mit großen neugierigen Augen auf mich zukommen und fragen, ob die Geschichten, die ich erzähle, wirklich authentisch sind.

„Hast du das alles selbst erlebt?“

„Ja klar.“

„Aber doch nicht alles, oder!?“

„Natürlich alles. Ich kann mir gar nichts ausdenken. Ich bin nicht gut im Ausdenken. Ich bin gut im Erzählen, was mir im Leben passiert, mehr nicht.“

Auch nach dem x-ten Male bin ich überrascht, wie überrascht, ja ungläubig die Leute darauf reagieren. Sie scheinen regelrecht enttäuscht zu sein, dass die Geschichten nicht ausgedacht sind. Dass sie von einem Leben erzählen, in dem tatsächlich pfundweise Heroin geschnupft wurde.

„Ich wusste ja gar nicht, dass du das Zeugs wirklich genommen hast..“, sagt einer erschüttert, ein Anführer der deutschen Internetszene mit Hahnenkamm, dazu dieser Blick: Aber das ist doch eine Droge für Verlierer! Du bist doch kein Verlierer!

Oder bist du ein Verlierer..?

In Zukunft werde ich es mir einfacher machen. Ich sag einfach, nee, ist alles Fiktion, ist alles ausgedacht – und alle atmen auf.

Ich bin doch einer von euch.

sanne.basta.gross

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12 Gedanken zu „Tanzen, basta!

  1. Selbst Erinnerungen sind nicht unbedingt faktual. Es sind Rekonstruktionen und somit zum Teil fiktiv.
    Als Autor sollte man auf solche Fragen überhaupt nicht eingehen. Ein Werk steht für sich selbst und ist losgelöst von seinem Urheber. Dementsprechend interessiert es gar nicht, ob es sich um Autofiktion handelt. Nur Laien fragen nach „wahr“ oder „falsch“.
    Um mal Nabokov zu zitieren -inhaltlich, nicht ganz wörtlich-: Wenn jemand eine Erzählung „wahr“ nennt, beleidigt die Kunst und die Wahrheit zugleich.
    Ich dachte, der Biografismus wäre mit dem 19. Jahrhundert untergegangen, anscheinend nicht. Schade!

  2. Jetzt hat er das Geheimnis gelüftet.

    Das Problem ist, dass zu viele Leute im Internet zu viel Schrott erzählen, so dass andere Leute nichts mehr glauben und alles für Fiktion oder zumindest übertrieben halten.

    Es gab mal eine Zeit, in der war ich wohnungslos und habe oft draußen übernachtet. Wenn ich davon erzähle, wechselt der eine Teil schnell das Thema als hätte ich was über Hodenkrebs erzählt und der andere Teil hält das für ne geile Story, aber glaubt mir nicht.

    Wenn es hilft: Ich habe deine Geschichten immer für authentisch gehalten. Du hast diesen Blick, diesen „Erzähl mir nix, ich habe alles gesehen“-Blick. Ich kenn‘ den. 🙂

  3. Dann bin aber ich enttäuscht, lieber Glumm. Da dachte ich: endlich mal einer, der so hübsch schreiben kann über das, was er so erlebt hat. Mit Mut zum Unschillernden. Und ab jetzt ist alles nur ausgedacht? Nee, bleib bei deiner Wahrheit. Bitte. Ich mag sie.

  4. Was ist schon Wahrheit? Schließlich gibt’s „die Wahrheit“ eh nicht – jede/r hat eine eigene und erst in der Summe aller existiert der 360-Grad-Blick. Du bist AUTHENTISCH – HUMORVOLL – SARKASTISCH, ach ja, und ein feiner Kerl. LG Monika

  5. Dieses Abstempeln durch Dritte, nur weil Ge-/Erlebtes nicht in die Norm passt, kann ich garnicht ab…

    Ich für meinen Teil zolle Dir Respekt dafür, dass Du dem Strudel, der nicht selten tötlich endet, entkommen bist.
    Und Dankbarkeit, dass Du dieses Leben – also Dein Leben – mit so viel Au­then­ti­zi­tät und vor allem Herz von einer Seite aufzeigst, die nur die Wenigsten auch nur erahnen können.

    Danke.

  6. Ich kann mir das soooo gut vorstellen, wie der Internet-Guru mit dem Iro (ja, wer mag denn das wohl sein?) aus der Höhe seines hippen Elfenbeinturms in Berlin-Mitte an Deiner bodenständigen Kunst schnuppert und erschreckt feststellt, dass Dein Leben leicht anrüchig ist…
    Besser anrüchig als Lobo-tomiert!

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