Lasagne

In der Nordstadt gab es einen Italiener, der berühmt war für seine Lasagne. Sie wurde im Steingut-Topf serviert und ähnelte einer mit Gold überbackenen brodelnden Brieftasche. Das deutsch-italienische Betreiber-Ehepaar ergänzte sich prächtig. Er war Neapolitaner und stand in der Küche, sie, stämmige Solingerin, Typ Matrone, schmiss Theke und Tische. Die Einrichtung war auf angenehme Art piefig, erinnerte an das Deutschland der Sechzigerjahre, als die Gerichte noch Mehlpüfferchen, Dunkle Grundsuppe und Apfelbettelmann hießen und wo es nichts schöneres gab, als vom Sommerurlaub am Gardasee einen Chianti mitzubringen, in der bauchigen 2-Liter-Bast-Flasche. Genau in diesem kleinen Restaurant unterlief mir der Fauxpas aller Fauxpasen: Ich liess fast die halbe Lasagne zurückgehen. Es war mir peinlich, ich war pikiert von mir selbst, ich versank vor Scham im Gestühl, aber was sollte ich machen: Es ging einfach nichts mehr rein. Wir waren am Nachmittag bereits zum Kaffeetrinken eingeladen gewesen, mein Bauch war bis obenhin voller Pflaumenkuchen.

“Na, wer schwächelt denn da?!” stutzte Inhaberin Rosy zunächst überrascht, als sie mein Steingut-Grab abräumen wollte und darin den halben Leichnam fand.

“Ja also..”, setzte ich entschuldigend an, meinen Ranzen reibend, kam aber nicht weit. Rosy erstarrte. Erst jetzt schien ihr die ganz Tragweite bewußt zu werden, der Frevel. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

„Es hat.. nicht geschmeckt?“

Ihre Feststellung, notdürftig als Frage getarnt, kam unverbindlich und leise, aber von einem drohendem Unterton getrieben.

“Ich bin schuld, Rosy“, sprang die Gräfin mir bei. „Ich hab den Mann heut Nachmittag schon mit aufgetauten Pflaumenkuchen abgefüllt.”

“Mit aufgetautem.. PFLAUMENKUCHEN!?”

Der ganze Laden, eben noch in prächtiger Stimmung, war augenblicklich still. Vor Schreck ließ jemand seine Gabel fallen. Sie schlug hart auf dem Porzellan auf, doch niemand schaute hin. Alle Augen waren auf unseren Tisch gerichtet. Rosy war drei Meter neunzig groß und weiß wie ein Jahr Stubenarrest..

“Ihr fresst KUCHEN, bevor ihr zu uns kommt und CALAMARES bestellt…??!“

“Lasagne”, wandte ich leise ein.

Sie zog das Steingut unter mir fort, als handelte es sich um eine Besuchserlaubnis, auf die ich jahrelang hingearbeitet hatte. Das bis auf den letzten Krümel abgearbeitete Geschirr der Gräfin blieb unbeachtet auf dem Tisch stehen, und Rosy verschwand in der Küche.

Wir warteten über eine Stunde auf die Rechnung. Niemand traute sich etwas zu bestellen. Eisiges Schweigen auf ganzer Linie. Es tut mir leid, nickte ich in die Gaststube hinein. Es war sinnlos. Ich hatte die Lasagne nicht aufgekriegt. Ich war ein Desperado. Ein Verfemter.

Total abgewrackt.

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5 Gedanken zu „Lasagne

  1. Ich dachte jetzt kommt hier nen leckeres Lasagnerezept … statt dessen eine nicht zu Ende erzählte Geschichte ;-(

  2. Teller bzw. Steingutgebärmutter nicht leergegessen … in Deutschland … und du WAGST es noch, uns mit deinen sogenannten TEXTEN unter die Augen zu treten? Hast du denn jedes Schamgefühl verloren? In der Unterwelt wird es für dich die ersten 70.000 Semester nur Lasagne geben. Schon klar, oder?

  3. Da hätte ich nicht stecken mögen in deiner Haut, mit solch einem tief verletzten, edlen germanischen Weib gegenüber. Noch einmal mehr Glück gehabt 😉

    Grüße aus dem Tal der Wupper!

  4. Was auf den Tisch kommt, wird gegessen, ja? Um diese Erziehungsmethoden von Nachkriegseltern nach all den Jahren des lustlos Überfressenseins aufzulösen, dafür wurde das Doggy-Bag erfunden! Dann können Lasagnereste noch zwei Tage gemütlich im Kühlschrank zu schimmeln anfangen, bevor sie in die Tonne wandern. Für Fortgeschrittene wandern sie gleich vor dem Restaurant in den Papierkorb, und Profis fühlen sich einfach satt und wohl, auch wenn Kochende durch mangelnde Kontrolle über den mangelnden Appetit von Essenden ihren Seelenfrieden ins Schwanken bringen lassen.
    “Ihr fresst KUCHEN, bevor ihr zu uns kommt und CALAMARES bestellt…??!” – sehr gelacht!!!

  5. Letztens n Buch gelesen, da war n Typ zum ersten Mal bei den Eltern seiner türkischen Freundin eingeladen. Obwohl er pappsatt war, hat er aus Höflichkeit den Teller leergegessen und hat ungefragt nachgereicht bekommen. Hinterher hat er erfahren, daß es bei Türken Sitte ist, etwas auf dem Teller draufzulassen. Bedeutet: hat mir geschmeckt, aber jetzt bin ich satt. Ansonsten wird automatisch nachgereicht. Aber fast die HÄLFTE drauflassen geht natürlich gar nicht.
    Meine Ma hat letztes noch erzählt, daß einmal der Sohn meiner Patentante Bärbel (nicht mit mir verwandt) seinen Teller einmal nicht leeressen wollte,weil ihm schlecht war. Sein Vater (mein nichtverwandter Onkel Ernst) hat ihm erstmal richtig schön eine geklatscht und zwang ihn aufzuessen. Sein 8jähriger Sohn (ich war 2) kotzte und kotzte und kotzte- aber irgendwann war zumindest der Teller leer. Onkel Ernst hat heute übrigens ein leicht gespanntes Verhältnis zu seinen Kindern.
    Muß jetzt sechs Wochen ne Schiene tragen und darf meine Hand acht Wochen nicht belasten. Hab heute mit links geschrieben- echt anstrengend! Übrigens, falls ich’s noch nicht geschrieben habe- DANKE !

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