Lächerlich, doch so waren die Zeiten

1978 brummte mir der Richter am Amtsgericht zwei Wochenend-Arreste plus 20 Arbeitsstunden auf. Mein Vergehen: der Besitz von 0,25 Gramm Haschisch. Ein viertel Gramm. Ein Vogelschisslein. Es war exakt die Hälfte des 0,5 Gramm-Pieces Roter Libanese, das die Jungs vom Rauschgift-Dezernat im Schnee entdeckt hatten und erst nicht zuordnen konnten, als sie Pepe und mich vorm Jazzkeller an der Schützenstraße aus dem Auto zerrten.

„Na, was haben wir denn hier schönes?“ knurrte der Mann von der Kripo und bückte sich so tief in den Schnee, dass ihn der Schnurrbart kitzelte.

„Keine Ahnung“, sagte Pepe cool. „Nie gesehen.“

„Gehört mir nicht“, murmelte ich.

Die Schwestern auf dem Rücksitz hielten die Klappe. Das war auch besser so. Als man uns eine Woche zuvor an einer anderen Ecke der Stadt kontrolliert hatte, saßen die beiden Mädels ebenfalls hinten im Wagen, so sternhagelvoll, („ALLE, DIE ZU HAUSE KEINEN HOCH KRIEGEN, MELDEN!! HE, KRIPOMANN! HAST DU NICHT GEHÖRT?! DIE HÄNDE HOCH!!“), dass die Beamten die Nerven verloren und Verstärkung anforderten, mit hochrotem Kopf, „Zentrale..!? Hier sind randalierende Weiber!!“

Die Strafe machte mich stinksauer, ich kam nicht darüber hinweg: zwanzig Arbeitsstunden plus zwei Wochenend-Arreste für einen Mini-Brösel Libanese! Pepe dagegen kam mit 20 Arbeitsstunden davon, ohne Wochenend-Arrest. Nicht mal einen. Und mir hatte man gleich zwei reingewürgt! Und warum? Sein Vater hatte ihm einen Verteidiger besorgt, und zweitens: Pepe hielt vor Gericht den Mund, während ich ja dem Richter, der Staatsanwaltschaft und weiteren anwesenden Autoritäten unbedingt mitteilen musste, wie ungerecht ich das fand, dass man sich in diesem Staat an jeder Straßenecke unbehelligt zu Tode saufen könne, während man für ein Vogelschisslein Haschisch in den Bau wandere.

„Schweinerei!“ rief ich in den Saal, und „Große Scheiße hier!“ Möglicherweise auch „Free Nelson Mandela!“, ich weiß es nicht mehr. Es war zu Beginn der ersten großen Legalize it!-Bewegung, und ich war ein vielbeschäftigter 18jähriger Haschisch-Politiker, der auf ausdrücklichen Wunsch der Schulleitung gerade die Schule verlassen hatte. Selbst der Richter am Amtsgericht blickte nicht durch. Mit jeder Silbe aus meinem erregten Mund schaute er verdrossener drein. Vom zunächst halbwegs belustigten Junge, jetzt halt doch mal den Rand.. bis zum genervten Na, jetzt reichts!-Gesichtsausdruck, „dem Scheiß-Hippie hier pack ich zwei Wochenend-Arreste drauf!“, es war alles dabei.

(Drittens saß ausgerechnet am Tag meiner Verhandlung ein Oberstufen-Kurs der August Dicke Schule auf den Zuschauerbänken, da wollte der Richter den Schülern mal zeigen, was eine Richterharke ist.)

Die Arbeitsstunden leisteten Pepe und ich gemeinsam ab, in einem kleinen Tierpark am Stadtrand. Am ersten Tag drückte man uns Mistgabeln in die Hand und schickte uns zum Ausmisten in den Ziegenstall. Es war tiefer Winter. Als wir das Ziegengelände betraten, vergaßen wir das Gatter zu schließen, und sofort ging ein Bock stiften. Wir versuchten, das Tier wieder einzufangen – vergeblich. Wir fühlten uns wie im spanischen Pamplona, nur dass wir nicht vor einem großen wilden Stier davonrannten, sondern eine kleine Ziege zu stellen versuchten. Es brauchte mehr als eine Stunde gutem Zureden sowie Ausrutschen auf  frostigem Boden und Trick 17, dann gab der Ziegenbock entnervt auf und kam von ganz allein angetrottet. Wir stellten die Gabeln an die Wand und drehten erstmal eine Tüte. In der Blockhütte stank es erbärmlich nach Ziegenscheiße und Stroh. Wir waren total erledigt. Ich schaffte es kaum, das Piece aufzubröseln, so klamm und steifgefroren waren meine Hände. Die Ziegen scharten sich alle in einer Ecke und meckerten uns frech an. Was Pepe und ich nicht wussten: Die Mitarbeiter des Tierparks überwachten uns die ganze Zeit mit dem Fernglas. Der Joint war nicht mal aufgeraucht, schon standen sie im Ziegenstall und schauten beleidigt aus der Wäsche. Daraufhin wurden Pepe und ich getrennt eingesetzt.

Ich bekam es im Vogel-Haus mit den Papageien zu tun, ebenso farbenfrohen wie latent boshaften Groß-Vögeln, denen ich nicht über den Weg traute. Sobald ich die Voliere aufschloss, um frisches Wasser nachzufüllen oder den Boden zu kehren, flatterte ein halbes Dutzend Aras durchs Gehege und schlug so zornig mit den Flügeln gegen das Gitter, dass die Federn durch die Luft wirbelten. Bekifft wie ich war, erwartete ich jeden Moment ein Loch in den Schädel gehämmert zu kriegen. „Haschbruder, nimm dies! Und das auch!“ Ich hatte richtig Bammel vor den Viechern. Von den Tierpflegern war keinerlei Hilfe zu erwarten. Sie überließen die Drecksarbeit Sozialstunden-Brüdern wie Pepe und mir, während sie selbst in der überhitzten Kaffeeküche ausharrten und die Lage per Fernglas sondierten. Nur gelegentlich erhob sich einer vom Stammpersonal und schob schlecht gelaunt eine Schubkarre Salat und Nüsschen zum Affenhaus rüber.

Kurz vor Weihnachten stand der erste Wochenend-Arrest an. Mein Vater fuhr mich Samstags in aller Frühe nach Remscheid zum Jugendknast. Punkt sieben setzte er mich ab. Als Zeitpunkt der Entlassung war Sonntag, 18 Uhr, vorgesehen. Ich hatte Tränen in den Augen, Vater ebenso. Es war, als würde ich Lebenslänglich antreten auf Alcatraz.

Da ich am Abend zuvor mit Karlos und Benzini im Clublokal der SHARKS an der Schützenstrasse gesoffen hatte, war ich noch halb voll. Als die Zellentür ins Schloss fiel und der Schlüssel umgedreht wurde, heulte ich los. Der erste echte Tiefpunkt meines Lebens. Ich war ein Gefangener des kapitalistischen Terror-Regimes. Der Deutsche Herbst 1977 mit seinem zur Staatsdoktrin erhobenen Krieg gegen die Rote Armee Fraktion war gerade vorüber, schon hatten sie mich am Wickel. Das schlimme: Ich wusste nichts mit mir und der vielen Zeit anzufangen. Selbst Feuerzeug, Tabak und Haustürschlüssel hatte man mir abgenommen. Notizbuch und Kuli sowieso. Nichts war mir geblieben ausser den Kleidern am Leib. Sie wollten mich fertigmachen.

Jeder Arretierte hatte eine Einzelzelle, darin Bett, Tisch, Stuhl, Kleiderschrank, Klo, sonst nichts. Kein Radio, kein TV, keine Zeitschrift. Rauchen verboten, Lesen verboten – nur eine abgegriffene schwarze Bibel lag auf dem Tisch. Zudem hatte die Pritsche tagsüber hochgeklappt zu bleiben, man sollte schließlich Buße tun und nicht pennen. Es blieb buchstäblich nichts zu tun, gar nichts, überhaupt gar nichts, ausser die Wand anstarren. Zwar gab es ein kleines Fenster, doch es war in über zwei Metern Höhe angebracht und diente dem bloßen Lichteinfall. Ich fühlte mich verkatert und elend leer. Sollte der Zweck der Inhaftierung darin bestanden haben, Kiffer wie mich weich zu klopfen, dann war der Plan aufgegangen, nach nicht mal einer Viertelstunde.

Irgendwann beruhigte ich mich. Ich steckte mir kleine Ziele, die ich erreichen musste. Erst das Mittagessen, dann das Abendessen, zuletzt Schlafen gehen.

Ich saß am Tisch und glotzte auf meine Schuhe. Große Dinger, echte Frachtkähne. Lederschiffe. Ich spielte Fährmann auf der Wupper und setzte Passagiere aufs andere Flußufer über. Touristen hauptsächlich, aber auch Arbeiter auf Montage. Ich erwischte zwei Schwarzfahrer. Sie hatten kein Geld dabei. Na, ich liess sie laufen.

Ich war ja nicht so.

Ich nahm die Bibel zur Hand. Sie war merkwürdig dünn. Es war das Neue Testament. Das ist doch mal eine Gelegenheit, dachte ich. Beim Konfirmanden-Unterricht hatte ich Jahre zuvor nur Augen für meinen Tisch-Nachbarn gehabt, Peter Kretzen, dem Unmengen Haare auf den Armen wuchsen, finstere Urwälder, und das mit dreizehn. Wenn der schon auf den Armen soviel Haare hatte, wie sah es dann erst untenrum bei ihm aus.

Affenarsch.

Noch während ich auf Seite 2 verfolgte, wer in Judäa wen geheiratet und wieviel Kinder gemacht hatte, verlor ich den Faden und legte das Neue Testament weg. Punkt zwanzig Uhr durften endlich die Betten runtergeklappt werden. Ich lag sofort flach und schlief ein. Mein Schlaf war dünn und unruhig vom Alkohol-Entzug, ich schwitzte, obwohl mir kalt war. Ich hatte mir innerhalb weniger Wochen 15 Kilo Übergewicht angesoffen, und das ausschließlich im Club-Lokal der SHARKS, der legendären Motorrad-Gang. Ich träumte von weißen Wanzen, groß wie die Schweine, mit einem Kampfgeweih auf dem Kopf.

Sonntag morgen fühlte ich mich besser. Die Aussicht, um 18 Uhr abgeholt zu werden, beflügelte mich. Draussen schien die Sonne. Ich bugsierte den Kleiderschrank der Zellenwand entlang bis er unter dem vergitterten kleinen Fenster zum Stehen kam. Dann kletterte ich auf den Schrank und verbrachte die Stunden bis zum Mittagessen damit, eine kleine Remscheider Straßenkreuzung inklusive Zebrastreifen zu observieren. Mehr Ausschnitt gab mein Posten nicht her.

Immer, wenn ich Schritte auf dem Gang hörte, sprang ich runter, setzte mich auf den Stuhl und nahm brav die Bibel zur Hand. Entfernten sich die Schritte, war ich sofort wieder oben auf dem Hochsitz. Ich zählte 35 Personen auf dem Fußgängerüberweg bis zur Essensausgabe sowie einen humpelnden Hund und einen Kinderwagen, dessen Vorderreifen blockierten.

Punkt zwölf öffneten sich die Zellentüren. Alle Gefangenen hatten sich in Reih und Glied vor dem Trog aufzustellen, aus dem ein Wärter eitrige Erbsensuppe austeilte. Vor mir stand ein stabiler Langhaariger, den ich vom Sehen kannte. Er wohnte mit Freunden in einer angemieteten Villa am Dorperhof, die in der ganzen Szene berüchtigt war für wilde Partys und Sessions. Er stand vor mir in der Schlange, die Hände hinterm Rücken gekreuzt. Er hatte echte Schaufelpfoten. Ich wunderte mich, was er da so nervös herum nestelte.

„Schnallst du das bitte mal..“, zischte er leise.

Jetzt erst sah ich die geöffnete Hand, darin ein Bröckchen Haschisch. Etwa so viel wie die Menge, für die ich verknackt worden war. Gerechtigkeit machte sich breit in den Gängen. Überall wurde gehüstelt, mit den Füßen gescharrt, etwas weitergereicht. Die Wachleute gähnten, und ich griff zu.

Nach dem Essen warf ich das Haschisch in den Tee. Es löste sich nicht auf, wurde nur ein bisschen heiß im Wasser, mehr geschah nicht, also schluckte ich es am Stück runter.

Ein Wärter brachte einen Bogen Papier und einen Stift. Jeder sollte aufschreiben, warum man zum Arrest verdonnert worden war und warum man die Tat bereute. Die Frage war nicht, ob man die Tat bereute, sondern gleich warum. Das ließ ich mir nicht gefallen.

Sobald das Haschisch wirkte, erwachte der Politiker in mir. Ich kritzelte Vorder- und Rückseite voll, in engen Zeilen, ich quasselte und quasselte. Ich wiederholte alle Vorwürfe, die ich schon vor dem Amtsgericht gemacht hatte, und forderte, befeuert vom Tee, die komplette Freigabe aller Drogen.

Was man so schreibt, wenn man achtzehn ist und die Wahrheit in der Tasche hat.

Den zweiten Wochenendarrest einen Monat später saß ich fast schon mit einer Arschbacke ab. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal mein eigenes Piece in die Zelle schmuggelte und mir anderthalb schöne Tage machte, oben auf dem Kleiderschrank, als stiller Herrscher über die Straßenkreuzung. Ich zählte insgesamt 139 Personen auf dem Zebrastreifen, sowie eine hupende Motorrad-Eskorte. Das waren die SHARKS, die ihren Sonntagsausflug extra für mich über Remscheid gelegt hatten. Ich winkte begeistert. Niemand blickte hoch. Das waren überhaupt nicht die SHARKS. Kaum jemand wusste von meinem Arrest. Woher auch.

Affenärsche.

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12 Gedanken zu „Lächerlich, doch so waren die Zeiten

  1. Ha! Ich habe… (Achtung) für ein ähnliches Vergehen… 1989/90 doch satte 12 Monate zur Bewährung bekommen. (Stille im Saal)
    Ja, genau. Für läppische (lausige?) 0,8 Gramm (Der Verkäufer hatte mit 1 Gramm versprochen)
    gestreckten Grünen. Diese Schweine. Aber der Richter wollte mir irgendwie nicht glauben, daß ich nur zufällig in Flagranti… und ich hätte das zum ersten Mal… und ganz und gar keine Erfahrung hätte ich damit. Sowieso. Ich nicht. Hat der mir nicht glauben wollen… Hat vermutlich auch ein Exempel statuieren wollen, der Herr Bezirksrichter, der… Naja, dem Publikum wars in dem Fall egal…
    Die Zeiten ändern sich. Nicht.

    Gruß florian

  2. Toni hat am selben Ort für die selbe Menge zehn Jahre später ein Wochende gesessen.identisch gleich:Bett hochgeklappt,nur ne Bibel.und im Gebäude nebenan habe ich die ein oder andere Gerichtsverhandlung hinter mich gebracht.letztes Jahr noch meine Scheidung (mit 13 Jahren Verspätung).in den 90ern wurde ich zu 5000 DM (!!!) verknackt,weil sie mir den Kauf von 5g Schore nachweisen konnten.und vor fünf Jahren im Simonshöfchen waren wir zu dritt fünf Tage auf Zelle eingesperrt, ohne Fernseher,ohne Zeitung, nur mit Radio-23 Stunden am Tag.aber wenigstens mit ner Ration Metha am morgen.und mit den beiden Jungs hab ich mich gut verstanden. Trotzdem,für mich nicht nachvollziehbar.könnte immer wieder kotzen über Politik und System.

  3. Pingback: Nun gebt endlich das blöde Gras frei! | Studio Glumm

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