Das Leben, eine Erzähldiktatur! Du sollst erzählen

Geschichten sind alles, was wir haben.

Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig

unsere zufällige

Existenz.

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*

Kurz vor Weihnachten, an einem Samstag, als wir vom obligatorischen Großen Wochenend-Einkauf zurück waren und in der Küche meiner Eltern standen und die Lebensmittel einräumten, verlor ich die Kontrolle über eine dicke Jaffa-Apfelsine. Sie plumpste zu Boden und rollte in den Flur, so flink und so entschieden, als ginge es bergab, als wäre sie auf der Flucht.

Wenig später war ich im Esszimmer und zog die Hör Zu, die meine Eltern seit Jahr und Tag abonniert hatten, vom Sideboard, um zu sehen, was am Abend im Fernsehen kam, als ein darunter liegendes Mobiltelefon, von mir unbemerkt, übers Möbelstück rutschte und scheppernd zu Boden ging. Ich war zu verblüfft, um reagieren zu können – es war, als schaute ich Nachrichten, wo der Absturz einer kleinen Cessna gezeigt wurde, mit wackliger Kamera aufgenommen.

Und nun lag es da, das Mobiltelefon, es lag auf dem Boden und zeigte Teile seines Innenlebens. Ich wusste nicht, wem das überhaupt gehörte und was es da auf dem Sideboard zu suchen hatte, unter der aktuellen Hör Zu. Niemand schien mitbekommen zu haben, dass es zu Boden gefallen war, trotz des Lärms, den der Sturz verursacht hatte, als plötzlich Marita angelaufen kam, die portugiesische Putzfrau, die jeden Samstagmittag zu meinen Eltern kam.

Sie hatte ein Geräusch gehört, und das Geräusch war ihr bekannt vorgekommen.

„Oh no..!! Mein Handy!“

Marita war im Wohnzimmer beschäftigt gewesen, und nun stand sie vor mir, den feuchten Wedel wie einen Knüppel schwingend, ein erbostes Reh aus der Gegend von Porto – da, wo die strebsamen Portugiesen herkommen.

„Hallo“, sagte ich, wir hatten uns an diesem Tag noch nicht gesehen.

Sie antwortete nicht. Sie war alles andere als eine strebsame Putze, der Reinlichkeit über alles ging. Sie war eine träge, leicht oberflächliche Person. Dennoch wurde sie im Kreis der Familie von einem zum anderen weiterempfohlen. Ihr Job als Putzfrau war ein Selbstlader. Man mochte sie. Sie war freundlich. Sie fiel nicht weiter auf. Und nun kam ich daher und machte ihr Telefon kaputt. Jedenfalls – es lag da.

„Das ist ganz neu!“ jammerte Marita.

Sie war unfähig zu handeln. Sie war verzweifelt. Fado lag in der Luft, in unserem ehemaligen Kinderzimmer. Ich bückte mich und griff nach dem Nokia-Handy, richtete mich auf  und liess es (aus Versehen) (ich schwöre!) direkt nochmal fallen, aus nervösen Händen.

„OH NOOO!!! MEIN NEUES HANDY!!“

Marita blickte mich entsetzt an. Macht der das extra? Das macht der doch nicht extra! Warum macht der das extra!?

„Was ist denn los..?“

Die Gräfin kam ins Zimmer, blickte sich um und nahm sich der Sache an. Sobald es darauf ankommt, zeigt sie Initiative, während ich mich begnüge, daneben zu stehen und zu registrieren, was geschieht. Ich bin das geborene Publikum. Ein Wiederkäuer. Ein Wieder- und Wiederkäuer. Ich bin eine endlos malmende Kuh.

„Hm..“, hörte man die Gräfin murmeln und probieren, und „Ach“ und „so gehts“. In aller Seelenruhe setzte sie das Gehäuse zusammen, und nach Eingabe der PIN-Nummer, die Marita zum Glück im Portmonee fand, kehrte auch die Elektronik ins Handy zurück. Marita war erleichtert. Sie fürchtete den Jähzorn ihres Ehegatten, der wenig Verständnis gezeigt hätte für ein demoliertes Mobiltelefon.

Das hatte die Gräfin glücklicherweise verhindert, doch Miss Porto blieb misstrauisch, mir gegenüber. Ihr Herz zürnte nach. Durch Unachtsamkeit hatte ich sie in Schwierigkeiten gebracht, das sollte kein weiteres Mal geschehen. Sie vergrub das Nokia tief im Bauch ihrer riesigen Handtasche und fuhr auf schnellstem Wege heim.

Wir auch.

*

Dann, am Nachmittag, die Gräfin hatte sich nach dem Essen eine Runde aufs Ohr gelegt, ging ich mit dem Hund in den Wald und pinkelte mir übers Notizbuch. Versehentlich, versteht sich, doch was heißt das schon. Passiert ist passiert. So was blödes muss man nicht erzählen, natürlich nicht. Man muss nie etwas erzählen, nur weil es geschehen ist.

Das Leben ist keine verdammte Erzähl-Diktatur. Austrompeten ist nicht Pflicht. Du musst keinem erzählen, wie es dir geht, was dir passiert ist, wie du dies und das findest. Das kannst du schön für dich behalten. Die kleinen Niederlagen, das ganze Malheur, alles, was so schief läuft im Leben. Behalt es ruhig für dich. Aber dann wirst du niemals erfahren, was genau geschehen ist und warum. Geschichten sind alles, was wir haben. Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig unsere zufällige Existenz.

Es wüsste doch sonst keiner, dass es uns gibt.

Man mag dabei gewesen sein, man mag sogar die Hauptperson gewesen sein, doch erst mit dem Erzählen fängt man die Vergangenheit ein und leitet sie um in die Gegenwart, wo alle Zeitebenen ihr großes grobes Fest feiern.

*

Wie das war mit dem Notizbuch.

Während die Gräfin schlief, ging ich auf ein Stündchen mit dem Hund in den Wald, wir nahmen den Zedernweg. Der ist kurvig und führt in die Einsamkeit, flankiert von der üblichen Krähenprozession. Ich blieb stehen und notierte einen Gedanken. Dann musste ich pinkeln. Ich zog mit dem rechten Daumen den Bund meiner Jogginghose runter und ließ es plätschern, ließ es locker laufen, während ich in der anderen Hand das Notizbuch hielt, in der Mitte aufgeschlagen. Ich war in Gedanken.

Da hörte ich es.

Es war kein dunkler unaufdringlicher Ton, so wie es klingt, wenn Flüssigkeit auf Waldboden trifft, es war ein verräterisch helles Planschen, beinah, als besudelte ich einen spärlichen Strauch. Bloß – da war weit und breit kein Strauch. Da war das Notizbuch, da war mein pissendes Ding und da waren dicke Bäume überall. Und im selben Moment sah ich schon die Pisse die linierten Seiten runterrinnen, es sickerte und tropfte ins Papier, ganze Sätze wurden nass, Halbsatzkolonnen.

Warme Kommata.

VERFLUCHTER MIST!!

Tags drauf fuhren wir an der Cronenberger Strasse am Kiosk vorbei, der auch die schicken schwarzen Notizbücher im Sortiment hat.

“Halt an, ich brauch ein neues Notizbuch.”

“Hm, schon wieder? Ist das letzte schon voll?” fragte die Gräfin verwundert.

“Sozusagen“, antwortete ich. „Ja. Ist voll.”

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5 Gedanken zu „Das Leben, eine Erzähldiktatur! Du sollst erzählen

  1. Danke für den Satz: „Sobald es darauf ankommt, zeigt sie Initiative, während ich mich begnüge daneben zu stehen und zu registrieren, was geschieht. Ich bin das geborene Publikum. Ein Wiederkäuer. “ Und willkommen im Club. 🙂

  2. Du hast so dermaßen recht.irgendwie bekommt alles einen Sinn,wenn man es aufschreibt.Katrin hat letztens zufällig ein paar Briefe in der Hand gehabt,die ich ihr aus dem Knast geschrieben hab.ich konnte mich an die meisten Gedanken,die ich damals geschrieben habe,nicht erinnern.aber die Briefe waren echt gut zu lesen. Daß man in Deinem Blog Kommentare hinterlassen kann,erwähnte ich ja schon,ist ne richtig gute Sache.selbst wenn sie keiner lesen sollte,man hat die Möglichkeit seinem Leben Inhalt und Bedeutung zu geben.und ich merke,schreiben kann auch süchtig machen.aber positiv süchtig!

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