Flamingo

In der Pool Position der Dinge, die ich im Leben definitiv verkackt habe, steht der 22. Dezember ’87, als Chet Baker im Flamingo spielte, einem kleinen Jazz-Club um die Ecke.

CHET BAKER!

Um die Ecke! Im Flamingo! Und was mach ich? Geh ich mit hundert Freunden hin? Tja. Verkackt. Ich bin nicht hingegangen, weil der Laden dafür bekannt war, bei Live-Konzerten ein Dinner zu servieren. Das gehörte zum Konzept des Clubs. Man sah darin die einzige Möglichkeit, einen Jazz-Club von Rang in einer Mittelstadt wie Solingen zu positionieren, die erdrückt wird von den Zentren drumherum. Du steigst ins Auto und in welche Himmelsrichtung du auch immer steuerst, keine Dreiviertelstunde später landest du in Köln, in Düsseldorf, in Dortmund, im Ruhrpott. Was braucht es da ein Kaff wie Solingen. So gesehen war das Konzept des Flamingo einen Versuch wert, zumindest war es nicht ganz unverständlich.

Aber Chet Baker und ein paniertes Schnitzel?! Diese Vorstellung war so grotesk, dass ich das Konzert sausen liess. Ach Mensch. Wäre ich doch hingegangen. Hätte ich doch meinen dummen Stolz überwunden. Es war eins der letzten Konzerte seines Lebens, kurz vor Weihnachten 1987, einen Tag vor seinem letzten Geburtstag, gerade mal einen lumpigen Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt.. Wenige Monate später, am 13. Mai 1988, lag er tot in den Straßen von Amsterdam.

Ich hab’s vermasselt. Dann hätte ich eben ein verdammtes Ragout bestellt und beim Dessert mit dem Eisfähnchen gewunken, während Chet auf der winzigen Bühne.. während Chet auf der.. winzigen.. nein.. Unmöglich. Es ging nicht. Ich wäre vermutlich derart böse geworden, einer lebenden Cool Jazz-Legende mit Messer und Gabel und einem Kännchen Jäger-Soße gegenüber zu sitzen, dass ich den Inhaber des Flamingo eigenhändig gemeuchelt hätte. Ich säße lebenslänglich in Haft und würde Chet Baker-Platten und mp³-Bootlegs hören bis in alle Ewigkeit, ganz melancholisch im Gemüt. Ach, wäre ich nur hingegegangen.. man würde mich als Chets Rächer in den Geschichtsbüchern führen. Als Jazzclub-Klopper.

Als Flamingo-Meuchler.

Bluesman

Der ganze Text: Chet Baker, Let’s get lost

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4 Gedanken zu „Flamingo

  1. Die Musik, die er spielte, klang so, als habe er sie im Stich gelassen. Er spielte die alten Balladen und Songs mit einer langen Reihe von Liebkosungen, die nirgendwo hinführten und zu nichts verklangen … Jedes Mal, wenn er einen Ton spielte, verabschiedete er ihn mit einem Winken. Manchmal winkte er nicht einmal.
    (Geoff Dyer, But Beautiful.Ein Buch über Jazz)

  2. Kenn ich.
    Bei uns war Jonny Guitar Watson zu Gast.
    In einem Laden, den ich nicht mochte.
    Also bin ich nicht hin.
    2 Tage später war er tot.

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