Roman

“Und wann ist dein Buch fertig?” fragte Vater.

„Mein Buch..?“ Ich blickte ihn an und zögerte. Kurz zuvor hatte er gefragt, wie ich den restlichen Nachmittag verbringen würde, worauf ich “na ja, am Schreibtisch” geantwortet hatte, “wie immer”, doch jetzt geriet ich ins Schwimmen. “Fertig..? Ich hoffe.. nächstes Frühjahr..”

Dabei gab es keinen festen Zeitpunkt, keinen Masterplan – ich hätte genau so gut „heut Abend“ antworten können, das wäre nicht weniger richtig oder falsch oder wahrscheinlicher gewesen als nächste Woche, nächstes Frühjahr oder im nächsten Leben. Zwar gab es immer wieder Anstöße für ein Buch, ob von außen oder aus dem inneren Kreis, doch alle Welt wollte einen Roman, auch ich wollte diesen Roman, doch da war kein Roman. Nicht in mir. Nur tausend Geschichten.

Und da war noch etwas.

Etwas, das meinem Vater nicht in den Kopf ging, was er nicht verstand. Was ihn sogar leicht misstrauisch werden liess, man sah es seinen Augen an.

“Wenn du soviel schreibst”, sagte er, “musst du doch daheim soo einen Stapel haben..” Dabei zeigte er einen Hügel von der Größe Österreichs an.

“Ja”, antwortete ich blass.

“Und was wird das für ein Buch?” Vater liess nicht locker. “Ein Familienroman?”

Wir standen im Flur der Wohnung, in der ich aufgewachsen war, es war Mittag und ich bereit zum Aufbruch. Der Hund an meiner Seite junkerte, weil er endlich losmachen wollte, und in mir regte sich Dankbarkeit.

“Ja.. eine Familiengeschichte”, sagte ich froh. “Genau.”

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6 Gedanken zu „Roman

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