Die Schuhe des toten Nachbarsjungen

Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit gliedert sich das Leben neu, die Kameras stehen in einem weiteren Winkel und man erkennt: Man war eigentlich ein ganz anderer.

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Ich war Mitte zwanzig, als ich eine Weile in den Schuhen des toten Nachbarsjungen herumlief. Er war drei Jahre jünger gewesen als ich, ein komischer Kauz, der schon als Teenager Pfeife geraucht hatte, aber nicht auf die widerspenstige Art eines Hucklebery Finn oder übermütig wie Popeye, der Seemann, sondern wie jemand, der mit dem Rechenschieber ans Leben herangeht.

Wir konnten nicht viel miteinander anfangen. Er war ein verschlossener, irgendwie eindimensionaler Bursche mit wenig Kontakt zur Welt, ich war ein verschlossener, irgendwie eindimensionaler Bursche, der den Kontakt zur Welt suchte. Später studierte er Maschinenbau und jobbte in den Semesterferien regelmäßig in der Werkzeugfabrik, in der sein Vater im Personalbüro saß und ebenfalls Pfeife rauchte.

Daher hatte der das.

Es passierte an einem Freitagmittag, beim Großreinemachen vorm Wochenende. Es wäre sein letzter Tag gewesen, (es war sein letzter Tag), als der Nachbarsjunge in eine hydraulische Maschine geriet und enthauptet wurde. Eine Woche nach der Beerdigung ließ mir seine Mutter ungefragt das Paar Lederschuhe zukommen, das ihr Sohn am Unglückstag getragen hatte, es war noch wie neu, kaum getragen. Der Nachbarsjunge war einen halben Kopf kleiner gewesen als ich, doch seine Schuhgröße war die gleiche, 44.

Die Geschichte spielt im strengen Winter 1985, als mir gleich zwei Paar Schuhe hintereinander kaputt gegangen waren. Mir gingen dauernd die Schuhe kaputt. Was Schuhe anbelangt, die müssen sich ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, sie müssen Widerstand leisten gegen den Fuß, der nicht verhüllt werden will. Der Barfuß im Regen singt von Michael Holm, immer noch, immer wieder. Meine Füße sind Monster, die sich dagegen wehren eingesperrt zu werden. Als ich jung war, war es meist der dicke Zeh, der sich durchs Material bohrte und täglich größer werdende Löcher hinterließ.

Das war der Moment, als mir die Latschen vom toten Nachbarsjungen in die Hände fielen. Ich lief bis zum Frühjahr darin herum. Sie sahen plump aus. Brown shoes don’t make it, hatte Zappa schon gewarnt. Ich selbst hätte mir die Schuhe niemals gekauft, und sie brachten mir kein Glück. Lena war auf und davon und ich immer hinterher, in Schuhen, die keinem gefielen, die kein Glück brachten, niemandem. Aber ich durfte seine Mutter nicht enttäuschen. Das war nicht drin. Sie hatte mein Wort, selbst wenn ich es ihr nie gegeben hatte. Als der Winter zu Ende ging und das Frühjahr kam, brach die Sohle und ich kaufte mir Turnschuhe mit weinroten Querstreifen.

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Da! Die Füße tun es schon wieder! (siehe Fotostrecke 3) Ort unbekannt, 10/04

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2 Gedanken zu „Die Schuhe des toten Nachbarsjungen

  1. ich hab Schuhe von einem Freund mit langem weissen kinn
    nach seinem Schlaganfall ,brauchte er nichts mehr
    er sah aus wie ein Mann eben so aussieht wenn er in den Spiegel kuckt..
    sein schneeweisser Bart fiel schon nicht weiter auf wenn er beim vortragen der Speisen
    schonmal da oder da landete
    entsprechend höflich seine Artsich zu geben
    er war ein Meister der Rethorik und in seinem Koffer wo (echt) !
    „Goethe“ draufstand waren nur Erinnerungen -wer weiss

    vielleicht ja noch ein paar Socken

    nun sind alle Bücher fort -von denen er die Sonetten und faustusse natürlich frei rezitiert hat
    ohne sich nach Seiner Frau Edith zu richten ,die ihm schonmal half..

    das Ende kam schnell.

  2. etwas über drei Jahre oder zwei –
    seine frau besuchte ihn jeden Tag-

    sie hatte nie jemand kennengelernt
    was hätte sie tun solln
    liebe Edith

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