The Western Blot

Ich brauchte eine Auszeit. Seit ich im Institut jobbte, war ich dauernd unter Menschen, das war ich nicht mehr gewohnt, ich konnte nicht damit umgehen. Menschen, die man täglich um sich hat, nagen an einem, sie saugen und sie lutschen einen leer, man gerät unter die Zecken. Man wird selber Zecke, ob man will oder nicht. Ich war leer gelutscht. Ich brauchte eine Auszeit.

Montagmorgen rief ich beim Doc an. Ich hatte mehrere Docs. Einen für Entzugspräparate und Kram, einen für echte Krankheiten, einen zum Krankschreiben. Jeder deckte seinen speziellen Bereich ab. Den Gelben Schein-Doc kannte ihn seit unseren Schultagen. Ein seltsamer Vogel, der mir, wenn wir uns gelegentlich in der Stadt begegneten, wie ein Knallbonbon erschien, inmitten all der sonstigen bergischen Regengesichter. In jüngeren Jahren fälschte er gern Eintrittskarten für Rock-Konzerte, mit nichts als einem Satz Wachsmalstifte und Buchstaben zum Aufkleben. Er bekam es so perfekt hin, er erschlich sich sogar den Zugang zu Frank Zappa in der Kölner Sporthalle. Da stolzierte er dann als Pan Tau verkleidet durch die Reihen, im Gesicht ein Riesenlächeln. Er hatte wirklich einen Knall. Er studierte Medizin und übernahm die Praxis eines alteingesessenen Doktors. Auf dem Schreibtisch plazierte er die Figur des Dr. Hibbert, dem absolut ahnungslosen Arzt aus der Simpsons-Reihe.

Der Anrufbeantworter sprang an. „Der Doktor ist in Urlaub“, sprach die freundliche Stimme von Band und nannte eine Handvoll Vertretungsärzte, von denen mir keiner bekannt vorkam. Schöner Mist. Mein Doc war immer gut für zwei Wochen Auszeit, ohne große Nachfrage und mit Option auf eine Verlängerungswoche. Und jetzt? Meinen „echten“ Doc wollte ich nicht bemühen wegen einer Lappalie wie Krankschreiben – blieb nur noch: Doc Hilten.

Ich rief erst gar nicht an, das war nicht nötig, Hilten machte nie Urlaub. Urlaub würde nur Geld kosten. Er tat nie etwas, was ihn Geld kostete. Das Wartezimmer war fast leer, ein einziger Patient war vor mir dran. Dennoch fegte der Doktor durch die Gänge, als hätte er nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand vor lauter Arbeit. Der alte Angeber fuhr einen schwarzen 59er Cadillac Biarritz, der im Hof seiner Praxis parkte, immer tipptopp gebürstet und geschniegelt.

Hilten rief mich ins Chefzimmer. Wie geht’s und so. Was machen die Drogen. Ist nicht wahr. Hm. Hm. Hm. Hast du Arbeit? Schreibst du noch? Eine Woche Auszeit? Ja, warum das denn?!

„Ich muss auch jeden Tag arbeiten!“ bellte er.

Ich ärgerte mich, dass ich so freimütig gewesen war. Warum hatte ich nicht einfach was von Erkältung in den Knochen gesagt. Hilten gab keine gute Figur ab. Er war so fett und unbeliebt geworden im Laufe der Jahre, Methadon-Patienten hatten schon HILTEN – DU FRESSBUDDHA gesprayt, direkt an der Wand über seinem Cadillac. Wie viele Ärzte, die Drogensüchtige substituierten, war er enttäuscht von seiner Klientel. Er begriff nicht, dass Ärzte wie er nur als Notnagel dienten, wenn man dem Stress, den die ständige Drogenbeschaffung mit sich brachte, eine Weile zu entkommen versuchte. Eine logische, eine legitime Geschichte, schließlich ist Sucht eine permanente Ausnahmesituation und man greift nach jedem Strohhalm, der einem hingehalten wird. Aber Doc Hilten fühlte sich verraten, wie alle guten Menschen. Gute Menschen fühlen sich ständig verraten. War ich froh, dass ich kein guter Mensch bin.

Andererseits nahm Hilten sich an manchen Tagen viel Zeit für seine Patienten, da konnte das Wartezimmer noch so voll sein. Und – wichtiger noch – er sagte bisweilen Sachen, die man sich merken konnte. Wenn man hinhörte. Und wenn er einen mit seinem medizinischen Ritual-Rhabarber nicht zuvor schon vergrault hatte.

*

„Es ist deine Entscheidung, was du aus deinem Leben machst“, hatte er zu mir gesagt, als ich Jahre zuvor mal wieder nicht wusste, warum ich überhaupt auf der Welt war. Wo mein Platz sein sollte in dieser Gesellschaft. „Du kannst Puffmutter werden oder Schriftsteller, wie du willst. Es ist deine Entscheidung. Es liegt allein bei dir.“ Hätte er damals gesagt, „es ist deine Entscheidung, ob du Gärtner werden willst oder Schriftsteller“, ich hätte den Satz gleich ad acta gelegt und vergessen. Aber die Puffmutter hatte es mir angetan. Und er hatte ja Recht gehabt. Wenn man wollte, wenn man wirklich wollte, konnte man sein Feuerwerk auch noch abbrennen, wenn man 90 war. Wer oder was sollte einen daran hindern, ausser man selbst. Und die Gesundheit.

„Nicht man“, erwiderte er, „du! Du bist der einzige, der dich daran hindert!“

„Ja, ich!“

„Sag es laut.“

„ES IST MEINE.. ENTSCHEIDUNG, OB ICH PUFFMUTTER WERDEN WILL ODER.. ODER..“

„ODER WAS??“

„Schriftstelller.“

Als ich damals aus dem Chefzimmer stiefelte, sah mich Wanja, die mollige Sprechstundenhilfe, mit großen Augen an. Sie hatte unseren Dialog durch die geschlossene Tür mitbekommen, und nun suchte sie in meinem Gesicht nach Spuren meiner Entscheidung. (Oder: Wie schaut eine Puffmutter aus, die gerade beschlossen hat, autobiografisch zu schreiben.)

*

Hilten verzog die Mundwinkel und schrieb mich bis Ende der Woche krank, unter der Prämisse, dass ich mir von Wanja noch rasch Blut abzapfen ließ, für ein großes Blutbild.

„Wenn du schon mal hier bist.“

Eine Woche später, Montagmorgen. Die Woche Auszeit hatte zwar gut getan, aber nun hatte ich Rückenschmerzen vom vielen Abhängen und Rumliegen. Ich bekam schon einen Hexenschuss, wenn ich dem Hund unaufgewärmt ein Stöckchen schmiss. Ich lief erneut in Hiltens Praxis auf. Für eine zweite Woche Auszeit und eine schmerzstillende Spritze.

Punkt acht stand ich an der Rezeption.

„Setzt der Chef auch Spritzen gegen Rückenschmerzen?“

Wanja blickte überrascht auf, dass ich schon wieder hier war.

„Ja, natürlich. Nimm einen Moment Platz.“

Das Wartezimmer war zur Hälfte gefüllt. Je nach Laune des Arztes bedeutete das zwei bis drei Stunden Wartezeit.

„Kann der Chef mich nicht zwischendurch rannehmen, Wanja? Geht doch schnell bei mir.“

Ihre Wangen waren hektisch gerötet. Hier hat jeder eine Extrawurst, sagte ihr Blick. Aber sie mochte mich. Sie seufzte.

„Ich schau mal, was sich machen lässt.“

Kaum hatte ich mich in einen der Korbsessel im Wartebereich niedergelassen, mit steifem Rücken, sah mich der Doktor an der Rezeption. Er sprach mit Wanja und blickte zu mir herüber, ein langer Blick, und winkte mich heran. Ich stand auf, ein alter Seemann, der es im Kreuz hatte, und schlurfte hinter ihm her, ins Sprechzimmer. Er schloss die Tür.

„Setz dich. Ich muss ein ernstes Wort mit dir reden.“

Ich blieb stehen.

„Wir haben dir doch letzten Montag Blut abgenommen“, sagte er und schaute auf den Bildschirm des Computers. Sofort ging mir ein kleines Wort durch den Kopf: Scheiße. Irgendwann musste es ja mal kommen. Warum sollten immer nur die anderen die Arschkarte ziehen. Mach es kurz, Doc. Darmkrebs? Hepatitis? Kopf kaputt?

„Das Labor in Köln hat Hinweise auf HIV in deinem Blut gefunden.“

Ich setzte mich hin, ganz vorsichtig, auf die Stuhlkante, und hörte seine Worte. Was redete der da? Wusste der überhaupt, wer vor ihm saß?

„Das heißt jetzt noch nicht unbedingt was“, fuhr er fort, irgendwie gleichgültig, als meinte er das Wetter. Das bisschen Regen. Hat noch keinem geschadet. Vielleicht wirst du gar nicht nass. Wanja gibt dir gleich einen Schirm mit, wenn du willst. „Es ist nur ein erster Befund. Ein erster.. Such-Test, der noch eine hohe Fehlerquote aufweist. Pass auf. Was wir jetzt machen, ist ein zweiter Test, der Western Blot. Der ist viel aufwändiger, aber er ist auch sicher. Dann wissen wir Bescheid.“

„AIDS..?“ stammelte ich. „Ich?“

„Nicht AIDS“, sagte er und verdrehte die Augen.. „Du hast kein AIDS.  Höchstens HIV.“ Sein Blick war genervt. „Ha ih vau.“ Er führte so ein Gespräch nicht zum ersten Mal. „Der erste Such-Test ist sehr unsicher, es gibt dabei oft positive Befunde, die sich beim Western Blot nicht bestätigen.“

Das Telefon klingelte, er hob den Hörer ab. Während Hilten, ein wuchtiger Mann, mit einem Patienten redete, den Wanja durchgestellt hatte, saß ich an seinem weißen Schreibtisch und verstand nicht, was vor sich ging. Es konnte nur ein Fehler sein. Ein Missverständnis. Eine Verwechslung. Woher zum Teufel sollte ich den AIDS-Virus haben?! Sex mit Schlampen war lange her, und meine harten Drogen hatte ich stets geraucht oder geschnupft, ich hatte panische Angst vor Spritzen. Wo sollte ich mich angesteckt haben? Keine intravenösen Drogengeschichten, keine Operation, bei der mir verseuchtes Fremdblut zugeführt worden wäre. Es musste eine Verwechslung sein. Die hatten Mist gebaut im Labor. Der Doktor quatschte in den Hörer und sah zu mir herüber. Sah die Tränen, die in mir hoch kochten, weil ich das Gefühl hatte, dass nur noch Scheiße passierte in meinem Leben. Andererseits: Die Diagnose würde endlich erklären, warum ich mich dauernd so mies fühlte. So.. schlapp. Es ging ja mittlerweile schon nicht mehr darum, ob ich mich scheiße fühlte, sondern, ob ich mich möglichst nicht ganz so scheiße fühlte.

Endlich beendete Doc Hilten sein Gespräch.

„Angenommen, ich hätte mich in den Achtzigern und frühen Neunzigern angesteckt“, sagte ich so nüchtern wie möglich, „wieso waren dann alle Tests damals negativ?“ Ich wartete die Antwort gar nicht erst ab. „Oder kann es sein, dass der Virus erst Jahre später .. aktiv wird?“

Hilten stutzte, wartete einen Moment, bevor er die Antwort formulierte.

„Hm.. ja, das kann sein. Ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich. Die Inkubationszeit beträgt bis zu fünfzehn Jahre.“

Verdammt.

Hilten kehrte zur technischen Ebene zurück.

„Wir arbeiten mit einem renommierten Labor in Köln zusammen, der absoluten Nummer 1 in NRW. Wir wollen, dass unsere Patienten nur in besten Händen sind. Aber jetzt bleib erst mal cool.“

Ich saß auf dem Stuhl, ein Häufchen Elend mit Kreuzschmerzen.

„Das Ergebnis ist grenzwertig, vermutlich ist alles falscher Alarm“, fuhr er fort. „Aber ich will nicht so tun, als wäre gar nichts. Das Labor in Köln führt diese Woche mit demselben Blut den Western Blot durch, das dauert ein paar Tage. Nächste Woche Dienstag, spätestens Donnerstag wissen wir Bescheid. Bis dahin heißt es Ruhe bewahren. Ich würde auch deiner Lebensgefährtin nichts davon sagen.. Ihr seid doch noch zusammen?“

Ich nickte.

„Sie ist zu.. empfindlich“, sagte er. „Das gibt nur Nervenkrieg. So, jetzt aber.. warum bist du hier? Wegen Rückenschmerzen? Komm mit.“

Wie benommen folgte ich ihm in eines der hinteren Behandlungszimmer.

„Zieh dich aus.“

„Wie, ausziehen?“

Seit wann musste man sich für eine Spritze in den Hintern ausziehen. Hose runterlassen reichte doch..

„Na, ausziehen“, sagte Hilten.

„Ganz?“

„Bis auf die Unterhose.“

Während ich meine Klamotten ablegte, saß der Doktor vor dem Rechner (in jedem Zimmer stand einer) und moserte leise vor sich hin, weil das Ding so langsam lief. Er bekam nicht die Daten auf den Schirm, die er suchte. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Es war nicht wie in einem falschen Film, es war, als hätten sich alle falschen Filme der Welt zusammengerottet. Für eine Sondervorführung.

Es war kalt im Behandlungszimmer.

„Leg dich hin. Auf den Bauch.“

Ich hatte AIDS. Ich hatte Schweißfüße. Die Massageliege war kühl, trotz der Einmal-Auflage. Ich fror.

„Wieso AIDS?“ sagte ich.

„Du hast kein AIDS! Wenn überhaupt, bist du HIV-infiziert. Und ich kenne Leute, bei denen der Virus ausgebrochen ist. Bei dir nicht. Du siehst nicht aus wie jemand, der AIDS hat.“

„Na toll. Ich sah auch vor zehn Jahren nicht aus wie jemand, der Heroin nimmt.“

„Entspanne dich. Einatmen – ausatmen.. Tief einatmen – und aus.. Junge, bist du verspannt.“

Na, wie verspannt wärst du denn, dachte ich, wenn man dir gerade einen halb-positiven HIV-Befund mitgeteilt hätte!? Wärst du dann immer noch das lockere fette Vögelchen, das trällert!? Aber ich hatte keine Lust zu reden. Ich hing in den Seilen und am Ring machte man sich lustig über mich.

Na, der ist aber ganz schön unentspannt!

Hilten renkte mich ein, dass die Gelenke knackten. Ich roch meine Strümpfe. Er zerrte an meinen Armen, drückte meinem Rücken, ich ließ alles mit mir geschehen. Ich war eine angeschwemmte Leiche. Als ich mich von der Liege erhob, komplett durchgeknetet, klebte ein Teil der Einmal-Auflage an meinem verschwitzten Rücken fest, wie ein dämliches Dracula-Cape.

„Ich verschreib dir noch ein lokal wirkendes Schmerzmittel“, sagte Hilten, mit den Gedanken schon beim nächsten Patienten.

„Und wie geht’s jetzt weiter?“ sagte ich, in die Klamotten steigend.

„Kommst du morgen wieder, wenn der Rücken nicht besser wird..“

„Nein. Ich meine mit diesem.. Western Block Test.“

„Ach so, ja. Blot, Western Blot. Es gibt Southern, Northern Blot. Egal. Wir rufen dich an, wenn das Ergebnis da ist. Solange heißt es cool bleiben.“

Ich gab Wanja die Durchwahl vom Institut, damit sie nicht zu Hause anrief. Damit die Gräfin nichts davon mitbekam. Hilten hatte Recht. Was das betraf. Nur eins hatte ich in dem Durcheinander ganz vergessen: mich weiterhin krankschreiben zu lassen.

Die restliche Woche lief ich wie in Aspik durch die Gegend. Ich nahm die Dinge nur verschwommen wahr. Ich kriegte kaum den Mund auf. Nicht, dass ich die ganze Zeit an AIDS gedacht hätte, es war einfach nichts los in mir. Es war schlimmer als bei einer diffusen Depression. Ich wartete auf ein Ergebnis.

Die Gräfin wurde misstrauisch. „Was ist los mit dir?“

„Nichts.“

„Ach komm, erzähl nichts. Ich spüre es doch, wenn dich was beschäftigt. Du schreibst ja nicht mal mehr.“

Mehr als ein Mal hatte ich es auf der Zunge, ..ich muss dir was erzählen, und hielt es dann doch zurück.

Sonntagabend lagen wir im Bett und guckten gemeinsam Tatort. Gleich in einer der ersten Szenen finden die Bullen im Kühlschrank des Verdächtigen einen HIV-Schnelltest. Der Kommissar wirft einen Blick auf den Test-Streifen und schnarrt nur „Positiv!“ Mir brach der Schweiß aus, ich lief knallrot an. Doch die Gräfin merkte nichts. Sie stöhnte bloß „Langweilig!“, und schaltete um.

Montagmorgen hielt ich es nicht mehr aus. Ich rief in der Praxis an. Ob das Ergebnis schon da wäre.

„Welches Ergebnis?“ fragte Wanja. Sie wusste von nichts. Ich ließ mich mit dem Doc verbinden. Er war genervt.

„Dienstag hab ich gesagt, frühestens. Und wir rufen dich an!“

Don’t call us, we’ll call you. Der Song ging mir nicht aus dem Kopf, ich brummte ihn tagelang vor mich hin – wenn auch in viel zu tiefer Stimmlage.

Damit meine Gedanken nicht mehr als nötig um das Thema kreisten, untersagte ich mir jegliche Internet-Recherche. Nicht mal nach „Western Blot“ googelte ich. Was ein Wort. Es klang nach Lucky Luke und Wrigleys Kaugummi. Nein, ich wollte keinerlei Meinungen oder Untersuchungen lesen, die sich in meinem Schädel festzurrten und alles noch schlimmer machten, womöglich.

Es reichte schon, dass ich bei dem Gespräch mit Doc Hilten so durcheinander gewesen war, dass ich gewisse Sachen nicht richtig mitbekommen hatte. Was war zum Beispiel mit den 80 Prozent? Ich war mir im Nachhinein nicht sicher, was er damit gemeint hatte. Dass 80 % der ersten Suchtest-Ergebnisse falsch waren? Oder dass es es eine 80prozentige Wahrscheinlichkeit gab, dass HIV nicht ausbrach, wenn man infiziert war? Ich blickte nicht mehr durch. Schlimmer: Ich konnte nicht mit der Gräfin darüber reden. Natürlich hätte ich es einem Anderen erzählen können, meinem Bruder, meiner Schwester, Karlos, doch was hätte es gebracht? Dass jemand mit mir auf das Ergebnis wartete? Nein. Es half nichts. Ich musste cool bleiben.

Allein ihr intuitives Gespür für die Wahrheit kratzte an meinem Schweigen. Oder warum kam sie gerade jetzt auf einen Satz wie: „Ich möchte noch mal auf die Kirmes, bevor ich sterbe.“ Aus heiterem Himmel. Mal eben so geäussert, am Nachmittag. Überhaupt, der Tod war in diesen Tagen ihr großes Thema. Etwa die Art und Weise, wie sie sich das Leben nehmen wollte, sollte es soweit sein.

„Dann geh ich ins Wasser.“

Eine sehr weibliche Vorstellung. Sehr sehnsuchtsvoll. Während ich mein Testergebnis abwartete. Dienstag geschah nichts, kein Anruf. Mittwoch geschah nichts, kein Anruf. Auch ich rief nicht in der Praxis an. Cool bleiben, nahm ich mir vor. Ich blieb cool. Der Anruf kam Donnerstagnachmittag. Wanja war dran.

„Hal-looo..!“ rief sie in den Hörer, dass ich sofort erschrak. „Ich verbinde ich mit dem Dok-toor..!“

Ihre Worte hüpften fröhlich durcheinander.

„Hilten“, meldete sich der Doc.

„Ja“, sagte ich.

„Also.. es tut mir leid“, setzte er an, „aber wir müssen dir noch mal Blut abnehmen, die Menge hat leider nicht ausgereicht für den Western Blot..“

Ich sackte zusammen.

„Wann?“

„Morgen früh.“

Wanja nahm mir so viel Blut ab, dass mir schwindlig wurde. Es dauerte dann noch einmal fast eine Woche, und es war ein Dienstagmorgen, als Hilten im Institut anrief. Diesmal war er gleich selbst am Apparat.

„Um dich gleich zu befreien: Der Test ist negativ ausgefallen.“

Ich saß am Schreibtisch, ich ballte die Faust, ich atmete aus. Es fühlte sich an wie Luft, die aus einem Ball entwich, den ich ein Jahr lang jeden Tag aufgepumpt hatte.

„Ich soll mich sogar im Namen des Labors bei dir entschuldigen“, fuhr der Doc fort. Bedauern war allerdings nicht herauszuhören. „Weniger Antikörper als bei dir lassen sich in einem Western Blot nicht nachweisen..“

„Ist wahr?“

„Ist wahr.“

Als ich der Gräfin zu Hause davon erzählte, war sie zunächst stinksauer.

„So ein Schwachsinn. Woher sollst du denn AIDS haben?“

„HIV“, sagte ich, „nicht AIDS.“

„Trotzdem. Woher?“ Sie guckte mich scharf an. „Es sei denn, du hattest da was am laufen in den letzten Jahren, wovon ich nichts weiß..“

„Was meinst du? So eine kleine Nutte, wie Daphne P.?“

Sie trommelte auf meiner Brust.

„Du verdammter AIDS-Krüppel! Und wasch dir die Füße!“

Advertisements

11 Gedanken zu „The Western Blot

  1. poh … und jetzt tiiiief ausatmen!
    Du hast es geschafft, dass ich jetzt mindestens so verspannt hier vor dem Schirm gesessen habe, als du vor dem Telefon … ich sag nur GUT
    herzlichst
    Ulli

  2. Dr. Hilten ist/war Malcom X, oder? Der bettelte sich doch damals die Kosten für seinen Gleitflugführerschein zusammen und begann dann eine obskur-steile Karriere als Heilpraktiker.

  3. Weißt du, was? Die Auflösung
    – Sie trommelte auf meiner Brust. “Du verdammter AIDS-Krüppel! Und wasch dir die Füße!” –
    ist schlicht und ergreifend genial.

  4. Obwohl die Krankenschwestern sorgsam auf die Besucherreihenfolge wachten, traf die Ehefrau am Sterbebett ihres patriarchalischen Ehemannes doch alle seine vergangenen und gegenwärtigen Freundinnen sowie deren zahllosen Kinder. Diese Menge war einfach nicht zu verstecken, nicht aneinander vorbei zu lotsen. Wie hat das denn all die Jahre vorher geklappt?
    Naja, als die Ehefrau dann auch noch durch die Ärzte den Grund für den praefinalen Zustandes ihres Mannes erfuhr, musste sie zum HIV-Test. Negativ.

    (nicht erfunden)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s