A town with no cheer

Sie wohnte in einem Gründerzeitbau an der Friedrichstraße, gemeinsam mit ihrer besten Freundin und Sahir, ihrem Ex-Lover, der noch keine neue Bleibe gefunden hatte. Bis dahin wurde er quasi geduldet in einer Wohnung, die mit hundertzwanzig Quadratmetern groß genug war, um sich aus dem Weg zu gehen.

Es gab einen Balkon, der auf einen finsteren Innenhof hinausführte und in stürmischen Nächten von einem knarzenden Perlenspiel erfüllt war. Mehr als einmal untersuchte ich tagsüber den Balkon nach Glöckchen oder alten Blechdosen, niemals fand ich etwas. Doch sobald nachts Wind aufkam, schlugen unbekannte Glasperlen aneinander, und ich fühlte mich in den sehnsuchtsvollen Tom Waits-Song A town with no cheer versetzt.

Sahir hatte ich vielleicht zwei, dreimal gesehen, ein in Deutschland geborener Türke. Er sah nicht besonders türkisch aus, von den Augen und dem feuerspeienden Gang mal abgesehen.

“Kann der überhaupt Türkisch?” fragte ich.

“Na klar, aber nur einen einzigen Satz: Guten Morgen, Tante, ich brauche Geld.“

Ich lernte in dieser Zeit einige Türken kennen, und mir eröffnete sich eine bis dahin verschlossene Welt. Da war Ali, der Geschichtenerzähler. Er brachte stets einen dicken Brösel mit, wenn er die Gräfin besuchte und anfing, ausschweifende Geschichten zu erzählen. Dummerweise war ich jedes Mal so schwer bekifft, dass ich ihm kaum folgen konnte. Konnte ich ihm doch mal folgen, drehte er garantiert das nächste Dreiblatt und die Geschichte hatte sich endgültig erledigt.

Und da war Azra, die mir fast schon Angst einflößte. Sie war wie Sahir in Deutschland geboren, und sie sprach nicht nur fließend türkisch, sondern auch arabisch. Eine sehr politische Person, die sich ihren eigenen Reim auf die Welt machte.  Sie war nicht gerade eine Schönheit. Sie wog an die 200 Pfund, hatte ein herbes arabisches Gesicht und eine ordnungsliebende Stimme. Sie konnte aus der Hand lesen, was sie von ihrer arabischen Großmutter gelernt hatte.

„Ich sehe einen blonden Mann, der in dein Leben tritt“, prophezeite Azra der Gräfin, ein Jahr, bevor wir uns kennenlernten.

„Ich mag keine blonden Männer“, entgegnete die Gräfin.

„Ich seh hier aber einen blonden Mann, ganz deutlich. Er wird eine entscheidende Rolle spielen in deinem Leben. Da kann ich auch nichts für.“

Die Gräfin und ich hatten eine Art stille Abmachung. Solange ihr Ex auf der Friedrichstraße wohnte, übernachtete sie bei mir. Wir hatten nie wirklich darüber gesprochen, aber es war klar, dass es nur so laufen konnte. Es sind die stillen Übereinkünfte, die wie Leitsterne über unseren Wegen stehen, und niemals fällt ein Wort.

In dieser Frühlingsnacht kamen wir spät von einer Party. Wir standen vor dem Haus an der Friedrichstraße. Ich drängte sie, mit zu mir zu kommen, doch sie wollte diese Nacht unbedingt im eigenen Bett verbringen, mit mir. Später sagte sie, sie habe wohl unbewusst eine Entscheidung herbeiführen wollen.

“Damit der Schädel endlich schnallt, dass ich nichts mehr von ihm  will, damit der sich endlich trollt und eine neue Bude sucht.”

Schädel war Sahirs Spitzname. Er mochte ihn nicht. Das ist natürlich schlecht, wenn man seinen eigenen Spitznamen nicht mag, schließlich kann man den eigenen Spitznamen nicht einfach auswischen wie Kreide von der Tafel, ein Spitzname muss sich auswachsen. Und das kann dauern. Spitznamen sind eine organische Angelegenheit, wie Grünzeugs. In meiner Jugend hatte ich auch, sagen wir, eine Art Spitznamen, ich  wurde Glummi gerufen, aber das ist keine große Sache, wenn dem Nachnamen bloß ein winziger Vokal angehängt wird. Ein kleines i ist wie ein überflüssiger Hilfsmotor, ohne den man genauso gut vorankommt.

Sahirs Spitzname passte tatsächlich nicht zu ihm. Er war kein Schädel, er war ein eher sanftmütiger Typ. Er studierte Sozialwissenschaften und stieg während eines Praktikums im Haus der Jugend ein, wo er mit den Kids gut zurecht kam. Sie waren begeistert von seiner Aufrichtigkeit.

Wir standen unten am Gartentörchen. In der Wohnung brannte kein Licht. Es war stockdunkel. Auch die beste Freundin schien schon zu schlafen.

“Nun komm schon, es passiert nichts”, zerrte die Gräfin an mir. “Das kriegt der gar nicht mit, wenn du bei mir schläfst, der ist bestimmt besoffen. Wahrscheinlich ist der nicht mal da..”

Wir waren seit einigen Monaten zusammen, es war immer noch Neuland. Sie verdrehte mir den Kopf, aber nach vorn. Ich konnte plötzlich wieder sehen, wo das Leben spielte – es war, als wäre ich nach langer Dunkelheit auf eine Lichtung gestoßen.

“Ach, nun komm schon mit hoch.. Sei doch nicht so. Sei doch kein Frosch.”

“Wir können doch zu mir”, sträubte ich mich, “zum Frosch.”

“Ja, aber das ist noch so weit, und ich bin so müde. Komm..”

Zum Schluss war es ein warmer langer Kuss, der nach Pflaumenwein duftete und mich zur Haustür hinein schubste, immer die Treppenstufen hoch. Leise öffnete sie die Wohnungstür.

“Geh schon mal vor”, flüsterte sie. “Ich guck mal eben in sein Zimmer.. Ob er zuhause ist.”

Eine Minute später stand sie im Türrahmen.

“TA -TA! Der Schädel ist nicht da! Wir sind allein!”

Am nächsten Morgen trödelten wir im Bett herum. Irgendwann stand sie auf, um Kaffee aufzusetzen. Als sie zurückkam, war sie bleich.

“Er liegt hinten im Wohnzimmer und schnarcht.”

„Wer?“

„Na, er!“

“Im Wohnzimmer..?”

“Ja, auf dem Sofa. Neben ihm ne leere Flasche Whisky. Hab ihn gestern nicht gesehen.”

“Na schön, ich bin ja gleich weg”, beruhigte ich sie.

Die Vorstellung, dass er die ganze Nacht nur ein paar Wände entfernt geschlafen hatte, war allerdings prekär. Genau genommen hatte ich hier nichts zu suchen. Er wohnte hier, nicht ich. Das Problem: die Gräfin und er hatten nie wirklich Schluss gemacht. Die Beziehung hatte sich einfach totgelaufen, doch je nach seelischer Verfassung stellte Sahir immer noch Ansprüche, auch wenn es längst vorbei war mit den beiden.

Nun war ich ja selbst ein Mann, der von einer Frau verlassen worden war, zugunsten eines Anderen. Und nun war ich dieser Andere, und Sahir war ich. Was ich sagen will: Ich konnte ihm nachfühlen, wie er da im Wohnzimmer lag, in Schwaden von Schnaps und Nikotin gehüllt. Ich stank ja selber nach Schnaps und Nikotin, obwohl es mir besser ging. Alle Männer waren von Schnaps und Nikotin umgeben, egal, in welcher Verfassung sie waren.

“Ich hol mal den Kaffee”, sagte die Gräfin.

Sie ging in die Küche – plötzlich hörte ich Stimmen, Geschrei. Ein wütendes Schnauben, schnelle Schritte über den Flur, die Zimmertür wurde aufgerissen. Ich versuchte noch von der Matratze hochzukommen, doch zu spät – sein Fuß war schon an meiner Kehle.

“Damit hättest du rechnen müssen!!”

Die Gräfin kam von hinten und umklammerte ihn. „LASS IHN!“ Ich lag auf der Matratze, seinen Fuß am Hals, wie gelähmt. Ich konnte nichts tun. Ich lag unten, ich war nichts als Beute. Seine Augen flirrten.

“Was ist denn hier los!??” Die beste Freundin der Gräfin war aus ihrem Zimmer gestürmt, vom anderen Ende des Flurs, in Puschen. „Bleibt cool!“

Cool? Ich? Ich hatte einen strammen Fuß am Hals, ich spürte Sahirs verschorfte Reptilienhaut. Er bebte vor Wut. Er hätte zutreten können, er hätte mich töten können in diesem Augenblick. Er hätte mir den Kehlkopf eindrücken können wie eine faule Walnuss, doch ganz plötzlich liess er von mir ab und trat der Gräfin, die hinter ihm stand und ihn nicht aus dem Klammergriff liess, auf die Füße.

“Du Hure!!”

Die beste Freundin fuhr dazwischen wie ein furioser Ringrichter, auch ich ging von der Matratze hoch.

“Lass sie in Ruhe!”

“Sag mal, spinnst du, Schädel?” Die beste Freundin fasste Sahir am Kragen. Zu viert standen wir in dem kleinen Zimmer am Ende des Gangs. Vier Figuren in Unterwäsche und Strümpfen, zwei T-Shirts, ein BH. Eine Menge Haut, weiße Titten, rosa Häschen-Puschen. Zwei Becher Kaffee, Whiskydunst. Zorn. Geschrei.

Sonntagfrüh.

“So läuft das nicht!!” schrie Sahir.

Ich stand da wie ein Boxer, bereit zum Kampf, Sahir wie ein Kick-Boxer, bereit zum Tod. Fäuste, die auf den letzten Funken warteten, der alles in Brand setzen würde, wären nicht die Gräfin und ihre beste Freundin dazwischen gewesen.

“Der soll verschwinden!” kochte Sahir. “Was macht der hier!!?”

“Ruhig, Junge”, sagte ich. „Ich bin schon weg.“ Er war im Recht. Ich hatte hier nichts zu suchen. Ich hätte tot sein können. Es war meine Schuld. Ich hätte besser nachdenken sollen. “Ich zieh mich an, und dann bin ich.. weg.”

Ich packte meine Jeans und stieg ins erste Hosenbein. Ich roch meinen Tabak.

“Willst du ihm jetzt beim Anziehen zugucken, oder was!?” Die beste Freundin fuhr Sahir an, mit ihrer rauen Soul-Stimme, die so viel mehr Blues war an diesem Morgen.

Sahir machte auf dem Absatz kehrt.

Wir blieben zu dritt zurück. Die Gräfin zitterte, den Becher Kaffee in der Hand, die beste Freundin zitterte, ich zitterte. Sahir zitterte irgendwo in der Tiefe der Wohnung. Ich zog mich an. Leichtes Diplomatengepäck.

“Scheiße”, sagte ich.

„Okay“, sagte sie. “Bis heut Abend.”

2 Gedanken zu „A town with no cheer

  1. Es ist so schön zu lesen, wie du der Gräfin ein Denkmal nach dem anderen setzt. Sie muss eine bemerkenswerte Frau sein. Da passt ihr gut zusammen 🙂

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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