Speck-Monteur, Bettfriseur

Als ich ihren gellenden Aufschrei aus dem Bad hörte, wusste ich sofort Bescheid. Er war wieder da gewesen. Er hatte es wieder getan. Er konnte es einfach nicht lassen.

„Wie seh ich denn wieder aus..?!“ stöhnte sie verzweifelt. „Das darf doch nicht wahr sein!“

Immer, wenn der BETTFRISÖR zu Besuch kam, ungebeten und über Nacht, sah sie am nächsten Morgen aus:

  • „wie eine hochgestrubbelte Kathedrale!“
  • Wie ein wild gewordener Handfeger!
  • Als wären da überall Butterhörnchen auf meinem Kopf!
  • „Ich seh aus wie ein überhitzter Pumuckel!“ jammerte sie.

Und der Kerl wurde immer dreister. Hatte er sich anfangs noch mit einer Art Pottschnitt begnügt, die er auf ihrem Kopf hinterliess, so erwachte sie nun mit einem Gefühl, als wäre ein Riesendurcheinander auf ihrem Schädel.

Die Gräfin war richtig mitgenommen. „Andere Leute fahren Achterbahn, ich muss bloß morgens wach werden!“

In dieser Nacht hatte sich der BETTFRISÖR für eine Kurzhaar-Variante entschieden, einen Bob, einen feschen Bubi-Kopf, bloß falschrum.

„Guten Morgen, der Herr“, grüßte ich erstaunt, als sie die Küche betrat, „kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Blödmann“, zischte sie, und umgehend erkannte ich meinen Lapsus: die Blaublütige!

„Steht Ihnen ganz hervorragend, der neue Europa-Schnitt, gnä’ Frau.“

„Red kein Scheiß! Guck mal, wie ich aussehe! Wie

  • eine verdammte Lachsalve!“

„Der BETTFRISÖR!“ schimpfte ich. „Den hol ich mir!“

Natürlich war er längst über alle Berge. Immer, wenn ich ihn identifiziert hatte, war er über alle Berge. Ich erwischte ihn nie. Ein cleveres Kerlchen, das sich im Schutz der Nacht Zutritt verschaffte, sein Werk verrichtete, das Coiffeur-Köfferchen packte und verschwand, bevor der Tag anbrach. Ich war ständig im Hintertreffen, ich hatte nie eine Schnitte. Fast gewöhnte ich mich daran, des Morgens ihre entsetzten Schreie aus dem Bad zu hören.

„WIE SEH ICH DENN AUS!? WIE

  • EIN VERDAMMTER KOPF-PUDEL!!“
  • „Wie eine TRIEFÄUGIGE Frauen-Kolumne!“
  • „Als hätte ich die Nacht unterm ELEKTROZAUN verbracht!“
  • Und so weiter, und so weiter, und so weiter..

Mit der Zeit kam da allerhand zusammen, ein Potpourri der asymmetrischsten Haarschnitte und Trend-Frisuren mit Namen wie SCHOCKZUSTAND, SCHWERE NOT oder AGGREGAT. Dann jedoch, ganz plötzlich, sozusagen über Nacht, verschwand der Bursche. Er ging, wie er gekommen war, im Dunkeln. Möglicherweise frustrierte es ihn, dass sich das Haar der Gräfin regenerierte und wieder in den Ur-Zustand fiel. Sein Werk war immer flüchtig, niemals von Dauer. Das musste ihn als Künstler schwer frusten.

foto.bettfrisoer

Aber auch wenn ich der Ruhe misstraute, ja, er war weg vom Fenster. Eine Zeitlang lief alles gut. Die Gräfin wurde wach wie andere Menschen auch, ein bisschen verwuschelt das Haar, eine ganz gemütliche Geschichte.

Bis heut Morgen.

„Nein!! Ich werd bekloppt!“ hörte ich sie bekloppt werden, im Badezimmer – wo sonst. Frauen werden immer im Badezimmer bekloppt. Und da ich in der Regel stets das Schlimmste befürchte, wenn jemand schreit, er würde jede Sekunde bekloppt werden, stürzte ich ins Bad.

„Wo isser?“

„Wer?“

„NA DER BETTFRISÖR!“

„Ach wo! Der SPECK-MONTEUR war da! Ein ganzes Kilogramm hat er mir über Nacht an den Bauch gepappt. Sieh mal, wie das schwabbelt.. iihh!!“

Ich sah nichts. Da war überhaupt nichts. Jedenfalls nicht viel. Das war nie und nimmer ein Kilo. Da war etwas Bauch zu sehen, gut, aber der war tags zuvor auch schon dagewesen. So gesehen: kein Unterschied.

„Pah, Männer! Ihr habt keinen Blick dafür! Siehst du das nicht?! Hier, alles.. FETT! Ich hab schon kolossale FETT-SCHMERZEN! Obwohl ich fast gar nichts gegessen hab gestern, nichts besonderes jedenfalls!“

Nur etwas öligen Auflauf. (Einen tiefen Teller.)

Natürlich war mir der SPECK-MONTEUR nicht unbekannt, er war allen Ehemännern, Lebensgefährten und ständigen Komplizen und Gespielen ein Begriff. Im Duett mit CARLITO RUNZEL, Boss des berüchtigten ORANGENHAUT-ANBAUGBIETS Po-Ebene, versetzte er Frauen in aller Welt in Angst und Schrecken. Und da im speziellen Fall der Gräfin noch eine eingebildete Bindegewebsschwäche hinzukam, die ihr massiv aufs Zungenbein drückte, ging früh am Morgen ein Hassgesang nieder, ein Hassgesang auf alle SPECK-MONTEURE, BETTFRISÖRE und MÄNNER dieser Welt.

Und wenn die Gräfin ihre Kodderschnauze erst einmal aktiviert hat, wechseln selbst RAMMSTEIN verschämt die Straßenseite und wollen ihre Tage fortan nur noch unerkannt zu Ende leben.

„Ein ganzes Kilo hat mir DAS ALTE SCHWEIN über Nacht eingeschraubt! Es reicht! Jetzt wird gefastet, bis ich wieder in mein KOMMUNIONS-RÖCKCHEN reinpasse! Und diesmal gibt’s keine Bum-Bum-Bratwurst-Diät wie letzten Sommer, versprochen! Keine vierzehn Tage nur Bratwurst und Speise-Eis, nein, mein Freund, jetzt wird richtig gefastet: Ich geh auf Null-Diät!“

Au weia. Es gab da nur ein Problem, wie sie meinte: dass man nämlich beim Fasten tagelang nur den eigenen Geschmack im Mund habe.

„Das ist das eigentliche Problem beim Fasten.“

Sie unterbreitete mir einen Vorschlag.

„Ich koche dir jeden Abend eine warme Mahlzeit, und wenn du brav aufgegessen hast, darf ich dir eine Minute lang im Rundum-Modus durch den Mundraum lutschen.“

„Natürlich nur für den Geschmack“, fügte sie eilig hinzu, da ich ihrem Vorschlag zunächst mit gebotener Skepsis begegnete. Andererseits, was hatte ich zu verlieren. Denn was die Zubereitung von Speisen anging, war ich eh in einem totalen Abhängigkeitsverhältnis erstarrt, also schlug ich ein. Denn auch wenn ich keinen Hacken kochen konnte, lecker essen ging gut – kein Thema.

Das war mal ein Deal nach meinem Geschmack!

„Eigentlich bist du EINE KOMPLETTE EDEL-IRRE“, schmeichelte ich der Gräfin.

Sie lächelte entrückt.

„Du weißt, was Frauen hören wollen.“

Ω

 

11 Gedanken zu „Speck-Monteur, Bettfriseur

  1. Vielleicht findet man die Antwort in einer Deiner Geschichten,wenn,habe ich es noch nicht gelesen.ich riskier jetzt einfach mal ein „geht dich n scheiß an“ oder aber,daß du gar nicht antwortest,aber warum habt ihr keine Kinder?könnt mir vorstellen aus Eurer Liebe und Eurem Intellekt wäre etwas besonders Interessantes bei rausgekommen.Zumindest aus dieser Sichtweise sehr schade!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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