Schwer gezeichnet von der Hitze des Tages

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Es war der Sommer der Hitzerekorde. Dschungelwetter. Alles stand still. Nichts rührte sich. Man war schon froh, wenn ein Windstoß hinter der Ecke lauerte, auch wenn er gar nicht zum Einsatz kam.  „Der Hitzepeter ist in der Stadt“, stöhnte die Gräfin. Anfang Juli wurde die 40 Grad Marke geknackt. Es war so heiß, dass ich mir einen Eimer Wasser unter den Schreibtisch stellte, den ich stündlich mit frischen Eiswürfeln auffüllte. Das machte es halbwegs erträglich.

Im Fernsehen zeigte ein Nachmittagsmagazin mit Handy aufgezeichnete Wiederbelebungsversuche am Ufer des Badesees. „Ich kann mich nicht mehr bewegen“, stöhnte der junge Mann, der kopfüber ins flache Wasser gesprungen war. Er ahnte noch nicht einmal, was das alles für ihn bedeuten sollte, für den Rest seines Lebens. Es war sein erster querschnittsgelähmter Nachmittag. Es gab Momente, da verachtete ich das Leben für seine Konsequenz.

Drüüt! ging die Türschelle, drüüüt! Drüüüüt!

Der Hund kläffte, aber nur ein einziges Mal, dann lag er schon wieder ausgepumpt in der Ecke. Es war zu heiß, um sich groß aufzuregen, nur weil die Klingel ging und jemand Einlass begehrte. Auch ich blieb erstmal am Schreibtisch sitzen und guckte aus dem Fenster. Da parkte ein großer roter Taunus, direkt vorm Haus. Ich kannte niemand, der einen großen roten Taunus fuhr. Andererseits wechselten die Leute dauernd ihre Autos, schon allein um mich zu irritieren. Damit ich nicht mehr ein noch aus wusste, wenn in einem Wagen, der mir eben noch bekannt vorkam, plötzlich andere Gestalten saßen.

Ich pitschte auf tropfenden Füßen zur Haustür. Ein älterer hagerer Mann stand auf der Matte. Seine knollige Nase erinnerte an einen nachlässig aufgerollten Damenstrumpf. Er trug einen Kittel und in der Hand einen Bastkorb, gefüllt mit Obst, und er schwitzte schlimm.

„Guten Morgen.. Könnt ihr Äpfel gebrauchen?“

„Äpfel? Nee.“

„Dankeschön.“

Na, du lässt dich aber schnell abwimmeln, dachte ich. So gibt das aber nichts. So wirst du nicht einen blöden Apfel los.

Er klingelte eine Etage über uns.

„Da ist niemand um diese Tageszeit“, sagte ich.

Er klingelte ganz oben, unterm Dach. „Und hier?“

„Da wohnt Lester. Der Hase.“

„Ein Hase?“

„Ja. Das heißt, nein. Hase ist nur sein Spitzname. Eigentlich heißt er Lester. Er hat Urlaub, glaub ich. Kann sein, dass er zuhause ist.. weiß nicht.“

Lester war der Prototyp eines Einzelgängers. Man wusste nicht viel über ihn, obwohl er fast genauso lange im Haus wohnte wie ich, mehr als zwanzig Jahre. Mit seiner mächtigen Naturkrause sah er aus wie jemand, der den Schrank voller Zappa- und Captain Beefheart-Scheiben hatte. Ich kannte sonst niemanden, der sein Leben so straight nach Plan lebte. Lester verliess jeden Morgen Punkt halb Sieben das Haus, fuhr zur Arbeit, kam gegen fünf heim. Um halb acht brach er auf in die Stadt, um bei Enzo einen Kaffee zu trinken. Spätestens eine Stunde später hörten wir seine Schritte im Treppenhaus, er war zurück.

Seine Waschmaschine lief jeden Mittwochabend von halb sieben bis halb acht, im Sommer machte er vier Wochen Urlaub in Andalusien. Einmal im Monat legte die Post das alternative Musikmagazin Visions in seinen Briefkasten.

Lester machte keinen unglücklichen Eindruck, aber mit der Zeit schlichen sich Sprachfehler ein, zuletzt stotterte er beinah. Vielleicht war er einsam. Keine Ahnung. Wir wohnten ja nur im selben Haus, wie soll man da wissen, ob jemand allein ist oder schon einsam. Die Leute reden ja nicht. Die Männer. Man muss schon sehr genau hinhören, um bei einem Typ wie Lester mitzukriegen, was wirklich mit ihm los ist.

Der Obstverkäufer gab nicht auf. Er schwitzte und er klingelte. Er stand sozusagen auf Lesters Klingel, wenn auch mit dem Zeigefinger. Vielleicht hatte er meine Gedanken gelesen, na, der gibt aber schnell auf, und wollte es mir nun zeigen. Dem zeig ich’s aber, dem Erdgeschoßler! Ich holte mir ein Wasser aus der Küche, tropische Hitze macht durstig. Ich trank seit Tagen ein Wasser nach dem anderen, vermutlich bestand ich schon zu zwei Dritteln aus Sprudelwasser.

„WAS IS LOS?!“

Das war Lester. Er hatte aufgemacht. Er brüllte von oben durch den Hausflur.

„WER IS’N DA?“

„GUTEN MORGEN, JUNGER MANN!“ rief der Obstverkäufer durch das Spalier der Treppengeländer. „SAGEN SIE, KÖNNT IHR ÄPFEL GEBRAUCHEN?!“

„WER IS DA?!“

„ÄPFEL! ICH VERKAUFE ÄPFEL! ICH BIN DER OBSTVERKÄUFER! KÖNNT IHR..!?“

Oben unterm Dach fiel krachend die Wohnungstür ins Schloss. Lester machte nicht viel Worte. Ein staubtrockener Geselle. Nur sein Gang hatte etwas nobles an sich. Er bewegte sich, als wäre er sein eigener Butler.

„Tja“, sagte ich zum Obstverkäufer.

Er stand auf der Matte am Hauseingang und blickte mich verlegen an. Eigentlich, sagte dieses Gesicht, eigentlich könnte ich jetzt auch Feierabend machen.

Oder mich weghängen.

„Trotzdem vielen Dank, junger Mann.“

Ich ging an den Schreibtisch zurück, zu meinen Eiswürfeln, zu meinem Hund und den Geschichten. Ich versuchte eine Story zu Ende zu bringen, wo leicht maskuliner Schweißgeruch zur richtigen Zeit eine Frau zur Räson brachte – da schoss mirTeufel auch, warum eigentlich nicht!? durch den Kopf. Warum nicht ein paar frische Äpfel kaufen an der Haustür und am Abend die Gattin überraschen? Mit einem Obstsalat! Apfelsalat. Grandiose Idee.

Und das Wort Gattin in diesem Zusammenhang gefiel mir auch.

Ich erwischte den hageren Obstverkäufer, wie er aus dem Haus gegenüber trat, fröhlich pfeifend schritt er voran. Da hatte er wohl einen guten Deal hingelegt, der Boskop-Lümmel. Ich hatte den Hund mit nach draussen genommen. Auf kochend heißem Terrain waren wir barfuß unterwegs. Der Teer platzte hier und da schon auf. Die Sonne knallte unerbittlich, kein Baum spendete Schatten, obwohl es genug Bäume gab in der Nachbarschaft. Doch in jenem Sommer standen sie nur tatenlos in der Gegend rum und weigerten sich, Schatten zu werfen. Es war, als hätten sie über die Jahre so viel Schatten gespendet, jetzt war genug.

„Hallo..!“ rief ich.

Der Mann blieb stehen.

„Ich nehm doch ein paar Äpfel.“

Er wartete, bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte.

„Sind die auch lecker?“ fragte ich.

Weil es so heiß war auf dem Asphalt, tänzelte ich von einem Fuß auf den anderen. Der Hund war cleverer. Er blieb gleich auf der Wiese sitzen und beobachtete uns.

„Das ist Berlepsch, ganz seltene Sorte, superlecker. Wieviel Äppel brauchen Sie denn, junger Mann?“

„Na, drei, vier Stück vielleicht.“

„Wie? Drei oder vier..? Nein, das geht nicht. Ich hab das Obst doch nur abgepackt. Sehen Sie! Ist ganz frische Ware.“

Auf seiner Stirn bildete sich eine Art Ypsilon. Ich hatte noch nie ein hingeschwitztes Ypsilon auf der Stirn eines reisenden Obstverkäufers gesehen. Leute gab es. Keine schöne Sache.

„Einzelne Äpfel verkaufen Sie nicht?“

„Nein. Tut mir leid. Ist alles abgepackt.“ Er zeigte in seinen Korb. Knallrote Äpfel leuchteten mich an, in Folie eingezogen. Wie im Märchen. „Da müsste ich die Packungen ja alle auseinanderreißen..“

Ich hüpfte in den Vorgarten, zum Hund. Da war es kühler.

„Und was ist die kleinste.. Einheit?“

„Fünf Kilo zu acht Euro.“

Fünf Kilogramm! Mannomann! Gibts doch nicht!

„Das sind ja mindestens.. fünfzig Äpfel! So viel Äpfel will ich doch gar nicht!“

„Nein, sind dreißig“, entgegnete er ölig. „Maximal dreißig. Normale Größe, süß, saftig. Berlepsch. Eine seltene Sorte, fast ausgestorben.“

Aber ich hörte gar nicht mehr richtig hin. Das Ding war gelaufen. Dabei hätte es so romantisch werden können. Ein paar wilde Äpfel an der Haustüre, einen verwunschenen Kamm mit ein bisschen Gift dran, nur ein bisschen zum Antörnen.., aber – fünf Kilo?! Was sollten wir mit fünf Kilo Obst?!

Ich war froh, als ich wieder in meiner schattigen Bude hockte, die Füße baumelten im Wasser, der Hund schnorchelte.

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Ein Gedanke zu „Schwer gezeichnet von der Hitze des Tages

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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