Eines Tages geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

26. Juni 1987

Karlos saß am Küchentisch, als ich reinkam, und starrte aufs Telefon. Er war aschfahl im Gesicht, jegliches Blut war raus.

“Der Pepe ist tot”, sagte er.

“Was..?”

“Der Pepe ist tot. Überdosis.”

Ich hatte schon verstanden, was er gesagt hatte. Ich dachte nur, beim zweiten Hören würde ich etwas empfinden. Eine Todesnachricht kriegt man nicht alle Tage, selbst wenn man in Pepes Fall damit rechnen konnte, irgendwann. Aber jetzt schon? Und warum sagte Karlos dauernd „DER Pepe ist tot“, so als gäbe es noch einen zweiten Pepe, einen, der nicht tot war, einen, den man sich aus dem Hut zaubern konnte. Ich mußte lachen. Das war kein Lachen. Es war eine Art Zerrung, um den Mund rum. Es grenzte an Hysterie. Ich wusste überhaupt nicht, was ich fühlen sollte. Ein Freund war tot, und es war mir egal. Junkies sterben, so ist das.

„Woher weisst du das?“

„Matiny hat eben angerufen“, sagte Karlos. „Vor fünf Minuten.. jetzt eben.“

Vor fünf Minuten..? Dann hatten sie ja höchstens fünf Minuten telefoniert. Es war die Kälte, die sich von Telefon zu Telefon fortsetzte und die mir zu schaffen machte, weil ich der kälteste von allen war, wenn es darauf ankam. Wenn ich nichts fühlte.

Karlos biss sich auf die Lippen, sein ganzes Gesicht arbeitete, war in Bewegung.

„Matiny, ah.. und der weiss das woher..?“ fragte ich.

„.. von Pepes Freundin.. die hat ihn heut morgen angerufen.“

Ich liess mich am Küchentisch nieder. Matiny lebte wie Pepe in München, ging auf eine private Schauspielschule, war in der Künstler-Szene angekommen. Die beiden wohnten nicht weit voneinander. Doch großen Kontakt hatten die beiden nicht gehabt, soviel wir wussten. Aber was wussten wir schon. Pepe hatte sich rar gemacht, seit er aus der Kiste raus war und sein Vater ihm in München einen eigenen Jeans-Store spendiert hatte wie ein großes Eis mit doppelt Sahne.

Street Life hieß der Laden, ich sehe die silbrige Visitenkarte noch vor mir, Street Life, Leopoldstrasse. Da, wo das Geld shoppen ging. Bloß weg von Solingen, bloß weg von den alten Drogengesichtern. Start me up! Auch wenn das ganze nicht Pepes Idee gewesen war. Sein Vater gab ihm eine letzte Chance, zu beweisen, dass er doch dazu taugte, sein Nachfolger zu werden. Chef über ein kleines Imperium an Mode-Shops.

„Wann ist es passiert..?“ fragte ich.

Jetzt, wo ich saß, wurde es weicher in mir.

„Schon am Freitag, vor drei Tagen.“ Karlos klang wirklich niedergeschlagen. „In irgendeinem Cafe in München. Der Wirt hat Pepe auf dem Klo gefunden, tot. Die Pumpe steckte noch im Arm.“

„Schore?“

Er zuckte mit den Achseln. Er tat mir leid. Er hatte keine Schutzmechanismen, wenn etwas schlimmes passierte.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Ist wohl noch nicht freigegeben, der Leichnam. Wahrscheinlich.. Schore, logisch.“

Das letzte Mal gesehen hatten wir Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms aufgetaucht war, an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau, wie aus dem Nichts und gut gelaunt, in Fruit of the loom-Klamotten und nagelneuen Wildlederboots. Wir hatten uns anderthalb Jahre nicht gesehen.

„He, ihr verdammten Lutscher hängt ja immer noch hier rum..!“ feixte er mit seinem charmanten Jungengrinsen, und wir packten uns kurz gegenseitig an die Eier, wie wir es immer getan hatten, jedenfalls Pepe und ich: Rüden, die sich gegenseitig beschnuppern. Mal eben die Zunge in den Hals graben. Mal gucken, was los ist.

Er war extra aus München eingeflogen, zum 50. Geburtstag seines Vaters. Dem König der Übergrößen. Dem Big Boy aller Big Boys. Erfolgreicher Geschäftsmann und stets so braungebrannt, als wäre er überm Toaster eingepennt, das war Pepes Vater.

Eine halbe Stunde standen Pepe, Karlos und ich noch mal am Tresen wie in alten Zeiten und quatschten und lachten. Brachten den alten Running Gag, „Gute Idee, Boss!“, wenn einer etwas sagte, was absolut keinen Sinn machte. Dass es unsere letzte halbe Stunde sein sollte, konnte niemand ahnen. Doch was hätte das auch geändert. Es wären nicht plötzlich drei Stunden daraus geworden, nur weil man gewusst hätte, dass man sich nie wieder sieht, nicht in diesem Leben. Höchstens um die Ecke, bei Gott, eventuell. Wer weiss das schon. Drei Stunden.

„Gute Idee, Boss!“

Pepe schmiss eine Runde Tequlia, ein letztes Tablett. Ich hatte seit Tagen Rückenschmerzen und Schwierigkeiten, beim Schnapstrinken Schritt zu halten, aber das liess Pepe nicht gelten.

„Jesus hatte es auch im Kreuz, du Jammerlappen.“

Pepe war ein lieber Kerl, ein Träumer, der es meist locker angehen liess, auf der anderen Seite war er schnell auf Hundert. Wenn ich noch zögerte, hatte er schon durchgeladen, abgedrückt und begann die Leiche zu verscharren. Er war nicht nur der erste aus unserer Clique, der Heroin nahm, er war auch der erste, der sich den ganzen Kram in die Venen jagte anstatt es teuer durch die Nase zu sniefen. Und dass er auch der erste sein sollte, den eine Überdosis dahinraffte, auf einem stinkenden Pisspott in München, mit gerade mal 25, es rundete das Bild nur ab.

Pepe liebte Reggae und Sixties-Soul a la Diana Ross und den Samba-Pop von Blue Rondo a la Turk, Hauptsache gute Laune und immer was zu kiffen im Haus. Eine typische Scheibe, die er anschleppte, war In the southern part of France where the ladies wear no pants, eine putzige Mittelmeer-Schnurre von Zwol, von der er nicht genug kriegen konnte. Die Platte drehte sich einen ganzen Sommer lang in der Wipperaue, einem Tal, durch das die Wupper fliesst und wo Pepe gemeinsam mit seinem durchgedrehten älteren Bruder ein großes Fachwerkhaus angemietet hatte.

Wie in alten Fachwerkhäusern üblich, war es auch in der Wipperaue feucht und muffig, und wenn man zuviel gekifft hatte, knallte man im Dunkeln gern gegen einen freistehenden Balken, dass es nur so schepperte. Mit anderen Worten, es war saugemütlich in der Wipperaue, es gab eine Scheune im Hof, wo das Haschisch versteckt war, die Wupper plätscherte gemächlich hinterm Haus, wie sie es all die Jahrhunderte zuvor auch schon getan hatte.

Wie oft erwachte ich morgens auf dem Sofa und musste verkatert zusehen, wie ich aus der Wipperaue wegkam, vom Arsch der Welt, ohne vernünftige Busanbindung. Pepe war längst zur Arbeit, ebenso sein bekloppter Bruder Heinz. Also half nur den Daumen raus oder die fümnf Kilometer zu Fuß gehen bis zum Busbahnhof.

Mit Heinz war kein Staat zu machen. Nicht, dass er verkehrt gewesen wäre, nein, er war einfach durch den Wind, verkorkst, plemplem. Oder, wie Heinz selbst von sich sagte: „Jungs, ich bin mal wieder total fix und foxi!“

Beide Söhne waren bei ihrem Vater angestellt, Inhaber einer Reihe florierender Bekleidungsgeschäfte. Während Pepe seinen eigenen kleinen Jeans-Shop führte, wo wir ihn oft besuchten und in den Umkleidekabinen ein Näschen Koks zogen, buckelte der ältere Bruder auf dem Zentrallager und lieferte Ware aus. Das entsprach exakt dem Bild, das der Vater sich von seinen Söhnen gemacht hatte.

Pepe, gut aussehend, jovial und schon ganz der Juniorchef, sollte als Nachfolger aufgebaut werden. Er hatte von seinem alten Herrn das Draufgänger-und Eitler Fatzke-Gen geerbt, das Heinz gänzlich abging. Heinz gab sich schnell zufrieden, mit allem. Ein Wesenszug, für den ihn sein braungebrannter zuckerärschiger Superdaddy zutiefst verachtete.

Wenige Jahre nach Pepe erwischte es den vier Jahre älteren Heinz ebenfalls: eine Überdosis Heroin in Hagen.

Glaubhaft überliefert ist die Schlussbemerkung des Vaters, als er in Hagen am Grab seiner beiden Söhne stand und angewidert zu den wenigen Umstehenden sprach: „Ich habe niemals Söhne gehabt.“ Er eliminierte sie aus seinem Leben, als hätte es sie nie gegeben, diese Kretins. Dass er als Vater irgendwie mit der Drogensucht seiner Söhne zu tun haben könnte, kam ihm offenbar nicht in den Sinn. Dass sie nie einen Vater gehabt hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Es gibt nur eine Erinnerung an diesen hochgewachsenen sonnengebräunten Blödmann, die es wert ist festgehalten zu werden: Wie er uns 1976 als Teenager im dicken Benz zum Zappa-Konzert in der Kölner Sporthalle chauffierte. Während des Konzerts ging er mit seiner neuen Freundin schön essen, nach dem Konzert holte er uns auf dem Parkplatz vor der Sporthalle ab und fuhr uns gut gelaunt heim. Vielleicht hätte er lieber Chauffeur werden sollen. Ein schmissiger Businessman durch und durch, für den Geld alles war. Ein Mann, der ohne Wärme durchs Leben stolzierte, weshalb er auch ständig auf die Sonnenbank musste, um innerlich nicht zu erfrieren.

Wenn ich so zurückblicke:  die Dinge sind ganz schön schief gelaufen.

(Fortsetz.)

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18 Gedanken zu „Eines Tages geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

  1. Wie die Geschichten sich gleichen bei allen äußeren Unterschieden…
    …auch ich MUß das oben skizzierte noch ins Reine schreiben. Zappa! Soso! Auf der Beerdigung meines Freundes lief Zappa. Und der Vater verweigerte gar die Trauerfeier!

    … Die Dinge sind ganz schön schief gelaufen.

  2. Ach ja……scheisse….macht mich immer noch sehr traurig, wenn ich das lese…..
    Mochte Pepe sehr….
    R. I. P.

    • Wenn jemand mit 25 stirbt, bleibt sein Gesicht in unserer Erinnerung ewig 25. Da hat er’s irgendwie gut. TB wird niemals 60.

      „Nicht mit mir, Honey.“

  3. Puh, Pepes Vater erinnert mich ganz schön an meinen Ex-Schwiegervater – inkl die zwei kaputtgemachten Söhne.
    Obwohl ich die Geschichte irgendwie zu kennen meine, haut sie mich erneut um.
    Danke, dass du schreibst!!!

    • Gute Frage. Weiss ich nicht. Nehm ich aber an. Den Satz, „ich hab nie Söhne gehabt..“, weiss ich von T.B.’s früherer (Solinger) Freundin, die war auf der Beerdigung.. ich komm nicht auf ihren Nemen. Mit langen braunen Haaren, ne ganz nette, hatte nie mit Drogen was am Hut.

      • ja stimmt !
        ich glaub das war nach der wilden Zeit (wipperaua)
        die wusste was sie wollte
        ich weiss noch wie Mutti uns Kartoffelsalat vorbeibrachte im Sommer auf der Terasse..
        den ganzen Tag und nachts lief nur Supertramp
        echt jazz!!

      • An dem tag, als TB in münchen starb, war er eigentlich verabredet gewesen mit seiner alten Freundin, auf deren Namen wir nicht kommen. Sie war extra aus SG nach München gekommen, um ihn zu besuchen. Zur gleichen Zeit war TB auch mit seiner neuen Münchner Freundin verabredet, bzw. sie wartete darauf, das er nach Hause kommt. Beide Frauen wussten nihts voneinander, typisch TB. Und während nun die Ex aus Solingen in einem Cafe auf ihn wartet, macht sich TB noch einen Druck in einer Kneipe in der Nähe. Um richtig gut drauf zu sein, tut er mehr auf den Löffel als sonst..

        Und das war’s.

  4. es war ja nich so..
    das wir nur am ballern warn
    da gabs Zeiten da gabs nichmal was für die Katz
    Und beim Blech rauchen konnte soviel schief gehen
    selbst das runterkommen hatte seine Vorteile
    bekiffte Kater
    wie so immer fast normal
    das ständige Rumschnorren, das stur
    platte hier platte da
    vergurktes Talent
    zu allem Überfluss war der Kiffer neurotisch erpressbar
    durch Liegebschaft und Prollwitz
    abschluss im Physikum leider
    vorteilhaftes sammeln von gefilterten Filtern
    selbst verbogene Nadeln fanden ihr Ziel
    bloss der Platz nahm schwund
    wer fährt? wer holt
    zu den amurösen Schauplätzen
    komm, der kennt mich!
    der hat den besten Stoff!
    nagut,
    ein Bong mit Koks
    später auch Kacke getauft
    kleiner noch am wimmern wie Cowboys ohne Pferde
    es war das ultimative ENDE einer Ära voller Laster
    Erst knast
    war die Sünde.

    die die es nicht begriffen haben

  5. Köln
    kein ort keine luft
    kohle muss stinken
    es war Sommer
    nich aud der cö vielleicht

    wir sahen uns zufällig
    ich traute meinen augen icht
    er
    steht vor einem Jeans Geschäft und ist da -woanders
    meine damalige Freundin kannte nichts obwohl ich alle fünf Minuten aufststand und im Clo versschwand
    ichblieb stehn..NEE das ist doch -vor einem Jahr hatten wir noch eine Zelle im Knast bereichert
    er erkannte mich nich auf anhieb
    meine Freundin hatte lange blonde Haare
    sie mochte mich weil ich Ähnlichkeit hatte mit James
    wir waren kurz auf dem in
    Kölsch draussen
    es war voll
    Köln -Gladbach so um eins rum
    im FRÜH
    ich glotzr ständig meiner Nachbarin uters T-shirt und lief ihr sogar auf(s Clo hinterher

    dann brach die Famielie auf und wir sprachen immertnoch kein Wort
    ich war ein Junkie und ich konnte niemanden lieben
    jetz nich wegen den Titten
    es war das freche grinsen

    das Kölsch lief und der köbes meinte nur ach..-
    ich war zwischen neuem Fass und Geduld

    ein Fass in einer halben Stunde reichte
    meinem kleinen Verstand
    wir gingen denn noch in die Metropoke des klassischen Einkaufzentrums
    mehr oder weniger

    ich fragte noch schlau wo ne wie
    und was
    nur 100l

    als wir dann aufbrachen und ich mich nicht traute zu sagen
    das ich tot bin
    meinte sie nur

    wer wohin ging keine Ahnung

    also
    wer kennt wen

    ungefähr drei Minuten
    ehay
    das doch der Tommy oder bin ich blind
    ein guter Verkäufer stand vor der Tür

    er starrte ins nichts
    ?haben SIE auch JEANs? junger Mann
    teten sie näher
    wie war die Frage

    es schien zu dämmern

    du ,ich hab dich garnich erkannt
    ich werde nein schön
    meine Freundin kommt heut Abend und wenn ich Feierabend hab könn wir uns doch treffen
    wat machs du denn hier du fauler HZnd

    wir trafen uns später in einer echten Kneipe

    keiner wollte was sagen
    mit der vergangenheitz
    ich auch

    einmal sah ich ihn noch
    aber das war vorher.

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