Ihre fabelhaften Sätze

„Die sollen endlich mal stille Chips erfinden. Der Lärm macht mich noch wahnsinnig“, beschwert sie sich gestern Abend im Bett, während der Fernseher läuft. Sie versteht ihre eigene Lieblingsserie nicht, wenn sie Kartoffelchips in Arbeit hat. Und man kann ja nicht immer bis zur Werbung warten, um in die Tüte zu langen. Man hat ja auch mal zwischendurch alle zwanzig Sekunden einen Salzyieper.

Mittags steht sie an der Spüle, zur Abwechslung. Ist ja eigentlich mein Job. Sie kocht das Essen, ich spüle das Geschirr ab, so die Verabredung, die niemals getroffen wurde und doch gilt. Die besten Verabredungen sind das. Die ohne Unterschrift. Die von der verstreichenden Zeit getroffen werden.

Kochen ist für sie Entspannung und Alchemie. Wenn es in der Wohnküche nach frisch geriebener Muskatnuss und Thymian duftet, wenn die Zwiebeln in der Pfanne schwitzen und die kochenden Kartoffeln im Topf lärmen wie eine herangallopierende Herde Wasserbüffel, dann ist sie in ihrem Element.

Manchmal kocht sie auch aus Langeweile.

„Wenn ich eh nichts gebacken kriege, kann ich auch kochen.“

Warum auch nicht. Hunger ist immer vorhanden in diesen Räumen. Da wäre zum Beispiel der Hund. Aber ich will mich nicht in den Vordergrund drängeln. Nicht beim Thema Kochen.

Heute aber hat sie gekocht und jetzt spült sie auch noch ab. Ich weiss nicht, wie das gekommen ist. Pötzlich stand sie am Spülstein. Als ich es mitbekam, war es schon zu spät, das Spülbecken voll heissem Wasser. Ich konnte nicht mehr eingreifen.

„So. Langsam hab ich aber keine Lust mehr. Mir tun schon die Hände weh vom Spülen.. Ist natürlich schlecht, wenn einen mittendrin die Lust verlässt..“

Eigentlich spricht sie mehr zu sich selbst, weniger zu mir, weil ich am Küchentisch sitze und Notizen mache und sowieso nicht richtig hinhöre. Denkt sie. In Wahrheit schreibe ich mit, was sie sagt. Höre einfach hin und warte auf ein Juwel. Auf einen ihrer fabelhaften Sätze.

„Zwischen Angebern und Tiefstaplern – das ist meine Welt!“

„Wenn einer anruft – ich bin in der Pubertät.“

„Da hat man bloß ein einziges Leben, und dann verbringt man es so, wie Andere es wollen..?“

„Ich finde, man sollte so wenig Depressionen kriegen wie möglich. Die verklumpen nur das Blut.“

„Eine traurige, ja, eine tückische Zeit ist das, wo alles schon mal da gewesen und nichts mehr von Wert ist.“

„Das Problem sind nicht die, die es haben, sondern die, die es auch wollen.“

„Überall Halb-Distanz und 1/8-Wissen.“

„Psychologen sind nichts anderes als Pappnasen, die dir ein Motto verpassen, damit du gut durch den Karneval kommst.“

„Ich komme aus dem tiefen Hochdahl, wo selbst Marlon Brando mit Vornamen Karl-Heinz heisst.“

Lümmel ist ein Wilhelm Busch-Buchstabe.“

„He, hast du dir wieder einen Satz gestohlen von mir und angezogen wie ein schönes Hemd..?“

Das ist ihre Liga. Darunter tut sie es nicht, soll mir recht sein. Und an manchen Tagen bringt sie mir eine Kleinigkeit mit, die sie unterwegs irgendwo aufgeschnappt hat.

„Ach ja, bevor ich es vergesse“, sagte sie gestern, „ich hab dir einen Satz aus der Stadt mitgebracht.“

„Zeig her.“

(„Ich bin so wütend“, sagte jemand im Lebensmittelgeschäft, „und habe keine eigene Meinung!“)

„Großartig!“ sag ich. „DANKE!“

Aber eine Garantie gibt es nicht. Eine Garantie gibt es nie. Eine Garantie auf ein Juwel? Dass ich nicht lache. Versuch mal ein Bonmot einzuklagen, auf das man eine Dreiviertelstunde lang vergeblich gewartet hat, am Küchentisch mit dem donaublauen Stift in der Hand. Das klappt nicht. Da gibt dir niemand recht. Da zeigt nicht mal irgendwer Mitleid. Wer wartet schon mit dem Stift in der Hand stundenlang auf einen schönen Satz aus seiner Frau.

„He, Ehemann! Bist du wieder am schreiben..?! Oder warum sprichst du nicht mit mir??“

Wenn sie spült, dann richtig. Wie Frauen eben so spülen. Aus Liebe zu den Dingen, aus Respekt vorm Haushalt. Nicht so liderlich, nicht so schnell schnell. Das Ergebnis ist mitunter fast wie neu, wenn sie die Hände im Spülbecken hat. Sie schrubbt sogar die Espressokännchen. Wir haben zwei klassische italienische Espressokännchen in unserem kleinen Siebzigerjahre-Haushalt, ein kleines und ein großes Kännchen. Wenn beide Espressokännchen frisch befüllt auf dem Elektroherd stehen und zu brodeln beginnen, klingt es wie ein Sportflugzeug hoch über den Wolken. Im Sommer, wenn das Fenster offen steht, bin ich mir oft nicht sicher: Ist das nun der Espresso, der gleich fertig ist, oder will da jemand in die Ferien?

„Nein.. Schade, die kriegt man nicht mehr sauber. Da hat sich der italienische Kaffee schon zu tief eingegraben.“

Ja, schade. Sie ist mir manchmal zu sehr aufs Sauberkriegen, aufs glänzend machen fokussiert, statt hinabzusteigen in den Keller, da, wo das dunkle Geschirr wohnt, das Geschirr unserer Ahnen, dem man noch vertrauen konnte. Das ist ihr eigentliches Revier. Das Unterbewusstsein. Darin ist sie gut. Im Sezieren des gruseligen Heute.

„Geld ist nicht alles, mein Schatz. Man braucht auch dicke Koffer, um es abzutransportieren.“

(Ein ständiges Ärgernis im Haushalt ist, aus ihrer Sicht, mein anarchischer Umgang mit der Butter. Während sie möglichst akkurat und nur mit sauberem Messer ihre Portion entnimmt, fahre ich wie ein Punk in den Halb-Pfünder und hinterlasse lauter schmierige Stellen, buttrige Attacken.

“Du Asi.”)

Manchmal bin ich mir gar nicht so sicher, wenn ich so danebenstehe und mitschreibe, ob das nun ein Juwel ist, was ich da gerade bezeuge, oder Schund. Aber ich schreibe es erstmal mit. Aus dem Mund meiner Frau kommt kein Schund, Herr Richter! Pass bloß auf, was du sagst!

„Sag mal, was ist das eigentlich für ein Material, aus dem die Kännchen sind?“ werfe ich wie nebenbei ein, in der Hoffnung, ihrem dahinplätschernden Selbstgespräch eine andere Richtung zu geben. Eine grundsätzliche.

„Was..?“

„Na, die Kännchen. Aus welchem Material die sind.“

„Die Kännchen..? Keine Ahnung. Aluminium..? Edelstahl? Edelstahl. Guck mal. Ist ja doch schön sauber geworden, also teilweise. Aber immerhin. Müsste man vielleicht nochmal mit Spezial-Zahnpasta drüber. Oder Stahlwolle. Richtig schrubben. Guck mal.“

Sie kommt zum Tisch, in der Hand die eingeschäumten, tropfenden Einzelteile eines auseinandergeschraubten Espressokännchens. Es sieht aus wie Weltraumschrott.

„Das kannst du wienern, wie du willst“, sagt sie. „Besser wird es nicht. Das liegt aber auch an den billigen Schwämmen, die sind fürn Arsch. Die wringst du einmal aus, schon kannst du sie wegwerfen. Billiger Ramsch. Wir holen demnächst wieder die Scotch. Die taugen wenigstens was.“

Na schön, ich geb auf. Da kommt heute nichts mehr. Sie ist abgefischt. Es gibt eben keine Garantie auf ein Juwel. Nur – wieviel Leerlauf kann ein Autor verzeihen?

„Scheisse. Die Arme tun mir weh. Das hab ich jetzt von all der Schrubberei. Du hast mich ja nicht vom Spülen abgehalten. Du hast mich ja nicht gerettet, Andreas. Und jetzt? ICH HAB SPÜLHÄNDE! Hier, schau! Andreas!“

Wenn sie Andreas sagt, werde ich nervös. Sie sagt es immer öfter. „Was soll ich tun..?“

„Ja, wenn du das nicht weisst, das ist schlecht.“

Lacht, und trocknet sich die Hände ab, am Fell des Hundes.

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5 Gedanken zu „Ihre fabelhaften Sätze

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