Käptn Red, King of Lagos

 

Bis zuletzt bewohnte mein verwitweter Großvater ein eigenes Häuschen, an seiner Seite Stina, das treue Dalmatinerweibchen. Stina war der einzige Hund, mit dem ich überhaupt so etwas wie Kontakt pflegte. Wir hatten einen Pakt geschlossen, das Dalmatinerweibchen Stina und ich. Ich streichle dich nicht, du kriegst kein Leckerchen von mir, wir gehen nicht Gassi, ja, ich habe nicht einmal ein freundliches Wort für dich, so lauteten meine Bedingungen. Stina schlug ein, sie war einverstanden. Sie tat so, als wäre ich Luft, wenn ich in dem kleinen Häuschen zur Tür reinkam, um Opa zu besuchen. Doch es war familiäre Luft, das reichte Stina. Mehr Kontakt hatte ich nicht zu Hunden. Es war nicht so, dass ich Hunde hasste, ich hatte einfach keinen Draht zu ihnen wie zu Haustieren insgesamt, zu Hamstern, Hummeln, Hirschen.

Opa starb im Alter von 95 Jahren. Kurz vor seinem Tode tranken wir einen Korn zusammen. Er dirigierte mich vom Bett aus zum Bücherregal und ließ mich Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ aus dem Regal holen. Er grinste verschmitzt.

„Schenk ich dir, mein Junge.“

*
Frühjahr 1982. Karlos und ich reisten per Bahn nach Portugal, unser Ziel war die Algarve. Wir hatten die Nase voll vom Trampen. Mit Anfang zwanzig fühlten wir uns zu alt, um tagelang an staubigen Straßen zu stehen und uns von total witzigen Cabrio-Fahrern verkohlen zu lassen, die zwanzig Meter weiter den Wagen anhielten und warteten, bis man aufgeschlossen hatte und dann johlend Stoff gaben, den Mittelfinger durchs offene Wagendach gestreckt. Darauf hatten wir keinen Nerv mehr. Wir waren 22, wir wollten es ein bisschen gemütlich haben, wenn wir in Ferien mussten.

Nach vierzig Stunden Intercity fielen wir in Lissabon aus dem Zug, total kaputt und gerädert. Die Klamotten verklebt, Schweißfüße. Die Knochen taten weh von den harten Bänken in portugiesischen Eisenbahnen. Zudem war uns das Gras ausgegangen. Kaum ausgestiegen, sprach ich am Hauptbahnhof Lissabon einen schlaksigen Bimbo an der Ecke des Zeitungsladens an. Nicht, dass er einen wirklich ehrlichen Eindruck machte, aber sein Anblick erfüllte gleich mehrere Kriterien, auf die man sich weltweit verständigt hatte, um in der Fremde einen Dealer auszumachen. An der Ecke stehen, ein Bimbo sein, schlaksig obendrein. Für umgerechnet fünfzig Mark erwarb ich ein Säckchen Marihuana. Es roch stark und würzig. Man bekam regelrecht Appetit. Genau das hätte mir zu denken geben müssen.

Im Bummelzug nach Lagos, dem Touristenkaff an der Algarve, unserem Reiseziel, öffnete Karlos das Zellophansäckchen, um den ersten kleinen Stick zu drehen. Er verzog das Gesicht.

“Das sind Küchenkräuter, du Penner. Das ist Kapuzinerkresse mit ein bisschen Vogelfutter drin.” Karlos kannte sich aus in der Küche. „Der hat dich abgezockt.“

Unser kleines Zwei-Mann-Zelt schlugen wir auf dem staubigen Stadt-Camping von Lagos auf, wo wegen Armut und Wohnungsknappheit auch viele Einheimische hausten, in ausrangierten britischen Double Dutch-Autobussen und alten Hauszelten. Eher nebenbei erfuhren wir, dass Romy Schneider bereits zwei Tage zuvor in Paris an gebrochenem Herzen gestorben war. “Poor Sissy’s dead and gone”, sangen Karlos und ich und klopften Heringe in den harten Zeltplatz-Boden. Aber ehrlich gesagt, wir waren geschockt. Romy Schneider war zu jung, um zu sterben.

Noch am selben Abend lud uns unser langhaariger portugiesischer Nachbar namens Eusebio (sic!) in sein Hauszelt ein. Karlos war zu müde, ausgeknockt von der langen Zugfahrt schlief er früh ein, während ich bei Eusebio Gras rauchte und John Mayall & The Bluesbreakers lauschte, The Blues Giant, ein rares 3-fach-Album im stabilen Schuber, das ich ebenfalls in meiner Plattensammlung hatte. Da saß ich nun an fernen Gestaden und hörte den gleichen rätselhaften weißen Blues wie daheim. Was verblüffte: Eusebios Hauszelt war viel wohnlicher als es von außen den Anschein hatte. Es gab sogar einen Kronleuchter, der am Zeltdach befestigt war, und an den Wänden hingen gerahmte Bilder, darunter ein großes Porträtfoto, das ein wenig an die junge Romy Schneider erinnerte.

“She’s gone”, sagte ich.

“Gone..? Who’s gone?”

“Yeah. Sissy. Dead in Paris. Her heart.”

Nachbar Eusebio nickte freundlich.

Die ersten Tage gingen Karlos und ich nach dem Frühstück zum Strand runter. Wir lernten einen Rastafari kennen, der hinter einem Felsvorsprung hervorlugte und „Ganja? Ganja?“ wisperte. Das war unser Mann. Schon am dritten Tag war das lockere Strandleben passè, wir entschieden uns lieber auf dem Stadt-Camping zu bleiben. Der Rastamann drehte täglich seine Runde, mit wippenden Dreadlocks, und wir durften ihn nicht verpassen. Die meiste Zeit verharrten wir in unserem von der prallen Sonne aufgeheizten winzigen Zelt, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten bekifft vor uns hin.

In der Mittagszeit wurden die Temperaturen unerträglich, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über Lagos. Es gab kaum schattige Ecken auf dem Stadt-Camping, nur auf der Terrasse der Rezeption war es erträglich. Wir schleppten uns mit letzten Kräften unter die Sonnenschirme, tranken Bier und glotzten tranig umher. Wenn wir hungrig wurden, bestellten wir beim Pächter des Platzes, der gleichzeitig auch Chefkoch der Kantine war, Hähnchen mit Pommes. Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, hörten wir schon das Geflügel im Hof panisch um sich schlagen: Federn wirbelten auf, wildes Kikeriki, Angst und Aufruhr. Eins steht fest. Ich hab niemals wieder so frisches und leckeres Hähnchenfleisch auf dem Teller gehabt wie in Lagos anno 1982. Das Fleisch flatterte noch unterm Gaumen.

Zwei kleine portugiesische Jungs, die in der Nähe lebten, hatten einen Narren an uns gefressen, nachdem wir eines Abends mit ihnen über den Zaun des benachbarten Stadions des FC Lagos geklettert waren und gekickt hatten, bis es dunkel wurde und man die Hand nicht mehr vor Augen sah. Fortan kamen sie jeden Abend ans Zelt gelaufen und zupften uns am Ärmel.

„Eh, du Futbol..!!?“

Und da sahen wir ihn. Käptn Red, der abgemagerte verlauste Rüde, wie er über den Stadt-Camping schlich. Er zog ein Hinterbein nach und sabberte unentwegt. Wir nannten ihn Käptn Red wegen der ständig geröteten Augen. Käptn Reds Anblick war eine Zumutung, ein Affront, eine Beleidigung für den bekifften mitteleuropäischen Geschmack, und weil die Töle das wusste, machte sie sich rar und so klein wie möglich, duckte sich an der niedrigen Außenmauer des Platzes entlang.

Man sah Käptn Red niemals im Rudel mit anderen Straßenkötern, Käptn Red war ein Einzelgänger, den wir von Tag zu Tag mehr hassten. Eigentlich hatte er uns ja nichts getan. Er war eine geplagte Kreatur, eine arme Socke, er konnte nichts für sein Aussehen, er war genau das, was ein christliches Herz höherschlagen ließ. Tja. Manchmal warfen wir mit flachen Steinen nach ihm und ließen ihn tanzen, wir spielten Wettflitschen mit dem Humpelhund, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte.

Natürlich hatten wir kein Interesse daran, ihn zu treffen. Aber wir wollten ihn nicht in unserer Nähe haben. Er versprühte diese oberkranke Aura. Er sollte sich davonmachen, der alte Hinkefuß.

Eusebio, der langhaarige arbeitslose Nachbar, fuhr ab und zu auf einem klapprigen Kahn zum Fischen raus, er angelte Chocos. Einmal lud er uns zum Essen ein. Die kleinen Fische wurden frittiert und mit Zwiebeln serviert. Karlos konnte nicht genug davon kriegen. Weil wir kein Portugiesisch sprachen und Eusebio kaum Englisch, blieb die Verständigung schwierig. Karlos leckte seine fischigen zehn Finger ab, um Eusebio zu verdeutlichen, wie gut es ihm schmeckte. Dazu rief er dauernd „GUSTO! GUSTO! LECKER!“

Eusebio nickte freundlich.

In der dritten Urlaubswoche gingen wir wieder zum Strand runter. Einmal wählten wir eine Abkürzung und fanden uns auf einem Privatgelände wieder, einer weitläufigen sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Karlos sah es als Erster.

“Was ist das da, was da angewatzt kommt?” murmelte er. “Ein Hund?” Er zeigte in die Ferne. “Oder was..?”

Am Horizont das blaue Meer, davor ein wetzendes Vieh. Es trampelte über den sandigen Boden, schwer wie ein Büffel, wütend kläffend. Es hielt schnurstracks auf uns zu. Ich sah mich um, es waren keine hundert Meter bis zum Zaun, ich machte mich auf die Socken. Ich rannte und rannte und drehte mich nicht einmal um, als ich den Zaun endlich erreichte. Ich sprang hoch, schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, sah ich Karlos, der die letzten Meter gehend zurücklegte – er konnte nicht mehr. Er schaffte es im letzten Moment, im wirklich allerletzten, sich hochzuziehen, bevor das Monster nach ihm schnappte.

Nach diesem Erlebnis blieben wir erst recht auf dem Stadt-Camping und klebten bekifft in unserem stickigen Zwei-Mann-Zelt, konnten uns kaum noch rühren. Der Rastafari verkaufte ein Bombengras, aber immer nur in kleinen Mengen, falls die Polizei ihn schnappen sollte. Dummerweise war der Rasta sehr unzuverlässig. Man wusste nie, um welche Uhrzeit er auftauchte, aber wir verließen ja eh kaum noch den Platz.
Nachdem die zwei kleinen einheimischen Jungs mitbekommen hatten, dass wir einen Lederball gekauft hatten, kamen sie schon morgens ans Zelt und versuchten uns über den Zaun des kleinen, aber feinen Fußballstadions zu lotsen.
EH, DU FUTBOL!

Am letzten Tag wunderten wir uns beim Abbauen des Zelts über diesen scharfen Ammoniakgestank. Der ganze Zeltstoff schien durchtränkt zu sein. Es musste in der Nacht passiert sein. Irgendwer hatte uns vors Zelt gepisst.

“Guck mal dahinten, Käptn Red”, stieß Karlos mich an.

Der hässliche Hund humpelte der Mauer entlang, sah dabei aber seltsam amüsiert aus. Als Karlos einen langen Hering aus der Erde zog und damit Käptn Red drohte, stürmte der Hund davon, sehr behende plötzlich, und schlüpfte durch ein Mauerloch davon. Dabei jaulte er laut auf. Es war das einzige Mal in den ganzen drei Wochen, dass wir einen Laut von Käptn Red hörten, und es klang wie ein ausgestreckter Mittelfinger.

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8 Gedanken zu „Käptn Red, King of Lagos

  1. na gut
    eine saubere Sache
    4 Bier kaufen und eins leer vergessen

    so fängt das an
    der drögn schädelt nach tagen des fluchens
    kein test
    zaster

    nur ruhe
    fahr ich ich den botanischen Garten

    einfach demBauch nach..
    bloss nich doof rumsitzen ohne was zum lesen dabei
    kaum

    hihi..

  2. Stimmt, der Hund war nicht einfach. Aber ich hab mich trotzdem immer an den rangemacht, musste Knurren dafür zur Kenntnis nehmen. Mehr aber auch nicht. Mädchen halt. Und in der Küche stand ja auch immer ne Packung Frolic auf dem Schränkchen neben der Falltür 😉

  3. Dein Vater erzählte kürzlich noch davon, wie ihm diese (dezenten) Klopfzeichen an der Falltür die mühsam aufrecht gehaltene Schein-Vornehmheit des Hauses Glumm zerlegte, als seine belgische Flamme 1965 zu Besuch war..

    • Ach ja richtig, da wurde das ja auch noch in illustrativen Worten zum Ausdruck gebracht. Und es waren doch mehr als Klopfzeichen. Wurde nicht die Falltür dreimal hochgehoben und fallengelassen? Ähnlich eines feengleichen lieblichen Klingelns einer Triangel?

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