Käptn Red, King of Lagos

Bis zu seinem Tode 1995 wohnte mein verwitweter Großvater allein im eigenen Häuschen. Einige Jahre zuvor war Stina noch an seiner Seite, Stina, das treue Dalmatinerweibchen. Da ich zu dieser Zeit mit Hunden nichts am Hut hatte, war Stina der einzige Hund, mit dem ich überhaupt so etwas ähnliches wie Kontakt pflegte. Wir hatten einen Pakt geschlossen, das Dalmatinerweibchen Stina und ich. Ich streichle dich nicht, du kriegst auch kein Leckerchen von mir und wir gehen nicht Gassi, ja, ich hab nicht einmal ein freundliches Wort für dich, so lauteten meine Bedingungen. Stina war einverstanden. Sie tat so, als wäre ich Luft, wenn ich in dem kleinen Häuschen zur Tür reinkam, um Opa zu besuchen. Familiäre Luft, das reichte Stina. Sie schaute kaum auf, wenn ich kam, und sie knurrte nicht. Mehr Kontakt hatte ich nicht zu Hunden. Es war nicht so, dass ich Hunde hasste, nein, ich hatte einfach keinen Draht zu Hunden, wie überhaupt zu Haustieren insgesamt. Hunde, Hamster, Hummeln, alles Kacke.

Hirsche.

Hebebühnen.

Opa starb im Alter von 95 Jahren. Kurz vor seinem Tod tranken wir einen Korn zusammen. Er stand auf und holte Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ aus dem Regal, er grinste verschmitzt. „Schenk ich dir, mein Jung“, sprach der alte Haudegen.

(In jungen Jahren, so hörte ich, hatte er sich am Schlafzimmerfenster des kleinen Häuschens auf die Lauer gelegt und Jagd auf Ratten gemacht, die es im benachbarten Bärenloch quiekend durch den offenen Abwasserkanal taten. Mit der 6mm-Pistole. Schreckschuss.)

*

Frühjahr 1982. Karlos und ich reisten per Bahn nach Portugal, unser Ziel war die Algarve. Wir hatten die Nase voll vom Trampen. Mit Anfang zwanzig fühlten wir uns zu alt, um tagelang an staubigen Straßen zu stehen und von total witzigen Cabrio-Fahrern verkohlt zu werden, die zwanzig Meter weiter den Wagen anhielten und warteten, bis man aufgeschlossen hatte und dann johlend Stoff gaben, den Mittelfinger durchs offene Wagendach gestreckt. Darauf hatten wir keinen Nerv mehr. Wir waren 22, da wollten wir es ein bisschen gemütlich haben, wenn wir in Ferien mussten.

Nach vierzig Stunden Intercity fielen wir in Lissabon aus dem Zug, kaputt und völlig gerädert. Klamotten verklebt, klumpige Schweißfüße, die Knochen taten weh von den harten Eisenbahnbänken. Außerdem war uns das Gras ausgegangen. Kaum ausgestiegen, sprach ich am Hauptbahnhof einen schlaksigen Bimbo an der Ecke des Zeitungsladens an, womit er gleich mehrere wichtige Kriterien erfüllte, auf die man sich weltweit verständigt hatte, um in der Fremde einen Dealer auszumachen, der einen abzieht. An der Ecke stehen, Bimbo sein, schlaksiger Eindruck. Für umgerechnet fünfzig Mark gab es ein Säckchen Marihuana. Es roch gut. Würzig. Man bekam regelrecht Appetit. Genau das hätte mir zu denken geben müssen.Im Bummelzug nach Lagos, dem Touristenkaff an der Algarve, unserem Reiseziel, öffnete Karlos das Zellophansäckchen, um den ersten kleinen Stick zu drehen. Er verzog das Gesicht.

“Das sind Küchenkräuter, du Penner. Das ist Kapuzinerkresse mit ein bisschen Vogelfutter drin.” Karlos kannte sich aus in der Küche. „Der hat dich abgezockt, du Penner.“

“Au weia”, sagte ich.

Hier lief etwas gründlich falsch in Portugal, von Anfang an. Unser kleines Zwei-Mann-Zelt schlugen wir auf dem staubigen Stadt-Camping von Lagos auf, wo wegen Armut und Wohnungsknappheit viele Einheimische hausten, in ausrangierten britischen Double Dutch-Autobussen und großen Hauszelten. Eher nebenbei erfuhren wir, dass Romy Schneider bereits zwei Tage zuvor in Paris an gebrochenem Herzen gestorben war. “Poor Sissy’s dead and gone”, sangen Karlos und ich und klopften Heringe in den harten Zeltplatz-Boden.

Noch am selben Abend lud mich unser langhaariger portugiesischer Nachbar namens Eudsebio (sic!) in sein Hauszelt ein. Während Karlos schon schlief, ausgeknockt von der langen Zugfahrt, rauchten Eusebio und ich Graslollen und lauschten John Mayall & The Bluesbreakers, The Blues Giant, ein rares 3-fach-Album im stabilen Schuber, das ich zu Hause ebenfalls in meiner Plattensammlung hatte. Da saß ich nun an fernen Gestaden und hörte den gleichen rätselhaften weißen Blues wie daheim. Was mich verblüffte: Eusebios Hauszelt war viel wohnlicher als es von außen den Anschein hatte. Es gab sogar einen Kronleuchter, der am Zeltdach befestigt war, und an den Wänden hingen gerahmte Bilder, darunter ein großes Porträtfoto, das ein wenig an die junge Romy Schneider erinnerte.

“She’s gone”, sagte ich erstaunt.

“Gone..?”

“Yeah. Sissy. Dead in Paris.”

“Sissy?”

“Yes, yesterday. Her heart.”

Nachbar Eusebio nickte freundlich.

Die ersten Tage gingen Karlos und ich nach dem Frühstück zum Strand runter. Wir lernten einen Rastafari kennen, der hinter einem Felsvorsprung hervorlugte und „Ganja? Ganja?“ wisperte. Das war unser Mann. Schon am dritten Tag war das lockere Strandleben passè, wir entschieden uns lieber auf dem Stadt-Camping zu bleiben. Der Rastamann drehte täglich seine Runde, mit wippenden Dreadlocks, und wir durften ihn nicht verpassen. Die meiste Zeit verharrten wir in unserem von der prallen Sonne aufgeheizten winzigen Zelt, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten bekifft vor uns hin.

In der Mittagszeit wurden die Temperaturen unerträglich, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über Lagos. Es gab kaum schattige Ecken auf dem Stadt-Camping, nur auf der Terrasse der Rezeption war es erträglich. Wir schleppten uns mit letzten Kräften unter die Sonnenschirme, tranken Bier und glotzten tranig umher. Wenn wir hungrig wurden, bestellten wir beim Pächter des Platzes, der gleichzeitig auch Chefkoch der Kantine war, Hähnchen mit Pommes. Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, hörten wir schon das Geflügel im Hof panisch um sich schlagen: Federn wirbelten auf, wildes Kikeriki, Angst und Aufruhr. Eins steht fest. Ich hab niemals wieder so frisches und leckeres Hähnchenfleisch auf dem Teller gehabt wie in Lagos anno 1982. Das Fleisch flatterte noch unterm Gaumen.

Zwei kleine portugiesische Jungs, die in der Nähe lebten, hatten einen Narren an uns gefressen, nachdem wir eines Abends mit ihnen über den Zaun des benachbarten Stadions des FC Lagos geklettert waren und gekickt hatten, bis es dunkel wurde und man die Hand nicht mehr vor Augen sah. Fortan kamen sie jeden Abend ans Zelt gelaufen und zupften uns am Ärmel.

„Eh, du Futbol..!!?“

Und da sahen wir ihn. Käptn Red, der abgemagerte verlauste Rüde, wie er über den Stadt-Camping schlich. Er zog ein Hinterbein nach und sabberte unentwegt. Wir nannten ihn Käptn Red wegen der ständig geröteten Augen. Käptn Reds Anblick war eine Zumutung, ein Affront, eine Beleidigung für den bekifften mitteleuropäischen Geschmack, und weil die Töle das wusste, machte sie sich rar und so klein wie möglich, duckte sich an der niedrigen Außenmauer des Platzes entlang.

Man sah Käptn Red niemals im Rudel mit anderen Straßenkötern, Käptn Red war ein Einzelgänger, den wir von Tag zu Tag mehr hassten. Eigentlich hatte er uns ja nichts getan. Er war eine geplagte Kreatur, eine arme Socke, er konnte nichts für sein Aussehen, er war genau das, was ein christliches Herz höher schlagen ließ. Tja. Manchmal warfen wir mit flachen Steinen nach ihm und liessen ihn tanzen, wir spielten Wettflitschen mit dem Humpelhund, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte.

Natürlich hatten wir kein Interesse daran, ihn zu treffen. Aber wir wollten ihn nicht in unserer Nähe haben. Er versprühte diese oberkranke Aura. Er sollte sich davonmachen, der alte Hinkefuß.

Eusebio, der langhaarige arbeitslose Nachbar, fuhr ab und zu auf einem klapprigen Kahn zum Fischen raus, er angelte Chocos. Einmal lud er uns zum Essen ein. Die kleinen Fische wurden frittiert und mit Zwiebeln serviert. Karlos konnte nicht genug davon kriegen. Weil wir kein Portugiesisch sprachen und Eusebio kaum Englisch, blieb die Verständigung schwierig. Karlos leckte seine fischigen zehn Finger ab, um Eusebio zu verdeutlichen, wie gut es ihm schmeckte. Dazu rief er dauernd „GUSTO! GUSTO! LECKER!“

Eusebio nickte freundlich.

In der dritten Urlaubswoche gingen wir wieder zum Strand runter. Einmal wählten wir eine Abkürzung und fanden uns auf einem Privatgelände wieder, einer weitläufigen sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Karlos sah es als Erster.

“Was ist das da, was da angewatzt kommt?” murmelte er. “Ein Hund?” Er zeigte in die Ferne. “Oder was..?”

Am Horizont das blaue Meer, davor ein wetzendes Vieh. Es trampelte über den sandigen Boden, schwer wie ein Büffel, wütend kläffend. Es hielt schnurstracks auf uns zu. Ich sah mich um, es waren keine hundert Meter bis zum Zaun, ich machte mich auf die Socken. Ich rannte und rannte und drehte mich nicht einmal um, als ich den Zaun endlich erreichte. Ich sprang hoch, schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, sah ich Karlos, der die letzten Meter gehend zurücklegte – er konnte nicht mehr. Er schaffte es im letzten Moment, im wirklich allerletzten, sich hochzuziehen, bevor das Monster nach ihm schnappte.

Nach diesem Erlebnis blieben wir erst recht auf dem Stadt-Camping und klebten bekifft in unserem stickigen Zwei-Mann-Zelt, konnten uns kaum noch rühren. Der Rastafari verkaufte ein Bombengras, aber immer nur in kleinen Mengen, falls die Polizei ihn schnappen sollte. Dummerweise war der Rasta sehr unzuverlässig. Man wusste nie, um welche Uhrzeit er auftauchte, aber wir verließen ja eh kaum noch den Platz.

Nachdem die zwei kleinen einheimischen Jungs mitbekommen hatten, dass wir einen Lederball gekauft hatten, kamen sie schon morgens ans Zelt und versuchten uns über den Zaun des kleinen, aber feinen Fußballstadions zu lotsen.

EH, DU FUTBOL!

Am letzten Tag wunderten wir uns beim Abbauen des Zelts über diesen scharfen Ammoniakgestank. Der ganze Zeltstoff schien durchtränkt zu sein von Pisse. Es musste in der Nacht passiert sein. Irgendwer hatte uns besickt.

“Käptn Red, dahinten”, stieß Karlos mich an.

Der hässliche Drecksack humpelte der Mauer entlang und sah seltsam amüsiert aus. Als Karlos einen langen Hering aus der Erde zog und damit drohte, stürmte Käptn Red davon, sehr behende plötzlich, und schlüpfte aufjaulend durch ein Mauerloch. Es war das einzige Mal in den ganzen drei Wochen, dass wir einen Laut aus seiner Schnauze hörten, und es klang wie ein verdammt fieser Mittelfinger.

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8 Gedanken zu „Käptn Red, King of Lagos

  1. na gut
    eine saubere Sache
    4 Bier kaufen und eins leer vergessen

    so fängt das an
    der drögn schädelt nach tagen des fluchens
    kein test
    zaster

    nur ruhe
    fahr ich ich den botanischen Garten

    einfach demBauch nach..
    bloss nich doof rumsitzen ohne was zum lesen dabei
    kaum

    hihi..

  2. Stimmt, der Hund war nicht einfach. Aber ich hab mich trotzdem immer an den rangemacht, musste Knurren dafür zur Kenntnis nehmen. Mehr aber auch nicht. Mädchen halt. Und in der Küche stand ja auch immer ne Packung Frolic auf dem Schränkchen neben der Falltür 😉

  3. Dein Vater erzählte kürzlich noch davon, wie ihm diese (dezenten) Klopfzeichen an der Falltür die mühsam aufrecht gehaltene Schein-Vornehmheit des Hauses Glumm zerlegte, als seine belgische Flamme 1965 zu Besuch war..

    • Ach ja richtig, da wurde das ja auch noch in illustrativen Worten zum Ausdruck gebracht. Und es waren doch mehr als Klopfzeichen. Wurde nicht die Falltür dreimal hochgehoben und fallengelassen? Ähnlich eines feengleichen lieblichen Klingelns einer Triangel?

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