Fisch Müller

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Fisch Müller war das erste Haus am Platze und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine Fischbrötchen mit Mayo. Die Rezeptur für die Mayonnaise blieb über Jahre unverändert. Nicht nur konservativen Kräften diente der Fischladen als Beweis, dass es Dinge im Leben geben muss, die ohne Veränderung alt werden dürfen, ja, die unverändet bleiben müssen, um in vierter Generation zur Legende zu reifen.

Wer das vollverflieste, stets gut heruntergekühlte Geschäft in der Innenstadt betrat, musste sich auf eine lange Warteschlange gefasst machen. So blieb Zeit, um sich bei Pussygeruch für die Begegnung mit der Ersten Verkäuferin zu wappnen. Sich taktisch zu rüsten für den Moment, an dem man an der Reihe war und nicht das Glück hatte, vielleicht von einer anderen, in der Hierarchie nachrangigen Verkäuferin bedient zu werden.

Es war eine Mischung aus Furcht und Bewunderung, die der Ersten Verkäuferin entgegenschlug. Ein Weibsbild mit breiten autoritären Schultern, das eher in eine Londoner Bier-Klause des 18. Jahrhunderts gepasst hätte und stets körperbetonte enge Blusen trug, unter der ein massiver, nach Luft schnappender Zwei Brote-Busen vor Freude hin und herwog, sobald sich ein Kunde vor versammelter Mannschaft erdreistete, kein passendes Kleingeld parat zu haben. Dann gab es Saures von der Ersten, von einer Stimme getrieben, die sich scharf wie ein Buschmesser Silbe für Silbe und ohne Komma durchs feindliche Dickicht mähte.

„JA WIRD DAS NOCH MAL WAS MIT DEM KLEINGELD JUNGER MANN ODER MUSS ICH IHNEN ERST RÜBERKOMMEN UND ES MIR SELBST HOLEN..?!!“

Natürlich gab es Beschwerden, hinter vorgehaltener Hand. Da der Junior-Chef aber selbst Muffen vor der langjährigen Nummer 1 hatte, gab es von ihm nur vorsichtige Andeutungen, ihre, nun ja, leicht indiskrete Art könne den einen oder anderen Kunden eventuell überfordern..

„QUATSCH!“ bügelte sie ihn ab, „TOTALER STUSS!“

Und so führte der Versuch einer Maßregelung lediglich dazu, dass sie die Kundschaft fortan siezte, beim Anranzen, „DIE FINGER DA WEG, SIE KNALLTÜTE!“

Sensiblere Kundschaft traute sich erst in den Laden, wenn die Erste Dienstags ihren freien Tag hatte, da war die Bude gerammelt voll. Dass aber andererseits so viele Kunden die Demütigungen ohne Murren hinnahmen, lag hauptsächlich an den herrlichen Fischbrötchen mit hausgemachter Mayonnaise, die Fisch Müller seit Generationen an diesem Standort verkaufte und deren Qualität jegliche Kritik in dicker weißer Soße erstickte.

Zusätzlich angeheizt wurde der Kult durch die im Aussenbereich installierte Belüftungsmaschine, ein Kraftpaket, das den Geruch von frittiertem Backfisch durch die Innenstadt jagte, herbei, herbei, Hering und Brei, um auch dem letzten Passanten das Wasser im Mund absaufen zu lassen. Es war nicht so sehr die freche Klappe der ersten Verkäuferin, die manchen Leuten so viel Unbehagen bereitete, dass man ihr aus dem Weg ging, (im Bergischen Land ist man verschrobene Figuren gewohnt), es war mehr ihr autoritäres, an Wilhelm Buschs kleinbürgerliche Despoten erinnerndes Gebaren, mit der das burschikose Weib ihre kleinen Unverschämtheiten servierte, dieser standfeste Blick, der einen zusätzlich unter Druck setzte.

„WOHER ZUM HENKER SOLL ICH DENN WISSEN, OB IHNEN DAS SCHMECKT ODER NICHT!! BIN ICH VIELLEICHT FRAU NOSTRADAMUS!? UND WÄRE ICH FRAU NOSTRADAMUS, WÜRDE ICH MIR DANN HIER TAG FÜR TAG AN DER FISCHTHEKE DIE BEINE IN DEN BAUCH STEHEN?!“

Die Erste war ein Machtmensch, ein Machiavelli und das exakte Gegenteil einer modernen zuvorkommenden Fischfachverkäuferin. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, einen schönen Tag noch zu wünschen oder sich ölig zu bedanken für den Einkauf. Besonders jungen Frauen und Mädchen im Teenageralter gefiel diese Kompromisslosigkeit. „So müsste die Welt sein, so gnadenlos ehrlich!“ hörte ich einmal, wie sich zwei Fans der ersten Stunde miteinander austauschten. Sie war eine ganzjährige Jahrmarkts-Attraktion, eine, die man unbedingt mitkriegen musste, schliesslich war es jederzeit möglich, dass in der Schlange vor einem ein Kunde in die Pfanne gehauen wurde – und dann war man dabei gewesen und hatte was zu erzählen.

„WIRD DAS HEUT NOCH WAS? DAS MUSST DU DIR SCHON VORHER ÜBERLEGEN, OB ES MAKRELE ODER BARSCH SEIN SOLL, BÜRSCHCHEN! ALSO, HINTEN ANSTELLEN UND NOCHMAL VON VORN DAS GANZE! LOS, DER NÄCHSTE!“

Sympathisch war, dass sie ohne Ausnahme jeden Kunden für einen Volltrottel zu halten schien, der ihr vor die Theke kam, und dabei vor nichts und niemanden halt machte. Selbst Frau Bürgermeisterin bekam ihr Fett weg.

„HE, SIE DA MIT DER KRONE! HABEN SIE DEN SCHNEEMATSCH MIT REINGEBRACHT?? WAREN SIE DAS?! NICHT? NEIN!?? NA SCHÖN. SOLANGE SICH DER VERURSACHER NICHT FREIWILLIG MELDET, VERLÄSST HIER KEIN BRÖTCHEN MEHR DEN LADEN. MIT MIR NICHT, FREUNDE, MIT MIR NICHT!“ höhnte sie.

Dem Löwenmann, dem über die Jahre die feschesten Dreadlocks abseits der Rheinschiene wuchsen, bis ihm das Haar kaputt ging und er zum Frisör musste, (wobei der Kampfname Löwenmann unangetastet blieb, ein Kampfname stirbt nicht aus, nur weil jemand beim Frisör war), dem Löwenmann also bot die Erste Verkäuferin in typisch indiskreter Manier an, den Räucher-Aal in eine Lage extra dünnes Packpapier einzuwickeln, „DA KÖNNT IHR FREAKS EUCH NACH DEM ESSEN NOCH EINEN SCHÖNEN SPLIFF ROLLEN!“

blödsinn

Es gab nur eine Möglichkeit, mit heiler Haut davonzukommen: Man durfte einfach nichts falsch machen, wenn man an der Reihe war. Aber selbst das bot keine Garantie, nicht abgewatscht zu werden. Der kleine Wiegand etwa hat mal nur ein winziges Sekündchen zu lange gezögert, bevor er die Bestellung aufgab, schon wars vorbei mit dem herrlichen Leben.

„GLAUBEN SIE ETWA, ICH HAB DEN GANZEN TAG ZEIT, KLEINER MANN? ICH STEH HIER ZUM VERGNÜGEN RUM? NEE, MEIN FREUND, ICH KÖNNT MIR AUCH WAS SCHÖNERES VORSTELLEN, ALS BACKFISCH ZU VERHÖKERN! HE, DIE LADENTÜR ZU! HIER ZIEHT’S JA WIE HECHTSUPPE!“

Oja, sie war eine Göttin.

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2 Gedanken zu „Fisch Müller

  1. Lach, super Porträt! Sowas wie Fisch Müller gab’s in Hamburg auch mal, Fisch Schlüter in Eimsbüttel, aber die hatten höflichere Gepflogenheiten im Laden, und ganz Hamburg stand in der Schlange, weil die Ware unschlagbar frisch und gut war.

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