Babelbeine

san.babelbeine.gross


Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er wirklich ein steifes Bein hat. Dass er ein behinderter Knirps ist, der Mitgefühl verdient.

Mein Mitgefühl.

„Ach wo, der hat kein steifes Bein“, meinte die Gräfin dagegen nur, mit sicherem Blick. „Der spielt nur Humpelbaron.“

„Humpelbaron? Was ist das denn für ein Spiel?“

„Na, das, was er gerade spielt. Rumhumpeln und so tun, als wär man schwer verletzt. Hast du das als Kind nie gespielt?“

„Nee, glaub nich.“

„Dann hast du’s vergessen. Jedes Kind spielt Humpelbaron.“

„Nee, der spielt doch nicht.. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Das tut dem doch weh, das Gehen. Der ist mit steifem Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch.“

„Weisst du, was ich seh? Ich seh ein Kind, das für sich alleine spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie alleine sind. Die tun nur niedlich, wenn Erwachsene in der Nähe und zwei Euro für ein Eis drin sind. Wenn Kinder allein sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein, Humpelbaron, abgestochene Sau. Ich hab so was oft gespielt, als ich klein war. Am liebsten hab ich so getan, als hätte ich den Arm bandagiert und in einer Schlinge. Gleichzeitig war ich Krankenschwester. Bei mir lief alles durcheinander. Ich war nicht nur eine verkrachte Existenz, ich war gleich ein ganzer Haufen verkrachter Existenzen in einer Person.“

Das klang plausibel, trotzdem wollte ich nichts davon hören. Ich stand im Bann des kleinen Lausejungen vom Zelt gegenüber, ich war blind für die Perspektive der Gräfin. Es war speziell dieses eine Bild, das sich mir eingeprägt hatte. Wie der Pico aus dem Vorzelt kommt und im schnürenden Regen Richtung Familienauto hinkt, das neben dem Caravan parkt, auf der durchgeweichten tiefen Wiese. Es stellt sich heraus, dass der Wagen abgeschlossen ist, also muss der Stöpsel über die schlammige Wiese zurück ins Vorzelt, um den Autoschlüssel zu holen. Und die ganze Zeit hat der arme Kerl Probleme, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufliegen. Er hinkt wie Long John Silver. Er taumelt. Fast möchte man aufstehen, um Hilfestellung zu leisten.

Kurz zuvor hatte ein Wolkenbruch die Camper in die Wohnmobile, Lord Münsterland-Caravans und in die Familienzelte vertrieben, ich war weit und breit der Einzige, der draussen unterm Regenschirm sitzen geblieben war. Der belgische Knirps sah mich nicht. Ich war Luft für ihn, er blickte nicht nach links und nicht nach rechts, er war vertieft in sein 10jähriges Dasein – warum also sollte er so tun, als habe er ein lahmes Bein, wenn er sich doch kein einziges Mal versicherte, ob ihm jemand dabei zuschaute.

„Das macht doch keinen Sinn“, sagte ich.

Der Junge trägt ein Trikot von Chelsea London. Er singt die Sommerhits der Saison. Zehn Jahre ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man auf ein langes Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist selbst 54 noch ein großartiges Alter, jedenfalls wenn man gerade 84 wird und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.

„Krampfadern heisst das“, sagt sie.

„Ich meine aber Kampfadern!“

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen Vollgas geben auf dem Fahrrad, er stürmt über den nassen Campingplatz. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr vorn am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit im eigenen Kopf ausrufen kann, een Minüt seven, während das Regenwasser aufspritzt wie Gejubel.

Neben seiner Tätigkeit als Radrennfahrer ist er gleichzeitig Kommentator des flämischen Sportkanals. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal und nie wieder: Humpelbaron, Sommerhitsänger, Tour de France-Punktbester. Er schmeißt das Rad auf die Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich einen Schluck aus der schnellen Pulle zu genehmigen. Auf zwei höchst intakten riesig-großen Babelbeinen. Humpelbaron? Dass ich nicht lache.

“Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur Hinkefuß gespielt”, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.

“Wer?”

“Na, der Bursche von drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein. Der hat mich veräppelt.”

“Sag ich doch.”

Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich meine, okay, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgefahrene Kröte, kann passieren. Sicher. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..

Erst jetzt fällt mir sein bulliger Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen bestellt ist, wenn sie allein für sich sind und spielen, sie würden ihre eigene Brut nicht wiedererkennen. Der Homo Sapiens hat erneut eine tiefe Kerbe in mein Gemüt geschlagen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.

Drecksack.

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5 Gedanken zu „Babelbeine

  1. Und die Moral: Traue niemandem, der Augenschein trügt immer, Kinder sind Monster, Gräfinnen sehr weise und ausgefuchst, Literaten dagegen leichtgläubig, aber lernfähig, mit der Zeit.
    PS Über eine belgische Kindheit in den 80er Jahren gibt es ein rattenscharfes Buch, mit einem Sound, den man so schnell (auch in der Übersetzung) nicht vergisst:
    Dimitri Verhulst, Die Beschissenheit der Dinge.

  2. ein Bein
    zur schleife gebracht allein
    totes bein
    die Spur im Sand
    wo kommt das her
    die eine is meine die andre deine
    Schleifspur
    ich fand das auch mal nachamendswert
    nur warum
    ich weiss nicht warum ich mein rechtes Bein hintermirherzog
    die Mädchen kannten da schon verzwicktere Spiele
    Gummitwist oder so ähnlich…

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